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»Sechs Jahre für einen Blick auf den Planeten«

SPIEGEL-Redakteurin Dinah Deckstein über Ulf Merbold, den ersten bundesdeutschen Astronauten *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Das Foyer des Museums gleicht einem Mausoleum, einer Gedenkstätte für den bisher prominentesten Deutschen, den das amerikanische Städtchen Huntsville/Alabama beherbergte: Wernher von Braun. Im Raumfahrtmuseum von »Space City« sind die Reliquien aufgereiht - der massive Schreibtisch, eine abgewetzte Aktentasche, vergilbte Jugendbilder und Glückwunschtelegramme illustrer Absender. Die Südstaatler halten das Andenken des 1945 aus Peenemünde herübergelockten Mitbürgers in Ehren: Wernher von Braun, der 1977 starb, verdanken sie es, daß ihr verschlafenes Nest überhaupt jenseits des nahen Tennessee River bekannt ist.

Ein paar Schritte neben der Gedenkstätte für die Mondfahrer-Träume Wernher von Brauns, am Ende eines dunklen Gängelabyrinths, hängt ein anderer Deutscher an der Wand, als Farbbild von hinten angestrahlt und angetan mit einer beeindruckenden Uniform: dem himmelblauen Overall der europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Das bunte Lichtbild dient als Anschauungsmaterial für den bevorstehenden, sechsten Flug der US-Raumfähre »Columbia": Doktor Ulf Merbold, 42, Physiker, Astronaut, soll als erster Mann der Bundesrepublik am 28. Oktober ins All starten, bei der geplanten europäisch-amerikanischen »Space Shuttle«-Mission.

Der Stuttgarter Wissenschaftler wird zusammen mit fünf amerikanischen Kollegen den Erfolg oder Mißerfolg des bisher kompliziertesten bemannten Weltraumprojekts bestimmen. Als »payload specialist« bedient der Westdeutsche im All die Nutzlast, also die Experimente im europäischen Forschungslabor »Spacelab«, das, huckepack im US-Raumtransporter Space Shuttle verstaut, der Wirtschaft und der Wissenschaft zu neuen Erkenntnissen verhelfen soll.

Im nahe gelegenen Marshall Space Flight Center, wo von Braun gearbeitet und doziert hat, bereitet sich Merbold auf seine Mission vor - die er nicht im höheren Sinn als Botschaft oder gar als Prüfung sieht: Der Astronaut aus Schwaben versteht die »mission« ganz englisch - als Auftrag, als Job. Allerdings findet er, im Gegensatz zu seinen Nasa-Kollegen, nichts dabei, seine All-Premiere nach Art einer Illustrierten-Story zu vermarkten.

Seit Monaten trainiert er in der martialisch-malerischen Umgebung des Marshall Space Centers: Im »Redstone Arsenal«, wo die Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges Giftgas herstellten und jetzt die Versuchsrampen zur Vorbereitung der Mondlandung vor sich hin rosten, weiden schwarze Kühe auf satt-grünen Wiesen - fast wie in deutschen Landen.

»Vereinigte Hüttenwerke« nennt Merbold das Sammelsurium aus Gebäuden, Straßen und Teststrecken. Er selbst probt in Baracke 4612 an einem Spacelab-Modell zum x-ten Male den Ablauf der über 70 Bord-Experimente aus Astronomie, Erdbeobachtung oder Materialforschung - Merbolds Fachgebiet.

Lang und schlaksig steht er vor dem Bildschirm an der Innenwand seiner vier mal sieben Meter großen Übungstonne, fingert an Schaltern, Knöpfen und Hebeln, an der Zuleitungsstrippe seines Kopfhörers hängend wie eine Marionette. Das ist sein Trainingslager, eigentlich nicht aufregender als die Schaltzentrale eines Elektrizitätswerks. Seit Monaten füttert er hier, überwacht vom simulierten Kontrollzentrum »Klein-Houston« gleich nebenan, den Computer mit Befehlen und murmelt dabei ein Kosmo-Kauderwelsch: »The TC NOPed the IO for the EC« - der Versuchsingenieur schaltete den Eingabe-Ausgabe-Kanal des Experimentier-Computers aus.

