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SCHWUPPDIWUPP ZUR ZUKUNFT

aus DER SPIEGEL 4/1966

Helmut Schmidt 47, bis vor kurzem Innensenator in Hamburg, ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD Im Bundestag und Wehrexperte seiner Partei. Er veröffentlichte 1961 ein Buch über »Verteidigung und Vergeltung«. - Wilhelm Fucks, 63, dessen »Formeln zur Macht« kürzlich von Franz-Josef Strauß im Bundestag zitiert wurden (SPIEGEL 50/1965) und jetzt auf der Bestseller-Liste des SPIEGEL stehen, Ist Physikprofessor an der TH Aachen und Direktor des Instituts für Plasmaphysik beim Kernforschungszentrum in Jülich.

Ein Außenseiter der gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen legt eine phantastische Prognose der Machtentfaltung einiger wichtiger Staaten und ihrer Volkswirtschaften vor. Die Prognosen des bedeutendsten gesellschaftswissenschaftlichen Propheten des Industriezeitalters, Karl Marx nämlich, waren auch phantastisch - im Vergleich zu Fucks beruhten sie allerdings auf hochdifferenzierten volkswirtschaftlichen und soziologischen Denkansätzen. Trotzdem trafen Marxens Prognosen nur zum kleinen Teil und auch nur vorübergehend ein. Gleichwohl war es nützlich, Marx zu lesen - es ist auch nützlich, Fucks zu lesen.

Fucksens Formel ist unglaublich einfach: Man multipliziere die Kubikwurzel der Bevölkerungszahl eines Staates mit seiner Stahl- und Energieproduktion und, schwuppdiwupp, man hat die Machtzahl jedes Staates ausgerechnet. Jetzt nehme man die Machtzahl der USA als Maßstab, setze sie gleich tausend und, schwuppdiwupp, nun weiß man auf 1/10 Promille genau, wie mächtig jeder andere Staat ist.

Warum nun gerade die Kubikwurzel - warum nicht zum Beispiel die Quadratwurzel? Einfach deshalb, weil die Formel im ersten Fall »im Vergleich mit der Erfahrung passende Zahlenwerte« liefert, während im zweiten Fall dagegen »die Macht Chinas für 1960 immer noch etwas größer herauskommt als die der Sowjet -Union, was nicht vertretbar erscheint« (Hervorhebung vom Rezensenten). Die Formel ist also das Ergebnis von Fucksens höchstpersönlicher Einschätzung der gegenwärtigen Machtrelation einiger wichtiger Staaten. Warum gerade die Stahl- und Energieproduktion? Weil sie nach Fucksens Meinung auch Intelligenz, Ausbildungsstand und technisches Wissen eines Volkes zum Ausdruck bringen.

Wenn man aber wissen will, wie groß die Macht eines Staates 1980 sein wird oder gar im Jahre 2040 - sehr einfach, dann muß man eben die Kubikwurzel der Bevölkerungszahlen und die Stahl- und Energieproduktionen der Jahre 1980 oder 2040 zugrunde legen.

Da es ja aber nicht für alle Staaten bevölkerungswissenschaftlich gut fundierte Schätzungen ihrer zukünftigen Populationen gibt, woher nimmt man die zukünftigen Bevölkerungszahlen? Man ermittelt einfach die bisherigen Bevölkerungsentwicklungen der Industrialisierungsphase in Europa und in den USA und erklärt sie zum typischen Verlauf für alle übrigen Staaten der Welt. Wenn aber die so gewonnene Kurve zum Beispiel für Frankreich nicht zutrifft, so sagt man einfach, Frankreich zeige eben einen atypischen Verlauf. Woher weiß man nun, daß China oder Indien einen »typischen«, das heißt europäischen Verlauf nehmen werden? Ganz einfach: Man unterstellt es kühn.

