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ERICH BÖHME Sehnsucht nach Sechs

Von Erich Böhme
aus DER SPIEGEL 13/1984

Frankreichs Mitterrand hat recht; Deutschlands Kohl hat auch recht; sogar Englands Thatcher hat recht - es ist trostlos.

Warum auch sollten die Engländer nicht aufbegehren, wenn ausgerechnet sie, die mit deutschen Industrieprodukten zugeschüttet werden, ohne selber auf dem Kontinent Fuß fassen zu können, entsprechend ihrer Wirtschaftskraft die schwerste Last des EG-Etats tragen? Wer will der Premierministerin die schrillen Töne verargen, wenn ihre Felle schwimmen und die Mehrheit ihrer Landsleute aus der teuren Gemeinschaft wiederaustreten will?

Wenn Mitterrand über die Brüsseler Scharade beleidigt klagt, es gehe nicht um die lumpige halbe Milliarde für die klammen britischen Vettern, es gehe ums Prinzip, dann meint er jenes lukrative Prinzip, das Frankreich zum Nutznießer der EG macht. Und wenn er zu bedenken gibt, das Platzen der Brüsseler Pokerrunde müsse nicht gleich ein Schrumpfen der 10er- auf die 9er-Runde bedeuten, dann meint er sehr wohl, man könne auch ohne die querulierenden Engländer auskommen.

Helmut Kohl, der Pflicht-Europäer, dessen Deutsche zwar am meisten zahlen, dafür aber auch am meisten auf dem Markt für Industriegüter profitieren, will »die Frage nach dem Charakter der Gemeinschaft« neu stellen.

Sie alle haben recht, die Erben und Erbschleicher der Europa-Väter Adenauer, Schuman und de Gasperi. Und es ist wirklich trostlos, denn sie haben nur deshalb so unverschämt recht, weil sie Nationalegoisten geblieben sind, die auf die heiligen römischen Schwüre von der Supranationalität pfeifen.

So aber ist es nun einmal mit einer Wirtschaftsgemeinschaft, in der partikularistisches Interessendenken den Marktmechanismus bestimmt. Wer über Zölle, Ausgleichsabgaben, Mehrwertsteueranteile, Abschlachtprämien, Milchkontingente feilscht, dem bleibt wenig Muße, den Hang zum Höheren zu pflegen.

Kohl stellt die Frage nach dem Charakter. Nun denn: Europas Charakter ist nicht so edel, wie die zehn Oberschlawiner bei jeder Europa-Wahl beteuern. Und das muß auch gar kein Schaden sein.

Auf einem Ratstisch, an dem kaum fair über Englands Finanzprobleme geredet werden kann, zu schweigen von Irlands Milchschwemme, Dänemarks Heringen, Griechenlands Oliven und Italiens Zöllnern, hat die Agenda vom großen politischen Einigungswerk schon gar nichts verloren. Laßt uns den Seelenplunder vom politischen Europa, mit dem die Überväter ihre Erben belastet haben, vergessen. Teilkompromisse über Fischfangquoten bringen uns dem talmihaften Glitzerding einer wie immer konstruierten politischen Gemeinschaft aller Europäer nicht näher, schon gar nicht, wenn französische Kanonenboote die in fremden Gewässern fischenden Kutter des künftigen EG-Partners Spanien einfach zusammenkartätschen.

Wie wäre es denn damit, Herr Kohl, Sie vergäßen Ihre Sonntagspredigten vom zu einigenden Europa und widmeten sich nur noch den trivialen Problemen einer simplen Zollunion - ohne ideellen Überbau, ohne irrealen Sparren?

Bei so verengtem Erwartungshorizont ließe sich viel freier über Interessenausgleich oder Interessenausklammerung reden. Machen Sie sich nichts vor, Herr Kohl, mit den Untertanen der klirrenden Lady und den Bürgern des säuerlichen Mitterrand läßt sich kein politischer Souveränitäts-Schlußverkauf arrangieren. Die Wünsche sind nur noch am Schwanz zu packen.

Hat man sich aber erst einmal zur neuen europäischen Bescheidenheit durchgerungen, dann läßt sich auch freier darüber reden, ob denn ein seinen Commonwealth-Interessen und Falkland-Abenteuern verfallenes Großbritannien nicht tatsächlich raus aus der EG gehen soll, versehen mit den Tröstungen von Meistbegünstigungsklauseln, Vorzugszöllen und allem handelspolitischen Schnick und Schnack. Und es läßt sich freier darüber entscheiden, ob sich die eh schon disparate Gemeinschaft mit den tristen Problemen der potentiellen Kostgänger Spanien und Portugal behängen oder sich mit Assoziations- und Kooperationsverträgen bescheiden soll.

Laßt uns den nationalen Egoismus endlich wieder offen zur Triebfeder aller Aktivitäten in Brüssel erklären statt des scheinheiligen altruistischen Europa-Getues.

Null Bock auf ein politisches Hochstapler-Europa - Sehnsucht nach einer soliden Gemeinschaft der Sechs.

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