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»Sei realistisch, verlang das Unmögliche!«

Gewalttätigkeit gegen Lehrer, Diskriminierung von Farbigen, veraltete Lehrpläne und Campus-Revolten -- darunter leidet das amerikanische Bildungswesen, das dennoch mehr Nobelpreisträger hervorgebracht hat als jedes andere. Denn die USA wenden einen doppelt so großen Anteil am Sozialprodukt für Erziehung auf wie die Bundesrepublik, und -- so ein deutscher Amerikanist -- »mit der mutigen Experimentierfreudigkeit der amerikanischen Pädagogik kann sich Kontinentaleuropa nicht messen«. Der SPIEGEL wird in weiteren Reports auch über die Bildungssysteme Japans und der UdSSR berichten, über ihre Leistungskraft und Chancengleichheit.
aus DER SPIEGEL 40/1971

In der New Yorker Public School Nr. 63 lauerte der Pennäler Joe. 15, einer jungen Lehrerin auf. Mit einem Metzgermesser bewaffnet, drängte er sie in einen Wandschrank und vergewaltigte sie.

In der High School von Tomah (Wisconsin) ärgerte sich ein 14jähriger über den Rektor Martin Mogensen. Er besorgte sich eine Pistole und erschoß den Schulboß,

In Pontiac (Michigan) verbrannten weiße Reaktionäre Ende August zehn Autobusse, mit denen Kinder in rassisch integrierte Schulen gefahren werden sollten. Aufgehetzte weiße und schwarze Pennäler begannen das neue Schuljahr mit Prügeleien.

An der New Yorker Junior High School Nr. 52 terrorisieren Schläger und Erpresser ihre Kameraden. Pennäler Jorge, 15, wirkt -- vergleichsweise friedlich -- als Zuhälter: eines seiner drei Mädchen sitzt mit ihm auf der Schulbank.

Jorge: »Ich kenn noch'n paar andre Pimps in unserer Penne. Sie tun es, weil es der leichteste Weg ist, um Geld für Rauschgift zu kriegen.«

Kriminalität, Krawalle und Streiks erschüttern Amerikas öffentliches

* Am 30. August in Pontiac (Michigan).

Schulwesen. Zumal in den Großstädten »ist die Gewalttätigkeit der Jugendlichen zum Schulproblem Nummer eins geworden« (so die Vorsitzende eines Elternverbands).

Zwischen 1964 und 1968, das ergaben Umfragen in 110 Städten, kletterte die Mordziffer an den Schulen von jährlich 15 auf 26, die Zahl der Raubüberfälle von 396 auf 1508. Allein in Chicago werden jährlich über 1000 Lehrer von ihren »students« tätlich angegriffen.

Und selbst Pädagogen, die heil über die (Unterrichts-)Runden kommen, bekräftigen das Urteil eines Kollegen aus San Francisco: »Unsere innerstädtischen Schulen werden immer mehr zum inferno,«

Die Welle der Gewalt rührt nur zum Teil daher, daß die Pathologie der städtischen Gettos -- gekennzeichnet durch Elend, Verbitterung. Aggressivität -- nun auf die Schulen überbrandet. Hauptursache des Pennäler-Aufruhrs sind vielmehr Mißstände im Schulsystem selbst: veraltete Lehrpläne, geistloser Unterricht, autoritäres Regiment --

Es sind Mängel, die auch vielen Bildungseinrichtungen der weißen Mittelklasse -- in gepflegten Schlafstädten weitab von tristen Negerslums -- anhaften. Auch Suburbia erlebt Vandalismus, wird von rüden Pennäler-Protesten heimgesucht.

Die meisten US-Schulen, rügte der Erzieher und Publizist Charles Silberman in seinem Bestseller »Crisis in The Classroom«, seien »düstere, freudlose Orte mit erdrückenden. kleinkarierten Regeln«, mit einer intellektuell wie ästhetisch sterilen Atmosphäre. Erschreckt bemerkte Silberman. wie Spontaneität und Lernfreude der Kinder »verstümmelt« werden.

Besonders die High School -- Hauptpfeiler der amerikanischen Gesamtschule ist ins Zielfeuer der Kritik geraten. Den Pädagogen Ronald Gross und Paul Osterman gilt sie als »der absurdeste Teil eines von Absurdität durchdrungenen Systems« --

Gewiß, noch halten die meisten US-Bürger derlei Attacken für überspitzt. Aber immer deutlicher rücken Mängel und Widersprüche das Bildungswesen der Nation ins öffentliche Bewußtsein.

