Zur Ausgabe
Artikel 26 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Sex und Fun sind nicht tot«

Die Situation in den USA war für die deutsche Schwulenbewegung stets Vorbild: Organisationsstrukturen und Formen der politischen Aktionen wurden auf deutsche Verhältnisse ebenso übertragen wie alle sexuellen »Moden«, vom Fistfucking über Darkrooms bis zu Jackoff-Partys. Zeitversetzt könnte demnächst in Deutschland wirksam werden, was gegenwärtig die US-Schwulenszene bestimmt: ausgeprägte und kontrollierte Praktiken von Safer Sex und ein wachsender Einfluß Homosexueller in der amerikanischen Gesellschaft.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Seinen Job als Barkeeper im Castro-Bezirk von San Francisco hatte John Conley aufgegeben, als »das große Sterben begann«. Ein paar Jahre arbeitete er dann für das amerikanische Friedenskorps in Afrika. Seit dem Sommer 1991 lebt er wieder in San Francisco. Die Selbsthilfegruppe, die er leitet, betreut 950 Aids-Kranke, die schon zu schwach sind für die Hausarbeit, die nicht mehr einkaufen und den Behördenkram erledigen können.

An den Schock seiner Rückkehr ins »Gay-Mekka« an der amerikanischen Westküste erinnert sich Conley mit Schrecken. »Als Barkeeper hatte ich Hunderte von Leuten gekannt. Von ihnen sind ganze drei übriggeblieben. Einer liegt gerade im Sterben, der zweite ist HIV-positiv, den dritten hat die Seuche bislang verschont.«

Conley, heute 41, gehört nun zu den älteren Schwulen, die sich, wie er sagt, »zunehmend als Dinosaurier empfinden«, die sich »wundern, noch am Leben zu sein«. Aber er ist mit dabei, wenn es darum geht, »die junge Generation nicht im Regen stehen und nicht ins Unglück rennen zu lassen«.

Wegen ihrer ausgeprägten Liberalität hatte sich die Westküsten-Metropole San Francisco - neben New York - in den siebziger Jahren zum Zentrum der amerikanischen Schwulenszene entwickelt.

Im Greenwich Village, in Downtown Manhattan, blühte damals eine bunte Subkultur der Gays auf, mit schicken Restaurants und modischen Klamottenshops, aber auch mit schmuddeligen Kneipen, weiträumigen Western-Saloons und schwülen Badehäusern, in deren Darkrooms es schnell, häufig und anonym zur Sache ging, 24 Stunden am Tag.

Fast bürgerlich konventionell nahm sich dagegen die Entwicklung in San Francisco aus, wo die Schwulen sich ihr eigenes Ghetto aufbauten. Sie renovierten die verfallenen Häuserzeilen rund um die Castro Street, deren Bar- und Disco-Szene wirkte alsbald wie ein Magnet auf junge Gays, die in der prüden US-Provinz verängstigt ihre sexuellen Neigungen hatten verstecken müssen.

Für rund 60 000 Schwule wurde der Castro-Distrikt Ende der siebziger Jahre zum Zentrum ihres Coming out. Die Bewohner waren weiße Amerikaner, überdurchschnittlich gebildet, die meisten verfügten über sichere, gutbezahlte Jobs. Die Gay white men des Castro wurden in der vielhügeligen Stadt am Golden Gate zu einem wirtschaftlichen Faktor und gewannen rasch an politischem Einfluß. Ohne die Schwulen-Stimmen waren in San Francisco (Einwohnerzahl: 715 000) weder Stadtratswahlen zu gewinnen noch einflußreiche Ämter zu vergeben.

»Wir waren damals auf dem besten Weg, uns in den heterosexuell bestimmten Mainstream einzureihen«, erinnert sich Michael Botkin, Kolumnist der lokalen Schwulenzeitung Bay Area Reporter. »Doch dann kam Aids, und unser Traum von einer stillschweigenden Akzeptanz durch die Gesellschaft zerplatzte.« Da die Krankheit zunächst nur Schwule zu befallen schien, ließ sich Aids als Schwulenseuche, als medizinisches Problem einer Minderheit, abtun.

Die Klassifizierung von Aids als »Krankheit von Anderen« - zunächst von Gays, dann von Haitianern und Fixern, schließlich von »Unschuldigen«, den Blutern und anderen Blutempfängern - hatte im amerikanischen Gesundheitsbetrieb fast ein Jahrzehnt Bestand.

