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AGADIR Seismograph zerbrach

aus DER SPIEGEL 11/1960

Mit einer »Riesenfaust, die selbst große Gebäude wie Kartenhäuser in Minutenschnelle zu einem Trümmerhaufen zerschmetterte«, verglich ein Augenzeuge das Erdbeben, das in der Nacht zum Fastnachtsdienstag die marokkanische Seestadt Agadir vernichtete.

Ähnliches notierte im Jahre 1906 der italienische Tenor Enrico Caruso in der kalifornischen Seestadt San Francisco: »Vor dem Fenster sah ich große Gebäude wie Kartenhäuser zusammenstürzen und ganze Mauern auf die Straße schmettern.«

Auch der amerikanische Erzähler Jack London ("König Alkohol") erlebte das Erdbeben von San Francisco. Er war erschüttert vom Anblick der Zerstörung und weigerte sich zunächst, eine von ihm verlangte 2500-Worte-Reportage für die New Yorker Zeitschrift »Collier's Weekly« zu schreiben. »Was soll der Versuch?« fragte er seine Frau Charmian. »Man kann nur große Worte aneinanderreihen und hinterher die Nutzlosigkeit und Unzulänglichkeit solcher Versuche verwünschen.«

Am Ende schrieb er doch den Bericht, der ihm 25 Cent pro Wort eintrug John Griffith alias Jack London, Bürger der zerstörten und ausgebrannten Stadt am Goldenen Tor, in der über 400 Menschenleben zu beklagen waren, hatte Distanz gewonnen.

Distanz zur Katastrophe von Agadir ist kaum möglich zu einem Zeitpunkt, da Seuchen drohen, Rettungs- und Hilfsaktionen laufen, Mitleidsbekundungen aus aller Welt eintreffen und noch niemand die Ausmaße und Folgen des Unglücks zu übersehen vermag. »Die Zahl der Opfer des Erdbebens wird niemals bekannt werden«, mußte auch Jack London vor 54 Jahren telegraphieren. Freilich durfte er seinen beklemmenden Nachrichten die vergleichsweise tröstliche Feststellung hinzufügen: »Niemals in der Geschichte San Franciscos waren die Menschen ... so freundlich und so höflich wie in dieser Nacht des Grauens.«

»Niemals schlug aus einem christlichen Dom eine solche Flamme der Inbrunst gen Himmel, wie heute aus dem Dominikanerdom zu St. Jago«, schrieb hundert Jahre zuvor der Deutsche Heinrich von Kleist in seiner Erzählung »Das Erdbeben in Chili«. Unvergleichlich anders als der Reporter Jack London befaßte sich hier ein Dichter mit der »großen Erschütterung vom Jahre 1647« in Santiago, Chile, »bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden": In Kleists Novelle erscheint der Mensch als Opfer der »gebrechlichen Einrichtung der Welt«.

Die von Kleist 1810 in die Weltliteratur erhobene Naturkatastrophe fehlt auf der schwarzen Tafel »Schwerste Erdbeben der Geschichte«. Aber die jetzige Zerstörung der alten nordwestafrikanischen Hafenstadt Agadir - seit Anfang des 16. Jahrhunderts landeten dort europäische Schiffe - muß für die Zeitgenossen in die Spitzenliste jener Erderschütterungen rücken, die alten Aufzeichnungen zufolge 1556 in China 830 000, insgesamt seit 400 Jahren dreizehn Millionen Menschenleben vernichteten:

- 1876 in Kalkutta (Indien) 215 000,

- 1908 in Messina (Sizilien) 83 000,

- 1920 in Kansu (China) 180 000,

- 1923 in der Sagami-Bucht (Japan) 143 000,

- 1932 in Kansu 70 000,

- 1933 in Erzincan (Türkei) 33 000,

- 1935 in Quetta (Beludschistan) 60 000.

Die zwölftausend Toten von Agadir sind gegenwärtig und nah, sehr viel bestürzender und erschreckender als die Toten von San Francisco, von Lissabon.

Die mondäne 40 000-Seelen-Stadt mit ihrem 26 Kilometer langen Seebadestrand am Fuße des Hohen Atlas rühmte sich, jährlich 300 Sonnentage zu haben. Sie wurde bekannt durch den »Panthersprung von Agadir« - Wilhelm II. schickte 1911, »zur Wahrung deutscher Interessen«, ein Kanonenboot in den marokkanischen Hafen und provozierte damit Frankreich.

