Zur Ausgabe
Artikel 1 / 122
Nächster Artikel

Sei schlau, hab Spaß

Von jeher wirken die Deutschen nicht besonders komisch auf die Welt. Selbst der Humor geriet ihnen zuverlässig zum Ernstfall. Doch nun ändert sich das Bild: Eine neue deutsche Spaßkultur macht sich breit, faßbar in gutgelaunten Filmkomödien, Kleinkunst-Witz, in mehr Freude an Genuß, »Action« und Selbstironie.
aus DER SPIEGEL 8/1996

Wenn der Deutsche lacht, zittert die Welt - nicht immer vor Lachen.

»Will keiner trinken? keiner lachen?« »Das liegt an dir: du bringst ja nichts herbei, nicht eine Dummheit, keine Sauerei.« Goethes »Faust I«, im Jahr 1808. Das Wirtshaus-Rüpelspiel ganzer Kerle, meist alkohol-fäkalisch-erotisch, klassisch auch im Sinne von: unvermeidlich. »Boah ey, voll geil, die Alte, Mann!« - Comedy-Star Tom Gerhardt im Jahr 1996. Derb sexuelle Prolo-Anmache, »voll pervers«, so heißt das Tourneeprogramm.

Das ist wohl das Bleibende im Wandel der deutschen Humorgeschichte: der Gaudimax am Stammtisch, schenkelklatschend, kreischend und feixend, am liebsten unter der Gürtellinie.

Wenn der Deutsche lacht, wackeln die Wände. Barbaren im Biernebel - ein Volk ohne Witz. Kein Urteil eint die Völker der Erde mehr als dieses: Fleißig und pflichtbewußt sind sie, die Deutschen, voller Tatendrang und Erfindergeist, doch dumpf und ohne Lebensart und vor allem: ohne Esprit und Sense of humour.

Ein deutscher Sonderweg auch hier. Anders als England oder Frankreich, so die gängige Rede seit langem, hat sich Deutschland nationalstaatlich verspätet, blieb länger als andere Länder autoritätsgläubig und allenfalls halb aufgeklärt, dabei identitätsgestört, unfähig zur Selbstironie und latent aggressiv. Ein Land der Berserker und Schwärmer, sogar noch im Schuldbekenntnis - siehe die Pläne zum Berliner Holocaust-Mahnmal - leicht größenwahnsinnig.

Soweit, so vertraut. Die ewige Wiederkehr der von schallendem Teutonengelächter _(* Holzstich nach einem Gemälde von ) _(Eduard Grützner (1846 bis 1925). )

begleiteten Unterleibsvisite indes überdröhnt einen weniger lautstarken, aber merklichen Wandel: In Deutschland macht sich eine neue Generation von Spaßverliebten breit, deren fast angelsächsisch anmutendes Pointentempo, deren Sinn für Nonsens, Blödelei, Parodie, Sarkasmus, Ironie, überhaupt für intelligente Unterhaltung ohne metaphysischen Hintersinn das bewährte Humor-Elend überraschend aufhellen.

»Deutschland lacht wieder« titelte dieser Tage die Märkische Allgemeine in Potsdam, ein Blatt aus jenem Teil Deutschlands, der die letzten 40 Jahre weniger zu lachen hatte als der westliche; und dessen Bürger auch darum zuweilen wirken wie der altdeutsche Gründling, der mit todernster Miene langatmig beweist, warum Pferde wiehern, aber nicht lachen - und der selbstverständlich weder reiten noch lachen kann.

Anlaß der brandenburgischen Heiterkeitsdiagnose war Detlev Bucks jüngste Filmkomödie »Männerpension«, die unter anderem eine launige Knastparodie auf das Wagenrennen aus »Ben Hur« bietet. Der Film ist nur ein kleiner Zipfel jenes deutschen Komödienwunders, für das auch beispielsweise Sönke Wortmanns Schwulenscherzo »Der bewegte Mann«, Rainer Kaufmanns erotisch turbulente Beziehungskiste »Stadtgespräch« oder »Abbuzze!«, der Kino-Erstling des Hessen-Duos »Badesalz«, stehen.

Diese und andere, durchweg erfolgreiche Filmkomödien gehören zu einem umfassenden Frohsinns-, Jux-, Fopp- und Witz-Panorama, das die - angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen zynische - Rede vom »Freizeitpark Deutschland« zumindest als Kulturmotto grandios bestätigt. Eine bislang unbekannte Freude am »Schrägen«, eine ungeahnt weltläufig und selbstironisch wirkende Leichtigkeit von Lebensstil und Lebensdeutung erobert zur Zeit Film und Fernsehen, Theater und Radio, Literatur und Musikszene; es blühen Gourmetparadiese und »Erlebnis«-Bäder, verrücktes Möbeldesign und exzentrischer »Aktiv«-Urlaub.

Die neue deutsche Spaßgesellschaft verdrängt allenthalben Umweltsorgen und Angst vor Arbeitslosigkeit, Frust und Rentennot. Der Bamberger Kultursoziologe Gerhard Schulze, 51, hat diese Tendenz in einer dickleibigen Analyse unter dem Begriff »Erlebnisgesellschaft« zusammengefaßt. Die Erlebnisgesellschaft badet am liebsten, nach der wohligen Körperpflege im Sinne von »schöner schwitzen«, in Ereigniskultur. Und dann geht sie essen.

Wie Drogensüchtige, so Schulze, haben sich die »Erlebniskonsumenten« an die »tägliche Ration psychophysischer Stimulation gewöhnt«. Nervenkitzel, Spannung, heftiger Sinnesreiz, rascher Genuß, krasse Komik, »Action«, egal ob im Kino, beim winterlichen »Alstervergnügen« mit Budenzauber, beim Bungee-Sprung vom Fernsehturm oder als Greenpeace-Piratenstück in fernen Gewässern - darauf kommt es mehr und mehr an. Und wer wie die herkömmlichen Politikrituale so etwas kaum bietet, hat das Nachsehen: Keiner guckt hin.

Schicke »events«, so das englische »In«-Wort, können in diesem kulinarischen Sinn durchaus auch traditionelle Kulturveranstaltungen sein. Etwa die spektakulären, effektvoll inszenierten Großausstellungen der Malerstars Cezanne, Renoir oder Vermeer, die Hunderttausende in die Museen oder Kunsthallen locken. Eintrittskarten mit streng _(* Tokyo String Quartet beim ) _(Schleswig-Holstein Musik Festival. )

fixierter Besuchszeit steuern nun auch den Massenkonsum solcher Bild-Ereignisse wie bei einem Pop-Festival. Das verändert die Rezeption: Man muß nicht nur irgendwann hingehen und schauen, man muß da- und dabeisein, in einem bestimmten Moment präsent sein - oder man hat »es« eben versäumt.

Ereigniskultur dieser Art war auch Christos Berliner Reichstagsverhüllung 1995, waren über Jahre schon die Klassikkonzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals, mit denen der Marketing-Musikus Justus Frantz Hunderttausende von ebenso schau- wie hörsüchtigen Sommergästen in ländliche Schlösser und Scheunen lotste.

Die glamourösen Live-Auftritte der Belcanto-Giganten Carreras, Domingo und Pavarotti gehören in dieselbe Kategorie. Das Open-air-Konzert, das die drei Herren im August im Münchner Olympiastadion geben, war binnen zweier Wochen ausverkauft. 67 000 sensationsgierige Zuschauer zahlten klaglos Preise zwischen 90 und 1800 Mark und fiebern schon jetzt den sinnenfrohen Stunden mit Gesang, Champagner und Lachsschnittchen entgegen.

Pavarotti & Co. präsentieren ausschließlich Lieder und »schöne Stellen«, keine, womöglich anstrengende, Oper in toto. Hochkultur in Häppchenform, für Augenblicksmenschen. Ganz in diesem Sinne schlachtet der Karlsruher Modephilosoph Peter Sloterdijk, 48, in einer neuen Buchreihe die Werke der philosophischen Tradition aus: das jeweils Beste, Süffigste, von Aristoteles bis Sartre, dargeboten unter dem Event-Titel »Philosophie jetzt!«.

»Unübersehbar dominieren Formen des Genusses«, resümiert Forscher Schulze all diese Tendenzen. Eine expandierende, höchst rentable Unterhaltungsindustrie hat sich darauf eingestellt, weckt und befriedigt immer neue Wünsche auch abseits der etablierten Kunstsparten.

