Zur Ausgabe
Artikel 27 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SPIONAGE Sehr, sehr offen

Ein CSU-Funktionär und ehemaliger Bundeswehroffizier wird verdächtigt, Unions-Interna an die DDR verraten zu haben. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

In die Reihen der Christlich-Sozialen ist eine empfindliche Lücke gerissen. Ein gewichtiges Mitglied der CSU-Seilschaft in den bundesdeutschen Geheimdiensten ist bis auf weiteres unabkömmlich. Die Bundesanwaltschaft hat ihn abgeknüpft.

Fregattenkapitän außer Diensten Wilhelm Reichenburg, 63, bekennender Antikommunist, sitzt in Untersuchungshaft. Der CSU-Rechtsaußen wird verdächtigt, jahrelang für die DDR spioniert zu haben. Reichenburgs Gesinnungsgenossen bei der Union und deren Helfershelfer sind in heller Aufregung: Der Marine-Offizier war tief in die Geheimnisse und Machenschaften seiner - vorgeblichen - politischen Freunde eingeweiht.

Am Vormittag des 1. August wollte Reichenburg seine Wohnung im dritten Stock in der Münchner Knappertsbuschstraße 4 verlassen, da griffen Beamte der Staatsschutzabteilung des Bundeskriminalamtes zu. Der Mann, erinnern sich die Polizisten, »war total von den Socken«, als sie ihm den Haftbefehl des Karlsruher Ermittlungsrichters vorhielten.

Beim Durchsuchen von Reichenburgs Wohnung fanden die Staatsschützer zwar stapelweise amtliche Papiere; aber das Material, darunter ein Papier über die »Sicherheitslage in Bayern« sowie Statistiken über Wehrdienstverweigerer, so erkannten sie nachher, »war von kleinem Kaliber« und enthielt »nichts Brisantes«.

Das muß nicht für ihn sprechen. Schließlich war Reichenburg vom Fach. Von 1970 bis zu seiner Pensionierung 1978 gehörte der Bundeswehroffizier zum Wehrbereichskommando VI in München. Als sogenannter S 2-Offizier war er für Sicherheit und Abwehr zuständig, darüber hinaus hatte Reichenburg noch eine Sonderfunktion: Er hielt den Kontakt zum Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bei München und zum Referat Fü S II 3 im Bonner Verteidigungsministerium, das mit der sogenannten Wehrlage Ost befaßt ist.

Wieviel Reichenburg wußte und ob er tatsächlich Nato- oder Unions-Geheimnisse an den Osten verraten hat, darüber rätseln die Ermittler noch. Ein Mitarbeiter des Springer-Verlages, mit Reichenburg gut bekannt, scheint mehr Erkenntnisse zu haben: »Der Mann hat enorm viel Geheimes gewußt.«

In Verdacht geraten war Reichenburg vor etwa einem dreiviertel Jahr. Damals, so ein Abwehr-Mann, soll er versucht haben, »einen früheren Kollegen, einen pensionierten Offizier«, für das Ost-Berliner

Ministerium für Staatssicherheit (MfS) anzuwerben. Reichenburg habe dem Mann etwas »von einem Amerikaner« erzählt, der an Informationen interessiert sei. Der Kollege habe sich an den Militärischen Abschirmdienst (MAD) gewandt, von da an sei Reichenburg observiert worden. Der von Reichenburg angesprochene Offizier, so der Staatsschützer, habe zum Schein mitgespielt und Reichenburg fingiertes Material übergeben. Weil der angebliche Amerikaner leicht sächselte, sei dem Kollegen gleich der Verdacht gekommen, daß es sich um einen MfS-Mitarbeiter handeln müsse.

Am vergangenen Montag baten die Ermittler einen Reichenburg-Vertrauten zur Vernehmung: den Journalisten Helmut Bärwald.

Reichenburg und Bärwald kennen sich aus gemeinsamen Kampfzeiten im Kalten Krieg. Bärwald war damals Mitarbeiter des »Ostbüros« der SPD, einer gegen die DDR gerichteten Nachrichten- und Agentenzentrale. Die Bundeswehr leistete den Genossen bei schwierigen Operationen Schützenhilfe, so etwa, wenn sie mit einem Ballon Propagandamaterial in die Sowjetzone beförderten.

Reichenburg machte mit. Seit 1963 war er bei der Bundeswehr in Andernach als freier Mitarbeiter tätig - als Spezialist für psychologische Kriegführung. 1967 wurde der ehemalige Oberleutnant zur See von der Bundeswehr als Kapitänleutnant reaktiviert und betrieb nun hauptberuflich von Andernach aus Propaganda gegen die DDR.

