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Israel SEHNSUCHT NACH TRENNUNG

Apartheid in Palästina: Nach dem jüngsten Terroranschlag will Israel sich mit strikter Abschottung vor Attentaten islamischer Fundamentalisten schützen. Doch die geplante Befestigung - ein Eiserner Vorhang im Heiligen Land - schafft neue Konflikte. Die jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten fühlen sich ausgegrenzt.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Der elektronisch gesicherte Zaun verläuft durch Täler und über Berggipfel, Videokameras überwachen unübersichtliche Stellen. Bei Tageslicht fliegen Helikopter das weitläufige Gebiet ab, in der Dunkelheit streifen Hundestaffeln und Soldaten mit Nachtsichtgeräten durch das Gelände - Kontrolle total.

Keine Szene aus Nordkorea oder vom Eisernen Vorhang, der bis 1989 Europa teilte, sondern die Vision des israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin, 72. Von Mehola im Norden, vorbei an Jerusalem bis hinunter nach En Gedi am Toten Meer im Süden will der Regierungschef einen aufwendigen Sicherheitsstreifen durch das Heilige Land ziehen, eine undurchlässige Grenze, die Israelis und Palästinenser auf ewig scheiden soll.

Die Demarkationslinie erscheint Rabin als einzige Lösung für »Israels Sicherheitsproblem Nr. 1«, den Terror fanatischer Friedensgegner, die bei ihren blutigen Kamikaze-Aktionen auch das eigene Leben opfern.

Nach der Bombenattacke der beiden »Märtyrer« der Terrororganisation Islamischer Dschihad am vorletzten Sonntag bei Netanja nördlich von Tel Aviv, die 19 Israelis das Leben kostete, verkündete der Premier noch am blutbesudelten Tatort: »Es geht nicht anders, wir brauchen die Trennung.«

Künftig soll kein Palästinenser mehr aus dem Gazastreifen oder dem Westjordanland unkontrolliert nach Israel eindringen können. Seit der historischen Begegnung zwischen Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat im September 1993 fielen 123 Israelis Terroristen zum Opfer, die zumeist über die Grüne Linie gekommen waren. 20 000 Palästinenser, schätzt die Regierung, stehlen sich täglich an den Kontrollposten der Armee vorbei auf israelisches Staatsgebiet, um dort als Tagelöhner zu arbeiten.

Damit, so Rabin, soll nun Schluß sein: »Frieden bedeutet für Israel Sicherheit vor Terror.« Wenn die Juden aber keine Sicherheit haben im Judenstaat, wäre der Zionismus gescheitert.

Erschüttert über den Anschlag, beauftragte der Premier eine Kommission, Pläne für einen etwa 380 Kilometer langen Trennungszaun zu entwickeln. Geschätzte Bauzeit: acht Monate; die Kosten werden mindestens 350 Millionen Mark betragen, die Gehälter für 2000 zusätzliche Wächter nicht gerechnet.

Der Abgrenzungsplan entspricht dem Verlangen der terrorgepeinigten israelischen Bevölkerung. Aber er bedeutet auch das Ende einer Hoffnung. 16 Monate nach dem Handschlag zwischen Rabin und Arafat im Garten des Weißen Hauses in Washington, in dem die New York Times ausgerechnet das »nahöstliche Äquivalent zum Fall der Berliner Mauer« sah, kommt Rabins Entwurf einer Kapitulation vor dem Geist der Gewalt gleich: Zerstoben scheinen alle Träume eines friedlichen jüdischpalästinensischen Zusammenlebens.

Selbst Israels Außenminister Schimon Peres, Architekt der Aussöhnung, der von einem »gemeinsamen Wirtschaftsraum Nahost« schwärmte, schwenkte vergangene Woche auf Apartheidkurs um. Sein Stellvertreter Jossi Beilin bekräftigte: »Es gibt eine Sehnsucht nach einer Trennungslinie zwischen unseren beiden Völkern.« Und: »Gute Zäune schaffen gute Nachbarn.«

Haben die islamischen Extremisten den Elendsstreifen Gaza und das Westjordanland damit endgültig ins Ghetto gebombt? Oder sucht der angeschlagene Rabin mit seiner populistischen Idee nur die erregte israelische Öffentlichkeit zu beruhigen?

Selbst eine strikte Trennung schützt nicht unbedingt vor Terror. Die streng bewachte und befestigte Grenze zum Libanon im Norden hat das Eindringen von Guerilla-Kämpfern ebensowenig verhindern können wie der Zaun, den die Armee bereits um das autonome Palästinenser-Gebiet in Gaza gezogen hat. Und auch unter den 900 000 Arabern, die als Staatsbürger in Israel leben, ließen sich wohl Rekruten für den Krieg der Fundamentalisten finden.

