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FRANKREICH / POMPIDOU Sechs lahme Jahre

aus DER SPIEGEL 5/1969

Es scheint, Madame, daß Ihr Gatte und ich die Wahl gewonnen haben«, scherzte Charles de Gaulle mit Frau Pompidou beim Kaffee. Der Staatschef hatte -- vier Tage nach dem Wahltriumph im letzten Juni -- zu einem intimen Diner in den Elysée-Palast geladen.

Sechs Tage später entließ de Gaulle den »mutigen Kapitän« ("Paris-Match"), der Frankreichs schwerste Nachkriegskrise -- die Studentenrevolution -- durch geschicktes Manövrieren beigelegt hatte: Georges Pompidou.

De Gaulle damals über seinen Premierminister: »Drei Wochen energischen Handelns wiegen nicht sechs lahme Jahre auf.«

Jetzt konterte der Ex-Premier. Am Freitag vorletzter Woche verriet Papstbesucher Pompidou in Rom: »Es ist kein Geheimnis, daß ich bei einer Präsidentschaftswahl kandidieren werde.«

Mit Pompidou meldete sich erstmals ein Gaullist für die Nachfolge im Elys&, und der derzeit aussichtsreichste Kandidat: Bei der letzten Meinungsumfrage rangierte Georges Pompidou an erster Stelle -- weit vor de Gaulle.

Zwar endet die Amtszeit des Präsidenten erst 1972 (de Gaulle am vergangenen Mittwoch: »Ich habe die Pflicht und die Absicht, mein Mandat bis zum Ende zu erfüllen"), doch prominente Gaullisten wollen wissen, daß Frankreichs Staatschef schon am 18. Juni nächsten Jahres zurücktreten wird -- dem 30. Jahrestag der historischen Rundfunkansprache über die BBC, in der sich Charles de Gaulle zum Chef der Freien Franzosen ernannte.

Wann immer der Platz im Elysee-Palast frei wird, bislang hat sich kaum ein Franzose besser auf das Präsidentenamt vorbereitet als Georges Pompidou. Und niemals hatte de Gaulle einen gelehrigeren Schüler als Pompidou, den er länger als zwanzig Jahre kennt.

Ohne Jura studiert zu haben, erhielt der ehemalige Gymnasiallehrer Pompidou 1946 ein Richteramt im Staatsrat der Vierten Republik.

Ohne Bankfach gelernt zu haben, avancierte Pompidou 1956 zum Generaldirektor der Rothschildbank. Und ohne je öffentlich eine Rede gehalten oder bei einer Wahl kandidiert zu haben, wurde Pompidou 1962 Premier seines Landes.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in jenen kritischen Maitagen, »da alles wegschwamm« (de Gaulle), verschätzte sich der Premier jedoch. Er riet dem Staatschef zum Rücktritt.

De Gaulle blieb. Pompidou mußte gehen, versehen mit der Aufforderung, sich »in der Reserve der Republik« auf künftige Aufgaben vorzubereiten.

Die erste Forderung aus dem Elysée kam bereits wenige Tage später: Pompidou, seit den Juniwahlen einfacher

Abgeordneter des Departements Cantal, habe so schnell wie möglich seine Dienstwohnung auf dem Boulevard de Latour-Maubourg -- Ziel unzähliger Briefe und Besucher -- zu räumen.

Pompidou räumte und reiste, redete mit Freunden und Feinden und lehnte lukrative Angebote aus der Wirtschaft ab: »Mein Schicksal ist es, Präsident der Republik zu werden -- oder Führer der Opposition.«

Angespornt durch die Treuebezeugungen aus allen Teilen Frankreichs, gestützt auf die konservativen Gaullisten und gestärkt durch die Schwäche des Franc konzentrierte sich der gestürzte Premier auf sein Comeback. Pompidou vertraulich zu Frankreichs Parlamentspräsident Chahan-Delmas: »Der General wird nicht auf mich verzichten können.« Dann reiste er nach Rom und plauderte zwanglos im Hotelzimmer vor französischen Journalisten -- von seiner Kandidatur.

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