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MALAYSIA Sechs Schläge für Kartika

Eine junge Frau wurde zur Züchtigung mit dem Stock verurteilt, weil sie Bier getrunken hat. Die Entscheidung des Scharia-Gerichts spaltet das Land.
aus DER SPIEGEL 41/2009

Das Haus der Familie von Shukarno Abdul Mutalib ist hergerichtet wie für einen Kindergeburtstag. Trauben bunter Luftballons hängen an der Zufahrt, der Duft gebratenen Lammfleischs weht vom Grill herüber, in Plastikbechern schwappt bonbonfarbener Saft. Fast die gesamte Familie ist nach Kuala Kangsar gekommen, in die malaysische Provinz, Onkel, Brüder, Nichten und Neffen - aus Singapur, Indonesien und der Hauptstadt Kuala Lumpur. Jetzt sitzen alle auf der Terrasse des Anwesens und blicken auf den träge fließenden Perak-Fluss.

Die Familie feiert das Ende des Ramadan, das Fest des Fastenbrechens, das sie in Malaysia Hari Raya nennen. Aber dieses Jahr geht es um mehr. Shukarno Abdul Mutalib, 60, das Familienoberhaupt, hat eine besondere Mitteilung zu machen. Es geht um seine Tochter Kartika und die Ehre der gesamten Familie. Obendrein, wenn man einigen malaysischen Kommentatoren glauben mag, um die Zukunft des südostasiatischen Staates.

Kartika sitzt neben ihrem Vater, sie lächelt schüchtern. Sie trägt, ganz nach muslimischer Sitte, ein hochgeschlossenes Kleid, die Haare hat sie unter einem schwarzen Kopftuch versteckt. Auch ihr Ehemann und die zwei kleinen Kinder sind da.

Kartika Sari Dewi Shukarno, 32, wohnhaft in Singapur, lange Krankenhausangestellte und Teilzeitmodell für Werbefotos, ist von einem malaysischen Religionsgericht zu sechs Stockhieben verurteilt worden - weil sie in einer Hotelbar Bier getrunken hat.

Der Fall Kartika beschäftigt seit Monaten die Öffentlichkeit. Noch nie wurde in Malaysia, das sich gern den Anschein eines moderaten islamischen Staates gibt, eine Frau mit dem Stock gezüchtigt. Besonders lächerlich aber erscheint der Anlass der Strafe.

Premierminister Najib Razak, seit April im Amt, steckt in der Klemme. Seine Partei hat bei den letzten Wahlen Verluste einstecken müssen, er balanciert, er braucht jede Stimme. Gegenüber den nichtmuslimischen Minderheiten der Chinesen und Inder steuert er einen eher liberalen Kurs. Mit den erstarkenden Islamisten aber, die bereits jeden zehnten Parlamentsabgeordneten stellen, will er es sich auch nicht verderben. Aber das Letzte, was er derzeit brauchen kann, sind Bilder, die an eine ganz andere Welt erinnern: die der afghanischen Taliban.

Najib hat Kartika aufgefordert, Berufung einzulegen, damit das Urteil möglicherweise geändert wird. Auch die muslimische Frauenrechtsorganisation Sisters in Islam fordert, den Skandalspruch zu überprüfen.

Malaysia ist ein gespaltenes Land: Es hat ein normales Strafgesetz, das Stockhiebe für Frauen und Kinder verbietet. Parallel dazu aber existiert die Welt der Scharia, des islamischen Rechtssystems.

Das Unheil begann im Juli 2008: Kartika will mit einigen Freunden fürs verlängerte Wochenende in ein Strandhotel nach Malaysia, um sich vom stressigen Krankenhausalltag zu erholen.

Ihr Mann Muhammad Afandi Amir wird in dieser Zeit die Kinder hüten. Er stammt aus Singapur, gehört aber der muslimischmalaiischen Minderheit an, sein Geld verdient er als Computertechniker.

Kartika checkt am Nachmittag in der Hotelanlage »Legend« in Cherating ein, die mit dem Spruch »Entdecke den Himmel auf Erden« wirbt. »Feinsandige Strände reihen sich hier nahtlos aneinander«, schwärmen Reiseführer; das Publikum ist international, und so erregt es kein Aufsehen, als sich die sechs Gäste aus Singapur abends in der Hotel-Lounge treffen und jeder ein kleines Tiger-Bier bestellt.

Bier ist überall in Malaysia erhältlich, die Supermarktkette 7-Eleven bietet neun verschiedene Sorten an: das Tiger aus Singapur ebenso wie irisches Guinness oder Carlsberg aus Dänemark. Rund 26 Prozent der Malaysier sind chinesischer Abstammung, 8 Prozent indischstämmig, 12 Prozent werden zur indigenen Bevölkerung gerechnet. Das Alkoholverbot betrifft nur die Muslime, darunter die 53 Prozent Malaien - jene Bevölkerungsgruppe, die seit der Unabhängigkeit die Geschicke des Staates lenkt.