Das amerikanische Bildungssystem ist durchlässiger als das fast aller Industriestaaten. 52 Millionen Schüler bevölkern Amerikas Grund- und Sekundarschulen. Drei Viertel aller Teens absolvieren mit 17 oder 18 Jahren die High School; die Hälfte der Absolventen geht weiter aufs College.

Die ersten beiden Jahre im US-College entsprechen etwa der deutschen Unter- und Oberprima, die beiden folgenden Jahre sodann den ersten vier Semestern eines deutschen Uni-Studiums. Wer über den College-Abschluß hinaus einen Master- oder Doktorgrad erwerben will, besucht die Universität.

Die Vereinigten Staaten bilden -- bei etwa gleicher Bevölkerungszahl -- dreimal so viele Naturwissenschaftler aus wie die sechs EWG-Staaten zusammen Amerika ist das Land mit den meisten Nobelpreisträgern, und es besitzt die meisten Patente; Amerikaner eroberten den Mond.

Der technologische Vorsprung der USA und damit zugleich »die amerikanische Herausforderung« (J.-J. Servan-Schreiber) an Europa sind unbestreitbar. Großzügige Bildungsförderung trägt bei zu diesem Erfolg: Sechs Prozent ihres Bruttosozialprodukts geben die USA für Erziehung aus, fast doppelt soviel wie die Bundesrepublik.

Doch so eindrucksvoll dieser Bildungs-Boom auch ist -- er wird konterkariert durch Versäumnisse. durch Fehlentwicklungen:

* Ihr selbstgestecktes Ziel »gleiche Bildungschancen für alle« haben die USA noch längst nicht erreicht.

* Hunderttausende von Jugendlichen verlassen die Schule praktisch als Analphabeten; die US-Regierung muß sogar noch »das Recht, zu lesen« proklamieren.

* Die Rassenintegration im Bildungswesen macht nur formal Fortschritte. Der Rassenkonflikt in Schule und Gesellschaft hat kaum nachgelassen. > Immer mehr Amerikaner gehen nur aus Prestige-Gründen aufs College. Die Ausbildung für praktische Berufe wird vernachlässigt.

Die US-Hochschulen produzieren derzeit mehr Akademiker, als das Land gebrauchen kann. Allein 50 000 Ingenieure und Naturwissenschaft -- ler sind arbeitslos.

»Die Schule als Ausgleichsrad des sozialen Getriebes«.

Generationen hindurch hatten die US-Bürger geglaubt, ihr Bildungssystem sei der beste Garant einer zugleich offenen und leistungsfähigen Gesellschaft. Der bedeutende Pädagoge Horace Mann etwa rühmte 1848 die -- damals noch nicht verwirklichte -- öffentliche Schule als den »großen Gleichmacher« der Chancen, als das »Ausgleichsrad des sozialen Getriebes«. Diese Schule nehme den Armen ihre Feindschaft gegen die Reichen, ja, mehr noch: »Sie verhindert es, arm zu sein?

Ein chancengleiches Bildungssystem. so hofften die Amerikaner überdies, könne die heterogenen Einwanderer-Elemente zu einer demokratischen Nation zusammenfügen -- als pädagogischer Schmelztiegel, der aus grundverschiedenen ethnischen Gruppen gute US-Bürger macht.

So wurde die öffentliche Schule zum wichtigsten Bestandteil des amerikanischen Traums von der glücklichen Gemeinschaft der Freien und Gleichen.

Doch es war, wie die »Saturday Review« Ende 1970 resignierte. ein »unmöglicher Traum« -- und der Traum ist zu Ende. Denn gemessen an den hohen, allzu hohen Erwartungen. »hat das Schulsystem versagt«.

Zwar steht fest, daß die amerikanische Gesamtschule einzelnen, bildungsorientierten Einwanderergruppen -- besonders den Juden -- zu sozialem Aufstieg verholfen hat. Für andere Gruppen jedoch, etwa für Italiener, Iren, Slawen, war Schulbildung kein wesentliches Mittel der Mobilität. Ihnen gelang der Sprung ins Mittelklasse-Dasein eher durch Geschäftserfolg. durch Politik -- oder gar durch Methoden im Mafia Stil.

»Die Schulen sind große Sortiermaschinen.«

Entscheidender ist: Amerikas Erziehungssystem benachteiligt rassische Minderheiten und Arme. Kinder aus diesen Schichten wachsen zumeist in einer deprimierenden, bildungsfeindlichen Atmosphäre auf; sie hahen des. halb ein Handicap gegenüher den »kids« des weißen Mittelstands. Und die Schulen erweisen sich außerstande, ihre von Horace Mann beschworene »Gleichmacher«-Aufgabe zu erfüllen -- im Gegenteil. Amerikas Schulen. zürnte der kalifornische Pädagogik-Profi John Goodlad, »sind große Sortiermaschinen geworden. Sie etikettieren diejenigen, welche vermutlich -- als Erwachsene Sieger oder Verlierer sein werden. Häufigstes Sieger-Kennzeichen: weiß und wohlhabend: Kennzeichen der Verlierer: »arm und schwarz oder braun oder rot«.