Am Anfang erging es Merbold wie jedem Besucher der Trainingsstätte: »Ich habe nur Bahnhof verstanden.« Jetzt träumt er schon im Nasa-Slang; wenn er nicht weiter wissen sollte, hilft das 200seitige Abkürzungsverzeichnis.

Auch den minuziösen Zeitplan hat er schwarz auf weiß, der sein Leben an Bord des Spacelab diktiert bis ins letzte Detail. Weil einige Experimente nur in einer bestimmten Position zum Datenübertragungssatelliten TDRS möglich sind, muß das Programm ohne Verzögerung ablaufen; notfalls tippt Merbold selber die Kommandos, anstelle des Computers.

Simuliert wird gerade der vierte Tag der Mission, es ist nach der fiktiven All-Zeit kurz vor Mitternacht. Der Ablaufplan sagt den beiden Nutzlast-Betreuern Merbold und dem Amerikaner Bob Parker, daß sie jetzt durch die Schleuse im Dach des Spacelab eine Spezialkamera schieben müssen, damit sollen Bilder für genauere Landkarten des afrikanischen Kontinents gemacht werden.

Der schwäbische Physiker und sein Nasa-Kollege, Berufsastronaut aus Houston, _(Beim Schwerelosigkeitstest mit ) _(Kamera-Helm, der die Reaktion des ) _(Gleichgewichtsorgans registriert. )

sind nach Echt-Zeit gerade von einer Nachtübung am Cape Canaveral zurückgekehrt, die bis in die frühen Morgenstunden dauerte.

Parker, 45, mit graumeliertem Kurzhaarschnitt, den athletischen Körper in einen dunkelblauen Fliegeranzug gezwängt, sieht aus und gibt sich wie einer, der nie etwas anderes als Astronaut hat werden können. Seine sonore Lee-Marvin-Stimme, gepaart mit markiger Männlichkeit und lässig-trägen Bewegungen, erinnert an die Helden amerikanischer Science-fiction-Serien.

Dagegen fällt der deutsche Kompagnon, zumindest optisch, ganz schön ab: kein Super- oder Spiderman; eher ein kleiner Büroangestellter, der den Nachschub für die Kantine oder die Ausgabe der Hausausweise zu regeln hat. Nurmanchmal fällt er aus der Rolle. Noch guckt die westdeutsche Fernseh-Nation ja nicht zu, wenn er (aus Quatsch) den Befehl zum Abschuß eines sowjetischen Killersatelliten gibt: »Yeah, we''ve got him.« Oder er verfällt beim Murmeln der Kommandos unvermittelt in Singsang - er, der auf die »Süddeutsche Zeitung« so knochentrocken wirkte, daß sie vermutete, er ginge »zum Lachen lieber in den Keller«.

Anderen wäre die Lust am Scherzen längst vergangen. Seit sechs Jahren bereitet sich der Stuttgarter Naturwissenschaftler, der als 19jähriger aus Greiz in Thüringen zum Physikstudium ins Schwäbische kam, auf den Tag X vor. »Aus purer Neugier« ließ er sich in Foltermaschinen und Zentrifugen zwängen, ließ er zahllose medizinische und psychologische Tests über sich ergehen, reiste quer durch Europa und Amerika und war in dieser Zeit mehr mit seinen Astronauten-Kollegen zusammen als mit Frau Birgit und seinen beiden Kindern.

Immer wieder wurde das zunächst für Dezember 1980 geplante europäischamerikanische Raumfahrt-Unternehmen vertagt - mal, weil die Shuttle-Triebwerke bei den Probeläufen explodierten, dann wieder, weil sich an dem amerikanischen Raumtransporter die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre unverzichtbaren Hitzekacheln lösten oder weil unvorhergesehene Koordinierungsschwierigkeiten zwischen der Nasa und ihrem europäischen Juniorpartner Esa auftauchten.