»Die hundertprozentige Sicherung« einer Demarkationslinie sei »hundertprozentig unmöglich«, warnen Militärexperten vor allzu großem Vertrauen in die Abschottungspolitik.

Zudem schürt der künftige Verlauf der Barriere die Wut der Extremisten im jüdischen wie im palästinensischen Lager. Zwar soll der Rabin-Limes nach Vorstellungen des Premiers »keinesfalls endgültigen Charakter« bekommen, aber zwangsläufig steckt er die voraussichtlichen Grenzen eines künftigen Palästina ab. Für den früheren Generalstabschef steht dabei fest, daß sich die Israelis nicht auf ihr Territorium vor Beginn des siegreichen Sechstagekriegs von 1967 zurückziehen werden.

Rund zehn Prozent des noch weitgehend besetzten Westjordanlandes sollen für immer zu Israel gehören, jüdische Siedlungen dicht am alten Kerngebiet würden annektiert. Ein Korridor zum Jordan, der die Siedlungen in der Region Ariel mit ihren 33 000 Bewohnern mit einbezieht, soll quer durch den Norden des Westjordanlandes gezogen werden.

Der Zaun würde nicht nur Palästinenser aussperren, sondern auch Siedler isolieren - ohnehin schon erbitterte Gegner von Rabins Friedenskurs. Die Juden müßten in ihren abgeschnittenen Wohngebieten wie in Wagenburgen leben.

Zitadellen militanter jüdischer Siedler wie Kirjat Arba oder Efrat würden wie verlorene Inseln im künftigen Palästinensergebiet liegen; eigene Zufahrtstraßen, die selbst wiederum eingezäunt werden müßten, sollen die Anbindung an Israel sichern. »50 Jahre nach Auschwitz will Rabin 140 000 Juden in Ghettos stecken«, wetterte Amnon Domb, Sprecher des von Orthodoxen und Rechten beherrschten jüdischen Siedlerrates. Er sah sich schon als Opferlamm: »Ist das Blut der Siedler etwa weniger rot als das anderer Juden?«

Der Zaun bedeutet auch das Ende aller Sehnsüchte nach jenem Erez Israel, dem großen jüdischen Staat, der nach den Plänen der Nationalisten vom Mittelmeer bis zum Jordan reichen sollte.

Bei den Palästinensern stößt der Plan gleichfalls auf Widerstand. Sie können nicht hinnehmen, daß ein künftiges jüdisches »Groß-Jerusalem« tief in ihren Staat hineinreicht.

Gefallen finden Arafat und seine Berater nur an einer Folge des Rabin-Projekts: Die Terroristensperre bekäme unweigerlich den Charakter einer internationalen Grenze zwischen zwei unabhängigen Staaten. Die Idee der Abschottung, hofft deshalb der PLO-Chef und selbsternannte Präsident Palästinas, könnte die Entstehung seines eigenen Staates beschleunigen - den Rabin bisher noch strikt ablehnt.

»Wenn die Juden für sich leben wollen, so ist das ihr gutes Recht«, kommentierte Arafat-Sprecher Marwan Karafani das israelische Abgrenzungsbedürfnis. Die Palästinenser hätten nicht die Absicht, die Juden »zu Zusammenarbeit und Koexistenz mit dem palästinensischen Volk« zu zwingen.

Sogar die radikale islamische Widerstandsbewegung Hamas, die Israels Existenzrecht immer noch nicht anerkennt, sagte ihre »volle Unterstützung« zu - allerdings nur unter zwei Bedingungen: vollständige Räumung aller Siedlungen und Anerkennung des Staates Palästina. Beide Forderungen sind für Rabin auf absehbare Zeit nicht erfüllbar.

Mitte vergangener Woche ließ der Premier erst einmal auf Druck der rechten Opposition weitere Siedlungen billigen. Das Kabinett entschied den Neubau von 3000 Wohneinheiten rund um Jerusalem - für Arafat eine Provokation (siehe Seite 117). Zugleich bereitete Rabin die Siedler im Westjordanland schonend auf einen Rückzug ins israelische Kernland vor:

Ein Trennungszaun, wie immer er aussehe, erklärte der Premier, bedeute für jüdische Siedler in dicht besiedelten arabischen Landstrichen in jedem Fall »ein Ende der Vermischung«.

[Grafiktext]

Israel-Karte

Israel: Vorgesehener Trennungsszaun

[GrafiktextEnde]

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