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HAUPTSTADT Senator Zwiespalt

Etwas kritisch, aber stets loyal war Thomas Flierl schon in der DDR. Als Kultursenator Berlins versucht der PDS-Genosse erneut den Spagat - und erzürnt Regierungschef Klaus Wowereit.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Einen schwarzen Pilotenkoffer in der Hand, betritt Thomas Flierl, 46, sein großes graues Amtszimmer in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte. In seinem dunklen Anzug, ein Tuch um den Hals, sieht der Kultursenator wie ein Magier aus.

Nach der großen Umlaufmappe mit den Briefen, unter die er in der Nacht zuvor mit grüner Tinte seine Unterschrift gesetzt hat, zaubert er eine Klarsichttüte mit geschälten Möhren aus dem Koffer. Kurz streicht er sich mit der Hand über das etwas fahle Gesicht und beginnt, herzhaft knackend eine Möhre zu verspeisen - das, sagt er, sei sein Mittel gegen Nervosität. Dabei schaut er drein, als hätte er gerade demonstriert, wie jeder, der den Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur ärgert, im Lauf des Tages kleingeraspelt wird.

Schließlich holt Flierl auch noch eine Zahnbürste aus dem Koffer und trägt sie in die Waschzelle hinter dem Senatorenbüro. »Die Studenten haben meine geklaut, als sie mein Büro besetzt hatten«, lacht er, stockt und korrigiert sich. »Geklaut? Äh, vergesellschaftet.«

Thomas Flierl, einziger Ossi im SPD/PDS-Senat von Berlin, ist ein Meister der Dialektik. Diebstahl oder Vergesellschaftung? Streichkonzert oder Strukturreform? Abriss oder Aufhebung? Verständnis für streikende Studenten einerseits, Ablehnung ihrer Forderungen andererseits. Zu jeder These hat er die Antithese, zu jedem Spruch den Widerspruch parat.

Über keinen Berliner Senator ist deshalb das Urteil so zwiespältig wie über ihn, auch wenn er nach zwei Jahren im Amt so manchen Vorgänger längst in den Schatten gestellt hat.

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, nennt ihn einen »intelligenten Realisten«, die Belegschaft der Deutschen Oper in West-Berlin sieht in ihm den Retter. Christina Weiss, des Kanzlers Kulturbeauftragte, bejubelt Flierl als »Glücksfall«- »berechenbar und vertrauenswürdig«.

Die Kommunisten der PDS indes halten ihn für einen Revisionisten, Berliner Studenten beschimpfen ihn als Opportunisten. Und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) lässt keine Chance ungenutzt, sich über das »Weichei« zu mokieren. Flierls Schachtelsätze sind dem Machtmenschen Wowereit ein Gräuel, dessen Bemühen um einen »gesellschaftlichen Diskurs« ist für ihn nur großes Gelaber. Mehrfach hat Flierl bereits erwogen, seinem Chef deshalb mit Rücktritt zu drohen - um dann doch davor zurückzuschrecken.

Ein Leben im Zwiespalt, jenes Muster, das auch heute seine Amtsführung prägt, hat Flierl schon in der DDR geführt: Er war zu intelligent, um das Scheitern der DDR nicht zu ahnen, und ist doch bis zuletzt SED-Mitglied geblieben. Der beißende Spott Lenins über die Taktik der Sozialdemokratie ("Einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück") trifft auf kaum jemanden besser zu als auf den neuen Typ des Realsozialisten. Egal in welchem System er sich bewegt, stets macht Flierl Trippelschritte, bei denen die Richtung nicht immer klar ist.

Alice Ströver, 48, grünes Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses mit West-Herkunft, ist Flierl noch vor der Wende begegnet. Im Frühjahr 1989 erschien der im Rathaus Schöneberg in West-Berlin. Flierl war erst 31 und sei ihr doch »wie ein alter Apparatschik« vorgekommen. Der Mann in der braunen Cordhose war im DDR-Kulturministerium zuständig für den Kulturaustausch mit jenem Teil Berlins, der laut SED eine selbständige politische Einheit war. Ströver war damals Mitarbeiterin der Fraktion der Alternativen Liste. Die AL wollte ein deutsch-deutsches Historiker-Treffen organisieren, wofür einerseits auch Flierl war. Nur andererseits - »Sie verstehen schon« -, so habe er damals erklärt, dürften die unorthodoxen Alternativen nicht der alleinige Veranstalter sein.

