Zur Ausgabe
Artikel 29 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHWIERIGKEITEN BEIM AUFRECHTGEHEN

aus DER SPIEGEL 8/1968

Rudi Dutschke kommt ohne Pullover.

Nicht im quergestreiften Zebra, nein, in einer braunen Wildlederjacke erscheint er in Bad Boll. Das ist Verrat, doppelter Verrat gar: denn wenn schon ohne Pullover und in Leder, dann doch nicht Leder vom Wild -- und bitte schwarzes Leder. Um eine schwarze Lederjacke wenigstens muß man ihn ersuchen. Das Winterpalais kann nicht ohne rote Fahne gestürmt werden. Was tragen schließlich die Kommissare der Weltrevolution seit Jahrzehnten im Film.

Immerhin: Rudi Dutschkes Hemd ist violett. Ganz hat er also nicht vergessen, was wir von ihm erwarten dürfen -- nach allem, was vorgefallen ist. Und dann ist ihm ja auch noch eine neue, köstliche Nuance eingefallen: Um zehn Uhr soll die Diskussion in der Evangelischen Akademie beginnen -- doch Rudi Dutschke hat die erste Maschine von Berlin nach Stuttgart verpaßt.

Gegen elf Uhr 45 erscheint er denn endlich, Beifall und Scharren: »Es ist eine zutiefst menschliche Sache. Ich habe ganz einfach verschlafen.« Entsetzen unter den Rezensenten: Er wird doch nicht einfach verschlafen haben? Rudi Dutschke beeilt sich, in das Kuchenformchen zu springen, aus dem die Öffentlichkeit täglich den gewohnten Rudi zu erhalten gewöhnt ist, den, der nicht einmal hustet ohne Politik: »Das ist eine nicht ungewöhnliche Sache insofern, als wir durch die Entscheidung des West-Berliner Senats in den letzten Tagen nicht mehr zum Schlafen kommen.«

Aufatmen, Gelächter: Wir haben unseren Rudi Dutschke wieder. Doch nimmt dieser Diskussionsvormittag, der abschließende Höhepunkt einer Akademietagung, die mit deutschem Sinn für Revolutionäres »Novus ordo saeculorum oder Das Problem der Revolution in Deutschland« überschrieben war, denn doch einen erschreckenden Verlauf. Nur einmal noch hatten wir zu Beginn unseren Dutschke. Danach -- doch der Reihe nach.

Überfüllt war der große Saal der Evangelischen Akademie zu Bad Boll, der Vorraum dazu, und die Zahl der Anmeldungen, die abgewiesen werden mußten, übertraf beinahe noch die derer, die dabeisein durften. Der unruhige alte Mann sollte auf den unruhigen jungen Mann treffen, Ernst Bloch, 82, dem Rudi Dutschke, 27, begegnen, der Philosoph, der sich nie in den Bereich des Ästhetischen abschieben ließ, den Doktoranden prüfen, der ein »Fachidiot des Protestes« genannt worden ist, sich selbst aber eher als »Berufsrevolutionär« versteht.

Die Veranstaltung fand im Flauteschatten einer »aktuellen Stunde« des Bundestages über die Jugendunruhen an den Universitäten und in den Städten statt, während der aus dem Mund des Herrn Bundeskanzlers zu erfahren war, daß wir auch in einem Rechtsstaat leben, in welchem niemand erlaubt ist, seine Meinung durch Gewalttätigkeit unter Verletzung von Gesetz und Recht auszudrücken. Ein bedeutsames Wort, offenbart es doch die Eigenart des Rechtsstaats, den -- angenehm stummen -- Ausdruck von Meinungslosigkeit, Desinteresse, Faulheit und Mangel an Verantwortungsgefühl straffret zu halten.

Man befand sich in Bad Boll sozusagen in der Bannmeile dieses denkwürdigen Wortes, in Baden-Württemberg nämlich, dem Land, in dessen Auen Herr Kurt einstmals am Vogelherd saß, als er den guten Fang tat, der es ihm nun gestattet, sich vor den Rechtsstaat zu stellen. In dieser Bannmeile hatte denn auch die Polizei des nahe gelegenen Göppingen der Akademie eine -- in einer Bad Boller Turnhalle zu verbergende -- Bereitschaftstruppe offeriert, auf nichts als den Namen Dutschke hin. Die Akademie hatte das Angebot dankend abgelehnt und sich auch eigene Initiative der Ordnungshüter verbeten, denn noch fürchten Evangelische Akademien allenfalls den Beelzebub, nicht aber Rudi Dutschke.

Wie ironisch hätte auch eine hinter Vater Jahns Barren verborgene Eingreifreserve mit Schlagstock zu dem kühlen Satz Ernst Blochs gepaßt, welcher der Tagung vorangestellt worden war: »Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen; so schwer ist der aufrechte Gang.« Um Schwierigkeiten beim Aufrechtgehen konnte sich das Gespräch denn also ohne Bodyguard fürs Christliche bemühen. Ernst Bloch, den man in der DDR als »Verderber der Jugend« verketzert hat, machte es Rudi Dutschke nicht leicht.

