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SPD/HESSEN Sensibler Elefant

Das rot-grüne Bündnis hatte den Sozialdemokraten Holger Börner gesundheitlich zermürbt. Seine persönliche Fehlreaktion kostete in Hessen die Macht. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Holger Börner, 56, der nach ärztlichem Anraten jede Streßsituation meiden sollte, schluckte noch schnell zwei Beta-Blocker, um den »blutdrucktreibenden Auftritt« heil zu überstehen.

Dann schoben ihn seine engsten Mitarbeiter, am Wahlabend im Wiesbadener Landtag, vorbei an siegestrunkenen und schadenfrohen Christdemokraten. Das war, empfand ein Börner-Vertrauter, »eine grölende Gasse« und habe auf den Geschlagenen gewirkt »wie Spießrutenlaufen zur SA-Zeit«.

Mit versteinertem Gesicht und matter Stimme bekannte Börner, er allein trage »die volle Verantwortung für die letzten vier Jahre« - auch für den Bruch des rotgrünen Bündnisses. »Damit das klar ist«, beharrte der Dicke, »auch den Rausschmiß von Herrn Fischer« habe er allein zu verantworten.

Börners Geste, sich nach der Wahlschlappe schützend vor seinen Nachfolger Hans Krollmann zu stellen, war eine letzte Pflichterfüllung. Doch sie wirkte auf viele Genossen wie das Eingeständnis einer historischen Schuld.

Weil es ihm »für die Republik und ihren Weg« wichtig erschienen war, die SPD in Hessen an der Regierung zu halten, hatte sich Börner mit den ihm widerwärtigen Grünen eingelassen - und am Ende alles verspielt: die Macht der Sozis, dazu Karriere und Gesundheit.

Die Berührungsängste mit den Grünen hatte der Bilderbuch-Sozi Börner entgegen allen Beteuerungen nie ganz abbauen können. Als am Wahlabend alles aus war, zeigte dann Börner auch wieder ungehemmt, was er von den Grünen hält. »Die SPD«, entfuhr es ihm, sollte schlicht »betrogen werden«.

Damit war Börner in seiner Beziehung zu den Grünen wieder dort angelangt, wo er vor fünf Jahren begonnen hatte - bei der Dachlatte, die dem gelernten Baupolier damals geeignet erschien, »solche Dinge« zu erledigen.

Ausgerechnet Börner, der noch kurz zuvor die Alternativen »in die Nähe von Faschisten« gerückt hatte, mußte sich auf der Mehrheitssuche nach der Wahl 1983 als Wegbereiter eines rot-grünen Bündnisses einspannen lassen. Nur er als Ministerpräsident und rechter Sozialdemokrat, überzeugten ihn Parteistrategen, könne den konservativen Flügel für das waghalsige Experiment gewinnen.

Pflichtbewußt quälte er sich bis zur Aufopferung. Willi Görlach, Vorsitzender der linken Südhessen-SPD und Börner politisch fern, sagt jetzt rückblickend,

die Zusammenarbeit mit den Grünen sei »für den sensiblen Elefanten eine ganz, ganz harte Geschichte« gewesen. Auch Justizminister Herbert Günther weiß, daß es den Spitzengenossen »seiner ganzen Struktur nach eine furchtbare Überwindung gekostet« hat.

Oft erlebten Genossen wie Grüne, daß der Regierungschef seine Selbstbeherrschung verlor, wenn ihn politische Kompromisse zur Selbstverleugnung zwangen. Unvermittelt brauste er auf, sobald ihm grüne Forderungen gegen den Strich gingen. Daß »der Holger die große Linie mit einem Federstrich abhakte«, aber in den Verhandlungen »bei Kleinigkeiten aus der Haut fuhr«, erstaunte Görlach immer wieder: »Wir mußten ihn manches Mal beruhigen.«

Als die Grünen für Alternativbetriebe bescheidene sieben Millionen Mark Fördermittel verlangten, wollte Börner alles platzen lassen. Polternd verließ er die Verhandlung und schimpfte über die grünen Projekte: »Da tummeln sich doch nur Rauschgiftsüchtige.«

Parteifreunde verfolgten mit zunehmender Sorge, wie Börner den rot-grünen Weg »immer mehr verinnerlichte« (Günther) und krankhafte Symptome zeigte. Seine Ärzte maßen bald alarmierende Blutdruckwerte von über 200.

Im Dezember 1984 brach der hessische Regierungschef in Bonn erstmals zusammen - unmittelbar nach dem ersten Scheitern des rot-grünen Bündnisses. Das Krankheitsbild wurde wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Vertraute Genossen wie Günther beobachteten, daß Börner sich im Umgang mit den grünen Partnern »physisch und psychisch unter riesige Belastung« setzte. Ärzte diagnostizierten psychosomatische Ursachen für seine Kreislaufprobleme.

Immer wenn sich neuer Streit mit den Grünen anbahnte, drohte Börner der Kollaps. Zuletzt klappte er Ende Januar dieses Jahres am Rednerpult des Landtags zusammen, mitten in der Debatte über ein Mediengesetz. Doch nicht Rundfunk und Fernsehen, so deutet es sein Staatssekretär Paul Leo Giani, lösten den Zusammenbruch aus, sondern die in der Tagesordnung nachfolgende Auseinandersetzung über die Plutoniumfabrik Alkem.

Börners Kabinettskollegen wußten zudem, daß ihr Chef immer eine Bezugsperson in der Grünen-Gruppe benötigte, um den Umgang mit ihnen zu ertragen. Sein »Lieblings-Grüner« ("FAZ") war zunächst Karl Kerschgens, der Börner beim ersten Bruch, der aufgekündigten Tolerierung aber enttäuschte.

Dann galt Börners Hinwendung dem grünen Umweltminister Joschka Fischer, 39, dem er im Kabinett, wie ein Teilnehmer beobachtete, öfter mal »anerkennend zuzwinkerte«. Ein Staatssekretär prophezeite alsbald: »Wenn der Fischer ihm mal querkommt, dann läßt der Dicke aus Enttäuschung alles hochgehen.« Es passierte, als Fischer im Fernsehen Börner vorwarf, er habe die Chance einer rot-grünen Zusammenarbeit »mutwillig kaputtgeschlagen«. Prompt feuerte Börner den grünen Ziehsohn, ohne ein einziges Parteigremium zu fragen.

Selbst rechte Genossen wie der scheidende Abgeordnete Willi Reichert beklagen jetzt Börners »Überreaktion«, ohne die das Bündnis bis zum Herbst hätte halten können. Der Partei wären dann, so Görlach, »die Erklärungsschwierigkeiten« erspart geblieben »warum wir erst das Bündnis brechen und plötzlich wieder wollen«.

Daß der angeschlagene Regierungschef »nach so viel Selbstüberwindung so reagierte«, kreiden Genossen wie Günther ihm nicht an. Der Schuldvorwurf trifft mehr die Börner-Berater, den Staatskanzlei-Chef Giani und den Regierungssprecher Edgar Thielemann, die seine Krankengeschichte genau kannten. Günther: »Das Krisenmanagement mußte wissen, was es zu tun hat.« _(Am Wahlabend im Wiesbadener Landtag. )

Am Wahlabend im Wiesbadener Landtag.

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