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USA Seelische Erschöpfung

Senator Eagleton, den sich der demokratische Präsidentschaftskandidat McGovern für die Vizepräsidentschaft wählte, war in psychiatrischer Behandlung. McGoverns Chancen sind gesunken.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Das einzige Kontaktgespräch, das George McGovern, demokratischer Präsidentschaftskandidat der USA, mit seinem »running mate« Thomas F. Eagleton. 42, vor dessen Nominierung zum Vize führte, dauerte 45 Sekunden. Es war 15.45 Uhr am 13. Juli.

Jemand aus McGoverns Troß begehrte am Telephon noch zu wissen, ob Eagleton irgendwelche »skeletons in the closet«, Leichen im Schrank, habe. »Nein«, sagte Tom, der Unbekannte. Wenig später wurde er der ganzen Nation bekanntgemacht als McGoverns Gegenstück zu Nixons Agnew.

Dieser Blitzkarrierist Toni Eagleton, Senator des US-Staates Missouri, Katholik und Kontaktmann der Gewerkschaften, Freund der Jungen und der Schwarzen Amerikas, hat die Demokratische Partei letzte Woche in eine schwere, angesichts der Präsidentschaftswahlen im Herbst womöglich verhängnisvolle Krise gestürzt.

Eagletons Nein auf die Frage nach den Leichen war leichtfertig. Tatsache ist: Tom Eagleton, potentieller Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, hatte etwas verheimlicht. Von 1960 bis 1966 nämlich, und das hatte er für sich behalten, war er dreimal wegen »seelischer Erschöpfungs- und Depressionszustände« in klinischer auch psychiatrischer -- Behandlung inklusive Elektroschocks.

Das amerikanische Volk zeigte sich beunruhigt, mehrere Zeitungen, darunter die »New York Times«, forderten, daß er als demokratischer Kandidat für die Vizepräsidentschaft zurücktrete.

Dieses Volk, das am intakten Oberstübchen seines Präsidenten Nixon auch dann nicht zweifelte, als dieser, auf Staatsvisite in Peking, das US-»,Maschinengewehr Gottes« Billy Graham nächtens zu einem Seelenschwätzchen anläutete, will keinen kranken Staatsmann. Dieses Volk, das den Gang zum Psychiater quasi zum Volkssport erhoben hat, möchte -- zumindest befürchten das demokratische Wahlstrategen -- seine Leiden nicht auch noch an die Spitze der Nation projiziert sehen.

Doch ein Depressiver als demokratischer Vizepräsident genügte einigen McGovern-Gegnern noch nicht; Ende der Woche versuchten sie, ihn außerdem als Trunkenbold hinzustellen.

Der Sensations-Reporter Jack Anderson, Enthüller verschiedener Regierungs-Skandale, enthüllte: Thomas Eagleton sei in seinem Heimatstaat Missouri »mindestens sechsmal« wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen worden.

Eine Überprüfung der Polizeiunterlagen ergab, daß der Senator nur viermal im Straßenverkehr aufgefallen war -- zweimal wegen zu schnellen Fahrens, nie wegen Trunkenheit. Dennoch breitete sich nach Andersons Coup bei den Demokraten Katerstimmung aus.

Zwar bekräftigte der umstrittene Senator in Honolulu (Hawaii), wo er seine Wahltour begann, er werde sich nicht »durch eine Lüge von der Wahlliste vertreiben lassen«. Zwar beteuerte er. er sei von seinem seelischen Ungemach längst genesen. Zwar hält der bis vor dem Enthüllungs-Spektakel ahnungslose George McGovern wacker an seinem Vize fest. Aber unterschwellig, jenseits von Spekulationen und Dementis, wirkte gegen McGovern, was er auf allen Ebenen von Gesellschaft und Staat bekämpfen wollte: Mißtrauen.

Selbst seriöse Kommentatoren wie James Reston fühlen sich geprellt: Die Lässigkeit, mit der McGovern seinen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten erkor, erinnere ihn an finstere Nixon-Praktiken. »Der springende Punkt in diesem ganzen traurigen Eagleton-Geschäft«, so Reston, »ist nicht nur Senator Eagletons Gesundheit, sondern McGoverns Urteil. Er hat Pech gehabt, aber ebenso hat er das Problem unterschätzt, wie man einen Vizepräsidenten aussucht.«

McGovern habe wochenlang Zeit gehabt, seinen »running mate« zu wählen. Statt dessen habe er die Entscheidung auf die letzte Sekunde des Demokraten-Konvents in Miami Beach verlegt. Er verlange eine neue politische Transparenz. wolle die »credibility gap« zwischen Volk und Führung überwinden. Nun habe er die Frage nach der Glaubwürdigkeit »von Nixon auf McGovern gekehrt« (Reston).

In der Wahlkampagne der Demokraten, wo Gesundheit und Zukunft der Nation zur Debatte stehen sollten, stehen nun Gesundheit und Zukunft des demokratischen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft auf dem Programm. Bewußt zahm reagierte die republikanische Konkurrenz: Richard Nixon wies an, im Wahlkampf »Kommentare zu Senator Eagletons medizinischer Vorgeschichte« zu vermeiden.

McGoverns Wahlmanager Gary Hart hingegen hielt es für möglicherweise nötig, auch Eagletons Ärzte ausfragen zu lassen. Eagleton aber will nicht: Er habe sich am vorvergangenen Freitag bereits von einem Arzt des US-Senats untersuchen lassen. Ergebnis: »Zwei Pfund Übergewicht, eine halbe Hämorrhoide.«

Psychiatrisch hat er sich allerdings nicht testen lassen. Das will er erst, wenn auch Nixon und Agnew bereit sind, zum Seelendoktor zu gehen.

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