Nachdem in Bonn die SPD an die Macht gekommen war und auf Entspannungspolitik umgeschaltet hatte, wechselte Mitstreiter Bärwald zur CDU. Reichenburg zog nach München. Die alten Kameraden blieben in Kontakt.

In der CSU, die zu jener Zeit gegen die sozialliberale Ostpolitik ankämpfte, war jeder willkommen, der mit militantem Antikommunismus und Attacken auf die Roten in Bonn von sich reden machte. Reichenburg war so einer.

Ernst Martin, in den siebziger Jahren Mitarbeiter in Löwenthals ZDF-Magazin, erinnert sich, daß damals nicht groß gefragt wurde, wie es um die Zuverlässigkeit der Mitkämpfer stand. An Reichenburg sei er, sagt Martin, durch eine Empfehlung gekommen. Daß der Fregattenkapitän »gute Drähte zum BND hatte«, habe man natürlich gewußt. Wenn das ZDF-Magazin mal einen besonderen Wunsch hatte, war Reichenburg gern behilflich - etwa als die Mainzelmänner Überläufer der DDR-Volksarmee einvernahmen. Martin: »Das hat Reichenburg vermittelt.«

Auch die CSU-Führung mochte die Mitarbeit des Offiziers nicht missen. Die Bayern rüsteten 1980 zum Wahlkampf für ihren Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Besonders interessiert waren sie an Konzeption und Planungen der SPD, vor allem aber an Material über die Teilnahme von Helmut Schmidt als Zuschauer an einem Prozeß vor dem Volksgerichtshof während der Nazizeit. Doch trotz seiner Beziehungen zu amerikanischen Nachrichtendiensten konnte Reichenburg nicht liefern.

Immerhin war Reichenburg inzwischen so tief in den CSU-Apparat integriert, daß er mitbekam - und weitererzählte -, was da so alles über prominente Unionschristen getratscht wurde. So amüsierte man sich über eine Abtreibung und einen saftigen Strauß-Kommentar dazu: Zur Politik sei der Parteifreund zu blöd und zum Bumsen erst recht.

Besonders eifrig arbeitete Reichenburg im wehrpolitischen Arbeitskreis der CSU mit, dessen Unterbezirk München-Ost er leitete. Kaum eine der Gesprächsrunden mit namhaften Militärs und Verteidigungspolitikern ließ er aus, auch der jetzige Verteidigungsminister Manfred Wörner war regelmäßig Gast bei diesen CSU-Konferenzen.

Gerade solche Anlässe boten Reichenburg ideale Möglichkeiten zur Recherche. »Da wird natürlich geredet«, so ein Reichenburg-Konfident, »da ist er ran

an die Generäle, und die Militärs sind dort natürlich sehr, sehr offen, die denken doch, sie seien unter Freunden. Reichenburg hat dort eine Menge Dinge gesehen und gehört, die geheim waren, das ist gar keine Frage.«

Auch als er pensioniert wurde, ließ man den alten Kameraden nicht hängen. Nachrichtendienstler schanzten ihm Jobs zu, so zum Beispiel als Sicherheitsberater namhafter Firmen. Und auch die Freunde von der Presse vergaßen den Zuträger nicht.

Vom Springer-Verlag wurde der Pensionär auf kniffelige Recherche nach Wien entsandt, von wo er allerdings außer deftigen Spesenrechnungen nichts mitbrachte. Oder er wurde von Springer-Leuten eingeschaltet, als es darum ging, eine Mitarbeiterin zu überprüfen. Die Frau war anonym denunziert worden, für den DDR-Nachrichtendienst zu arbeiten. Wieder lieferte Reichenburg nichts außer einer saftigen Rechnung. Die Vorwürfe gegen die Frau waren haltlos.

Finanziell stand Reichenburg sich nicht schlecht - über 3000 Mark Pension, dazu soll er als fester Mitarbeiter eines privaten Münchner Sicherheitsdienstes ein Fixum von 900 Mark erhalten haben und obendrauf noch ein Zubrot beim »Bayerischen Verband für Sicherheit in der Wirtschaft« mit Vorträgen und Seminaren auf Honorarbasis.

Reichenburgs Motive, wenn er denn tatsächlich für die DDR gearbeitet hat, sind der Bundesanwaltschaft noch rätselhaft. Aber eines scheint in Karlsruhe jetzt schon festzustehen. »Es kann sein«, so ein Staatsschützer, »daß der Fall aus der Sicht der CDU/CSU viel unangenehmer ist als unter nachrichtendienstlichen Gesichtspunkten.«

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.