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Bulgarien Sechste Abteilung

Die demokratische Opposition hat den kommunistischen Premier gestürzt - und ist in einen Stasi-Skandal verwickelt.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Wütende Studenten legten in Sofia durch Sitzblockaden den Verkehr lahm, zündeten gar das Parteihaus der ehemaligen Kommunisten an. Im Parlament verweigerte die Opposition den Roten die Mitarbeit. Doch die Herrschaft der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP), wie die umgetauften Kommunisten jetzt heißen, war über Monate nicht zu erschüttern.

Mit Volkszorn und dem Druck der Straße wollte die demokratische Opposition, in einem lockeren Bündnis der Union Demokratischer Kräfte (SDS) organisiert, ihre Wahlniederlage vom Juni revidieren. Bei den Parlamentswahlen hatten die Sozialisten mit 47,1 Prozent und 211 Sitzen im Parlament die Mehrheit vor der SDS (36,2 Prozent) und damit das Amt des Ministerpräsidenten gewonnen.

Erst als der eloquente Arzt Konstantin Trentschew, 35, Chef der unabhängigen Gewerkschaft Podkrepa (Unterstützung), seine 500 000 Mitglieder Ende November zum Generalstreik aufrief, gab Premier Andrei Lukanow, 52, entnervt auf. Der in Moskau geborene Reformkommunist, von Protesten und Parlamentsniederlagen zermürbt, war bereit, die Lösung der bulgarischen Staatskrise der Opposition zu überlassen.

Deren Führer, Petar Beron, 51, sollte die Regierung übernehmen: ein Biologe, der einst die Umweltschutz- und Demokratie-Gruppe Ekoglasnost gegründet hatte. Der Weg zur verspäteten politischen Wende schien endlich frei - da ließ Trentschew drei Tage vor der Kür eine Bombe platzen. Der Ministerpräsidenten-Kandidat Beron sei, so Trentschew, 21 Jahre lang ein Spitzel der berüchtigten »Sechsten Abteilung« des Staatssicherheitsdienstes gewesen.

Damit nicht genug: Der Gewerkschaftsboß behauptete, im Besitz »unerschütterlicher Beweise« zu sein, daß nicht nur Volksheld Beron, sondern weitere 70 der insgesamt 400 Parlamentarier für die Sechste Abteilung gearbeitet hätten - die meisten von ihnen sind Oppositionsmitglieder.

Woher er seine detaillierten und, wie sich herausstellen sollte, auch exakten Beweise bekommen hatte, wollte Trentschew nicht verraten. Auch seine Motive, knapp vor einem heißerkämpften Sieg die demokratische Opposition um ihr moralisches Ansehen zu bringen, blieben bislang im dunkeln.

Beron, in den Zeitungen der Sozialisten mit Vorwürfen, Daten und Fakten konfrontiert, versuchte eine letzte Flucht nach vorn. Ja, er habe als Wissenschaftler am Nationalmuseum für Naturwissenschaften und nach seinen Expeditionen durch Afrika, Asien und Südamerika dem Geheimdienst Meldung über seine Auslandskontakte machen müssen, »aber niemals Personen geschadet«.

Der Biologe, der bei der bulgarischen Stasi unter dem Decknamen »Bontschew« lief: »Ich habe nichts getan, wofür ich mich schämen müßte.«

Gleichwohl war die Bestürzung in der Opposition groß und Beron als Kandidat für das Amt des Premiers nicht mehr zu halten. Auch zwei mögliche Ersatzaspiranten wurden in den Strudel der täglichen Enthüllungen gerissen, bis sich die angeschlagene Opposition endlich auf Dimitar Popow, 63, als künftigen Ministerpräsidenten einigen konnte.

Aber auch die Vita des neuen Hoffnungsträgers ist kaum eine Garantie dafür, daß peinliche Überraschungen in Zukunft ganz ausbleiben. Der Pfarrerssohn aus der Grenzprovinz zu Jugoslawien ist zwar zeit seines Lebens parteilos geblieben, war aber unter den Kommunisten jahrzehntelang Richter am Stadtgericht in Sofia, wenn auch, so Popow, »niemals in politische Prozesse« verwickelt.

Die Hexenjagd nach angeblichen Spitzeln hat inzwischen auch den Urheber der Enthüllungen, Podkrepa-Chef Trentschew, erfaßt. Ein Bericht der Sozialisten-Zeitung Duma weist ihm nach, daß der bulgarische Saubermann schon als Oberschüler der Stasi in einem Brief seine Dienste angeboten habe.

Trentschew versuchte sich zu rechtfertigen, das sei nur geschehen, um Mitschüler vor dem Drogenhandel mit Morphin zu schützen. Das neue Mißtrauen der Bulgaren, das sich nun auch gegen die Opposition richtet, konnte er indes nicht zerstreuen. Eine Leserin aus Burgas in einem Leserbrief der Oppositionszeitung Dialog: »Irgendwie sind wir alle Informanten gewesen.«

Die Vertrauenskrise trifft einen maroden Staat, dessen wirtschaftliche Zukunft nicht weniger düster aussieht als die politische: Bulgariens Auslandsschulden sind auf 10,8 Milliarden Dollar gestiegen, die Staatskasse ist nach 40 Jahren Mißwirtschaft und Korruption so gut wie leer, die Produktion im Land seit der Wende vor einem Jahr um fast 20 Prozent zurückgegangen.

Alle Grundnahrungsmittel sind rationiert und gleichwohl in den staatlichen Läden nicht zu haben. Schon um Mitternacht bilden sich vor den Warenhäusern lange Menschenschlangen, um zu kaufen, was immer es gibt.

Von ihren vielen Versprechungen haben die bisher regierenden Sozialisten so gut wie keine eingelöst. Die Betriebe gehören noch immer zu 95 Prozent dem Staat, die erhofften West-Investitionen sind ausgeblieben. Experten rechnen damit, daß es in absehbarer Zeit rund eine Million Arbeitslose gibt, das wäre mehr als ein Viertel aller Beschäftigten.

Daß eine von Demokraten geführte Regierung die triste Lage kurzfristig ändern kann, ist fast ausgeschlossen. Wirtschaftsfachleute haben berechnet, daß Bulgarien fünf Milliarden Dollar Startkapital braucht, um die Wirtschaft überhaupt in Schwung zu bringen.

So setzt Premier Popow seine Hoffnungen erst mal auf Papiere: Bis Januar sollen die Reformgesetze endlich im Parlament verabschiedet sein, Ende Februar kommunale Wahlen und Ende Mai vorgezogene Parlamentswahlen stattfinden.

Popow: »Wenn die Leute Geduld mit uns haben, werden wir bis dahin das Schlimmste überstehen. Wenn nicht, dann ist es mit Bulgarien zu Ende.«

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