»Man kann nicht unzufrieden sein, wenn man nicht ein Maß hat, an dem man das mißt, was einem zugemutet wird, wonach man es als unzureichend betrachtet.« Der Professor, der nun in Tübingen lebt, der einmal wie Rudi Dutschke Bürger der DDR war, hat Verständnis für »die Unklarheiten, in der sich die Jugendbewegung, die echte Jugendbewegung von heute befindet«, er sieht sie für »teils erklärt, entschuldigt« an, drängt aber auch zu der »ungeheueren Aufgabe«, diese Unklarheiten »mit allen Mitteln, mit militantem Optimismus« zu bereinigen.

Man hat Rudi Dutschke selten so aufmerksam gesehen wie in Bad 8011, so bemüht gesehen zu antworten. Ernst Bloch, der »verehrte Professor Bloch«, ist für ihn eine Instanz, der er sich stellen möchte. Ernst Bloch seinerseits lauscht intensiv, wenn Rudi Dutschke spricht, nicht mit der Herablassung des weltberühmten Älteren, der sein Ohr leiht, sondern gespannt, erwartungsvoll: Er wartet nicht erst seit gestern auf Echo.

Der Kopf des Philosophen, in seiner Entschiedenheit und mit dem wie vom Formulieren geformten strengen Mund, aus dem die Worte gelegentlich fast verächtlich und immer herausfordernd -- besser: auffordernd fallen, gleicht ein wenig dem eines Wasserspeiers an einer mittelalterlichen Kirche. Und sein Gesicht paßt wie das Rudi Dutschkes, über dem die langen, nach rechts gekämmten schwarzen Haare einen groben Protest versprechen, den die asketischen Züge nicht bestätigen, in die Landschaft der Bauernkriege, in einen Geschichtsabschnitt, in dem mit dem Wort Ernst gemacht werden sollte. Der alte und der junge Mann sind denn auch fasziniert voneinander.

Es sind bedeutende Männer, die neben Bloch und Dutschke an der Diskussion teilnehmen. Auch sie fragen Rudi Dutschke. Doch was wollen sie: Der Politologe Professor Flechtheim will von Dutschke ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit, unter die Flechtheim sein Leben tapfer gestellt hat. Der Theologe Professor Marsch möchte von Dutschke ein Wort für die Toleranz, die für Marsch eine Bedingung des Zusammenlebens ist. Der Jurist Professor Maihofer ruft Dutschke dazu auf, die Opposition der Jugend in die Ordnung zu führen, welche die Demokratie der Auseinandersetzung vorschreibt. Und der Akademiedirektor Pfarrer Eberhard Müller schließlich möchte den christlichen Verbund bestätigt sehen, in dem sich doch alles einen könnte.

Rudi Dutschke antwortet jedem, doch genaugenommen ist allein Ernst Bloch sein Gesprächspartner. Ernst Bloch will von Rudi Dutschke nichts über taktische Finessen wissen: Er möchte wissen, ob dieser junge Mann einer ist, der nicht sich selbst und die anderen betrügt. Der also geforderte Rudi Dutschke sagt dem System des Ostens ab, erklärt sich gegen die Gewalt, definiert die Toleranz, die ihm möglich scheint, und bekennt sich zu den Fehlern, die eine allzu jäh aufgebrochene Bewegung machte. Das Stenogramm gibt die Intensität nicht wieder, kaum die Überzeugungskraft, mit der er sich stellt, und schon gar nicht die Klarheit, die seine Worte für den Ohrenzeugen hatten, der nicht -- wie der Leser -- von Wiederholungen und Wortverstellungen irritiert wird.

»Wir haben Warmes, nicht im mindesten Sektiererisches, Breites in tiefer Toleranz gehört, das ein neuer Ton ist auch In der revolutionären Bewegung, wie mir scheint. Also wenigstens ich persönlich, mehrere werden wohl zustimmen, möchte meinen Dank sagen für diese neue Etappe von Aufklärung, die da durchgekommen ist« Der alte unruhige Mann erteilte am Ende dem unruhigen jungen Mann den revolutionären Segen. Doch befiel den Beobachter zuletzt dennoch Schrecken: Rudi Dutschke, um Ernst Bloch werbend und ihn gewinnend, trug Gedanken und Vorstellungen vor, denen vorzuwerfen ist -- ihre Differenzierung, Wer kann dem folgen? Wer hat das Ohr wie Ernst Bloch, den neuen Ton zu hören? Da ist eine Kluft zwischen dem Zuschnitt Rudi Dutschkes -- und dem derer, die ihm zu folgen meinen. Ein billig interpretierter Dutschke, ein Dutschke, der ja auch gelegentlich einer geringeren Stunde als dieser dem Mißverständnis in die Hände spielt, kann eine entsetzliche Waffe werden. Ernst Bloch in Bad Boll ("Das Schlußwort möchte ich nun nicht sprechen. Denn die Sache hat keinen Schluß") dankte am Ende Rudi Dutschke auch »für die Zerstörung eines Klischees, das sich zum Teil gebildet hat bei interessierten Kreisen, die also einen Butzemann hinstellen müssen mit dem Messer zwischen den Zähnen ...« In der Tat -- nur bedurfte es einer Stunde wie der von Bad Boll zum Auflösen dieses schmutzigen Nebels, eines Fragers und Zuhörers vom Range Ernst Blochs. Nicht Unbedarftheit des Gewissens oder intellektuelle Armut Rudi Dutschkes bedrohen die studentische Bewegung -- im Gegenteil: Die Gewalt, die dem Unverständnis entspringt, könnte Rudi Dutschkes Gefolgsmann werden.

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 93
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.