Schlechte Erinnerungen hat die Frau aus dem Westen dennoch nicht an den Funktionär aus der Zone, der einst eine Dissertation über die »Grundprobleme der marxistisch-leninistischen Ästhetik« schrieb. Das Historiker-Treffen fand statt, und ganz hilfreich sei der Genosse auch sonst gewesen. »Ich hatte ein DDR-Einreiseverbot. Da sagte Flierl zu mir: Geben Sie mir mal Ihr Geburtsdatum. Wenig später durfte ich wieder in die DDR.«

In der Thulestraße in Berlin-Pankow wohnt jener Mann, dessen Lebensmuster dem Senator eine Vorlage ist. Bruno Flierl, 76, der bekannteste Architekturtheoretiker der DDR, war einerseits langjähriges SED-Mitglied und »bekennender Sozialist«. Andererseits wurde er gegängelt, weil er die Demokratisierung der SED-Baupolitik forderte.

Flierl der Ältere sitzt in einem halbrunden Korbstuhl. An den Wänden hängen Fotos vom Fernsehturm und vom Palast der Republik, der in der Amtszeit seines Sohnes voraussichtlich abgerissen wird. Früher wurde Thomas Flierl oft als »der Sohn von Bruno Flierl« vorgestellt. Inzwischen freut sich Bruno, wenn er als »Vater des Senators« begrüßt wird. Den Vater zu überholen, ohne ihn einzuholen, war stets das Ziel des Sohnes.

Dazu musste Thomas Flierl im Kapitalismus Karriere machen, Kulturamtsleiter im Prenzlauer Berg und Baustadtrat in Mitte werden. Wie so oft in seinem Leben hat Flierl damals bei der Suche nach einer politischen Heimat geschwankt zwischen SPD, Grünen und PDS - und sich dann doch für das Milieu entschieden, aus dem er kam.

Bruno Flierl sieht ein, dass sein Sohn als Senator nicht mehr ganz offen reden kann und auch er, der viel leidenschaftlichere Vater, Zurückhaltung üben muss. Schreibt er Artikel, lässt er Thomas zuvor die Texte zukommen. Manchmal erhält er dann ganz schnell einen Hinweis in Sachen Realpolitik: Er solle doch seinen Subjektivismus lassen.

Viele Sätze von Bruno Flierl beginnen mit den Worten »Thomas und ich«. Fast wortgleich reden sie über »Kultur als Beitrag zur Sinnsuche der Gesellschaft«. Verbohrte Ideologen sind sie jedoch nicht. Nur das Kulturverständnis »der ungebildeten Aufsteiger aus der Arbeiterklasse« (Bruno Flierl über Klaus Wowereit), die jede Party für einen Kultur-Event halten, ist ihnen zuwider. Geschichtslosigkeit attestieren sie der sozialdemokratischen Konkurrenz, sich selbst sehen sie als Bewahrer aller guten deutschen Traditionen.

So wollte Flierl junior als Baustadtrat von Mitte auch seinen Kampf gegen die Vermarktung des Brandenburger Tors verstanden wissen, der ihm den Ruf eines Betonkopfs einbrachte. Im Bundespräsidialamt erntete er dafür Respekt. Dort teilt man die Sorge, Symbole der Bundesrepublik könnten der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Solcherlei Anerkennung durch die Obrigkeit ist dem Sohn Ausgleich für manche Schmäh. An einem trüben Novembertag hält er aus dem Fond des silbernen Dienst-Mercedes dem Sicherheitsposten am Kanzleramt mit der Geste des Arrivierten seinen Senatorenausweis entgegen und darf hinein ins Zentrum der Macht. Wenig später steht er neben der Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss, vor einer blauen Wand mit einem stilisierten Bundesadler und blickt wie ein Bergsteiger nach der Gipfelbesteigung. Sie tauschen Mappen mit Berliner Bär und Bundesadler aus, in denen der soeben unterzeichnete

Hauptstadtkulturvertrag liegt. Weiss lobt Flierl. Und Flierl entfahren staatstragende Sätze wie »Berlin ist dankbar«. Anschließend lässt er sich vor der schwarz-rot-goldenen Fahne fotografieren.

