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PSYCHO-TV Seelenpein so fein und mein

Im ARD-Zweiteiler »Helen, Fred und Ted« gibt es für den Zuschauer eine Menge zu lachen und zu weinen - über Patienten, Seelenklempner und sich selbst.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 37/2006

Psychokacke, nur was für Loser. So denken die harten Jungs aus der Wirtschaft, so behauptet es die autoritäre Erziehung, und so prahlt Banker Kowalski (August Zirner). Er wird sich noch wundern.

Die Burn-out-Figur gehört in eines der intelligentesten und feinsinnigsten TV-Spiele der letzten Zeit, »Helen, Fred und Ted« an diesem Mittwoch, zweiter Teil eine Woche später. Erzählt werden mit den Mitteln der Fiktion Geschichten, die aus einem zuletzt ziemlich gemiedenen Reich stammen: aus einer therapeutischen Praxis.

Der strenge, deutende Blick in die kranke Seele gehört nicht zu den Hits des Zeitgeists, dafür wird seit 1968 und seit der Spaßrevolte zu viel gezappelt und geschunkelt in allen möglichen Wohlfühltherapien.

Doch was weg ist, kann ja wiederkommen, dachten sich die Autorinnen Gabriela Sperl und Kathrin Richter sowie die Regisseurin Sherry Hormann, beredeten skeptische ARD-Hierarchen - kann Seele TV-süffig sein? - und entlockten sogar der geschmähten ARD-Tochter Degeto, sonst Heimstatt der gefüllten Dirndl und Abfüllstelle dramaturgischen Einheitsbreis, die notwendige Kohle.

Und siehe da, es kam heraus, was selbst grimmige Grimme-Preis-Granden freuen kann, eine Degeto-finanzierte Ent-»Degetoisierung« (Kritikerschimpfwort), zu Deutsch: klasse Fernsehen.

Man kann zum Beispiel einen TV-Stern aufgehen sehen: Julia Schmalbrock, 25. Die junge Frau spricht ein J'accuse wider das moderne Erziehungselend. Sie sitzt im inneren Gefängnis einer Magersüchtigen, vollgestopft mit mütterlicher Übergluckung und Tabletten. Sie klagt ihr Elend in die Kamera, das Leid mit einer harmoniesüchtigen Mutter, die Placebos verabreicht, statt einmal richtig zuzuhören. Die Anklage tut richtig weh.

Aber Sperl, Richter und Hormann wollen nicht schocken, sondern unterhalten. Dafür sorgt schon ein Schauspieler wie Friedrich von Thun, der einen etablierten Analytiker spielt, den das berufsbedingte Zuhören mürbe gemacht hat. Thun stand bisher für den Typ liebenswerter Charmeur, für die Männerhoffnung, dass ein Teddybär selbst eine Frau wie Senta Berger erobern kann.

Das Seelenspiel erweckt ganz andere Seiten in Thun. Im Teddy steckt ein sensibler Kauz. Und ein Hauch Tragödie, wenn der Schauspieler eine wahre Geschichte aus seiner gräflichen Kindheit in die Kamera erzählt: wie er sah, dass sich sein Kindermädchen mit dem Vater knutschend im Gras wälzte, wie er das ohne Hintergedanken der schwerkranken Mutter erzählte und wie die kurz darauf starb. Das Leben lädt Hypotheken auf, vielleicht hat sich Thun deshalb in der Analytikerrolle noch nie so frei gefühlt. Seelenpein so mein: Hier entdeckt sich einer öffentlich selbst und sprüht vor Energie.

Wie Managerdarsteller Zirner. Die Regisseurin holt aus ihm den ganzen Wahnsinn eines Gernegroß heraus, der eigentlich ein Schwächling ist. Urkomisch.

Auch der Auftritt von Corinna Harfouch. Eigentlich wunderbar geil wirkt die Dauerpatientin, aber sie ist total verknotet, zu therapieversiert, um ihre Sinnlichkeit herauszulassen. Ob ihr die Bongo-Trommeln des unkonventionell arbeitenden Ted (Christian Berkel), einer der Therapeutenneulinge, in der Psychopraxis helfen werden?

Hier, im feinen Seelenspiel, wird das Fernsehen dem Besten übergeben, was es hat: den Schauspielern. Andrea Sawatzki ist im Tatort eine rothaarige Kommissarin, eine merkwürdige Mischung aus Reh, Jägerin und Elfe, die sich mit Turniertanz abreagiert. Als Psycho-Helen aber emanzipiert sich Sawatzki zur beinahe tragischen Figur, die ganz regelwidrig ihre Verzweiflung über ihr Versagen als Mutter vor einer Patientin auslebt. Seelenspiel verleiht den Darstellern Flügel.

Zur Vitalisierung der Stars passt die Revitalisierung des Erzählens. Wünsche, die im Kopf entstehen, werden wie Realitäten behandelt. Harfouch strippt leibhaftig, wenn im Kopf des Therapeuten ein solch unkeuscher Wunsch entsteht. Die Behandlung in einer Psychoklinik wird verfremdet. Personen agieren dort in einem leeren weißen Raum. Soll heißen, hier herrscht die benebelnde Gewalt der Pillen. Szenen eines rauschenden Ballfests verdanken sich einer Projektion der harmoniesüchtigen Sprechstundenhilfe Traudel (Gisela Schneeberger). Doch es gibt keine symbolischen Übertreibungen. Eine große Portion Selbstironie bewahrt die Szenen vor missionarischem Eifer.

Bei diesen Therapeuten kann der Zuschauer gefahrlos einkehren. Und etwas über sich lernen. Das unterhaltende Fernsehen als aufklärerische Anstalt? Kaum zu glauben, aber die Degeto hat's bezahlt.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

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