Eine Folge davon war, daß die Regierung in Washington unter Ronald Reagan, der »Leitfigur der Homophoben« (Botkin), die Aids-Opfer und HIV-Infizierten offiziell nicht beachtete, die Seuche wurde totgeschwiegen. Reagan äußerte sich öffentlich zur Aids-Epidemie erstmals im Mai 1987, als in Amerika bereits 20 849 Aids-Tote und 36 058 Aids-Fälle registriert worden waren.

Derart alleingelassen und bedroht von einer Krankheit, deren Ursachen und Übertragungswege lange Zeit unklar waren, blieb den Schwulen nichts anderes übrig, als sich selbst zu helfen.

In New York etwa wurde, ein halbes Jahr nach den ersten bekanntgewordenen mysteriösen Todesfällen, Anfang 1982 die Gay Men''s Health Crisis (GMHC) gegründet, deren freiwillige Mitarbeiter Aids-Kranke berieten, finanziell unterstützten, versorgten und bis zu ihrem Tode pflegten. In San Francisco wurde ein Netzwerk von Selbsthilfegruppen, Aids-Hospizen und sozialen Beratungsstellen aufgebaut, das schließlich mehr als 150 Organisationen umfaßte und heute dafür sorgt, daß »in San Francisco jeder Aids-Kranke aufgefangen wird«, so der ehemalige städtische Gesundheitsdirektor David Werdegar.

Auf die aus ihren Liberalisierungs- und Akzeptanzträumen gerissene Schwulengemeinschaft hatte die neue Krankheit, die von Woche zu Woche, von Monat zu Monat an Schrecken zunahm, »eine verheerende Wirkung«, sagt Conley, der ehemalige Barkeeper aus dem Castro-Bezirk. »Wir fielen in eine tiefe Depression, einer nach dem anderen starb oder wurde krank, und niemand konnte stichhaltige medizinische Gründe dafür nennen«, erinnert sich Conley. Es war, für ihn wie für die ganze fröhliche Gemeinde, das »plötzliche Ende der Fun-Zeit«.

Die Gays von San Francisco rückten nicht nur zusammen, um sich selbst zu helfen, sondern verständigten sich auch auf eine Änderung ihrer sexuellen Verhaltensweisen. Sie beherzigten, was ihnen die Seuchenmediziner klarmachten: Aids sei vor allem eine Geschlechtskrankheit, deren Verbreitung durch die in der Gay-Szene gängigen Praktiken gefördert werde.

»Das große anonyme Ficken in den Darkrooms der Bars und Badehäuser hörte auf«, sagt Buzz Bense, heute 42, gelernter Grafiker und im Nebenberuf Betreiber der »Eros-Bar« in San Francisco. »Wir wurden entweder monogam oder zölibatär oder onanierten zu Porno-Videos.«

Darüber hinaus propagierten Schwulengruppen in den US-Zentren der Seuche, in San Francisco und New York, Los Angeles, Miami oder Denver, mit Flugblättern, Anzeigenkampagnen und in regelmäßigen Workshops Safer-Sex-Praktiken. Erfolge dieser Aufklärungsarbeit lassen sich besonders in San Francisco festmachen. Lag die jährliche Neuinfektionsrate unter den dortigen _(* Kommunikationsraum. ) Gays Mitte der achtziger Jahre noch bei knapp 20 Prozent, so ist sie heute auf 1 bis 2 Prozent abgesunken.

Wie diszipliniert Amerikas Schwule in der ersten Aids-Dekade das bislang einzig verfügbare Mittel anwenden, die Verbreitung der Epidemie einzudämmen, haben Seuchenmediziner in Denver (US-Staat Colorado) herausgefunden. Unter den dort lebenden Schwulen sind - dank Kondomgebrauch - Geschlechtskrankheiten wie Tripper und Syphilis sowie die beim Verkehr übertragbare Hepatitis B seit 1984 deutlich zurückgegangen. Während in Denver die Zahl der Trippererkrankungen unter heterosexuellen Männern und Frauen 1985 eine neue Rekordhöhe erreichte, war sie unter homosexuellen Männern im gleichen Jahr um 45 Prozent gesunken.