Beinahe wäre auch der erst Ende Juli auf den 28. Oktober verschobene Starttermin wiederum geplatzt: Der Relaissatellit TDRS, unentbehrlich, um die anfallende Datenfülle in die Kontrollzentren nach Houston zu übertragen, zeigte sich bis zuletzt widerspenstig.

»Ich habe mich manchmal wie der Schloß-Besucher bei Kafka gefühlt«, sagt Merbold, »du arbeitest und arbeitest und kommst deinem Ziel trotzdem nicht näher.« So belesen gibt er sich.

»Der optimale Zeitpunkt für die Mission«, fürchtet Merbold, »könnte schon überschritten sein.« Statt der vorgesehenen zweieinhalb hätten die Vorbereitungen mehr als fünf Jahre gedauert. Er und seine Teamkollegen fühlten sich deshalb unter Erfolgszwang, weil sie glaubten, ein erstklassiges wissenschaftliches Ergebnis abliefern zu müssen.

Merbold spart nicht mit Kritik an dem transatlantischen Mammutprojekt. So hält er es für unausgewogen, daß die Amerikaner das vielfach wiederverwendbare Spacelab nach dem Flug behalten dürfen, wo sie doch der Esa nur eine einzige Fahrkarte ins All gewähren. »Wer einigermaßen denken kann«, findet Merbold, »hat da Probleme.«

Tatsächlich dürfen die Europäer ihre in siebenjähriger gemeinschaftlicher Präzisionsarbeit gefertigte Raumstation nur einmal kostenlos ins All schicken. Bereits bei der für Juni 1985 geplanten D 1-Mission müssen die Deutschen allein für die Benutzung der wiederverwendbaren Laborzelle und des Shuttle 100 Millionen Mark bezahlen.

»Dabei ist das Ding eine Klassearbeit, so solide wie ein Daimler«, ärgert sich Merbold. Nur etwas teurer: Rund zwei Milliarden Mark hat das Projekt die knapp ein Dutzend in der europäischen Raumfahrtbehörde Esa zusammengeschlossenen Länder gekostet, fast zwei Drittel davon bezahlten die Deutschen.

Merbold glaubt auch, daß die Amerikaner ihren europäischen Juniorpartner nicht immer fair behandeln: Um das Spacelab unter ihre Kontrolle zu nehmen, hätten die Nasa-Kollegen fast alle Wartungsfunktionen nach vorn, ins Cockpit des Shuttle verlegt: Die Kommando-Zentrale ist nun rein amerikanisch, und nur in der Transportkiste darf ein Europäer zugucken, was US-Astronauten so zu tun haben.

Nur widerwillig ließen sich die US-Partner überreden, Merbolds Ersatzmann Wubbo Ockels und den für spätere Erdumrundungen vorgesehenen Schweizer Claude Nicollier in die Astronauten-Crew aufzunehmen. Dabei hatten die beiden extra ein Jahr lang in Houston für den Einsatz im All trainiert.

Der Grund für die Abwehr der Amerikaner: Viele der 80 amerikanischen Nasa-Profis warten schon seit über zehn Jahren auf ihren ersten Raumflug. Nun sollen sie noch länger warten, bloß weil ein paar Europäer auch mal wollen?

Am Boden haben die Amerikaner beim neunten Shuttle-Flug ohnehin das Sagen: Obwohl die Europäer 50 Prozent der wissenschaftlichen Experimente beisteuern, werden die Kontrollzentren, natürlich, mit Amerikanern besetzt sein. Das kann Folgen haben: Muß ein Versuch wegen Überschreitung des Zeitplanes flachfallen, fürchtet Merbold, »ist es bestimmt einer von unseren«.

