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ÖSTERREICH Sehr, sehr schwer

Rastlos schlägt Altkanzler Kreisky auf seinen einstigen Liebling Androsch ein. In ihm bekämpft er die Generation der grundsatzlosen Macher - die er selbst in den Sattel hob. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Nun schreckt er also vor nichts mehr zurück. Kürzlich nannte Ex-Bundeskanzler Bruno Kreisky seinen Ex-Politsohn, Ex-Vizekanzler und Ex-Finanzminister Hannes Androsch einen »miesen Charakter«. Und weil ihm das offenbar noch nicht schimpflich genug erschien, fügte er die für österreichische Sozialisten ärgste Injurie hinzu: »Er ist ein Kapitalist.«

»Bis zum sozialistischen Parteitag soll Androsch auch als Wirtschaftsexperte abgeräumt sein wie ein Christbaum nach dem 6. Januar«, enthüllt ein Insider die Absichten Kreiskys, der schon seit Mai nicht mehr Kanzler ist, aber den Vorsitz der SPÖ erst auf dem Parteitag am 27. Oktober an seinen Nachfolger Sinowatz abgibt.

Schon während seines langen Sommerurlaubs auf Mallorca kramte Kreisky in Erinnerungen, dem einzigen Paradies, aus dem alternde Staatsmänner durch niemanden vertrieben werden können.

Dabei fielen ihm immer wieder die Missetaten des schönen Hannes Androsch ein, die allesamt ein und dieselbe Wurzel hatten: Androschs aufsteigerischen Hang zum süßen Genuß.

Nie war der Jungstar aus dem Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf mit der Machtfülle des Politikers zufrieden gewesen. Er wollte auch den Reichtum, den nur ein Geschäftsmann zusammenraffen kann. Deshalb gründete er als Finanzminister nebenberuflich die Steuerberatungskanzlei »Consultatio«, aus der rasch ein Branchenriese wurde.

Deshalb ließ er sein Wohnhaus auf nicht eben stilreine Art kaufen - via Schwiegervater, nämlich den Bruder des ehemaligen Bundespräsidenten Adolf Schärf - mit einem billigen Vorzugskredit.

Deshalb auch ließ er seine Privatgeschäfte von allzu cleveren Freunden betreiben, die ihn fast zwangsläufig in Korruptionsverdacht brachten.

Wegen solchen Lebenswandels - und weil er allzu ungeniert auf die Kreisky-Nachfolge spekulierte - verstieß der damalige Kanzler seinen einstigen Liebling. Ende 1980 gab Androsch seine Regierungsämter auf und wich in die Chefetage der Staatsbank Creditanstalt (CA). Dort war er aber vor der Rache des Meisters keineswegs sicher.

Je mehr es mit dem Kanzler bergab ging, um so böser verbiß sich Kreisky in das Feindbild Androsch. Dabei vermochte er außer den bekannten Vorwürfen nur eine einzige neue Geschichte zu erzählen. Die aber scheint ihm heute typisch für die angeblich durch und durch verwerfliche Persönlichkeit des Hannes Androsch.

Er habe, erinnert sich Kreisky, im Frühling 1970 den erst 32jährigen Nationalökonomen zu sich geholt und gefragt, ob er sich die Führung des Finanzministeriums zutraue. Und was antwortete der penetrant selbstbewußte Kerl da? _(Mit Schlagersänger Roberto Blanco beim ) _(Wiener Opernball 1980. )

Kreisky wörtlich: »Zu meinem Erstaunen hat er, ohne mit der Wimper zu zucken, ja gesagt. Er hätte sagen können, ich weiß das nicht, das können andere besser beurteilen. Er hat ja gesagt. Mit 32 Jahren!«

Spätestens bei dieser skurrilen Klage kam nicht nur Psychologen der Verdacht, daß Kreisky mit seinen Schlägen auf Androsch vor allem eine eigene Lebensschuld ausmerzen möchte.