Die Sortiermaschine funktioniert. Während der Schulzeit wächst das milieubedingte Leistungsgefälle zwischen Kindern aus höheren und niederen gesellschaftlichen Schichten.

Ein durchschnittlicher Negerschüler aus dem urbanen Nordosten der USA ist in der dritten Klasse im Lesen eineinhalb Jahre hinter seinem weißen Kameraden zurück; bis zur letzten, der 12. Klasse, vergrößert sich der Abstand auf drei Jahre. Ähnlich schlecht schneiden bei den Tests die »Chieanos« (Mexiko-Amerikaner), die zweit stärskte rassische Minderheit. sowie Puertoricaner und Indianer ab.

Am allerwenigsten, so ermittelten Bildungs-Testler, lernen Schwarze im rückständigen, ländlichen Süden der USA. Ein durchschnittlicher Negerschüler aus dem Mississippi-Delta kann erst in der 12. Klasse soviel leisten wie ein weißer Boston-Boy in der siebenten.

Damit ist das Ausmaß der Bildungsmisere nur angedeutet. Ein Viertel aller Schüler hält nicht bis zur 12. Klasse, bis zum High-School-Zeugnis, durch; unverhältnismäßig viele in dieser Gruppe gehören zu den Minderheiten.

Sie besuchen das Pennal höchstens so lange. wie das Gesetz des jeweiligen Bundesstaates es befiehlt: bis zum 16. oder 17. Lebensjahr. Dann geben sie auf. Von der Industrie werden diese sogenannten »drop outs« als letzte angeheuert, und bei herannahender Wirtschaftsflaute als erste gefeuert.

50 Prozent der New Yorker Arbeitslosen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren sind praktisch Analphabeten. Je schneller in der US-Wirtschaft »Muskelkraft durch Grips ersetzt wird« (Charles Silberman), um so schwerer finden sie Jobs.

Nur wenigen Kindern der Armen und der Farbigen gelingt der lange Marsch ins College. Lediglich 5,5 Prozent aller US-Studenten stammen aus jenen Familien, die auf der untersten Stufe der Einkommenspyramide rangieren.

Gleichheit der Bildungschancen erfordert Vorschulerziehung. 1965 startete Präsident Lyndon Johnson als Teil seines »Feldzugs gegen die Armut« ein umfassendes Vorschulprogramm: die Aktion »Head Start« (Frühstart).

Sie sollte Bildungsbarrieren abbauen und mithelfen, den Kreislauf des Slum-Lebens -- Elend, schlechte Schulbildung, Arbeitslosigkeit, Asozialität und wieder Elend -- zu durchbrechen.

Doch der Nutzen dieser Kampagne ist umstritten. Obgleich die »Frühstarter« -- bisher vier Millionen Kinder -- beim Schuleintritt etwas bessere Testergebnisse erzielen als jene, die nicht an dem Programm teilnehmen, geht dieser meßbare Vorsprung bald wieder verloren. Washingtoner Erziehungs-Beamte werten den Hickhack um »Head Start« als neuen, traurigen Beweis dafür, daß Amerika »seine Kinder ans Kreuz des Intelligenzquotienten nagelt«.

Einen respektablen Beitrag zur Vorschulerziehung leistet das Bildungsfernsehen -- mit der Serie »Sesame Street«, die Millionen kleiner Zuschauer gleichzeitig begeistert und belehrt. »Bemerkenswert«, fand das Nachrichtenmagazin »Newsweek«, »daß diese Show den Kindern wie Schokolade schmeckt und dabei so gesund für sie ist wie Spinat.« (Von 1972 an soll die vorbildliche Kinder-Show auch über deutsche Bildschirme flimmern.)

Ob »Head Start« oder »Sesaine Street« systematische Vorschulerziehung mit dem Ziel der Chancengleichheit steckt auch in den USA noch in den Anfängen. Schon deshalb verbleibt die Aufgabe, Kinder aus benachteiligten Gruppen zu fördern, eben doch bei Elementary School und High School. Beide aber leisten zuwenig.

