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TAIWAN Sehr wütend

Taipehs Geheimdienst ließ einen Regimekritiker in den USA ermorden. Die Beziehungen zu Washington stecken in einer schweren Krise. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Die Täter, mindestens zwei, lauerten ihrem Opfer vor dessen Garage auf: Zwei Schüsse in den Leib, ein Schuß in den Kopf beendeten das Leben des amerikanischen Schriftstellers chinesischer Herkunft Henry Liu, 52.

Das Verbrechen geschah im Oktober vergangenen Jahres in Daly City, Kalifornien. Die Mörder, angeführt von einem gewissen Tschen Tschi-li, waren Chinesen aus Taiwan, allem Anschein nach professionelle Gangster.

Nach dem Mord setzte sich Tschen Tschi-li wieder in seine Heimat ab. Bei der Ankunft auf Taipehs »Tschiang Kaischek«-Flughafen wurde Tschen von einem Oberst des taiwanesischen militärischen Geheimdienstes begrüßt. Zufall?

Auf Taiwan gehen nach amtlichen Schätzungen gut 50 000 in Syndikaten zusammengefaßte Gangster ihren dunklen Geschäften nach: Zuhälterei, Erpressung von Schutzgeldern, Bestechung von Politikern, wie selbst die regierungsnahe Presse in Taipeh vermutet.

Die Regierung beschloß vergangenen November, ihnen das Handwerk zu legen: Polizei und Geheimdienst schlossen sich zur »Operation gründliche Reinigung« zusammen. Auf einen Schlag wurden mehr als 400 Gangster festgenommen. Die Greifertrupps erfuhren ihre Einsatzorder erst in letzter Minute aus versiegelten Umschlägen: eine Vorsichtsmaßnahme, die verhindern sollte, daß die Unterwelt vorzeitig Lunte roch.

Unter den Verhafteten befand sich der Boß der »Bambus-Vereinigung«, Taiwans größter Gang mit über 10 000 Mitgliedern. In einschlägigen Kreisen bekannt ist er unter dem Decknamen »Trockenente« - die Polizei kennt ihn als Tschen Tschi-li. Tschen, inzwischen gegen Kaution wieder frei, gestand den Mord an Liu. Ungeklärt blieb vorerst, warum ein so mächtiger Syndikatsboß wie Tschen persönlich mörderische Dreckarbeit ausführen sollte, die er einfach an kleine Ganoven hätte delegieren können.

Die »gründliche Reinigung« wirbelte plötzlich viel Schmutz auf - und geriet zum Politikum. Wer waren Tschens Auftraggeber? Und warum mußte Henry Liu sterben?

Das amerikanische FBI schickte Ende Januar zwei seiner Agenten nach Taipeh, mit Billigung der taiwanesischen Regierung, Tschen Tschi-li zu vernehmen. Denn eine Spur zu den Hintermännern hatte das FBI bereits entdeckt. Nach dem Mord in Kalifornien hatte Tschen mit Taipeh telephoniert, genauer: mit Oberst Tschen Hu-men, Vizedirektor des taiwanesischen militärischen Geheimdienstes. Tschen am Telephon: »Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt.«

Hatte der Oberst den Mord befohlen? War es gar ein Komplott? Die Geheimdienst-Connection war unübersehbar. Taiwans Präsident Tschiang Tschingkuo, so ein Regierungssprecher in Taipeh, »war sehr wütend« - und verfügte sofort persönlich die Einsetzung einer Sonderkommission, den Mord an Liu zu untersuchen.

Schließlich kam Taiwans Regierung nicht mehr umhin, öffentlich einzugestehen, daß ihr Geheimdienst zumindest der Komplizenschaft am Liu-Mord schuldig sei: Oberst Tschen Hu-men wurde verhaftet; er soll von dem Mord vorab Kenntnis gehabt haben. Festgenommen wurde auch Generalmajor Hu Yi-min, ebenfalls Vizedirektor des Geheimdienstes. Und schließlich gab Tschiangs Regierung die lakonische Erklärung ab, Vizeadmiral Wang Hsi-ling, Chef des militärischen Geheimdienstes, sei »aus bestimmten Gründen« seines Postens enthoben worden.

Der bestimmte Grund ist Henry Liu - und sein gewaltsamer Tod belegt erstmals, was oft vermutet wurde, bislang aber nie bewiesen: Taiwans Staatssicherheit schreckt auch nicht vor Mord im Ausland zurück, um sich unbequemer Regimekritiker zu entledigen.

Henry Liu, auf dem chinesischen Festland als Sohn eines wohlhabenden Grundbesitzers geboren, 1948 nach Taiwan geflohen, war ein alter Bekannter - und Kritiker - des nationalchinesischen Präsidenten Tschiang Tsching-kuo. Liu hatte in den 50er Jahren Karriere gemacht beim taiwanesischen Geheimdienst - bei der Abteilung politische Kriegführung im Verteidigungsministerium. Sein damaliger Chef: der heutige Präsident.

Später ging Liu immer deutlicher auf Distanz zu Taiwans Regierungspartei Kuomintang, quittierte den Geheimdienst und versuchte sich als Journalist. 1967 emigrierte er schließlich nach Amerika und wurde US-Staatsbürger.

1975 veröffentlichte Liu eine sehr kritische Biographie Tschiang Tschingkuos, zunächst als Artikel-Serie in der chinesisch-sprachigen Zeitung »The Tribune« in Los Angeles, später als Buch. Darin behauptet der Insider, der Taiwan-Präsident habe seine damalige Stellung als Chef des Geheimdienstes in den fünfziger Jahren dazu mißbraucht, den Parteiapparat und damit die ganze Insel unter seine Kontrolle zu bringen. Das Buch, in dem auch Tschiang Kai-schek nicht gerade gut wegkommt, ist auf Taiwan verboten.

Mehrfach sollen taiwanesische Agenten Liu 40 000 Dollar geboten haben, wenn er das Werk zurückziehe. Vergabens: Vergangenen Sommer erschien eine überarbeitete zweite Auflage der Biographie.

Bis zu seinem Tod arbeitete Henry Liu, der unter dem Pseudonym Tschiang Nan veröffentlichte, an einer Geschichte der Kuomintang, einer allem Anschein nach beißenden Abrechnung mit seiner früheren politischen Heimat.

Deshalb wohl mußte der Autor sterben. »Ich wußte von Anfang an«, sagt seine Witwe Helen, 41, »daß es ein politisch motivierter Mord war.« Und wenn er das war, woran Zweifel kaum noch angebracht sind, hat er der Republik China eine ihrer schwersten Krisen in den Beziehungen zu den USA beschert.

Seit die Vereinigten Staaten 1979 diplomatische Bande mit Peking knüpften, unterhält Taipeh nur noch inoffizielle Beziehungen zu Washington. Gleichwohl sind die USA Taiwans wichtigster Verbündeter - vor allem als Waffenlieferant. Allein in diesem Jahr will Taiwan in den Staaten Verteidigungs-Hardware für 780 Millionen Dollar kaufen.

Diese Lieferungen könnten nun gefährdet sein, wie etwa schon der US-Abgeordnete Stephen Solarz, über den Mord an Liu »hell empört«, andeutete. Allerdings meinte das konservative »Asian Wall Street Journal«, »US-Waffenlieferungen einzustellen« werde »wahrscheinlich keine politische Lockerung des taiwanesischen Regimes bewirken, vielleicht sogar eher das Gegenteil«.

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