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BUNDESKANZLER Se quätschn

Kabarettisten haben die erste Satire-Platte auf den Kanzler herausgebracht. *
aus DER SPIEGEL 46/1984

Wie macht man eine Satire auf Helmut Kohl? Man läßt Helmut Kohl reden.

Etwa so: »Jede Verharmlosung macht blind. Das ist unser und vor allem auch mein Stil.« Und so: »Wer Bundeskanzler ist, steht in der Verfassung.« Oder so: »Wer ja sagt zur Famüllje, muß auch ja sagen zur Frau.«

Hat er das wirklich alles so gesagt? Der Verlag Rillenschlange, spezialisiert auf Kabarett, vertreibt vom Ende der Woche an Kohls Kleinkunst auf Platte. _("Ich bin Kohl, mein Herz ist rein - Die ) _(Platte zur Wende«. Rillenschlange/KliG ) _(Produktion, Postfach 225, 3205 Bockenem. ) _(Mail-Order-Preis: 18 Mark. )

Eine richtige Gemeinheit: Dem Hörer wird nicht erklärt, was raffinierter Zusammenschnitt ist, was Original, was Parodie.

Der Sprachgewalt Kohls traut ohnehin jeder alles zu.

Das schlachten die Plattenproduzenten, obwohl sie gelegentlich ins Alberne ausrutschen, unbarmherzig aus. Sie zeichnen keine Karikatur auf Kohls Politik, was auch verdienstvoll wäre, sondern ein Psychogramm »in seiner eigenen Sprache« - so der freie Journalist Günter Walter, Mitarbeiter bei diversen Satiresendungen deutscher Rundfunkanstalten.

Er trommelte die Besetzung für das Kabarett-Stück zusammen: die Moderatorin Elke Heidenreich alias Else Stratmann, Metzgersfrau aus Wanne-Eickel; Thomas Freitag, bekannt aus dem Düsseldorfer Kom(m)ödchen; und Stephan Wald, der im Hamburger »Schiff« mit ersten Kanzler-Parodien auffiel.

Von Walds beachtlicher Fertigkeit, Kohls pfälzerndes Bemühen um Hochdeutsch zu imitieren, lebt die Platte. Thomas Freitag macht den Strauß und auch den ächzenden Näsler Ernst Dieter Lueg vom »Bericht aus Bonn«.

Daraus entspinnen sich Dialoge, die Kohls Schwächen entblößen: den Tick des Oggersheimers, ein norddeutschspitzes »S-t« zu sprechen, sein mangelhaftes Englisch (Wald-Parodie: »Sät is se quätschn"), seine unmäßige Selbstzufriedenheit, daß er es endlich geschafft hat.

Kohl nächtens im Bett, sanft säuselt Frau Hannelore, oder wer auch immer, »Helmut, Helmut«. Doch der reagiert erst auf die Anrede »Herr Bundeskanzler«, und die einzige Ausschweifung, zu der er sich herbeiläßt, ist eine Suada über das Hier und Jetzt, diese nächtliche Stunde und das Soll, das er erfüllt.

Das ist kein Originalton, aber echt. Die Realität ist die Satire, dafür liefert die Platte mehr Belege als nötig. Nach knapp 26 Minuten auf der A-Seite kann man''s eigentlich nicht mehr hören: Ein Tag Pause vor dem Umdrehen der Platte ist nötig, um sich die mit Sprachbrei verkleisterten Ohren freizupulen.

Dabei ist Kohl ja, ausweislich seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse, einsichtig: »Die Sprache der Politik darf sich nicht auf ein begriffliches Getto zurückziehen. Es gibt die Flucht in Wortreichtum, um nichts mitzuteilen.«

Deshalb, so berichtete der Bonner Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß vorige Woche, lasse sich der Kanzler »seine oft zu blumigen Texte neuerdings zurechtstutzen«. Wenn''s stimmt, geht der Republik ein begnadeter Satiriker verloren.

»Ich bin Kohl, mein Herz ist rein - Die Platte zur Wende«.Rillenschlange/KliG Produktion, Postfach 225, 3205 Bockenem.Mail-Order-Preis: 18 Mark.

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