Zuweilen geht selbst dem Schwaben aus Thüringen der knochentrockene Nasa-Arbeitsstil gegen den Strich. Bei einer der teuren Übungen - die Flüge werden in den Kontrollzentren von mehr als 100 Spezialisten simuliert - überkamen den Kandidaten und seinen Ersatzmann Gelüste nach einem richtigen, also europäischen Essen. Ehefrau Birgit, Kunsterzieherin, briet Hähnchen und besorgte Wein - im alkoholfeindlichen Bundesstaat Alabama ein logistisches Kunststück; auf dem Nasa-Übungsgelände ist Alkohol streng verboten.

Am fein gedeckten Tisch an Bord des Spacelab-Modells speisten die Astronauten

dann mit Weib und Wein (im All gibt es nur Menüs aus der Plastik-Tüte). Damit die Kollegen fernab in Houston auch an der fröhlichen Runde teilhaben konnten, bestellten die Feinschmecker eine Fernsehleitung zum Kontrollzentrum; die ist normalerweise für Notfälle an Bord reserviert, etwa, wenn ein Astronaut plötzlich erkrankt. Die US-Kollegen, bedauert Merbold, konnten über die europäische Eß-Demo auf dem Bildschirm »überhaupt nicht lachen«. Die Crew in Houston schwieg betreten.

Was gelernte Schwaben für Gemütlichkeit und Lebensstil halten, verträgt sich eben mit dem American way of life nur schlecht. Befragt, wie es ihm in der provinziellen 180 000-Seelen-Gemeinde gefalle, antwortete Merbold dem Bürgermeister von Huntsville beim Empfang für die Neuankömmlinge: »Gut. Aber noch besser, wenn ihr die Hälfte eurer 250 Kirchen in Kneipen umwandeln würdet.«

Auch damals blieb das erwartete Gelächter aus.

Allein - in der Luft oder bald im luftleeren Raum - kommt Merbold offenbar besser klar; seine Umgebung betrachtet er am liebsten aus großer Höhe.

Er hat, sagt er selbst, ein »libidinöses Verhältnis zu Flugzeugen«. Der passionierte Hobbypilot und Segelflieger begleitet, wenn es geht, seinen Kollegen Bob Parker nach dem Training im Spacelab-Modell noch zum Militärflughafen in Huntsville. Dort parkt Parkers T-38, ein kleiner zweistrahliger Überschalltrainer, mit dem Merbolds Kollege regelmäßig aus Houston angedüst kommt. »Um eines beneide ich die Nasa-Jungs«, gesteht Merbold, »daß jeder von denen 15 Stunden im Monat mit diesem Ding herumfliegen darf.«

Der Drang zum Höhenflug erfüllte den Physiker schon als Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Metallforschung in der Stuttgarter Seestraße. Bei schönem Wetter, berichtet eine ehemalige Kollegin, galt sein erster Anruf am Morgen dem Meteorologen auf dem Segelflugplatz Hornberg, in der Nähe von Schwäbisch Gmünd, »da mußte die Wissenschaft eben warten«. Der Karriere hat der Höhenrausch nicht geschadet: In Bestzeit schrieb er seine Doktorarbeit über »Strahlenschädigung von stickstoffdotiertem Eisen nach Neutronenbestrahlung bei 140 Grad Celsius mit Hilfe von Restwiderstandsmessungen«.

Gerade sein Flugtick brachte dem Werkstoffphysiker 1977 den entscheidenden Vorsprung beim Auswahlwettbewerb der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt. Weil er dachte, »die Zeit sei reif, etwas Neues anzupacken«, hatte sich Merbold auf eine Anzeige in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« beworben. Ein Bundesbürger, »nicht älter als 47, mit perfekten Englischkenntnissen, gutem Gesundheitszustand und wissenschaftlich-technischer Hochschulausbildung« wurde gesucht.

