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DROGENPOLITIK Seelische Wracks

Die Bundestagsfraktion der Union will die staatliche Heroinvergabe an Schwerstabhängige stoppen - prominente CDU-Bürgermeister sind empört.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Das Zeug, das sich Moses A. gerade in seinen Blutkreislauf schießt, ist garantiert sauber. Eine klare Flüssigkeit strömt aus der Einwegspritze in die zerstochene Vene seines Unterarms. Keine krankmachende, mit Mehl oder Stärke gepanschte Brühe, wie er sie früher Tausende Male in seinen Körper pumpte, sondern astreine Ware vom vertrauenswürdigsten Dealer, der dem Junkie in seiner gut 30jährigen Drogenkarriere je untergekommen ist: vom Staat.

Moses A. gilt als Schwerstabhängiger. Zweimal täglich kreuzt der 47-Jährige in der »Studienambulanz« im Frankfurter Ostend auf. Wenn keine Hinweise gefunden werden, dass er zwischendurch andere Drogen genommen hat, kann er sich unter einer Panzerglasscheibe eine bereits aufgezogene Spritze mit Diamorphin durchreichen lassen - synthetisches Heroin von der Pharmaindustrie. In Sichtweite eines Arztes setzt er sich den Schuss.

Sollte es nach dem Willen der Bundestagsfraktion von CDU und CSU gehen, wird Moses A. seinen täglichen Drogenbedarf aber wohl bald wieder gegen viel Geld illegal in schmuddeligen Hinterhöfen decken müssen. Denn das »Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger«, 2002 auf Initiative von SPD und Grünen gestartet, läuft aus.

Eine Freigabe von Diamorphin als Medikament, die aus rechtlichen Gründen für eine Fortsetzung nötig wäre, hat die Union im Bundestag abgelehnt - und dieses Votum bindet laut Koalitionsvereinbarung auch den Regierungspartner SPD. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ordnete daraufhin an, dass die bundesweit rund 340 noch verbliebenen Patienten bis Ende Juni »auf Therapiealternativen« umgestellt sein müssen.

In den Projektstädten Hamburg, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, Hannover, München und Karlsruhe können selbst christdemokratische Lokalpolitiker die Vollbremsung ihrer Parteifreunde in Berlin nicht fassen. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zum Beispiel will für das Projekt »kämpfen«, notfalls vor Gericht.

»Wenn man schwer Drogenabhängigen dieses wirksame Medikament verweigert, bewirkt man ihre Verelendung«, warnt Roth, sie befürchtet überdies einen Anstieg der Beschaffungskriminalität. Kölns Stadtoberhaupt Fritz Schramma (CDU) verweist auf »gute Erfahrungen« mit der Heroinvergabe. Schwerstabhängige hätten dadurch wieder in ein geregeltes Alltagsleben mit leichter Arbeit integriert werden können. Die Hamburger Gesundheitssenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) »bedauert« die Haltung der Bundespolitiker. Und der Karlsruher Oberbürgermeister Heinz Fenrich (CDU) bat seine Parteichefin Angela Merkel schriftlich um Hilfe: Die Kanzlerin möge dafür sorgen, dass ein »erfolgreiches Behandlungsverfahren« weiter »zur Verminderung des Leidens beitragen kann«.

Die Städte verweisen auf eine Studie des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Danach hat sich die Situation der Süchtigen, die mit synthetischem Heroin versorgt wurden, »signifikant« verbessert - auch im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die das sonst übliche Substitutions-Opiat Methadon bekam.

Der Kreis der Teilnehmer an dem 2002 gestarteten Projekt war eng begrenzt auf langjährig abhängige Junkies. »Die Probanden kamen als körperliche und seelische Wracks«, berichtet Wilfried Köhler, Chefarzt an einer Frankfurter Suchtklinik. Ihr Körper war ruiniert vom täglichen Kampf um Stoff, von Hepatitis, zum Teil von Aids. Die verbleibende Lebenserwartung der meisten Teilnehmer sei »überschaubar« gewesen.

515 Junkies wurden für die Studie auf Staatskosten mit Heroin versorgt und beobachtet. Beim weitaus größten Teil der Probanden nahmen der Beikonsum illegaler Drogen, die Beschaffungskriminalität und die Kontakte zur Szene deutlich ab.

Fünfmal, sagt Moses A., habe er vor Projektbeginn im Knast gesessen. Für seine Tagesdosis Drogen habe er bisweilen 300 Euro gebraucht. »Dafür hab ich ziemlich alles gemacht, was man sich vorstellen kann«, sagt er: Autoaufbrüche, Einbrüche, Überfälle. Seit er den Stoff vom Staat bekommt, hat er wieder eine Wohnung, eine Freundin und zeitweise sogar einen Job: als Straßenfeger bei der Stadt.

Wenn er solche Patienten jetzt wieder auf Methadon umstellen müsse, würden 80 Prozent von ihnen innerhalb von nur zwei Monaten auf ihren erbärmlichen Zustand von früher sinken, glaubt Suchtexperte Köhler. Das lasse sich aus Erfahrungen in den Niederlanden schließen.

Wortführerin der Projektgegner ist Maria Eichhorn, drogenpolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag: Die CSU-Abgeordnete aus Regensburg befürchtet eine »Enttabuisierung von Heroin«. Durch die bequeme Heroinversorgung fehle den Süchtigen jeder Anreiz, von der Droge wegzukommen. Zudem sei die Heroinvergabe teurer als eine Substitution mit Methadon: »Das Geld kann anderswo sinnvoller eingesetzt werden, etwa im Präventionsbereich.«

Praktiker wie der Karlsruher Oberbürgermeister Fenrich verwerfen derlei als »Argumente aus der Mottenkiste«. Anfang Februar wollen sich Vertreter der sieben Projektstädte in Frankfurt am Main treffen, um Wege zu suchen, die Heroinvergabe doch noch zu legalisieren.

Sollte das nicht klappen, schwant dem Karlsruher Sozialdezernenten Harald Denecken, werde in den deutschen Großstädten nur die einschlägige Szene feiern: »Dann reiben sich die Dealer die Hände, weil ihr Geschäft wieder richtig brummt.«

MATTHIAS BARTSCH

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