»Wir Lehrer müssen heute Aufpasser und Strafvollzugsbeamte sein.«

»Teachers don't care« (die Lehrer kümmern sich nicht), zürnen überall zwischen Washington und Los Angeles Schüler aus Minderheitsgruppen. »Unsere Pauker«, erläutert Marylin, 13, aus dem schwarzen Chicago, »versuchen gar nicht, uns zu verstehen. Hauptsache, wir pinnen brav ab, was an der Tafel steht. Sie denken nicht darüber nach, wieviel wir lernen.«

Hochmut und Rassismus beeinflussen -- bewußt oder unbewußt -- oft das Lehrerverhalten. Beispiel: In einer rassisch gemischten Schule stellt der Lehrer eine Frage. Millie, schwarz, ruft unaufgefordert die Antwort. Darauf der Lehrer: »Red nicht dazwischen und bleib sitzen.«

Wenige Minuten später fragt der Erzieher abermals etwas. Ivia, weiß, blond und blauäugig, ruft dazwischen. Darauf der Lehrer: »Sehr gut, Ivia. Das hast du prima durchdacht.«

Auch schwarze Pädagogen neigen -- weil mittelklassebewußt -- dazu, die Slumkinder zu demütigen. Und solche Demütigung blockiert das Lernen, bestärkt bei den Kindern das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit.

Die Folge ist verstärkte Auflehnung, ist Haß. Was Wunder, wenn die Disziplin zusammenbricht. In manchen Stadt-Schulen schwänzen 25 Prozent der Kinder regelmäßig den Unterricht. Genaue Kontrollen fallen schwer. Denn gewitzte Pennäler lassen sich morgens brav in die Anwesenheitsliste eintragen -- dann verschwinden sie. Wohin (zum Beispiel), das schildert Schwänzer Miguel, 14, aus New York:

Wir gehen in 'ne Wohnung, wo die Eltern nicht da sind. Meistens gehen so 10 oder 20 hin. Wenn du kein Gin hast, lassen sie dich nicht rein. Und dein Gin muß zu allem bereit sein, allem. Manche Typen nehmen Stoff bei den Parties, manche spritzen sich sogar. Die Girls werden high und sexy. Und dann gibt's 'ne rchtige Vergnügungsparty. Zwei Drittel aller Stadt- und Vorortschulen erlebten bereits Pennäler-Krawalle. Um bedrängten Lehrern zu helfen, entwickelte jetzt die Weltraumbehörde Nasa einen Aiarmfederhalter. Damit können bedrohte Pädagogen künftig -- per Ultraschall -- Hilfe von der Schulzentrale anfordern.

Immer häufiger eskaliert der Krawall im Pennal zum Kleinkrieg. Manche Schulbehörden heuern Polizisten in Zivil, um unruhige High Schools überwachen zu lassen; andere mieten Schäferhunde.

Gleichwohl wächst unter den Schulmännern das Gefühl, auf verlorenem Posten zu .stehen. »Wir Lehrer«. erklärte Dr. Edward Goldsmith, Direktor der Northwestern High School in Baltimore. dem SPIEGEL, »müssen heute Aufpasser. Experten für Jugendkriminalität und Strafvollzugsbeamte sein. Wir sind aber eigentlich nur ausgebildet, Mathematik oder sonst ein Fach zu unterrichten. Man überfordert uns

Goldsmiths Schule (die Sonderklassen für schwangere Mädchen einrichten muß) erlebte jüngst eine Messerstecherei sowie einen Raubüberfall durch bewaffnete Rowdies. Mitunter bricht Streit zwischen den weißen, überwiegend jüdischen und den schwarzen Jugendlichen aus: Schulintegration garantiert noch lang keinen Rassenfrieden.

An der »Northwestern High« sind 70 Prozent der 2300 Schüler schwarz. Sie kommen mit Bussen aus dem Getto. Denn Baltimore folgt der gesetzlichen Order zur Integration so wie andere Städte auch: Die Kinder werden täglich aus ihren -- rassisch getrennten -- Wohnvierteln in schwarz-weiße Schulen gefahren.

Vielerorts empören sich weiße Eltern über den Bustransport. Denn die einen hassen die Gemeinschaftsschule und finden es greulich, »daß man unsere Kleinen mit diesen groben Niggergören zusammensteckt« (so eine Schülermutter in Atlanta). Die anderen protestieren, weil die Busfahrt ihrer Kleinen nun länger dauert als der bisherige Weg zur gewohnten Nachbarschaftsschule.

Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder ohnedies am liebsten auf Privat-Institute -- die geben sich vornehm, nennen sich hochtrabend »Akademie« und sind häufig »lilywhite« (lilienweiß). In den Südstaaten kletterte die Schülerzahl solcher »Akademien« auf mittlerweile 700 000.