Der damals 36jährige Stuttgarter Physiker, 1,79 Meter groß, nach wie vor 70 Kilogramm schwer, zeigte sich schon bei den medizinischen Tests, etwa im »Schneewittchensarg«, einem Gerät, das per Vakuum das Blut aus dem Oberkörper saugt, extrem belastbar und widerstandsfähiger als die meisten seiner 700 deutschen Mitbewerber. Die gräßlichen »Rollercoaster Flights«, Achterbahnflüge, die Normalsterblichen den Mageninhalt auf Gaumenhöhe treiben, konnten den Stuttgarter Anwärter nur wenig beeindrucken. Und »um herauszufinden, was es heißt, am eigenen Leib 3 g auszuhalten«, den in die Sitze pressenden Beschleunigungsdruck der dreifachen Erdschwere, kletterte er in Bad Godesberg bereitwillig in die Zentrifuge _(Oben: mit Sohn Johannes (M.) und Tochter ) _(Susanne (r.); ) _(unten: im sogenannten Schneewittchensarg ) _(in Bremen. )

des flugmedizinischen Instituts der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt.

Den Drehstuhl-Test, die Reaktionsprüfung auf Schwerelosigkeit, überstand Merbold besser als fast alle anderen Konkurrenten. Auf einer Art Zahnarztstuhl in einem dunklen Raum sitzend, rotieren die Probanden fünf- bis 30mal pro Minute im Kreis: Der Kopf wird durch eine Stütze starr gehalten, die Augen sind mit Elektroden verpflastert, um das Zucken der Lider zu registrieren. Alle zehn Sekunden müssen die Drehstuhl-Hocker den Kopf nach oben, unten und zur Seite bewegen - eine Prozedur, die selbst Profi-Piloten Übelkeit verursachen kann. »Ich halte das eine halbe Stunde aus«, sagt der Prüfling stolz, »ohne daß allzuviel passiert.«

Den Job bekam er aber dann wegen seiner unerschütterlichen seelischen Stabilität, gepaart, wie er selbst sagt, »mit unterdurchschnittlicher Aggressivität bei starkem Leistungswillen«. Wer sich selber so einschätzt, läßt sich in den psychologischen Tests auch durch Zeitdruck nicht aus der Ruhe bringen; für Rubriken im Fragebogen wie »neigt zu emotionaler Reaktionsweise« oder »zeigt ausgefallene Eigenarten« meldeten seine Prüfer durchweg »Fehlanzeige«.

Ein Wunder an Rationalität, an Beherrschung, an Berechenbarkeit also? Ein »wissenschaftlicher Musterbeamter aus dem Musterländle«, wie der »Playboy« schrieb, bei dem es »einfach undenkbar« ist, »daß er mal herzhaft ''Scheiße'' sagt«?

Sicher, er hat sich öffentlich immer im Griff. Bei Auftritten vor Publikum verströmt der sanft Schwäbelnde, »um der Bringschuld der Wissenschaft nachzukommen« (Merbold), eher Volkshochschulmief als Astronauten-Glamour. Auf Fremde mag er überkorrekt und farblos wirken, als Technokrat, für den technische Funktionstüchtigkeit alles und menschliche Verhaltensweisen, weil nicht steuerbar, nichts sind.

Ein Mann ohne Eigenschaften, ein Langweiler ist er trotzdem nicht. Freunde schildern ihn als amüsanten Sprücheklopfer, als freundlichen Vater, fair und korrekt zu Frau und Familie - vor allem aber als Muster an Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Auch wenn er auf Besuch in Schwaben ist, hält er alle Termine mit Freunden und Bekannten ein. Notfalls bestellt er seine Gesprächspartner auf den Hornberg, zum Rundflug über die Schwäbische Alb.