Agadir lag nicht in einer der ständig von Beben bedrohten, »lebendigen Zonen« der Erdrinde - und wurde über Nacht vernichtet. Die beiden Erdstöße, im Abstand von zwei Stunden, waren so stark, daß im Observatorium zu Casablanca, 500 Kilometer entfernt, ein Seismograph zerbrach.

»Wie grausam doch die Natur ist!« schrieb 1755 der französische Philosoph, Historiker und Dichter Voltaire über das Erdbeben zu Lissabon, das die abendländischen Geister erschütterte: »Es wird Mühe kosten, darzulegen, warum die Bewegungsgesetze solch furchtbare Verwüstungen anrichten müssen in der besten aller möglichen Welten.«

Der Sarkasmus des Aufklärers Voltaire richtete sich gegen die damals herrschende optimistische Philosophie, gegen Leibniz vor allem, der 1710 in seiner »Théodicée« ("Rechtfertigung Gottes") die bestehende Welt gutwillig akzeptierte. »Wenn Gott nicht wäre, müßte man ihn erfinden. Aber der ganze Kosmos ruft uns zu, daß Er ist«, erklärt der Kirchenfeind Voltaire. Doch wollte er nichts wissen von der Leibnizschen Welt als der besten aller möglichen Welten, darin das Übel ein notwendiger Bestandteil sei.

Vier Jahre nach der Katastrophe von Lissabon, 1759, vollendete Voltaire den »Candide«; der Held gerät mit dem Optimisten Pangloss zur höchst unrechten Zeit in die Hauptstadt von Portugal. Pangloss tröstet die überlebenden Bürger, »indem er versicherte, die Dinge könnten gar nicht anders sein; 'denn', sagte er, 'all dieses ist so gut wie irgend möglich.'«

Die Inquisitoren finden, »das Schauspiel einiger feierlichst auf langsamem Feuer verbrannter Menschen sei ein unfehlbares Mittel, die Erde am Beben zu verhindern«, leichten Herzens opfern sie einige Sünder; der Ausländer Pangloss wird gehenkt. Es nutzt alles nichts: »Selbigen Tages bebte die Erde noch einmal unter fürchterlichem Getöse.« Der 65jährige Autor Voltaire läßt den »entsetzten, bestürzten« Candide ketzerisch grübeln: »Wenn dieses die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die andern sein?«

Goethe war sechs Jahre alt, als Lissabon zerfiel und 60 000 Menschen umkamen. In »Dichtung und Wahrheit« resümierte er seine Eindrücke und Empfindungen von damals: »Gott, der Schöpfer Himmels und der Erden ... hatte sich, indem er die Gerechten und Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen.«

Mythen und Märchen deuteten die tektonischen, vulkanischen oder Einsturz-Erschütterungen als Tanz der Erde, als starke Bewegung einer die Erde tragenden Schildkröte, als ein Rumoren büßender Riesen tief im Innern der Erde. Heute registrieren ungefähr 300 Stationen jährlich 10 000 leichte und schwerere Zuckungen der Erdkruste, durchschnittlich eine pro Stunde. Indes - vorauszuberechnen oder gar zu verhindern sind die Bewegungen der Schildkröte in der besten aller möglichen Welten vom Menschen nicht.

»Alle ausgeklügelten Einrichtungen, mit denen eine Stadt im 20. Jahrhundert sich zu sichern sucht, waren durch das Erdbeben vernichtet«, konstatierte Jack London 1906. Seine Reportage über die Zerstörung der Großstadt am Stillen Ozean schloß er mit der Bemerkung: »Die Bankiers und Geschäftsleute haben bereits Vorkehrungen getroffen, San Franzisco wieder aufzubauen.«

Die Zeitungen vom 2. März 1960 beeilten sich, nicht minder zukunftsträchtig mitzuteilen, der König von Marokko habe angesichts der von Staub, Rauch und Verwesungsgeruch überlagerten Ruinen am Atlantischen Ozean erklärt: »Heute müssen wir ein neues Agadir gründen. Das alte hat aufgehört zu existieren.«

Innenstadt von Agadir nach dem Erdbeben: Die beste aller möglichen Welten?

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