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ENGLAND Sex in der Stimme

Mit dem neuen Chef Neil Kinnock setzt die Labour Party wieder auf Sieg. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Zweitausend Menschen im Konferenzzentrum von Brighton jubelten, obwohl Parteichef Michael Foot zu seinem Abschied sagte: »Ich bin beschämt, daß wir das Schicksal dieses Landes in die Hände anderer gelegt haben.«

Doch weitere Selbstkritik, vom Verlierer der Juni-Wahl knapp und überzeugend vorgetragen, war bei der Labour Party nicht gefragt. Den fünfminütigen Applaus gab es, weil im Geschwindschritt jener Mann neben den zerbrechlich wirkenden Foot trat, der fast drei Viertel aller Stimmen für die Foot-Nachfolge erhalten hatte: der breitschultrige, frühere Rugby-Spieler Neil Kinnock, 41.

Schon rechnerisch schweißte er eine Partei zusammen, die unter seinem Vorgänger in die schwerste Krise seit dem Ersten Weltkrieg gestürzt war. Selbstzerstörerische Flügelkämpfe unter Führungsschwäche bei einem extremen Linksprogramm vertrieben Millionen Labour-Wähler.

Der Partei, die vor zehn Jahren über 700 000 Mitglieder hatte, gehören heute nur noch 274 000 Briten an. Das alles will der jüngste Labour-Führer ändern: »Niemals wieder«, versprach er in Brighton, werde es einen Kater wie nach der letzten Wahl geben, als seine Partei gegen die konservative Ministerpräsidentin Margaret Thatcher haushoch unterlag. »Einheit« laute nunmehr die Parole, »nicht erst vier Wochen vor der nächsten Wahl, sondern jetzt und in der Zukunft«.

Der Sohn eines Bergarbeiters und einer Krankenschwester, der in Cardiff Geschichte und Arbeitsrecht studiert hatte und schon als 14jähriger in die Partei eingetreten war, berief sich auf Aneurin Bevan als Vorbild, den Begründer des britischen Wohlfahrtsstaates, wie Kinnock in dem Dorf Tredegar in Wales geboren: »Labour muß die Erwartungen der Mehrheit ausdrücken und mit der Wirklichkeit verbunden bleiben.« Der Hauptgrundsatz des Sozialismus ist laut Kinnock »common sense«, gesunder Menschenverstand.

Der Parteitag ließ sich überzeugen, trennte sich mit klarer Mehrheit von der trotzkistischen »militanten Tendenz«, deren Wortführer aus der Partei gefeuert wurden. Erstmals ließen die Delegierten ihre alte Forderung fallen, England aus der Europäischen Gemeinschaft zu entfernen. Das Thema wird sechs Jahre verschoben, bis nach der nächsten Parlamentswahl.

Sie votierten für eine einseitige Atomabrüstung Großbritanniens, für die Verschrottung der »Polaris«-Unterwasserstreitmacht

und gegen die von Margaret Thatcher angeordnete Beschaffung der »Trident«-Raketen - mit Kinnocks Zustimmung.

Neil Kinnock hatte sich bisher aus ideologischen Debatten meist herausgehalten, als Erziehungsminister im Schattenkabinett war er auf die Abschaffung der englischen Privatschulen spezialisiert. Seine Angriffe auf die Bildungsfestungen des britischen Establishment machten ihn beliebt.

Nur 14 Prozent der Wähler in seinem Wahlkreis Islwyn stimmten im Juni für die Tory-Partei von Frau Thatcher. Im Nachbarwahlkreis erhielt Michael Foot gut 52 Prozent. Der war schon 1969, als Kinnock den Sprung ins Unterhaus schaffte, von ihm begeistert und mahnte: »Wenn du deine intellektuelle Energie bewahrst, kann aus dir ein brauchbarer Minister werden.«

Der damalige Arbeitsminister Foot hatte sich 1974 Kinnock als parlamentarischen Privatsekretär geholt. Auf dem Parteitag 1981 bewährte sich Kinnock durch sein Votum gegen den Parteilinken Tony Benn, der Foot-Stellvertreter hatte werden wollen. Kinnock damals über den Anführer des radikalen Flügels: »Benn ist eine Blindschleiche, die Giftschlange spielt.«

Im Wahlkampf zu den von Regierungschefin Margaret ("Maggie") Thatcher für den 9. Juni angesetzten Parlamentsneuwahlen holte sich Kinnock noch den letzten Schliff. Er produzierte sich beinahe jeden Abend auf den Fernsehschirmen - mal als charmantester Talk-Show-Gast seiner Partei, mal als aggressivster Maggie-Gegner. Von Kinnock stammt der Slogan, Frau Thatcher sei dabei, den »seidenbestrumpften Faschismus« einzuführen.

Die schwere Niederlage Labours war dann Kinnocks Vorteil: Der sofortige Rücktritt Michael Foots und das Debakel seines Konkurrenten Benn, der nicht einmal mehr den Einzug in das Unterhaus schaffte.

Rechtzeitig zur Brighton-Konferenz fand Kinnock auch seine schmelzende Stimme wieder, die ihm in einer Radio-Show den Beinamen »sexy Neil« eingebracht hatte. Nach der Juni-Wahl versagten seine Stimmbänder, so daß Kinnock seine Reden von einem Schauspieler verlesen ließ (dem er nach getaner Arbeit stets als erster kräftig applaudierte).

Kinnock erhielt in Brighton eine komfortable Mehrheit im 29köpfigen Parteivorstand, in dem die Benn-getreuen Linken nur noch mit zwölf Mann vertreten sind. Den Rest stellen Kinnocks Leute sowie Anhänger des neuen Partei-Vize Roy Hattersley, 50, eines Mannes der Parteimitte.

Der neue Labour-Chef hat mächtige Verbündete. Als er auf der Autobahn auf der Fahrt nach London mit seinem Auto gegen die Leitplanke geprallt war, kletterte Kinnock unverletzt aus dem total zerstörten Wagen und befand: »Irgend jemand da oben muß mich lieben.«

Doch Kinnock, der es eilig hatte, um an der Unterhausdebatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe teilzunehmen, scheinen nicht nur Götter wohlgesinnt. Mit 52 Prozent, so ergab die erste Meinungsumfrage nach seinem Amtsantritt, würden die Briten nun auf einmal wieder Labour wählen. »Maggie«, kommentierte das Massenblatt »Daily Mirror« die Sensation, »sieht da plötzlich ganz schön alt aus.« _(Auf dem Parteitag in Brighton. )

Auf dem Parteitag in Brighton.

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