Das Schulgeld beträgt monatlich etwa 45 Dollar. der Betrag kann von der Steuer abgesetzt werden, was zur Folge hat, daß die öffentlichen, integrierten Schulen der jeweiligen Distrikte nun weniger Geld zur Verfügung haben.

Zwar: 86 Prozent der Pennäler im Süden gehen auf formal integrierte Schulen. Doch oft steht Rassengemeinschaft nur auf dem Papier. So in Houston, wo in einigen »integrierten« Distrikten Schwarze und Chicanos zusammen unterrichtet werden, die Weißen aber für sich bleiben dürfen. Und so in Haynesville (Louisiana), wo rassistische Lehrer bei Prüfungen schwarze Schüler benachteiligten, um auf Grund der Ergebnisse Leistungsgruppen -- hie Schwarze, hie Weiße zu bilden.

Eine Studienkommission liberaler Fachleute registrierte 1970 in Mississippi und Louisiana »den fast totalen Zusammenbruch der schwarzen Autorität im öffentlichen Erziehungswesen. Denn: Bei der Fusion von Negerschulen und weißen Schulen im Zuge der Integration werden viele schwarze Erzieher entlassen, schwarze Rektoren und schwarze Cheftrainer der Basketballteams degradiert. In Schulämtern sind die Neger nur spärlich vertreten.

»Sklavische Anhänglichkeit an die Routine«.

Rassistische Schikanen haben Amerikas Bürgerrechtler verbittert -- aber auch ernüchtert. Die Neger, selbstbewußter geworden, sehen nicht mehr wie zu Zeiten Martin Luther Kings in der Schulintegration eine magische Formel humanen Fortschritts. Sie fordern eher verbesserte Erziehung sowie Kontrolle in ihren eigenen Schulen.

Konservativen Weißen kommt diese Kursänderung nur zupaß. Denn sie halten sowieso nichts von Integration. Und die Regierung Nixon nimmt wie stets Rücksicht auf diese breite Wählerschicht. Folge: Die Schulintegration, diese erste Bastion der Bürgerrechtsbewegung, wird im Grunde nur noch von einer Minderheit verteidigt.

Amerikas Nordstaatler blicken gern verächtlich auf die südlichen Schulreaktionäre herab. Senator Abraham Ribicoff nannte dies zu Recht eine »monumentale Heuchelei«. Denn die Politiker des Nordens sind weder willens noch in der Lage, vor ihrer eigenen Haustür alle Schulen zu integrieren.

Selbst liberale Abgeordnete, die mit Worten trefflich für Rassengemeinschaft streiten, schicken ihre Söhne und Töchter lieber auf feine, weiße Privatschulen -- oder zumindest auf eine nahe Public School in der Vorstadt, wo es nur eine Handvoll von ausgelesenen Renommier-Schwarzen gibt.

Diese Schulen in Suburbia erhalten um so mehr Zulauf. als immer mehr weiße Bürger in die grünen Vororte fliehen. Es sind propere Bildungsstätten der Mittelklasse -- geräumig, hell, mit Sprachlaboren, Werkräumen, Bibliothek, Sporthalle und Cafeteria, mit Schülerzeitung und Blaskapelle.

Indes, hinter der modernen Fassade lauert nicht selten Langeweile, versteckt sich Sturheit. Bei vielen High-School-Verwaltern entdeckte Charles Silberman »sklavische Anhänglichkeit an die Routine um der Routine willen«.

Suburbias Schüler lehnen sich auf gegen überholte Regeln -- etwa dagegen, daß sie zum Besuch der Toilette eine Art Paß mit dem Vermerk: »Gültig für drei Minuten« vom Klassenlehrer bekommen müssen. Aber mehr noch opponieren sie gegen den Lehrplan, fordern sie Unterricht mit aktuellen Bezügen.

Schüler Steve, 16, aus Washington: »Was vor 200 Jahren in Virginia los war, ist mir scheißegal. Ich will wissen, warum wir so viele Arbeitslose und Wohlfahrtsempfänger haben.«

Langeweile und Mißmut rühren auch daher, daß die High School nivelliert, daß sie also von den Begabten zu wenig verlangt. Vernachlässigt werden beispielsweise Fremdsprachen. Schulleitbild ist nicht der Primus, sondern der in der Gemeinschaft aktive, beliebte Kumpel und Sportsfreund.

High-School-Absolventen haben gewöhnlich ein geringeres Schulwissen als gleichaltrige deutsche Gymnasiasten -- um so mehr müssen sie dann im College pauken. (Insgesamt acht Millionen Amerikaner sind an Colleges und Universitäten eingeschrieben.)

Die große Mehrheit der High-School-Jugend in den weißen Vorstädten drängt aufs College. An der »Langley High« bei Washington zum Beispiel gehen 90 Prozent der Absolventen auf die Hochschule weiter. Denn College-Erziehung ist längst ein Statussymbol.

»Eltern der Mittelklasse«, bedauert der stellvertretende Langley-Chef Dr. Clinton De Busk, »überlegen gar nicht erst: »Soll Robert aufs College?« Der Junge geht eben. Und dann kann man der Nachbarin beiläufig, aber doch auch stolz erzählen: »Robert ist ja jetzt in Dartmouth ...« Daß Dartmouth zu den guten, teuren Hochschulen gehört, braucht der Nachbarin nicht gesagt zu werden. Das weiß sie.

Kinder, die aufs College drängen und sich den notwendigen Extra-Tests unterziehen, zeigen nicht selten Verachtung für die anderen, die statt dessen Mechanikerkurse besuchen. Amerikaner ohne College-Diplom gelten weithin als Bürger zweiter Klasse.

Solch akademischer Snobismus ist schon deshalb widersinnig, weil ein Drittel aller College-Anfänger scheitert, also nicht bis zum ersehnten Abschlußgrad, dem Bakkalaureat, durchhält. Für sie wäre Berufsausbildung besser gewesen. »Ein hervorragender Installateur«, erkannte Ex-Erziehungsminister John Gardner. »ist unendlich bewundernswerter als ein unfähiger Philosoph.«

Selbst Philosophen, die sich in der auf Diplome fixierten US-Gesellschaft ausweisen können, zweifeln heute mitunter, ob sich die Mühe des Studiums gelohnt hat. Denn aufgrund der Wirtschaftsflaute werden Jobs für College-Absolventen rar. Auch wer über das Vierjahres-College hinaus ein im vollen Wortsinn akademisches Studium abgeschlossen, also den Magister- oder Doktorgrad erworben hat, stößt bei der Job-Suche auf Schwierigkeiten.

Scharen von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, die einst bei der Nasa oder bei Raumfahrt-Unternehmen gut verdienten, leben heute von Arbeitslosen-Unterstützung. Insgesamt 50 000 Ingenieure und Naturwissenschaftler suchen Jobs. Manche schlagen sich als Hundezüchter, Anstreicher, Würstchenverkäufer durch.

Amerikas private Hochschulen sind Hauptopfer der Rezession.

Zehntausende von Lehrern sind brotlos. In Lincoln Park (Michigan) zum Beispiel sah sich die Behörde zu Sparmaßnahmen gezwungen, weil die Wähler trotz wachsender Bildungskosten eine Erhöhung der Schulsteuer ablehnten. Folge: 200 Pädagogen wurden gefeuert. Lincolns Pennäler erhalten Kurzunterricht.

Weil die Einkünfte nicht mehr Schritt mit den Ausgaben halten, müssen immer mehr Hochschulen ihre Programme kürzen. Die St. Louis University macht Abteilungen für Aeronautik und für Zahnmedizin dicht; die (schwarze) Fisk-University schließt ihr Afro-amerikanisches Institut; Berkeley verzichtet auf Erdbebenforschung.

Hauptopfer der Rezession, so scheint es, sind Amerikas private Hochschulen. Sie leben von Kapitalerträgen (Aktien- und Grundbesitz), Studiengebühren, Staatszuschüssen, von Stiftungen und von Spenden der »Ehemaligen«, der Alumni. Fast all diese Quellen sprudeln jetzt spärlicher.

Nicht nur die Flaute wirkt sich hier aus. Manche Alumni mögen auch deshalb nichts mehr stiften, weil sie sich über Studentenkrawalle und laxe Professoren aufregen. Ein »Ehemaliger« im Staat Wisconsin schickte seiner Uni einen Scheck über sieben Pfennig. Denn »das ist der genaue Ausdruck dessen. was ich von meiner Alma mater halte«.

Rund ein Drittel der 2500 Colleges und Universitäten sind Privateinrichtungen. An ihnen studiert ein Viertel der acht Millionen US-Studenten.

Älteste (Gründungsjahr 1636) und berühmteste Alma mater der USA ist die -- private -- Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Harvard. der Stolz der Nation, stellt hohe Anforderungen -- auch pekuniär: Die Jahresgebühr für Studium und Unterkunft beträgt 4470 Dollar (15 000 Mark). Ober die Hälfte der 15 000 Studenten erhält allerdings Stipendien.

Harvard und das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT) zählen zu den Sammelpunkten jener kritischen Intelligenz, die der

* »Time-Titel vom 5. Juli 1971.

** Zur Ivy League gehören Harvard, Princeton, Yale, Columbia, Brown, Cornell, Dartmouth sowie die University of Pennsylvania

Macht mißtraut. Beide Hochschulen erlebten heftige Proteste gegen den Vietnamkrieg. Und ein Harvard-Absolvent, heute Wissenschaftler am MIT, wurde nachgerade zur Symbolfigur des selbstkritischen, von Schuldgefühlen gepeinigten Amerika: Daniel Ellsberg.

Als Berater des Pentagon hatte Dr. Ellsberg an einer Studie über das US-Engagement in Vietnam mitgearbeitet -- im März 1971 übergab er diese Geheimstudie der »New York Times«. Die Presse-Enthüllungen erschütterten Amerika.

Freilich: Daniel Ellsberg, der sich vom Vietnam-Falken zur Super-Taube mauserte, kann auch als Beispiel für das zwiespältige Verhältnis des akademischen Amerika zur Washingtoner Macht gelten. Immer wieder stellen die Elite-Schulen Regierungsberater. Harvard-Soziologe Daniel P. Moynihan gehörte bis Anfang dieses Jahres zum Nixon-Stab; der ehemalige Harvard-Politologe Henry Kissinger ist Nixons Chef-Ratgeber in Sicherheitsfragen.

Ein Diplom von Harvard, von Vale (Ehrendoktor: Bundeskanzler Brandt) oder von Princeton, von Columbia oder Johns Hopkins gilt in der US-Gesellschaft als Billett für eine Karriere. Eine Untersuchung über »Beamte in Schlüsselpositionen« ergab für das Jahr 1948: Von den 1500 leitenden Regierungsbeamten in Washington hatten ein Viertel in Harvard oder Vale, Princeton, Columbia, Cornell oder MIT studiert.

In Privatschulen und Privat-Unis schuf sich die amerikanische Demokratie ihre Eliten. Die Söhne der oberen Gesellschaftsschicht besuchen meist exklusive Internate, wie Groton oder Andover. Dann immatrikulieren sie sich an einer Hochschule der »Ivy League"**, der Efeu-Liga. Später -- als Diplomaten, Advokaten, Banker, Bosse -- sind sie Mitglieder in den mit ihrer Alma mater verbundenen Clubs. Die Prestige-Hochschulen spielen denn auch eine bedeutende Rolle im öffentlichen Bewußtsein der Nation. (Kein Zufall, daß »Love Story«-Autor Segal als Helden einen Harvard-Zögling wählte.)

Princeton empfing die ersten Studentinnen mit Chrysanthemen.

Doch die großen Staatsuniversitäten -- voran das kalifornische Berkeley -- holen auf, sie gewinnen zusehends an Renommee. Schon jetzt, notierte Professor Andrew Hacker von der Cornell University« kommen mehr Top- Manager der Konzerne aus den Staatshochschulen des Mittelwestens als aus den traditionsreichen Hochschulen der Efeu-Liga.

Das Studium an den öffentlichen Colleges ist billiger; an ihnen sind auch mehr Mädchen und mehr Farbige immatrikuliert. Indes, die privaten Institutionen passen sich an: Immer mehr Schulen, die bis vor kurzem entweder nur Mädchen oder nur Jungen aufnahmen, halten es jetzt mit der Koedukation. Princeton empfing die ersten 171 Girls mit Chrysanthemen. »Time« freute sich: »Die Klöster werden geknackt.«

Das Bilderblatt »Life« widmete der Zweisamkeit von Boys und Girls in den Wohnheimen Ende 1970 sogar eine Titelgeschichte -- unter der Schlagzeile: »Eine intime Revolution«.

Bedeutsamer, folgenreicher sind andere Revolutionen auf dem Campus. Die Studenten-Rebellion, die 1964 in Berkeley begann, hat alle Hochschulen im Land verunsichert. Hauptpunkte der studentischen Kritik: Die Professoren zögen lukrative Forschungsaufträge ihrem Lehrauftrag vor; die Wissenschaft sei im Zuge des Vietnamkrieges zum Diener in einem militaristischen und rassistischen System geworden; die Universität produziere Fachidioten, trage aber nichts zur Lösung drängender sozialer Probleme bei. Eine Protestler-Gruppe in San Francisco: »Die Universität kann und darf nicht moralisch neutral sein.«

1969 gab das Pentagon für 5500 Forschungsprojekte an den Unis rund 450 Millionen Dollar aus. Allein das »Massachusetts Institute of Technology« erhielt etwa 60 Millionen, vor allem für die Entwicklung von Raketen und Radarsystemen. Linke Studenten empörten sich über diese Verstrickung der Hochschule in den sogenannten militärisch-industriellen Komplex.

