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SCHWEIZ / NATURÄRZTE Schwini geheilt

aus DER SPIEGEL 19/1965

Mit Seitengewehren und Säbeln, wie die Tradition es befiehlt, versammelten sich am letzten Aprilsonntag 8500 Männer am Hauptplatz des Ostschweizer Dorfes Hundwil zu einer Übung in direkter Demokratie: Es ging um Pediküre, Aderlaß, Schröpfen und Einlauf.

Auf diese Tätigkeit schränkten die Säbel-Männer - Stimmberechtigte des Kantons Appenzell Außerrhoden - durch Volksabstimmung den Wirkungsbereich einer Berufsgruppe ein, die seit 94 Jahren profitablen Pfusch betrieben hatte: die sogenannten Naturärzte.

Am 30. April 1871 hatten die freiheitsliebenden Appenzeller dem »Gesetz über die Freigebung der ärztlichen Praxis« zugestimmt. Jeder, der wollte, konnte sich als Arzt betätigen. Die Telepathen, Magnetopathen und Augenbeschauer schossen üppig ins Unkraut. Heute gibt es rund 200.

Dem kranken Menschen verhießen sie Heilung von Arterienverkalkung und Zuckerkrankheit durch Pülverchen, von Eheunlust durch Telephongespräche, durch Säfte Rettung für die kranke Kreatur.

Der vielbegehrte Augenbeschauer Jean Bodenmann aus Waldstatt etwa publiziert Dankschreiben, die von der Bestätigung, »daß Sie mich von Muskelschwund (sogenannte 'Schwini') geheilt haben«, bis zum Merci für »Ihre Hilfe bei meiner Kuh 'Bella'« reichen.

Das florierende Geschäft mit Schlankheitsmitteln, durch ein rückständiges Medikamenten-Gesetz begünstigt, wurde den Pillendrehern zum Verhängnis.

Kantons-Sanitätsdirektor Dr. Urs Bürgi fand heraus, daß sieben der auch nach Deutschland verschickten Mittel rezeptpflichtige Weckamine enthalten: Lotos-Tropfen, Glöggli-Tropfen, Per -Fit, Schlankheitskur Bischof, Schlankheitskur Bodmer, Stark's Schlankheitskur und Reduzin-Tropfen.

Zwei Abmagerungskuren von Schweizer Naturärzte-Kunden endeten vergangenes Jahr fatal: Die Pillenschlucker mußten nach allzu schneller Kur in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden.

Die Kantonsbehörden beschlossen, die Pfuscher-Konjunktur durch ein neues Gesetz, das auch die Rezeptpflicht enger faßt, zu dämpfen.

Die Doktoren von eigenen Gnaden kämpften, mit Flugblättern und Reden monatelang dagegen an: vergebens. 90 Prozent der Wähler von Hundwil hoben die Hand für das neue Gesetz.

Volksabstimmung in Hundwil: Gesetz gegen Glöggli-Tropfen und Augenbeschauer

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