»Wir erkannten, daß Sex an sich nicht angstbesetzt ist, und lernten, neu mit ihm umzugehen«, sagt Bense. Er erfuhr vor fünf Jahren, daß er HIV-positiv ist. Bense gehört zu jenen rund 21 000 infizierten Schwulen in San Francisco, die im Laufe der nächsten Jahre Aids-typische Krankheitssymptome entwickeln und daran sterben werden.

Wie diese enorme Anzahl der künftigen Aids-Opfer - mehr als doppelt so viele wie die Zahl der Aids-Toten in den vergangenen zehn Jahren - behandelt, versorgt und gepflegt werden soll, weiß in der nach amerikanischen Verhältnissen kleinen Großstadt am Golden Gate niemand.

In San Francisco wie auch andernorts ist Aids allgegenwärtig - nicht nur unter den Schwulen und den Fixern. Die Seuche galoppiert dort auch bei Lesben und Heterosexuellen, bei Teenagern und Obdachlosen, unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Alter.

Jede dieser Gruppen, so die Erfahrung amerikanischer Vorbeugemediziner und Sozialarbeiter aus der ersten Aids-Dekade, muß unterschiedlich angesprochen werden, wenn langfristig sexuelles Verhalten geändert und der Seuchenverlauf gebremst werden soll.

So erfolgreich die Schwulen-Selbsthilfen in San Francisco in ihrem Bemühen waren, Safer-Sex-Praktiken an den Mann zu bringen, als so mühsam erweist es sich nun, die gleiche Verhaltensnorm auch den jungen Schwulen beizubringen, die in die Stadt kommen.

»Die neuen Jungs aus Iowa oder Minnesota«, sagt Dan Wohlfeiler vom Stop-Aids-Projekt, »haben zwar schon alle was von Aids und Safer Sex gehört. Doch sie fühlen sich in diesem Alter unverwundbar, Aids ist für sie eine Krankheit alter Leute, die sie wenig angeht.« Häufig sei der Nachwuchs viel mehr an Erzählungen und Berichten interessiert, »wie es in der guten alten Zeit im Schwulen-Mecka San Francisco zuging«.

Ihre Motivation schöpfen die älteren Gays nicht nur aus den leidvollen Erfahrungen der letzten Jahre, »in denen wir Begräbnistermine planen mußten wie andere Leute ihre Verabredungen zum Dinner« (Wohlfeiler). Fest verankert ist bei der alten Generation auch die Erinnerung an ihren eigenen Eintritt in die Schwulenszene.

Heterosexuell veranlagte Teenager erlernen schrittweise durch Elternhaus und Schule die komplizierten Spielregeln für den Umgang mit dem anderen Geschlecht. Der junge Schwule hingegen steht, wie Stop-Aids-Direktor Wohlfeiler erläutert, »eines Tages an der Ecke von Market- und Castro-Street und will ins schwule Wasser springen, ohne schwimmen zu können. Bei vielen von uns war dieser Lernprozeß äußerst schmerzhaft: Wir machten viele Fehler, die durch Aids noch riskanter wurden«.

Andererseits gibt der schwule Nachwuchs der von Schuldgefühlen und Trauerbewältigung belasteten alten Gay-Gemeinschaft neue Impulse. »Die jungen Gays«, sagt der HIV-positive Barbesitzer Bense, »sind zwar politisch weit motivierter, als wir es waren, doch auch sie wollen wie wir damals ihre Sexualität ausleben.«

An Gelegenheit dazu mangelt es derzeit weder in New York noch in San Francisco, wo jeweils knapp ein Dutzend neuer Klubs und Bars geöffnet wurden, die als entschärfte Nachfolger der Klappen- und Badehausszene gelten.

Besucher von Benses Eros-Klub an der Market-Street von San Francisco etwa müssen sich beim Eintritt (acht Dollar) schriftlich verpflichten, die Regeln des Safer-Sex zu beachten. Im Erdgeschoß des Gebäudes, das zuvor von einem Beerdigungsinstitut genutzt wurde, hat Bense gemeinsam mit seinem ebenfalls seropositiven Lover Bob West eine Art Bistro eingerichtet. Dort kann das Klubmitglied, wie es das Informationsfaltblatt nahelegt, »das Eis brechen": durch »Smalltalk mit jemandem neben dir«, durch ein »Zwirbeln deiner Brustwarzen« oder ein »Lecken deiner Unterarmhaare«.