Verschwitzte Techno-Freaks toben auf den Tanzböden der Laser-Discos oder auf großstädtischen Boulevards. Über vier Millionen Besucher strömen jährlich allein in die neuen hochtechnisierten Musical-Paläste, zum asiatischen Barfräulein »Miss Saigon« in Stuttgart, zur Bochumer Rollschuh-Revue »Starlight Express« oder in die kitschige Revolutionsballade »Les Miserables« in Duisburg. Antiquitäten wie die gute alte Operette haben daneben kaum noch Chancen. Geschätzte Jahreseinnahmen der privaten Musical-Bühnen: rund 400 Millionen Mark.

Die Ereigniskultur für Genußmenschen ist mit dem neudeutschen Spaßfieber nicht identisch, sie ist ein Teil davon. Beiden gemeinsam ist die voraussetzungslose, prompte, sozusagen punktuell-ahistorische Verzehrbarkeit der Ware. Außerdem bedingt eins das andere: Unter dem Diktat der opulenten Oberflächenreize gedeiht auch der schnell konsumierbare Knüllerhappen. Wo Revue-Effekte oszillieren und die Klassik-CD der schönsten Adagios rauschenden Zuspruch findet, müssen sich der harmlose Kleinkunstgag auf der »Schlapplachhalde« (so heißt ein einschlägiges Etablissement in Hamburg) oder der anspruchsfrei witzige Sketch auf Bühne oder Leinwand nicht lange rechtfertigen.

Was, so fragen sich besorgte Nachbarn im westlichen Ausland, ist eigentlich in diese Deutschen gefahren? Wieso sind sie auf Konferenzen oder Festivals nicht mehr die stets verbohrten Spiel- und Spaßverderber? Was ist bloß aus ihnen geworden, diesen bedächtig planenden, ewig mit der Wirklichkeit verkrachten, über Sinn und Schuld gebeugten Gewissensriesen, diesen unberechenbaren Waldmenschen voller Sehnsucht nach der Blauen Blume der Romantik, entweder lächerlich verklemmt oder lächerlich enthemmt, aus diesen ordnungsliebenden Geschichtsdeutern, die jahrhundertelang den Humor entweder philosophisch erklärt oder an den Darmwind preisgegeben haben?

Die deutsche Amüsieroffensive ohne schlechtes Gewissen, kaum noch gestört durch kulturpessimistische Alarmisten, ist zunächst eine Episode am Fin de siecle. Doch sie könnte langfristige Folgen für die Mentalität eines notorisch mißgelaunten Landes haben, das schon auf ewig einen Freudenquell wie den Geschlechtsverkehr zur unfrohen ehelichen »Verpflichtung« zu versachlichen und überhaupt jegliches Joch jeglichem Jux vorzuziehen drohte.

Der Wandel ist faßbar, doch kaum zu fassen. Noch im ausgehenden Mittelalter galt als deutscher Humor das, was Luther im Kampf gegen die katholische Kirche empfahl: Er wünschte, daß jeder gute Christ das päpstliche Wappen anspeien und mit Kot bewerfen solle - zur Ehre Gottes. Die deftigen Sprüche und obszönen Gesten waren so populär wie die Bardenlieder und Schmähverse der alten Germanen. Schon bei den Vorvätern also das Phänomen der »repressiven Entsublimierung« (Herbert Marcuse).

Unter Satiren verstand man »Strafgedichte«, und auf reichsfreiherrlichen Burgen, in Universitäten und Klöstern vergnügte man sich mit jenen derben Scherzen, die den einzigartigen Topos der Schadenfreude strapazierten, ein urdeutscher Begriff bis heute ("Pleiten, Pech und Pannen"), der im Französischen nur umschrieben werden kann: »joie eprouvee devant le malheur des autres«.

Beim Possenreißen waren Franziskaner- und Kapuzinermönche stets vorne dran, nachdem schon Thomas von Aquin den Mühseligen und Beladenen Spiel und Scherz als »seelische Freuung« ans Herz gelegt hatte. Während der Festtage ihrer Heiligen »nagelten sie Perücken an Stühle, zogen den Hemdezipfel unbemerkt aus den Hosen, klebten Pech auf die Stühle, wo oft ein Stück einer nicht recht soliden Hose kleben blieb«, berichtet Carl Julius Weber in »Demokritos« (1836 bis 1840), seiner zwölfbändigen Enzyklopädie der Lächerlichkeit.

An mancher deutschen Universität fand sich ein Spaßmacher im Professorentalar, vornehmlich ein Jurist, der etwa bei den delicta carnis, den Fleischesvergehen, »wahrhaft schweinigelte«, wie glaubhaft überliefert wird. Seine Hörsäle, wen wundert''s, waren stets »gepfropft voll«.

Doch Weber, ein Sympathisant des Vormärz, ließ keinen Zweifel am Grundsatz: »Satire ist nicht eben das Fach, in dem wir Deutsche glänzen.« Und fragte: »Wann werden wir einen Swift oder Voltaire haben?«

Gewiß, wir hatten Kleists »Zerbrochenen Krug«, Grabbes »Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung« und Lichtenberg, auch die frühen anonymen Heldensagen des Till Eulenspiegel, doch unsere wahren Götter heißen Kant und Hegel.

Die Philosophen des deutschen Idealismus konnten selbst die unwillkürliche und lärmauslösende Kontraktion von einigen Dutzend Gesichtsmuskeln einer exakten Definition unterwerfen: Lachen ist ein »Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts«, dozierte der Königsberger Meisterdenker, und für Hegel wurzelte das Komische schlicht im »Kontrast des Wesentlichen mit der Erscheinung, des Zwecks mit dem Mittel«.

Immer wieder schlug so der Geist den Humor mit 1:0, schluckte der Tiefsinn den Esprit, das Genie den Witz. Vergeblich forderte Jean Paul in seiner »Vorschule der Ästhetik« (1804) die Verschmelzung des Romantischen mit dem Komischen: »Freiheit gibt Witz (also Gleichheit mit), und Witz gibt Freiheit.«

Humor als Mittel, die abstrakten Höhenflüge immer wieder auf den krummen Boden der Tatsachen zu holen, das konnte nicht Sache deutscher Dichter und Denker sein, die dem Weltgeist auf der Spur waren.

Wo die große Idee, das kathedrale, weltumspannende Gedankengebäude, gar die politische Utopie im Visier ist, hat Ironie als »Schalksernst« (Weber) keinen Platz. Sie tendiert zur Zersetzung des wahren Ganzen, konfrontiert das Große mit dem Kleinen, komplizierte Denksysteme mit einfachen, aber unangenehmen Wahrheiten. Sie mißfällt dem absolutistischen Herrscher wie dem Duodezfürsten, dem General wie dem preußischen Staatsmann.

Feinsinnige Ironie und satirische Schärfe, selten genug, fand sich bei intellektuellen Außenseitern der Epoche wie Heinrich Heine und Ludwig Börne, den deutsch-jüdischen Kosmopoliten. Später zeigten sich Wilhelm Busch und Christian Morgenstern, Theodor Fontane und Thomas Mann als Ironiker von literarischen Gnaden. Doch wer auf dem »Zauberberg« schmunzeln will, muß sich schon auf das Disputationsniveau der Romanfiguren Naphta und Settembrini begeben.

Der deutsche Volkshumor des 19. Jahrhunderts aber überlebte jenseits von Idealismus, Romantik und Feudalkultur eher am Wirtshaustisch denn im Salon, mehr Zote als Sottise, Haudegen statt Florett.

In den zwanziger Jahren dann brach - unter dem Eindruck von Weltkrieg und Kaiserdämmerung - die Blüte deutschsprachiger Satire aus: Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Zeitkritik als feuilletonistisches Pamphlet. In Wien und Berlin florierten die Kabaretts und Varietes, Claire Waldoff war die frechste Frau der deutschen Hauptstadt und Karl Valentin das Münchner Genie der absurden Komik.

Obwohl Sigmund Freud den Witz längst als durchaus befreiende »Ersatzbildung«, als Rhetorik des Unbewußten dechiffriert hatte, triumphierte am Ende wieder der geplante Terror des tödlichen Ernstes, die Rückkehr des Verdrängten. Aus der Pickelhaube des Hauptmanns von Köpenick wurde der Stahlhelm, Witze wurden über Juden gemacht, bevor man sie umbrachte.

Seitdem fehlen Deutschland nicht nur ganze Generationen jüdischer Intellektueller und Künstler, deren Synthese aus Geist und Witz nun in den Hollywood-»Comedies« aufblitzte; das Lachen selbst war nach Auschwitz verdächtig geworden.

So wurde es moralisch-politischen Kriterien unterworfen. Vornehmlich im Kabarett mußte es »im Halse steckenbleiben«, um als Kulturleistung ernst genommen zu werden. Je mehr Schluckbeschwerden, desto besser für Gesinnung und Gesellschaftskritik. Sich »unter Niveau« zu amüsieren wurde zur schlimmsten Sünde des aufgeklärten Deutschen. Noch darin schwang Lessings Wort über die Komödie mit, die »durch Lachen bessern« solle.

Die Fernsehübertragungen der Münchner »Lach- und Schießgesellschaft« oder des Düsseldorfer »Kom(m)ödchens« wurden zum Exerzierplatz für den guten deutschen Menschen. Das »Brettl« als Besserungsanstalt. Doch es gab auch Heinz Erhardt und Heinrich Lübke.

Der eine, verkannt als seichte Witzfigur der fünfziger und sechziger Jahre irgendwo zwischen Vico Torriani und Roy Black, in Wirklichkeit ein deutscher Vorläufer von Mr. Bean; der andere als Fox-tönender Wochenschau-Bundespräsident bis heute unerreicht: »Equal goes it loose!« raunte er der Queen beim Festbankett in Bonn zu, und einer schwarzen Versammlung beim Staatsbesuch in Afrika rief er entgegen: »Meine Damen und Herren, liebe Neger!«

Eine Ahnung von Nonsens dämmerte im Land der ewig rollenden VW-Käfer, und im Handumdrehen kam eine Lübke-LP auf den Markt. Sie wurde zum deutschen Pop-Ereignis wie die Spaßgruppe Insterburg & Co. Doch Deutschland blieb zunächst fest im Griff von Komödienstadel und Ohnsorg-Theater, Charley''s Tante und Dieter Thomas Heck.

Schon Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff mußten da als Ausgeburten undeutschen Leichtsinns gelten. Herbert Wehners Zwischenrufe im Bundestag ähnelten blitzartigen Strafexpeditionen ins Neuland kauziger Boshaftigkeit, während draußen im Lande dann bald kokett kaputte Typen wie der Rockmusiker Udo Lindenberg »Panische Zeiten« ausriefen.

Lange Zeit war Wolfgang Neuss, vor Loriot, der einsam trommelnde Wächter deutschen Humors mit Weltniveau - bis Fritz Teufel der Aufforderung, sich von der Anklagebank zu erheben, mit den historischen Worten »Wenn''s denn der Wahrheitsfindung dient« Folge leistete und der Berliner Kommunarde Karl-Heinz Pawla sein Geschäft auf einem Richtertisch der bürgerlichen Klassenjustiz verrichtete: Die bundesdeutsche »Spaßguerrilla«, Nachfolgerin der Happening-Avantgarde, erlebte eine ihrer Geburtsstunden.

Doch auch sie stand noch im Zeichen des fraglos Guten, das mit allen Mitteln gegen das Böse ankämpft. Bloßstellung, Entlarvung, Aufdeckung, Protest: Witz und Satire im Dienst der Weltrevolution, so lautete das Humorprogramm bis zum Ende der siebziger Jahre, als es schon um die Frage ging, ob Männer ihre Freundin zur Schwangerschaftsgymnastik begleiten sollen oder in der Männergruppe erst einmal über aktive Verhütung diskutieren müssen.

Dann die geistig-moralische Wende: Der Kohl-Witz als selbständige politische Einheit war noch politisch korrekt und doch schon ein reiner Spaß, noch, auch im SPIEGEL, satirisches Sperrfeuer gegen den vermeintlich tumben CDU-Pfälzer, aber auch schon Birnen-Dada, Klamauk, l''art pour l''art, ironischer Reflex der Neuen Unübersichtlichkeit. Nicht zufällig scheiterte Jahre später Rudolf Scharping auch an seiner objektiven Humorferne.

Die Politik und ihr Diskurs hatten ihre dominierende Stellung gegenüber der Gesellschaft verloren. Das schuf neue Freiräume für Selbstironie und Hedonismus. Plötzlich wurde das Trinken eines trockenen Weißweins aus der Toskana zum Emblem einer neuen deutschen Lebensart - Klub der Vernaccia-Schlürfer im Schatten der Zypressen: Goethes Blick schweift genießerisch über die sanften Hügel, aber mit Online-Verbindung nach Saarbrücken, zum Polit-Gourmet Oskar Lafontaine.

Seit Mitte der achtziger Jahre hat der irisierende postmoderne Katastrophismus, genährt von Tschernobyl, Aids und Klimaturbulenz, jenen Zynismus verfestigt, der ohne Sarkasmus und Ironie einfach nicht auskommt - auch als Schutz gegen eine Welt, die doch nicht zu retten ist. Die neue Botschaft: Es gibt keine Wahrheit hinter der Maskerade. Alles liegt - im Prinzip - offen zutage. Die Dialektik der Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet: unauflösbare Widersprüche, wohin man blickt. Das Ganze ist das Absurde. Der Ernstfall ist der Lachanfall.

»Fit for fun": Der Zeitschriftentitel könnte ein Motto sein für den sportiven Spaßkulinariker und Zeitgeist-Luftikus, der in dieser Art von Postmoderne immer mehr Medien erobert (siehe Kasten). Dahinter wirkt ein kultureller Wertewandel, der mehr ist als eine Fluchtreaktion auf aktuelle wirtschaftliche und soziale Miseren oder Politikverdruß.

Der Hamburger Freizeit-Soziologe Horst W. Opaschowski, 55, fand heraus: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Ausstellungsbesucher vervierfacht, der Anteil der Theater-, Konzert- und Opernbesucher stieg von zwei auf fünf Prozent der Bevölkerung - rund 30 Millionen Menschen besuchen jährlich die deutschen Theater. Aber dieser Kulturboom hat seinen Preis: Das Theater als Bildungsinstitut, das auch zum moralisierenden Nachdenken anregen soll, spielt für 86 Prozent der Besucher keine Rolle mehr. Gesucht wird das soziale Ereignis, das Gesehen-Werden beim »In«-Spektakel, der interessante Star, die »Superrutsche«, auch für die Seele, kurz: die »Massenkultur«. Daraus folgt für Opaschowski: »Das Elitäre verschwindet.« Zu diesem Wertewandel, zunächst eine Folge von Massenwohlstand und allgemein gestiegenem Ausbildungsniveau, gehört auch das Verdunsten altdeutscher Elite-Tugenden wie Selbstbeherrschung oder Pflichtgefühl. Opaschowski: »Das Wort Pflicht versteht kaum einer mehr. Bei den jungen Leuten zwischen 14 und 29, die wir repräsentativ befragt haben, zählt nur noch der Spaßfaktor - in allen Bereichen.«

Frohsinn light überspringt soziale Schichten, übergreift, obwohl er bei den Jüngeren dominiert, Generationen und öffnet den eisernen Vorhang zwischen E- und U-Kultur, hehrem Ernst und populärer Unterhaltung. Das spüren auch die staatlich subventionierten Musentempel, jene Elite-Häuser, die wegen schrumpfender Zuschüsse mehr denn je Zuspruch brauchen und darum auch auf das breitere Fun-Publikum zugehen müssen.

»Es wird immer schwieriger, Kammermusik zu verkaufen«, sagt der Münchner Konzertagent Helge Augstein, »das eh schon kleine Kennerpublikum stirbt langsam aus.« Schmächtige, fragile Kunstpflänzchen wie der romantische Liedgesang könnten ganz auf der Strecke bleiben.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, gewöhnlich ein Hort strenger und anstrengender Wortkunst, probt schon beherzt Ausfallschritte ins leichte Fach und schickt neun witzige Weiber in den Kampf um den Zuschauer. Wenn sie, in der hintergründigen, kessen Schlager-Revue »Sekretärinnen«, als lebens- und liebeshungrige Tippsen über die Bühne staksen, brausen Lachsalven durch das ehrwürdige Haus. Da hocken sie dann vor altersschwachen Schreibmaschinen, intonieren das Schmutzlied »Zu geil für diese Welt«, gehen in einer orgiastischen Chornummer einem singenden Büroboten an die Büx und lecken lüstern an den Walzen ihrer Tippgeräte.

Das possierliche Feminat ist so erfolgreich, daß die Produktion sogar das große Haus füllt und die Impresarios der örtlichen Privattheater über »staatlich geförderte« unlautere Konkurrenz zetern.

Auch jenseits der heiligen Bretter haben komische Frauen neues Terrain erobert. Eine Generation frecher Girlies und schamloser Amazonen - Cora Frost, Sissi Perlinger, Desiree Nick, Lisa Politt, Gaby Köster - praktiziert Satire am eigenen Leib. Sagt die blonde Friseuse: »Ich versteh'' gar nicht, was die Leute gegen Blondinen-Witze haben. Warum sollen blonde Frauen keine Witze machen dürfen?«

All das verblüfft zumal die Intellektuellen, die lange Zeit lieber das Volk zur Kultur tragen wollten statt die Kultur zum Volk. Auf Kongressen und Humor-Tagungen rätselt denn auch die entgeisterte Zunft über den ausufernden Vergnügungsbedarf der Nation: »Was ist _(* Nach einer französischen ) _(Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert. )

passiert auf dem Weg von Hüsch zu Helge Schneider?« Einigkeit herrscht, daß der aktuelle Humorboom auf »die verschärfte Lustsuche und die gegenwärtige Kommerzialisierung« in allen Medien zurückzuführen sei.

Das Radio etwa wird schon längst nicht mehr als Informationsversorgung genutzt, sondern zum »Antörnen«, wie Kritiker monieren. »Easy listening«, gefälliger Konsum-Pop, beherrscht fast alle Programme. Die Radio-Shows, lästert die Süddeutsche Zeitung, »hören sich an, als werde eine Horde Debiler zur Beschäftigungstherapie ans Mikrophon gesetzt«. Folgerichtig heißt die einschlägige Formation »Die Bekloppten«.

»Sei schlau, sei doof«, so lautet die profitable Devise des Konkurrenz-Duos »Die Doofen«, das mit seinen »Liedern, die die Welt nicht braucht« fast eine Million Tonträger verkauft hat und für überfüllte Säle sorgt. Nonsensverliebtes Jungvolk lacht sich scheckig über Liedgut wie »Bänderdehnung in der Unterhose« oder »Ich bau dir ein Haus aus Schweinskopfsülze«. Sei schlau, hab Spaß: Sinnsuche ist wahrlich nicht das Terrain der jungen Leute.

Lachen um jeden Preis - ist es am Ende doch nur eine kurzlebige pubertäre Rebellion, wie mancher meint? Offensichtlich gilt dies: 50 Jahre nach dem Untergang der Hitler-Diktatur bestimmt eine neue, unbeschwerte, konsum- und genußorientierte Generation den Lifestyle dieser Gesellschaft. Und sie unterscheidet sich grundlegend von ihren ernsten, pflichtbewußten Eltern. Was nicht ausschließt, daß sie auch diese Älteren mit dem Spaßvirus infiziert.

Die Gruppe der 14- bis 29jährigen, die Sozialwissenschaftler und Werbewirtschaft als zeitgeistprägende Schicht ausgemacht haben, mißtraut allen althergebrachten Ideologien; akzeptiert bedenkenlos, wohl als erste Nachkriegsgeneration, die Konsumgesellschaft; und sie hat vor Computern gelernt, flott und flexibel mit Bild und Text umzugehen.

Auch darum neigt diese Gruppe weniger zu Dogmatismus als etwa die 68er-Generation, die Toleranz gern als besonders raffinierte »Repression« sah und verachtete. Für die Jüngeren wird zudem der Schatten der Nazi-Schuld allmählich blasser. Ja, diesen leichtfüßigen Genußmenschen dient die fluchbeladene deutsche Vergangenheit nun sogar als Stoff für albernste Kasperkomik. In der televisionären Kult-Revue »RTL Samstag Nacht« etwa marschierten kürzlich in einer verblödelten NS-Parodie eine Nazi-Charge in Uniform und eine Männergruppe in Gestapo-Leder auf und annoncierten als Gäste »Miss Großdeutsches Reich« und den »Scherzbold Fritz von der Wolfsschanze«.

Eine kümmerliche Ferkelei krönte die braune Burleske: »Was ham Se denn im letzten Krieg jemacht?« »Flieger herunterjeholt!« »Vom Himmel?« »Nee, von meiner Schwester.« Für diese Jungen ist das Dritte Reich nicht bloß verblaßt, sondern schon in der Finsternis der Geschichte versunken. »Sie haben das historische Gepäck abgeworfen«, sagt der Filmregisseur Hark Bohm, »und wollen sich schlicht amüsieren.« (siehe Seite 182).

