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Rumänien Seidener Vorhang

Spät wählte das Land einen Reformer. Kann er die Altkommunisten aus Schlüsselpositionen verdrängen?
aus DER SPIEGEL 48/1996

Emil Constantinescu ist Geologe von Haus aus, fromm, sympathisch, bürgernah. Er wirkt mit seinem Bart und dem fröhlichen Lächeln wie ein Volksschauspieler. Er wohnt in einer Mietskaserne und holt eigenhändig das Wasser von der Pumpe.

Aber wenn's um den politischen Gegner geht, wird der Sanftmütige zornig: Jahrelang kritisierte Constantinescu die Regierenden als eine Clique postkommunistischer Finsterlinge, die sich mittels alter Seilschaften, durch staatliche Korruption und mit Unterstützung eines dubiosen Geheimdienstes an der Macht hielten. Wenn er einmal Präsident wäre, gelobte er als Vorsitzender der Demokratischen Konvention, werde er Rumänien »mit Transparenz und Offenheit aus dem Dunkel führen«.

Nun steht Constantinescu, 57, in der Verantwortung. Der Wahlsieger muß jetzt beweisen, daß er tatsächlich die große Wende einleiten kann.

Im Gegensatz zu allen anderen Völkern hinter dem ehemals Eisernen Vorhang erlebten die Rumänen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht einmal kurzfristig ein bürgerliches Intermezzo. Im Freiheitsrausch des Wendejahres 1989 hatten die Menschen in ganz Osteuropa von den verhaßten Roten nichts mehr wissen wollen, gewann jeder Antikommunist vorbehaltlos ihre Sympathien. Bei den ersten freien Wahlen votierten sie überall überzeugend gegen das alte System, ohne das neue zu kennen - nur nicht in Rumänien.

Drei Anläufe brauchten dort die Demokraten, bis sie ihren Landsleuten im jüngsten Wahlkampf endlich die Angst vor einem radikalen Neuanfang nehmen und sie von einer umfassenden Erneuerung der Gesellschaft überzeugen konnten. »Wir sind die neue Kraft«, sagt Wendeheld Constantinescu, »und wir holen uns zurück, was uns über viereinhalb Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang und sieben weitere Jahre hinter dem seidenen Vorhang verwehrt wurde.«

Schon in der Epoche des Marxismus-Leninismus war in Rumänien manches bizarrer als anderswo im Kreml-Imperium. Mitte der achtziger Jahre, ermuntert durch Moskauer Glasnost und Perestroika, wagten geläuterte Genossen etwa in Ungarn und Polen zaghafte Wirtschaftsreformen, wurden erste Bürgerinitiativen und unabhängige Kulturorganisationen von den Regierungskommunisten toleriert - der blutrünstige rumänische Diktator Nicolae Ceausescu aber ließ sein Volk erbarmungslos weiter hungern und frieren und verwandelte sein Reich noch rigoroser in einen Kasernenstaat.

Selbst die Einfuhr reformsozialistischer Periodika aus den Bruderstaaten verbot der Karpaten-Despot, jede Schreibmaschine mußte samt Schrifttype bei der Polizei registriert sein.

Dann im Jahr der großen Zeitenwende, als Hunderttausende zwischen Vilnius und Sofia friedlich ihre Fesseln sprengten und die Herrschenden ihre morschen Gebilde einfach sich selbst überließen, wurde Bukarest wieder zur Ausnahme.

Beim Sturz Ceausescus am 22. Dezember 1989 bezahlten etwa tausend Menschen im Straßenkampf gegen die machtbesessene Geheimpolizei Securitate ihren Wunsch nach Freiheit und Veränderung mit dem Leben. Drei Tage später ließen die Führer des Aufstands den Tyrannen und seine Frau Elena standrechtlich erschießen. Doch an die Schaltstellen der Macht gelangten keine Reformer, nur gemäßigte Securisten - den siegestrunkenen Massen auf den Straßen fiel das zunächst nicht auf.

Der Neue an der Spitze der konfusen Volksbewegung war Ion Iliescu, ein wenig gewendeter Genosse. Der ehemalige ZK-Sekretär für Propaganda verstand es seit den Tagen der Rebellion, seine Landsleute gegen jeden durchgreifenden Wandel einzuschwören. Er stützte sich auf das Heer der Ceausescu-Mitläufer und inoffiziellen Securitate-Mitarbeiter. »Was wir brauchen«, lautete Iliescus dubiose Devise, »ist eine richtige Mischung aus revolutionärem Geist und sanften Reformen.« Jetzt mußte er seine Wahlniederlage eingestehen.

Die neuen Zeiten sind da, die Hoffnung ist groß. Doch es scheint völlig offen, ob Sieger Constantinescu die in zwei konträre politische Lager zerfallene rumänische Gesellschaft wirklich zu einen vermag.

Milde lächelnd verspricht er seinem Volk, Enteignungen würden rückgängig gemacht, Bauern erhielten Landgüter aus staatlichem Besitz, und beschwört den Kampf gegen die Korruption: »Wenn wir als wahre Patrioten und ehrliche Menschen zusammenhalten, werden wir es schaffen, so wahr uns Gott helfe.«

Ein Ziel verfehlte Constantinescu schon in der vergangenen Woche: Sein Versprechen, binnen weniger Tage eine neue Regierung zu bilden, konnte er nicht einhalten. Fraktionsgezänk und Profilierungssucht innerhalb des Mehrparteienbündnisses der Demokratischen Konvention, der neben Constantinescus christdemokratischer Bauernpartei auch Liberale, Konservative und Nationalisten angehören, verhinderten die Ernennung eines neuen Kabinetts.

Die Nominierung des populären Bukarester Oberbürgermeisters Viktor Ciorbea, 42, zum Regierungschef gibt zwar Anlaß zur Hoffnung, daß liberale Reformer die Ministermehrheit stellen werden. Doch schon sieht sich Constantinescu mit Forderungen der Sozialdemokraten konfrontiert, die als wichtigster Koalitionspartner Ansprüche auf lukrative Staatsposten anmelden. Ihren Vorsitzenden Petre Roman, Ceausescu-Zögling, drängt es in ein einflußreiches Amt.

Constantinescu scheint die Fehler zu wiederholen, die vor ihm schon der litauische Freiheitskämpfer Vytautas Landsbergis und der ehemalige Solidarnósc-Führer Lech Walesa in Polen begingen: Im ersten Überschwang verspricht Constantinescu seinen Landsleuten zu viel, zu schnell. Dabei unterschätzt er die Zwänge der katastrophalen Wirtschaftslage.

Weltbank und Internationaler Währungsfonds wollen erst nach hundert Tagen Amtszeit darüber entscheiden, ob Rumänien die bereits im Frühjahr zugesagten Kredite ausgezahlt bekommt. Das Druckmittel: Die internationale Finanzwelt soll davor gewarnt werden, in Rumänien zu investieren, falls 200 marode Großbetriebe in Staatshand bleiben, Nahrungsmittel wie Mieten weiterhin hoch subventioniert werden.

Die alte Garde, Urheber der Misere, duckt sich und wartet ab: Daß der politisch unerfahrene Constantinescu mit unvermeidlichen sozialen Konflikten, mit Streiks und Arbeiterprotesten zurechtkommen kann, bezweifeln die Polit-Profis. Der neue Präsident ist so optimistisch zu glauben, daß er »Haß und Vergeltung« überwinden und die Kommunisten aus den Schaltstellen der Macht verdrängen kann. Darüber lächeln die Erben der Securitate nur.

Zwei extremistische Parteien, von ehemaligen Securisten beherrscht, boten ihm letzte Woche Zusammenarbeit an, und der gutmütige Constantinescu protestierte nicht, als die neuen Bewunderer im alten Stil skandierten: »Constantinescu, du bist unser neuer Führer, nur dir gehorchen wir.«

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