Nachdem er sich in einem mit roten Metallschränken ausgestatteten Garderobenraum entkleidet hat, begibt sich der Partywillige, allein oder mit Partner, über eine breite Treppe ins Obergeschoß. Das mit beigem Linoleum ausgelegte »Sex-Spielgebiet« hat die Ausmaße und den Charme einer alten Turnhalle. Von der Decke abgehängte Raumteiler sorgen für kleinere Spiel-Areale, jeweils bestückt mit den wichtigsten Utensilien - gepolsterten Massagebänken und rollbaren Wägelchen, auf denen in Drahtkörben Kondome, Latex-Handschuhe, Gleitmittel und Papierhandtuchrollen bereitliegen.

»Eros« ist freitags und sonnabends jeweils von 21 Uhr bis 2.30 Uhr geöffnet. Einmal im Monat gibt es eine »Lesben-Night« und sonntags einen Massage-Workshop. »Eros«-Angestellte überwachen die Einhaltung der »Richtlinien für den Betrieb von Sex Clubs«, die von städtischen Aids-Behörden gemeinsam mit Vertretern der Schwulen erarbeitet wurden. Als »Monitors« patrouillieren sie regelmäßig durch den Sexspielplatz und prüfen, ob Kondome übergerollt sind oder beim Fistfucking Latexhandschuhe angezogen werden. Wer sich nicht an die Safer-Sex-Vorschriften hält, wird an die Luft gesetzt.

Etwa ein Viertel der Schwulen in San Francisco, so die Ergebnisse neuer Umfragen, praktizierten im vergangenen Jahr wenigstens bei einer Gelegenheit ungeschützten Analverkehr. Zu dieser Gruppe zählten Vertreter der jungen Gay-Garde, aber auch ältere Schwule, von denen einige laut Stop-Aids-Chef Wohlfeiler »angaben, zu wissen, was sie tun«.

Es handelte sich um Paare, bei denen beide Partner nicht HIV-infiziert waren und die sich gegenseitig sexuelle Treue gelobt hatten. Oder: Beide Partner waren HIV-positiv und sich des erhöhten Risikos bewußt, daß bei einem neuen Virusschub die Immunabwehr des Partners zusätzlich geschwächt, der Ausbruch des Vollbildes von Aids beschleunigt werden kann.

Zu denen, die ungeschützt Analverkehr praktizierten, gehörten auch jene frustierten Schwulen, die nach jahrelangem Safer-Sex-Verhalten rückfällig werden. »Diese Alarmsignale haben wir laut und deutlich gehört und reagiert«, sagte Marshia Herring.

Regelmäßig organisieren Experten der Gesundheitsbehörde jeweils in den Wohnungen der Rückfälligen Gruppentherapie-Gespräche; die Teilnehmer diskutieren dort ihre Beweggründe, deretwegen sie in alte Unsafe-Sex-Verhaltensweisen zurückgefallen sind. Die Zahl der Abtrünnigen scheint zu wachsen. Marshia Herring: »Wir haben für die Selbsthilfesitzungen inzwischen Wartezeiten von sechs bis acht Wochen.«

Tiefgreifende Änderungen der Szene, die das Wiederaufflammen der Infektionen herbeiführen könnten, hat auch Ex-Barkeeper Conley nicht feststellen können. »Sex und Fun in San Francisco sind nicht tot. One-Night-Stands gibt es nach wie vor«, und »in jeder Bar der Stadt« könne man ohne Schwierigkeiten »jemanden auftun, mit dem man sofort Sex haben kann«.

Ein leichtes Abflauen hat Conley beim Rauschmittelverbrauch der Schwulen wahrgenommen. Weniger häufig als früher werden konsumiert: Marihuana (das aber niemand ernsthaft als Droge ansieht), in den Sex-Clubs die Designerdroge Ecstasy, von jüngeren Schwulen Halluzinogene wie etwa LSD, das allerdings insgesamt gerade ein Comeback erlebt. Der alte Schwulenstamm, sagt Conley, nimmt nach wie vor Downers, Poppers und Aufputschmittel, daneben Kokain, das jedoch viel von seiner einstigen Popularität eingebüßt hat, nachdem Laborversuche ergaben, daß der Aids-Erreger sich auf einer Zellkultur unter Einfluß von Kokain dreimal so schnell vermehrte wie im Normalfall.