Spielt aber denn nicht die Frage nach der Möglichkeit der Ernährung für die 1700 Millionen Chinesen, die Fucks für das Jahr 2000 ausgerechnet hat, oder für seine 2700 Millionen Chinesen des Jahres 2040 in Wahrheit die entscheidende Rolle? Fucks sagt: Nein, denn man könne in China auch 275 Menschen pro Quadratkilometer (statt heute 75) ernähren, schließlich ernähre Nordrhein-Westfalen schon heute 480 Menschen pro Quadratkilometer. Weiß Fucks nicht, daß man die Wüsten Sinkiangs oder der Inneren Mongolei, daß man Tibet nicht mit Nordrhein-Westfalen vergleichen kann? Daß die Chinesen zusammengedrängt in den östlichen Ebenen und im Becken von Szetschuan wohnen? Er weiß es - aber er läßt es beiseite.

Woher weiß man aber, wieviel Stahl und wieviel Energie China im Jahre 1980 produzieren wird? Man unterstellt einfach, daß die Chinesen nach einer Generation die gleiche Stahlmenge pro Kopf erzielen werden wie die Sowjet-Union schon heute; dann multipliziert man die Pro-Kopf-Produktion mit der vorausgesagten Gesamtzahl der Bevölkerung, und schon hat man die gesamte künftige Stahlproduktion Chinas (und merkt noch nicht mal, daß durch diese Methode die Population zweimal in die Machtformel eingeht!).

Schließlich unterstellt Fucks noch, daß in einem industrialisierten Staat bei etwa 500 Kilogramm pro Kopf ein »Sättigungswert« der Stahlproduktion erreicht sein wird, über den hinaus weitere Steigerungen nicht mehr aufregend sein können. Mit Hilfe dieses »Sättigungswertes« werden auch die voraussichtlichen Stahlproduktionen für USA, Sowjet-Union, Deutschland und andere Staaten errechnet. Und hier die Ergebnisse: Schon in dreizehn Jahren wird die Stahlproduktion Chinas diejenige der Sowjet-Union übertreffen, schon in siebzehn Jahren wird sie doppelt so groß sein wie diejenige der USA! In weniger als einer einzigen Generation wird die Stahlerzeugung Chinas so groß sein wie diejenige von USA, Sowjet-Union und Westeuropa zusammen. Ähnlich sehen die Prognosen für die Energieerzeugung aus. Vielleicht sollten wir doch alle rechtzeitig Chinesisch lernen!

Des Autors Formel zur Macht hat mit Wissenschaft wenig zu tun. Sie enthält eine willkürliche Überbetonung der Bevölkerungszahl, zwei willkürlich herausgegriffene Maßstäbe für volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sie unterstellt einige unbewiesene Annahmen - sie ignoriert aber Volkscharakter, religiöse oder weltanschauliche Grundhaltungen, Bildungsstand und allgemeine Technologie, politisches System. Qualität der Machteliten und so fort. Geschichte, Nationalökonomie, Soziologie, Geographie, politische Wissenschaft: All dies erscheint Fucks entbehrlich.

Ideen gelten nichts? Politische Führung gilt nichts? Deutschlands Macht wäre in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit oder ohne die feinnervigempfindliche Führungskunst Bismarcks gleich groß gewesen? Und auch ohne sechs Jahre Hitler und sein terroristisches Herrschaftssystem hätte Deutschland bei Kriegsausbruch 1939 die gleiche Macht besessen? Und ein Land, das, wie zum Beispiel die Schweiz oder die Türkei, gar keinen Stahl produziert, hätte heute fast gar keine Macht? Und Rumänien hätte wegen seiner Stahlproduktion siebenmal soviel Macht wie die benachbarte Türkei, die Bundesrepublik doppelt soviel Macht wie Frankreich (Fucks, Seite 129)?

Gunst oder Ungunst der geopolitischen Situation wäre belanglos? Auf das Vorhandensein von Flotten zur See und zur Luft, von Raketen und A-Bomben käme es nicht an? In einiger Zeit hätten doch alle die A-, B- und C-Waffen? Es sei gleichgültig, ob ein Staat mit Hilfe ihm höriger politischer Parteien oder Partisanen die Fähigkeit entwikkelte, im Innern anderer Staaten den Umsturz herbeizuführen? Die Struktur eines Staates und seiner Gesellschaft sei belanglos?

Fucks stellt Malthus auf den Kopf und kombiniert ihn mit plattem ökonomischen Materialismus, um das politische Schicksal der Menschheit zu weissagen. Der Geburtenüberschuß regiert die Geschichte. Primitiver geht es kaum - trotz aller Kompliziertheit der angewandten Extrapolations- und Analogierechnungen.

Die Machtformel ergibt allerdings erschreckende Prognosen: Schon im Jahre 1970 schneidet die chinesische Machtkurve diejenige der Sowjet-Union, vier Jahre später diejenige der USA. Es folgt Fucksens politische Interpretation: »Nach allen klassischen Regeln kann also die Sowjet-Union kaum viel länger als fünf Jahre von heute ab gerechnet in der Situation der heutigen Bündnisse bleiben.« Und: »Wir finden, daß etwa von 1975 ab auch die USA nicht mehr unverbunden bleiben können. Wenn wir die Macht der europäischen Verbündeten der USA für unsere Rechnung durch die Summe der Macht der WEU-Staaten repräsentieren, so verschiebt sich dieser Zeitpunkt In das Jahr 1980. Es ergibt sich also die Situation, daß zehn Jahre lang die Sowjet-Union, falls sie sich nicht praktisch China unterordnen will, andere Anlehnung suchen muß, die USA und ihre Verbündeten dagegen erst zehn Jahre später.«

Über die »Gelbe Gefahr« haben uns schon viele aufgeklärt - Wilhelm II., Starlinger, Adenauer, McNamara. Sie hatten nur tendenziell recht. Auch Fucks

- hat tendenziell recht, nicht aber quantitätiv und nicht zeitlich. Frappierend bleibt seine weitgehende Vernachlässigung Indiens, aber auch Japans; die Rechenergebnisse für diese beiden Länder hätten wahrscheinlich das Bild der überwältigenden chinesischen Gefahr empfindlich verkleinert. Die der chinesischen Berechnung zugrunde gelegten Daten über Chinas Bevölkerung, Bevölkerungszuwachs und Stahlproduktion sind überdies zu hoch angesetzt.

Fucks sollte mehr Fachliteratur über China lesen. »Man kann als sicher voraussagen, daß Chinas Population noch für viele Jahrzehnte ein Rätsel und ein Gegenstand für akademische Ratespiele sein wird«, so schreibt zum Beispiel ein statistischer China-Spezialist (Leo A. Orleans, in: »The China Quarterly"). Trotzdem sollten wir Fucks lesen; viele am Rande eingestreute Erkenntnisse sind anregend, so wenn zum Beispiel angesichts Ihrer damals quantifizierbaren Potentiale die Irrationalität des japanischen Kriegseintritts gegen die USA dargetan wird. Auch das mit dem eigentlichen Thema des Buches kaum im Zusammenhang stehende Schlußkapitel über die Frage nach einer Menschheit ohne Krieg provoziert zu eigenem Nachdenken.

Die ganze Schrift sollte überhaupt als Provokation angesehen werden - nicht aber als ein futurologisches Nachschlagebuch. Auf keinen Fall darf sich der Leser von der gekonnten Didaktik Fucksens verführen lassen zu glauben, spätestens in fünf Jahren müsse sich die Sowjet-Union im Westen neue Verbündete suchen. Das kann sehr viel länger dauern - wenn es überhaupt eintritt. Weltpolitik läßt sich eben nicht mit algebraischen Faustformeln einfangen, sie ist unendlich viel komplizierter.

Schmidt

Wilhelm Fucks:

»Formeln zur Macht«

DVA -

Stuttgart

220 Seiten

19,80 Mark

Helmut Schmidt
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