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TERROR Schwimmende Bombe

Wollten Islamisten ein Tankschiff als Waffe benutzen? Fahnder nehmen türkischstämmige Muslime ins Visier.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Ohne »99 Luftballons« und »Nur geträumt« ist das Publikum bei Auftritten der Pop-Sängerin Nena nicht zufrieden. Artig trällert die Hamburgerin ihre alten Hits bei fast jedem Konzert. Dann glänzen die Gesichter vieler Fans im Schein der Feuerzeuge, Tausende singen versonnen mit - so wie am letzten Sonnabend im August, als Nena vor 3500 Fans im Gelsenkirchener Amphitheater rockte, direkt am Ufer des Rhein-Herne-Kanals.

»Lass uns leben«, rief sie ins Mikrofon, und ihre Getreuen jubelten begeistert. Einigermaßen erleichtert erlebten auch schwerbewaffnete Polizisten das Ende des Konzerts. Das Großaufgebot hatte den Auftritt der Sängerin gesichert, nachdem am Morgen acht mutmaßliche Terroristen festgesetzt worden waren.

Ein Horrorszenario hatte die Fahnder zum Zugriff veranlasst. Sie fürchteten, die Männer könnten an einem nahe gelegenen Großlager ein mit Treibstoff beladenes Tankschiff kapern und es vor dem Konzertgelände in die Luft jagen. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren übernommen. Das Bundeskriminalamt ermittelt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.

Für die Sicherheitsexperten schien an diesem Tag ein doppelter Alptraum Wirklichkeit werden zu können. Allein die Vorstellung, Terroristen könnten ein Tankschiff als schwimmende Bombe nutzen, lässt sie schaudern. Vor allem aber sind die meisten Verdächtigen Deutsche türkischer Abstammung - Türken waren bislang als islamische Terroristen kaum im Visier der Behörden. Sie galten hierzulande als wenig anfällig für religiöse Wahnideen.

An jenem Sonnabendmorgen aber hatten Spezialeinheiten der Polizei Wohnungen in Essen, Gelsenkirchen, Duisburg und Gladbeck gestürmt und die acht Männer überwältigt, weil es »vertrauenswürdige Hinweise« auf eine »schwerwiegende Straftat« gegeben habe, versicherte die Polizei. NRW-Innenminister Ingo Wolf lobte seine Beamten: »Durch die schnellen und konsequenten Maßnahmen konnte eine Anschlagsgefahr abgewendet werden.«

Allerdings ist die Verdachtslage extrem dünn, womöglich weil die Beamten aus Sicherheitsgründen früh zugriffen. Eine Nacht nur blieben die Männer im Gewahrsam der Polizei, dann mussten sie wieder entlassen werden. Es fehlten Beweise.

Einige der acht Männer gehören nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden immerhin einer Gruppe an, die »verbal sehr radikal« aufgetreten sei und Beziehungen zu Islamisten aus dem arabischen Raum habe.

Als besonders verdächtig galt ein Mann aus Gelsenkirchen. Er wurde observiert, als er sich mit anderen Männern am Tag vor dem Nena-Konzert auf einer Kanalbrücke traf. Von dort, bemerkten die Fahnder, habe man einen Blick auf das Tanklager sowie das Amphitheater. Ein Trampelpfad führe von der Brücke zu den Schiffen. Diese Lage brachte die Ermittler auf die etwas phantastisch anmutende Idee, ausgerechnet Nena-Fans könnten stellvertretend für den verruchten Westen als Anschlagsziel ausgesucht worden sein.

Alarmiert waren die Fahnder, als sie wenig später eine SMS eines Verdächtigen abfingen: Man sei an der Brücke. Es fehle aber eine Leiter, und deshalb könne man nicht auf das ausgeguckte Schiff klettern.

Das kam den Geheimdienstlern dann doch beängstigend konkret vor. Das Bedrohungsszenario schien auch der Polizei so erschreckend, dass sie sich zum Präventivschlag entschied.

Seitdem sind die Behörden irritiert. Dass sich unter den 2,6 Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland ein islamistisches Potential gebildet haben könnte, »bereitet mir größte Sorgen«, sagt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutzleiter Hartwig Möller. ANDREAS ULRICH

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