Befreiungsideologien, Ideen von einer gerechteren Welt sind diesen jungen Leuten fast ganz abhanden gekommen. Und die Intellektuellen, die solche Ideologien ersonnen und propagiert hatten, taugen nicht mehr als Leitbilder. Peter Voss, Intendant des Baden-Badener Südwestfunks, formuliert _(* Mit Ehefrau Christa. )

es so: »Es sieht ganz danach aus, als hätte die Spaßgeneration den aufklärerisch und kulturell gesinnten Eliten den Rang abgelaufen.« Der Entertainer Herbert Feuerstein konstatiert lapidar: »Keine Schulmeisterei mehr, jetzt sind die Nihilisten dran.«

Der Kulturinteressierte ist dabei zum bloßen Verbraucher geworden, der perfekte Dienstleistung verlangt und ungeduldig wird, wenn seine Wünsche nicht umgehend erfüllt werden. Unangefochten hat sich so jene amerikanische Konsummentalität in Deutschland eingenistet, die einst von hartleibigen Eierköpfen heftig bekämpft worden war. Ihnen, den Adorno-geschulten 68ern, galt ja die amerikanische »Kulturindustrie« als eine Hölle kapitalistischer Barbarei und Entfremdung.

Die ästhetischen Normen dieser Massenkultur jedoch sind nun die Vorbilder der jungdeutschen Künstler. Spaßfilmer wie Sönke Wortmann lassen auch schon einmal Dialogpassagen von einem amerikanischen Profi schleifen und feilen. Antiamerikanismus ist total out. So sind viele Künstler nun emsig am Werk, populäre Formen wiederzubeleben, über die der artifizielle Hochkulturbetrieb jahrzehntelang nur die Nase gerümpft hatte. Sogar Schriftsteller besinnen sich wieder auf eine epische Tugend, die der Traditionalist Marcel Reich-Ranicki beharrlich in jedem »Literarischen Quartett« anmahnt - auf die Kunst des unterhaltsamen Erzählens.

»Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt. Nur so wird sie wieder gewichtig« - der überraschende Satz von Friedrich Dürrenmatt findet zunehmend Gehör. Thomas Brussig, Schriftsteller aus Ost-Berlin, entzückte Kritiker und Käufer mit seinem turbulenten Schelmenroman »Helden wie wir«, in dem ein hand- und standfester Autoerotiker aus dem Innenleben der Stasi berichtet. Verkaufte Auflage: 70 000 Exemplare.

Mit süffigen Erzählstücken ohne moralische Ambition setzten sich auch die Hamburger Dietrich Schwanitz ("Der Campus") und der Ost-Berliner Jens Sparschuh ("Der Zimmerspringbrunnen") durch. Die jüngeren Autoren, notiert zufrieden der Berliner Tagesspiegel, »wollen auf intelligente Weise unterhalten. Sie setzen auf den mündigen Rezipienten, der nicht belehrt oder aufgeklärt« werden müsse.

Wo der erziehende Intellektuelle über Jahrzehnte hinweg versuchte, Ordnung ins Chaos der Welt zu bringen, präsentiert nun auf allen Kanälen sein ungezogener Enkel triumphierend die Unordnung in den Zeiten der Verwirrung.

Doch Deutschland wäre nicht das Land der evangelischen Kirchentage, bettlakenbewehrten Friedensdemonstrationen und konkurrierenden Geschäftsordnungsanträge, wenn es nicht weiterhin die Verbissenen und Strenggläubigen, die Pedanten und Schuldbewußten gäbe, jene auf komische Weise Ernsten, die das Bild des Deutschen in der Welt geprägt haben.

Aber sie werden weniger. Erst recht seit der historischen Zäsur 1989. Entgegen der bangen Erwartung vieler Mitglieder der inzwischen geschwächten »Toskana«-Fraktion haben sich Entideologisierung, Technisierung und Infotainisierung zu einem weiteren Schub der Verwestlichung Deutschlands verstärkt.

Jetzt lacht man auch hierzulande vorwiegend ohne Schluckbeschwerden, ist lieber gut drauf als schwer betroffen, auch wenn und gerade weil man mit Konrad Adenauer weiß: Die Lage war noch nie so ernst. Y

Spaßfieber im Palast und auf der Schlapplachhalde

Possenreißer im Mönchsgewand und Professorentalar

Witz und Satire im Dienste der Weltrevolution

Auch im Theater hat das Moralisieren keine Chance mehr

Intelligenter Schelmenroman aus Deutschland Ost

* Holzstich nach einem Gemälde von Eduard Grützner (1846 bis 1925).* Tokyo String Quartet beim Schleswig-Holstein Musik Festival.* Nach einer französischen Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert.* Mit Ehefrau Christa.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 122
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.