Zur Ausgabe
Artikel 38 / 98

»Seltsame, beleidigende Äußerungen...«

aus DER SPIEGEL 42/1972

Dimitri Todorov, 25, beugt den Kopf so weit nach vorn, daß sein Gesicht hinter der Brüstung verschwindet. Es kommt minutenlang nicht wieder hervor. Der berichterstattende Richter des Schwurgerichts bemerkt's und macht den Vorsitzenden Richter, den Dr. Josef Bayrle, 57, darauf aufmerksam. Kann oder will der Angeklagte der Sitzung nicht mehr folgen?

»Herr Todorov, Sie sind schon bei der Sache, nicht?!« Richter Bayrle will nichts aufkommen lassen, diese Strafsache hat schon Geschichte genug. Zuerst sollte am 10. April dieses Jahres verhandelt werden, doch damals mußte das Gericht bereits am ersten Vormittag abbrechen, weil der Angeklagte Magenschmerzen hatte. Auch der zweite Anlauf am 25. September scheiterte. Dimitri Todorov erklärte, er werde sich weder zur Person noch zur Sache einlassen. Er überraschte damit seinen Verteidiger so sehr, daß dieser das Mandat niederlegte. Erst am Montag vergangener Woche hat man endlich -- nun mit einem Pflichtverteidiger -- beginnen können, doch wer weiß, was noch passiert.

Diesmal gibt es keinen neuen Aufenthalt. Dimitri Todorov widerspricht Richter Bayrle nicht. Es darf also angenommen werden, daß der Angeklagte der Sitzung auch dann folgt, wenn sein Gesicht hinter der Brüstung verschwindet. Nur -- warum schaut Dimitri Todorov -- immer häufiger übrigens -- nicht hin, während ein Zeuge nach dem anderen gehört wird?

Richter Bayrle fragt nicht, warum Dimitri Todorov minutenlang hinter der Brüstung der Anklagebank verschwindet. Richter Bayrle sagt nur. alles meidend, was ihn mit dem Angeklagten ins Gespräch bringen könnte: »Herr Todorov, Sie sind schon bei der Sache, nicht?!« Diese Strafsache soll endlich -- für dieses Gericht -- zu einem Ende kommen, man kann den Richter Bayrle verstehen. Gerät er mit Dimitri Todorov ins Gespräch, so kann eins zum andern führen und irgend etwas ausbrechen, das nicht nur Zeit kostet, sondern sogar den Prozeß gefährdende Komplikationen schafft.

Schon zur Person und zur Sache ist das Gericht ähnlich ausweichend mit Dimitri Todorov umgegangen. Es hat ihn sagen lassen, was er wollte, hat nicht versucht, seine Aussage zu vertiefen oder etwas herauszuarbeiten. Das Gericht hat bereits zur Person und zur Sache darauf verzichtet, mit Dimitri Todorov ins Gespräch zu kommen und sich ein möglichst vollständiges Bild von seiner Person und seiner Rolle beim Banküberfall am 4. August 1971 in der Münchner Prinzregentenstraße zu machen.

Das ist nicht unzulässig, beileibe nicht. Das kann sogar als Respektierung des Angeklagten gedeutet werden. Uns allerdings beunruhigt dieser Umgang mit dem Angeklagten. Uns beunruhigt, daß man diese Strafsache so deutlich von der Bühne bringen will; daß es um nichts anderes geht, als um eine Abwicklung, die korrekt genannt werden muß, weil sie gegen keinen Buchstaben verstößt.

Da holt beispielsweise das Gericht immer wieder Zeugen zu sich nach vom, um ihre Aussage an Photos und Lageskizzen zu überprüfen, die es ihnen vorlegt. Doch während die drei Berufsrichter sich mit den Zeugen über den Photos und den Lageskizzen unterhalten und auch der Verteidiger und der Staatsanwalt hinzutreten -- kleben die sechs Schöffen auf ihren Plätzen.

Als Dimitri Todorov am 25. September den zweiten Anlauf zur Hauptverhandlung stoppte. begründete er seinen Entschluß, weder zur Person noch zur Sache auszusagen, mit der Behauptung, über ihn sei das »Lebenslang« ja doch schon vor dem Urteil gesprochen. Als dann am Montag vergangener Woche die Hauptverhandlung tatsächlich begann, sprach Dimitri Todorov doch. Leider nur, so scheint es, hat er so unrecht mit dem Vor-Urteil nicht gehabt.

Dimitri Todorov, vorbestraft und im Strafvollzug in Richtung auf die Kriminalität hin nur gefördert, in der Berufsausbildung gestrandet und das einzige Kind einer gescheiterten Ehe, geriet an den sieben Jahre älteren Hans Georg Rammelmayr und vielleicht auch noch, er hat ihn in München im Prozeß erwähnt, ohne seinen Namen preisgeben zu wollen, an einen Dritten. Er war prädestiniert zu einem Komplott, zu einem Plan, wie man das ganz große Ding schaffen könnte, ohne erwischt zu werden. Er sehnte sich nach geheimer Gemeinschaft, nach der Vertrautheit in einer Verschwörung; nach einem Bündnis, dem er, so es den »dritten Mann« tatsächlich gibt, einen letzten, infantilen Tribut zollt.