Zugleich warfen sie dem Bildungswesen Rassismus vor. Amerikas Neger

* Bei der Verleihung akademischer Grade in Amherst (Massachusetts).

stellen, obgleich sie elf Prozent der Bevölkerung ausmachen, nur sechs Prozent aller Studenten. An den Top-Hochschulen und in der Professorenschaft ist der Prozentsatz noch geringer. In Vale unterrichten nur 25 Schwarze -- neben 1980 Weißen.

»Sei realistisch, verlang das Unmögliche!« rufen schwarze College-Boys, den Slogan aus dem Pariser Mai 1968 benutzend. Sie verlangen: mehr Studienplätze, mehr schwarze Lehrer, mehr Vorlesungen über das schwarze Amerika und Afrika (Black Studies).

Der Ruf der rassischen Minderheiten nach Chancengleichheit im höheren Bildungswesen hat, immerhin, manche Reformen bewirkt. So verfolgt die New Yorker City University -- 200 000 Studenten, keine Studiengebühr -- seit 1970 eine Politik der offenen Tür. Sie nimmt jeden High-School-Absolventen aus der Mammutstadt ohne Rücksicht auf seine Noten auf.

Das eröffnet Tausenden von Schwarzen und Puertoricanern neue Möglichkeiten. Die zur City University (Abkürzung: Cuny) gehörenden 16 Colleges wollen durch Nachhilfekurse sicherstellen, daß die schlecht vorgebildeten Hochschüler ihre Studienziele erreichen -- und daß Cuny dennoch nicht an Niveau verliert.

Vizepräsident Spiro Agnew bemängelte freilich: »Vorbereitende und kompensatorische Erziehung gehört nicht in die Universität. Studenten, die ... den Anforderungen des höheren Bildungswesens nicht genügen, sollte man nicht ermutigen, sich zu bewerben.«

Doch Amerikas Erziehungs-Strategen pochen darauf, daß eine moderne, demokratische Gesellschaft Elite- und Massenbildung brauche. In der Praxis wird dies vielfach so verstanden, daß jedermann auf die Hochschule soll.

Folge: Amerika erlebt einen beispiellosen College-Boom. Am schnellsten expandieren die -- meist gebührenfreien -- Junior-Colleges oder Community-Colleges, die auch der Erwachsenenbildung dienen. Bereits heute gibt es 1080 solcher Zweijahresinstitute. Sie bieten vielfach praktische Berufsausbildung -- von Datenverarbeitung über Säuglingspflege bis zu »mortuary science«, der Begräbniswissenschaft.

Praktikum bei der Heilsarmee; Schulunterricht im Zoo.

Zu den institutionellen Reformen kommen Neuerungen im Lehrplan, in der Lehrmethode. Beispiele:

* Am Green Bay College der Universität von Wisconsin beschäftigen sich die 3000 Studenten ausschließlich mit Umweltschutz und kommunalen Aufgaben. Sie nennen ihre Hochschule »Communiversity«.

* In Boston leben Teilnehmer eines Kurses über »Stadt-Probleme« eine Woche lang ohne Geld unter Obdachlosen und Wermutbrüdern. Wichtige Erfahrungen sammeln sie bei der Heilsarmee und anderen Penner-Refugien.

Auch fortschrittliche Schulen mühen sich, den Wunsch nach neuen Bildungsformen zu erfüllen. So wird in North Dakota der Gruppenunterricht an der Public School durch individuelles Lernen ersetzt: Für die Kinder soll Schule Spaß werden. In Philadelphia arbeitet eine »Schule ohne Wände": Die Lehrer unterrichten in der Stadtbibliothek, im Zoo, auf dem Polizeirevier; Spanisch wird im puertoricanischen Viertel der Stadt gelernt.

»Mit der mutigen, fast schrankenlosen Experimentierfreudigkeit der amerikanischen Pädagogik«. erkannte der deutsche Amerikanist Gert Raeithel, »kann sich Kontinentaleuropa heute nicht mehr messen.«

Eine wirklichkeitsnahe Ausbildung, das Bemühen um Chancengleichheit und der (zum Teil erfolgreiche) Versuch, Massen- und Elitebildung zu verbinden -- das sind die vorherrschenden Tendenzen im US-Erziehungswesen. Führende Pädagogen betonen, daß -- trotz aller Schul-Mißstände -- im Gesamtpanorama diese positiven Kräfte überwiegen.

Die »Standfestigkeit der alten Garde« (Raeithel) ist gleichwohl nicht zu unterschätzen. MIT-Professor Jerrold Zacharias warnte vor übertriebenem Optimismus: »Es ist leichter, Menschen auf den Mond zu schicken, als die Schule zu reformieren!«

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