Der Aufsteiger aus der DDR-Nomenklatura, der einst als Notlösung antrat, weil Gregor Gysi partout das Wirtschaftsressort für sich wollte, hat im Amt länger standgehalten als mancher Wessi. Sechs Kultursenatoren sind seit der Wiedervereinigung im Amt verschlissen worden.

Flierl aber hält durch und zählt zu den wenigen Berliner Senatoren, die auch Ideen für die Stadt haben. Er hat Strukturreformen bei den Berliner Universitätskliniken vorangebracht, mit Weiss einen Hauptstadtkulturvertrag ausgehandelt, mehrere Einrichtungen Berlins an den Bund übertragen und dadurch gerettet.

Mit der von ihm ausgetüftelten Opernstiftung, in der alle drei Berliner Häuser überleben sollen, hat er sich erstmals angreifbar gemacht. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Daniel Barenboim, dessen Anwalt Gregor Gysi und die Opern-Mitarbeiter bekämpfen seine Pläne. Viele - auch Wowereit - waren bereit, als Beleg für die soziale Balance bei der Haushaltssanierung die Deutsche Oper zu opfern.

Doch in diesem Fall bleibt Flierl stur. Er will das Vorurteil widerlegen, er werde nur für Einrichtungen im Ostteil der Stadt eintreten und die Oper im Westen abwickeln. »Ich will«, beteuert er, »keine Revanche nehmen für die Abwicklungen im Osten.«

Nun müht sich Senator Zwiespalt, der eigenen Anhängerschaft die Opern-Rettung dialektisch als soziale Wohltat zu verkaufen: »Der Schließung einer Oper wären andere Schließungen gefolgt - auch im Sozialbereich.« Die Sozialhilfeempfänger, denen der SPD/PDS-Senat die Zuschüsse für die verbilligten Nahverkehrstickets gestrichen hat, wird er kaum überzeugen.

Auch ein Alternativmodell zu Studien- gebühren rechnet sich Flierl als Leistung an - und bleibt unverstanden. Streikenden Studenten ist nicht nach feinsinniger Unterscheidung zwischen PDS-Studienkonten und SPD-Studiengebühren. Wenn Flierl eine andere Politik wolle, dann solle er doch in die außerparlamentarische Opposition wechseln, ruft ihm ein Student bei einer Protestversammlung zu. Doch solche Entschiedenheit ist nicht die Sache Flierls, der den Berliner Universitäten 75 Millionen Euro streichen musste. Er könne sich die »Widersprüche nicht aus dem Kopf schlagen«, hält Flierl dagegen und fragt, was denn besser werde, wenn er zurückgetreten sei. Ähnlich, sagen ehemalige Weggefährten, habe er früher auch seinen Verbleib in der SED gerechtfertigt.

Als die Studenten sein Büro besetzten, verlor Flierl kurz die Fassung. »Darauf, dass ausgerechnet in mir nun die Macht gesehen wird, war ich nicht vorbereitet.« Doch der studierte Philosoph fing sich schnell, ließ die Studenten gewähren, lobte Streiks als »Schule des politischen Lebens«, diskutierte mit ihnen und bat um Gnade für die Gemälde an seinen Bürowänden. Artig verhingen die Studenten darauf die Leihgaben des Berliner Malers Thomas Richter.

So blieb auch eine Landschaft unbeschädigt, auf die Flierl tagtäglich von seinem Schreibtisch aus blickt. Darin steht, oben auf einem Hügel, eine kleine Fahne.

Wenn man ganz nah herantritt, aber nur dann, kann man erkennen, dass es eine rote Fahne ist. STEFAN BERG

* Besetzung von Flierls Senatorenbüro am 26. November 2003.

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