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Am Rande Selbst schuld

aus DER SPIEGEL 35/2000

Rauchen, das weiß inzwischen jedes Kind, schadet der Gesundheit. Der blaue Dunst greift die Bronchien an, mindert die Potenz und verlangsamt das Reaktionsvermögen in kritischen Momenten. Schade ist nur, dass ein Umkehrschluss nicht möglich ist. Denn Nichtrauchen kann auf die Dauer auch zu erheblichen Schäden im Bewusstseinsbereich führen.

Seit 20 Jahren gibt es in Berlin den Nichtraucherbund e. V., einen gemeinnützigen Verein, der in einer rauchfreien Ecke gemütlich vor sich hindämmerte. Bis sich letzte Woche der Vereinsvorsitzende als Querdenker outete. In einem Brief an die Verordnetenversammlung des Bezirks Pankow protestierte er gegen den parteiübergreifenden Beschluss der Abgeordneten, den Platz vor dem S-Bahnhof Pankow nach der jüdischen Fabrikantenfamilie Garbáty zu benennen, die von den Nazis aus Berlin verjagt wurde: Garbáty habe »als Zigarettenfabrikant profitorientiert gewirkt«, zudem sei eine solche »Ehrung« ein »Affront« gegen die Nichtraucher.

Viel Rauch um nichts? Mitnichten. Es geht um Grundsätzliches. Sollen Zwangsarbeiter, die geraucht haben, dennoch entschädigt werden? Haben jüdische Raucher den Antisemitismus womöglich herbeigequalmt? Und umgekehrt: Werden engagierte Antifaschisten jetzt zu einem Smoke-in unter dem Motto »Rauchen macht frei« aufrufen? In Berlin, wo Kampfhundbesitzer gegen »Rassenverfolgung« demonstrieren, ist derzeit alles möglich. Wehret den Anfängen! Nie wieder »Ernte 23«!

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