Was die politische Wirkung der Schwulen- und Lesbenbewegung angeht, stuft David Eng, stellvertretender Pressesprecher bei der New Yorker GMHC, das Jahr 1992 als einen Wendepunkt ein. Auf dem Parteitag der US-Demokraten im Juli dieses Jahres gehörten zwei an Aids erkrankte Homosexuelle zu den Hauptrednern: Elizabeth Glaser, Gründerin einer Aktionsgruppe für Kinder mit Aids, und Bob Hattoy, Umweltberater des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton. Unter den Parteitagsdelegierten waren mehr als 100 Gays, die sich mit vorgehaltenen Handplakaten als Homosexuelle zu erkennen gaben.

Um Eindruck bei der Gay-Gemeinde waren auch die Republikaner bemüht, die als Sprecherin auf dem Parteikonvent Mitte August in Houston die HIV-positive Mary Fisher gewannen. Doch der Polittrick machte bei Schwulen und Lesben wenig Eindruck: Mary Fisher ist nicht homosexuell; ihr Mann, ein Ex-Fixer, von dem sie inzwischen geschieden ist, hatte sie infiziert.

Die Bedrohung durch Aids habe »auch segensreiche Auswirkungen gezeitigt«, konstatiert der kalifornische Autor Eric Marcus in seinem Buch über den Kampf um die Bürgerrechte von Lesben und Schwulen. Die Diskussion um die HIV-Seuche, meint Marcus, habe Amerikas Homosexuelle und ihre sexuellen Praktiken, ihre Nöte und Ängste »transparent« gemacht.

»In unseren Reihen kämpfen inzwischen einige der besten Köpfe Amerikas«, erklärte kürzlich der schwule kalifornische Journalist Botkin. Es sind konservative Rechtsanwälte, Finanzexperten und erfahrene Lobbyisten, die sich Mitte der achtziger Jahre als Antwort auf die Aids-negierende Reagan-Regierung offen und öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten.

Botkin: »Sie verließen ihre Jobs, behielten ihre Lover und kämpfen nun gemeinsam mit uns um Rechte, Forschungsgelder und beschleunigte Zulassungsverfahren von neuen Anti-Aids-Medikamenten.« In Anlehnung an die Yuppie-Garden der Achtziger heißen die schwulen Profis »guppies« (gay urban professionals).

In zahlreichen großen US-Firmen gibt es inzwischen teils geheime, teils öffentliche schwule Kollegengruppen: bei Computerfirmen wie Apple und Digital Equipment ebenso wie bei dem Flugzeugbauer Boeing oder dem Bierbrauerkonzern Coors.

Die meisten homosexuellen Frauen und Männer sind es leid, sich zu verstecken. Sie betrachten es häufig als »nutzlose Zeitverschwendung, sich eine Scheinidentität zulegen zu müssen«, sagt Linda Marshall, leitende Angestellte einer Ölfirma im texanischen Houston und bekennende Lesbierin.

Anfang der achtziger Jahre, als die Seuche losbrach, hatte Aids die Gays in Amerika in heillose Angst, tiefe Depression und Unsicherheit gestürzt: Die Seuche drohte die Gemeinschaft zu schwächen, durch den Aids-Tod einflußreicher Aktivisten und durch eine Trennung in HIV-negative und HIV-positive Schwulengruppen.

Inzwischen hat die Aids-Krise zu einem neuen Miteinander bei Amerikas Schwulen geführt. Durch Aids haben Homosexuelle, oft als egoistische, am Lustprinzip orientierte Einzelgänger beschrieben, zu einer neuen Solidarität gefunden: bei der Betreuung von Todkranken, bei der Hilfe für Infizierte.

Übriggeblieben ist aber auch so etwas wie ein Graben zwischen älteren und jungen Schwulen, die von der Seuche nicht erfaßt wurden.

Viele der jungen Gays hätten »ihr ganzes Schwulenleben lang Safer Sex praktiziert«, schreibt der amerikanische Fachautor Neil Miller, »ohne je ein Gefühl der Entbehrung entwickelt zu haben«.

Und auf der anderen Seite des Grabens leben die Älteren, umgeben von sterbenden Bekannten und Lover. Das Gefühl von Trauer, das auf ihnen lastet, beschrieb Franklin Abbott, Psychotherapeut aus Atlanta (Georgia): »Wir leben unter einem Berg von Leichen, und gefühlsmäßig schaffen wir es einfach nicht, sie zu begraben.«

* Kommunikationsraum.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel