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Pfarrer Sehr happig

Öffentliche Schmährede katholischer Geistlichkeit gegen Genossen -- im Anfang der Bonner Republik alltäglich, letzthin rar -- wurde vom Fuldaer Bischof Bolte als »ein Stuck Pluralität« eingeordnet.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Am First baumelte der bunte Kranz, Dorfmusiker bliesen die Choräle, dann kam der Zimmermann von Bonifatius auf Politik zu sprechen: »Gott beschütze dieses Haus vor Jusos und vor Inflation.« Die Festversammlung kicherte und klatschte -- im katholischen Welkers bei Fulda wurde Richtfest gefeiert.

Dem geladenen Genossen Rudolf Hilfenhaus, SPD-Chef des Unterbezirks Fulda-Land, verdarb es den Schmaus, und als »engagierter Sozialdemokrat und Christ« wandte er sich bald danach in einem offenen Brief gegen die »Anmaßung und Geschmacklosigkeit« des Zimmermanns. Hilfenhaus: »Wer gibt ihnen eigentlich das Recht, Gott zum Verbündeten gegen eine Ihnen nicht genehme politische Gruppe anzurufen?«

Die Antwort schien einfach, denn in die Kluft des Zimmermanns war der CDU-Fraktionssprecher Oskar Dreifürst aus dem benachbarten Petersberg geschlüpft, ein Angestellter der Baufirma. Doch die Posse geriet zum Politikum, als der Fuldaer Pfarrer Josef Schydlo den Richtspruch in der lokalen Presse »einem jeden wahren und besorgten Demokraten« als »allgemeinen und täglichen Gebetswunsch« empfahl.

Jungsozialisten beschimpfte der katholische Geistliche als »wachsende terroristische, brandrote radikalsozialistische Brut«, die »flankiert und hofiert« sei von einer »nicht zu unterschätzenden Brut salonanarchistischer und nihilistischer Intellektueller« -- etwa »Professoren und Fernsehmoderatoren, Schriftsteller und Journalisten«. Und der Ortsgeistliche Konrad Graf aus der Nachbargemeinde Hauswurz wertete die »politischen Aussagen« seines »lieben Mitbruders Josef Schydlo« in öffentlicher Stellungnahme als »goldrichtig«.

So offen und öffentlich war im osthessischen Fulda, wo die Grenze der DDR so nah und die Größe des CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger unerreicht ist (Landtagswahl 1970: 65,3 Prozent), die Geistlichkeit schon lange nicht mehr gegen die Genossen angegangen. »Gerade in letzter Zeit«, klagt der einheimische SPD-Bundestagsabgeordnete Günther Wuttke, »ist es viel schlimmer geworden.«

Den alten Ton hatte zuerst wieder der Ortsgeistliche von Schmalnau, Martin Jäger, angeschlagen. »Die SPD«, so schrieb er Anfang März und rund acht Tage vor einer kommunalen Wahl in seinem »Pfarr-Blatt Sankt Martin Schmalnau«, sei nun »für einen Christen nicht mehr wählbar«. Grund: der »Mordvorschlag von Bonn« -- die von der sozialliberalen Koalition betriebene Neuregelung des Paragraphen 218.

Hirtenbrief-Schreiber Jäger, der in der örtlichen CDU als Schriftführer dient, wies die Alternative: »SPD-Mann oder Katholik!«

Ein Christ könne keine Partei wählen, »die mit 90 Prozent ihrer Delegierten auf dem Parteitag für Mord plädiert, deren junge Generation (Jusos) zum Kirchenaustritt aufruft« und »die unter dem Deckmantel der Freiheit einer Sexualisierung und Radikalisierung Tür und Tor öffnet«.

Mit »diesem Pfarrbrief«, fand der Lauterbacher SPD-Chef Fritz Kumpf, habe Seelsorger Jäger »das Recht auf die Bezeichnung Pfarrer verwirkt«. Abgeordneter Wuttke: »Ein Scharfmacher in der Soutane.«

Die hohe Geistlichkeit freilich beurteilt den Fall ihres Mitbruders weniger schroff. Zwar empfand Justitiar Heinz Brauburger vom Kommissariat der hessischen Bischöfe in Wiesbaden das Pamphlet der Pfarrei als »sehr happig« und »makabren Scherz«. Beim Fuldaer Bischof Adolf Bolte aber darf Schmähschrift-Verfasser Jäger auf Milde hoffen. Der Oberhirte ließ mitteilen, dies alles sei für ihn »ein Stück freie Entscheidung, ein Stück Pluralität«.

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