Der große Coup, so viel hat der Prozeß ergeben, war nicht groß angelegt. Im Englischen Garten wollte man sich der Geiseln entledigen und den Verfolgern entkommen -- nicht weiter als bis nach Schwabing. Man hatte sich, zu zweit oder zu dritt, in ein Wahngebilde eingesponnen. Dimitri Todorov ist, einem körperlich Behinderten gegenüber würden wir das Wort niemals gebrauchen, ein Krüppel, ein seelischer Krüppel, und zwar einer von der ärgsten Art: Er ist intelligenter. als er es mit seiner Schulbildung, nach seiner verkrachten Berufsausbildung, unter der Hypothek seiner Kindheit und angesichts seiner Erfahrungen im Strafvollzug gebrauchen kann.

In der Untersuchungshaft hat er sich nicht nur die Haare wachsen lassen, auch seine Ziellosigkeit ist ausgewuchert. Er hat Nietzsche gelesen und sich mit Psychoanalyse befaßt. Er steckt voller Ahnungen hinsichtlich der Richtung. in der man ihn nur gehen lassen müßte. damit er sich findet. Es ist unbarmherzig, sich darüber zu amüsieren, daß er unausgegorenes Zeug redet. Er liegt im Wasser, kann nicht schwimmen und sucht etwas zu fassen, woran er sich festhalten kann. Bekäme er die Chance, in absehbarer Zeit in Freiheit zu kommen, und sei es nach 15 Jahren, fände er jemand, der sich seiner im Vollzug annimmt: Es könnte ihm gelingen, etwas zu fassen, woran er sich festhält. Er könnte vielleicht sogar schwimmen lernen.

Der Prozeß spitzt sich auf die Frage zu, ob Dimitri Todorov gezielt auf die Polizeibeamten geschossen hat, die in die Bank eindrangen. Vor ·dem Urteil soll man sich in dieser Frage wohl zurückhalten. Immerhin sei angemerkt, daß es Richter Bayrle mitten im Prozeß unterläuft, gegenüber einem Polizeizeugen von dem Schuß zu sprechen, »der (von Todorov) auf Ihren Kollegen Trog abgegeben wurde«. Die Tatsache, daß Dimitri Todorov die sechs Minuten, die vom ersten Schuß auf Rammelmayr bis zu seiner. Todorovs, Festnahme vergingen, nicht benutzt hat, den in seiner Macht befindlichen Geiseln nach dem Leben zu trachten, scheint das Gericht nicht zu beschäftigen.

Das muß man jedenfalls aus der Art schließen, in der Richter Bayrle mit der Zeugin Elke Schmitz, 22, umgeht. Es ist schade, daß es nicht wenigstens für die Richter, zu ihrer Selbstprüfung im nachhinein, ein Tonband gibt. Die Zeugin Schmitz hat sich am 4. August 1971 als Geisel auf einen Flirt mit Dimitri Todorov eingelassen. Sie hoffte so, käme es zum Schlimmsten, eine Anwartschaft auf Schonung zu haben. Sie geriet darüber zwischen die Fronten, sie hat sich so verhalten, wie es der Korn. ment dem Opfer einer Geiselnahme nicht gestattet.

Als die Polizei eindrang, fühlte sie sich bei Dimitri Todorov noch am sichersten. Als ihm Patronen hinfielen, hat sie diese aufgehoben. Als die Polizei Dimitri Todorov überwältigte, warf sie sich dazwischen, bis sie selbst niedergeschlagen wurde. »Seltsame, beleidigende Äußerungen ...« haben die Beamten von ihr gehört. »Hau ab, du Sau«, soll sie gerufen haben. »Ich war völlig wahnsinnig«, sagt sie heute. Damals soll sie, ins Krankenhaus geschafft, den Todorov einen »duften Typ« genannt haben und mehr.

Zuerst nur zur Rettung ihres Lebens um Todorov bemüht, ist sie damals von dem angstzitternden, verzweifelnden Bankräuber als Schild gebraucht worden, und in ihr, einem schlichten, naiven Mädchen, schlug plötzlich nicht Verständnis, sondern Mitgefühl für diesen unseligen Narren hoch, als die Polizei, auch sie am Ende ihrer Nerven, ihm seine Narrheit heimzahlte. Diese Elke Schmitz hätte Verständnis verdient, nicht weniger Verständnis jedenfalls, als es Richter Bayrle allen anderen Zeugen zuteil werden läßt, die am 4. August 1971 Geiseln gewesen sind.

Doch Richter Bayrle ist mit dieser Zeugin ganz kurz, sehr schnell, er gibt ihr keine Hilfe. Diese Strafsache soll von der Bühne, und offenbar muß zu diesem Zweck den Schöffen signalisiert werden, was Richter Bayrle von dieser Zeugin hält; von einer Zeugin, deren Aussage Zweifel daran weckt, daß Dimitri Todorov gezielt geschossen hat, daß er töten wollte.

Wie verhält man sich, wenn man unversehens Geisel wurde, wenn -- nach Stunden der Angst -- die Retter nahen, Retter, die nur leider so schießen, daß man sich eher von ihnen als vom Geiselnehmer bedroht fühlt? Was Elke Schmitz betrifft, so schlug ihre Angst um sich selbst jählings in Angst um den jungen Mann um, in dessen Gewalt sie sich stundenlang befunden hatte. Eine unverständliche Solidarisierung? Was hat es am 4. August 1971 in der Prinzregentenstraße nicht alles an Fehlverhalten gegeben. Das Verhalten der Elke Schmitz -- uns ist es noch das verständlichste, das menschlichste.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 98
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.