Mit seiner Genauigkeit und Präzision nervt er immer wieder ungeduldige Reporter, die einen schillernden Weltraum-Star anzutreffen hoffen und einem Experten begegnen:

»Das sollten Sie wissen, bevor wir miteinander reden« oder: »Fangen wir noch mal ganz von vorne an«, leitet er seine langatmigen Vorträge über die Mission ein - niemand soll weggehen, ohne etwas gelernt zu haben. Wenn der Physiker andere an seinem enzyklopädischen Wissen teilhaben lassen kann, dann flackert plötzlich doch noch so etwas wie Begeisterung auf. Etwa, wenn er das Prinzip des Grillspektrometers an Bord des Spacelab erklärt, mit dem französische und belgische Wissenschaftler die Konzentration bestimmter Gasverunreinigungen in der Atmosphäre erkunden wollen. Oder aber, wenn er dem Zuhörer nahebringen will, »welche enorme kulturelle Leistung die Entdeckung der Planetenbahnen durch Kepler war - einfach großartig«.

Ähnlich überschwenglich erzählt er nur noch über die Fliegerei. Er hätte es, sagt er, als »existentielle Bedrohung« empfunden, wenn seine Arbeitgeber aus Sicherheitsgründen von ihm verlangen würden, die Segelfliegerei oder das Skifahren zu unterlassen. Ihn fasziniert es, »bei schlechtem Wetter mit einer kleinen Maschine von A nach B zu fliegen«. Der Astronaut braucht solche Unternehmungen, um »das Lebensgefühl zu steigern«; er braucht sie noch mehr als das Klavierspiel nach anstrengendem Trainingsprogramm - am liebsten übt er Mozart-Sonaten.

Der Mann, der (fast) alles kann, der »sündhaft teure« Typ ("Playboy"), der Abenteuer lieber sucht als meidet, ist in seinem Weltraum-Job nicht versichert - weil ohnehin kaum ersetzbar, und schon gar nicht mit Geld. »Für uns«, wundert sich Merbold, »gelten dieselben Regeln wie für jeden Papiertiger bei der Esa.«

Wohl doch nicht ganz. Denn als der Astronaut kürzlich auch noch mit der Drachenfliegerei beginnen wollte, erhoben seine europäischen Auftraggeber Einwände. Ob das denn, zusätzlich zum Fliegen, Skifahren und Surfen auch noch sein müsse, fragten sie an und monierten bei der Gelegenheit auch, ob es denn wirklich nötig sei, daß beide Esa-Kandidaten bei schlechtem Wetter immer gemeinsam von A nach B fliegen müßten.

Merbold läßt kein Extrem-Erlebnis und keine Grenzerfahrung aus und ist doch kein Draufgänger. »Angst«, analysiert er mit naturwissenschaftlicher Nüchternheit das Phänomen, »wurde allen Lebewesen einprogrammiert, um den Fortbestand der Art zu sichern.«

Um so mehr Genugtuung macht es, sie zu überwinden: »Ein Augenblick, gelebt im Paradiese«, zitiert er Schiller, »wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.« Will bei Merbold heißen: Bevor er sich für eine riskante Unternehmung entscheidet, wägt er Gefahr und Erlebnisgewinn ab. »Wenn das Verhältnis stimmt«, sagt er, »tu ich''s.«

Das hilft ihm jetzt, die Spannung und Verantwortung zu ertragen, »daß es unter anderem von mir abhängt, wie es in Europa mit der Weltraumfahrt weitergeht«.

Er hat - und tut es noch - Input und Output abgewogen; hat sechsjährige Vorbereitungszeit für den neuntägigen Flug im All aufgerechnet gegen die »faszinierende Aussicht, unseren Planeten einmal von oben betrachten zu können«. Beim Abwägen von Einsatz und Gewinn, so findet er, ist das Risiko des Shuttle-Fluges lächerlich gering, ja, »es müßte schon jemand eine Buchhaltermentalität haben, der bei einer solchen Gelegenheit nicht zugreift«.

Und die hat er nun wirklich nicht. _(Sitzend r.: Nasa-Astronaut Parker. )

Beim Schwerelosigkeitstest mit Kamera-Helm, der die Reaktion desGleichgewichtsorgans registriert.Oben: mit Sohn Johannes (M.) und Tochter Susanne (r.);unten: im sogenannten Schneewittchensarg in Bremen.Sitzend r.: Nasa-Astronaut Parker.

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