Dem honorigen, zu gestrigen Bürgertugenden erzogenen Altkanzler geht es vorrangig um die Frage, welche Art Funktionäre künftighin in der SPÖ das Sagen haben sollen - die kaltschnäuzigpragmatischen Macher a la Androsch oder die gläubigen Linksutopisten, für die der reine Sozialismus noch eine große Zukunft hat.

Bruno Kreisky bekämpft erst in zweiter Linie den Mann Androsch, angeblich seine »größte menschliche Enttäuschung«. In erster Linie bekämpft er den gängigen Politikertypus der österreichischen Sozialdemokratie, die längst keine Arbeiterpartei mehr ist.

Kreisky selbst war es freilich, der den »Typus Androsch« (so Wiens »Kurier") systematisch in jene Spitzenpositionen von Staat, Staatswirtschaft und Verbänden gebracht hat, wo er jetzt beinahe allmächtig sitzt.

Als Langzeitkanzler der sozialistischen Alleinregierung von 1970 bis 1983 wußte Kreisky von Anfang an um Androschs »Consultatio«, bevor er sie 1978 plötzlich anstößig fand. Ebenso wußte er um die teilweise haarsträubenden Privilegien der Politiker, die er jetzt beseitigen will, weil »sonst die Partei stirbt":

Sogar den laut beklagten Moralverfall muß sich Kreisky selber zuschreiben. Da er das Prinzip »leben und leben lassen« zur Maxime seiner Regierungszeit erhob, förderte er die kollektive Bewunderung für Leute, die sich''s irgendwie richten konnten, billigte er, daß der Weg durch die Hintertür heute als Nachweis hoher Befähigung gilt.

Daß dies so ist, erklärt, warum Kreisky mit seinen Dauerattacken gegen Androsch bislang kaum ankam: Der großspurige Geschäftemacher Androsch genießt aller Kreisky-Klage zum Trotz nach wie vor die volle Bewunderung der kleinkarierten Parteifunktionäre; er wird allgemein als Finanzgenie anerkannt, gar als flotter Tausendsassa geliebt; seine Rückkehr in die Politik erscheint keineswegs ausgeschlossen.

Er und seine Fans betrachten den Generaldirektorsessel lediglich als Wartebank für den endgültigen Sprung ins Kanzlerzimmer am Ballhausplatz.

Um nun doch noch, in letzter Minute vor dem SPÖ-Parteitag, von dem sich Androsch die Wiederwahl in den Parteivorstand erhofft, eine Wende in der öffentlichen Meinung herbeizuführen, wandte Kreisky eine Doppelstrategie an.

Einerseits gedenkt er klarzustellen, daß »der beste Finanzminister der Zweiten

Republik« (so Kanzler Kreisky noch 1981) in Wahrheit ein Schuldenmacher war - und beim Nachweis dieser Anklage hilft Androsch-Nachfolger Herbert Salcher gern mit. Salcher: »Nicht weniger als 63 Prozent der heutigen Staatsschulden stammen aus der Zeit, als Androsch noch das Finanzministerium führte.«

Andererseits will der abtretende SPÖ-Chef auf dem Parteitag sein gesamtes persönliches Prestige gegen Androsch in die Waagschale werfen. Es werde für ihn, droht er den Genossen, »sehr, sehr schwer sein«, den offerierten Ehrenvorsitz der SPÖ auf Lebenszeit anzunehmen, falls Androsch abermals für den Parteivorstand kandidiere.

Ein Erfolg scheint trotzdem zweifelhaft. Das Wiener Nachrichtenmagazin »Profil« sieht Bruno Kreisky eher als unfreiwilligen Wahlhelfer für Androsch: »Indem der große alte Mann einer versinkenden SPÖ seinen verlorenen Sohn mit solcher Vehemenz bekämpft, erhebt er ihn taxfrei zum großen jungen Mann einer künftigen SPÖ.«

Mit Schlagersänger Roberto Blanco beim Wiener Opernball 1980.

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