Nur für die Muslime gilt die Scharia, und in 3 der 13 Bundesstaaten wird sie besonders strikt ausgelegt. Das »Legend« liegt in einem davon: in Pahang.

Gegen 18 Uhr prosten sich die jungen Frauen aus Singapur zu. Kartika ist die einzige Muslimin in der Gruppe, die anderen sind Chinesinnen und Inderinnen. Dass für Kartika ein rigoroses Alkoholverbot besteht, nimmt keiner in der Runde besonders ernst. Auch den Kellner interessiert das nicht, er verlangt zumindest nicht den Ausweis, aus dem ihre Religionszugehörigkeit hervorgeht.

Eine halbe Stunde später stürmt die Religionspolizei das Hotelfoyer. Ist es eine Routinekontrolle, oder hat ein Hotelspitzel die Frömmler alarmiert? Kartika wird als Einzige auf die Wache gebracht, sie muss eine Urinprobe abgeben, bis morgens um sechs dauert das Verhör. In dessen Verlauf erzählt sie auch, dass sie in Singapur gelegentlich für Werbefotos posiert. Die Religionswächter werden hellhörig.

Kartika wird zwar auf freien Fuß gesetzt, darf das Land aber vorerst nicht verlassen. Sie zieht mit den Kindern zu ihrem Vater nach Kuala Kangsar, 200 Kilometer nördlich von Kuala Lumpur. Den Arbeitsplatz in ihrem Krankenhaus verliert sie schon bald und auch ein Studienstipendium - Singapur kennt keine Gnade mit Menschen, gegen die ein Verfahren anhängig ist. In den Medien wird Kartika bald nur noch als das »beer-drinking model« gehandelt. Vor dem Scharia-Richter bettelt sie um Nachsicht, er möge doch ein mildes Urteil verhängen.

Es dauert ein Jahr, bis der Spruch ergeht, er ist ein Schock. Nicht nur für Kartika, sondern auch für viele Malaysier, die einmal mehr befürchten müssen, dass ihr Staat in die Hände der Islamisten fällt. Kartika erhält eine Geldstrafe von umgerechnet etwa 1000 Euro; für den Fall, dass sie nicht zahlt, werden ihr drei Jahre Gefängnis angedroht. Dazu kommt die Prügelstrafe - auszuführen mit dem Rohrstock.

Bereits kurz nach dem Urteil wird Kartika abgeholt, sie soll in ein Staatsgefängnis nahe Kuala Lumpur gebracht werden: Eine Prügelstrafe, so ist es vorgeschrieben, darf nur an Insassen eines Gefängnisses vollzogen werden. Aber im Gefängnis zeigen sie keinen besonderen Ehrgeiz, das Urteil zu vollstrecken, man habe keine Erfahrung mit der Züchtigung von Frauen, heißt es. Fürs Erste darf Kartika zu ihrer Familie zurück, der Ramadan beginnt. Währenddessen überlegen alle Beteiligten, wie die Angelegenheit zu bereinigen ist.

Man könne Kartika für unzurechnungsfähig erklären, überlegt der Assistent des Chefministers von Pahang öffentlich - Unzurechnungsfähige dürfe man nicht bestrafen, das sehen auch viele Scharia-Gelehrte so. Es wäre eine elegante Lösung: Keiner müsste nachgeben, die peinlichen Bilder blieben allen erspart.

Doch die Regierung hat die Rechnung ohne Kartikas Familie gemacht.

Ihre Angehörigen sind selbstbewusste, moderne Muslime. Kartikas Vater, Besitzer von Palmölplantagen und einer Safari-Lodge, fuhr mit seinen neun Kindern regelmäßig zum Skilaufen in die Schweiz oder zum Shopping nach Amsterdam. Die meisten Familienmitglieder haben studiert, viele im Ausland. Gläubig sind sie schon, aber dass Kartika für den Genuss von ein wenig Bier mit Stockschlägen gedemütigt werden soll, will ihnen nicht in den Kopf.

Umso überraschender ist, was ihr Vater ihnen an diesem Abend in Kuala Kangsar mitzuteilen hat. Er habe eine Gruppe namhafter Anwälte engagiert und ihnen einen klaren Auftrag erteilt, erklärt der Familienpatriarch: Die Herren sollen erreichen, dass Kartika für voll straffähig erklärt und das Urteil des Scharia-Gerichts vollzogen wird, in aller Öffentlichkeit.

Dies sei seine Herausforderung an den Staat, sagt Shukarno Abdul Mutalib: Malaysia müsse sich endlich klar bekennen - es werde doch nicht von den afghanischen Taliban beherrscht. THILO THIELKE

* Mit ihrer Mutter Badariah.

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