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TRIEBTÄTER Sexueller Supergau

Kanzler Schröder fordert unbegrenzte Haft für Kinderschänder und wettert gegen lasche Gutachter. Dabei haben die schon längst auf Härte umgeschaltet.
Von Ulrich Jaeger und Rüdiger Scheidges
aus DER SPIEGEL 29/2001

Ein Feuerschein am Waldrand, ein Radfahrer mit Handy: Bloßer Zufall führte die Polizei Mitte vorvergangener Woche auf die Spur eines Mörders, der so kalt, so grausam vorgegangen war, dass die Tat aufs Neue die Vorstellungskraft der Republik überforderte. Einen lodernden Holzstapel hatte der Radler im hessischen Wetteraukreis bemerkt - zwischen verkohlten Stämmen entdeckte die Feuerwehr den Körper der achtjährigen Julia aus dem 60 Kilometer entfernten Biebertal.

Wieder war ein Kind tot, wieder suchte ein Land einen Mörder, ein »krankes Hirn«, wie ein Polizeisprecher sagte, jenen Verbrecher, der erst der kleinen Julia den Schädel einschlug und dann ihre Leiche zum Verbrennen mit Benzin übergoss.

Was mit so einem zu geschehen habe, wusste Kanzler Gerhard Schröder vier Tage nach dem Leichenfund präzise zu sagen. In »Bild am Sonntag« forderte er: »Wegschließen - und zwar für immer.« Dass dies zu selten geschehe, beklagte der Kanzler, und dass zu oft die Täter auf milde Gutachter träfen, die sich zu einem Kartell zusammengeschlossen hätten.

Da sprach wohl das Familienoberhaupt aus dem Politiker. Aus Sorge um die zehnjährige Tochter Klara hatten die Schröders sich entschlossen, in zwei Haushalten - er in Berlin, Ehefrau Doris mit Kind unter besonderen Schutzvorkehrungen in Hannover - zu leben.

Die Forderungen des besorgten Vaters präzisierte am Donnerstag vergangener Woche der Kanzler. Sextäter, so Schröder auf einer Regierungs-Pressekonferenz in Berlin, sollten auch nach verbüßter Gefängnisstrafe noch weggeschlossen werden, »wenn sich während der Haft herausstellt, dass ein Straftäter weiter gefährlich bleibt«. Diese Maßnahme, die so genannte nachträgliche Sicherungsverwahrung, fordern die Länder Bayern, Baden-Württemberg und Hessen seit langem.

Im Frühjahr ist Baden-Württemberg sogar auf Landesebene mit einem entsprechenden Gesetz vorgeprescht, um Täter, die in der Haft Therapieversuche ablehnen und von Gutachtern als stark rückfallgefährdet eingestuft werden, notfalls auch dauerhaft wegzusperren. Doch die Bayern-Vorlage für das Bundesgesetz scheiterte am Freitag vergangener Woche im Bundesrat erneut am Widerstand der SPD-geführten Länder.

Tatsächlich nimmt die Zahl sexuell motivierter Kindesmorde, wie Kriminologen und die Intimkenner seelischer Abgründe, die forensischen Psychiater, wissen, auch keineswegs zu, sondern seit Jahren schon ab. Trotzdem hält Andreas Marneros, der als Chef der Psychiatrie der Universität Halle-Wittenberg Sexualtäter begutachtet, das Stuttgarter Modell für »überlegenswert«.

Sein Essener Kollege Norbert Leygraf, auch er ein namhafter Experte, warnt dagegen, Gutachtern würde damit eine enorme Verantwortung zuwachsen. Expertisen, die erst Jahre nach der Verurteilung entstünden, seien äußerst heikel. Dies könne zu unverhältnismäßigen Entscheidungen führen, vor allem zu Lasten der Täter.

Schon heute agiert der oft kritisierte Berufsstand der Gutachter bei weitem nicht mehr so lasch, wie das Klischee glauben macht. Ein grundlegender Wandel habe sich in den letzten Jahren vor Gericht und bei den Gutachtern vollzogen, beobachtet Leygraf. Aus Furcht vor Falschprognosen neigten forensische Psychiater dazu, einen Täter als gefährlich einzustufen - ungeachtet der Erfahrungen aus den USA, dass »man mindestens neun Menschen unnötig einsperren muss, um auch einen wirklich gefährlichen festzuhalten«.

Der Eindruck der Öffentlichkeit, mit Kindesmördern und sexuellen Wiederholungstätern werde hier zu Lande allzu lax verfahren, trifft deshalb nach Experten-Urteil nur noch für seltene Einzelfälle zu. Dem »Supergau«, wie Leygraf den sexuell motivierten Kindesmord nennt, werde weitaus wirksamer als noch vor wenigen Jahren vorgebeugt.

Fälle wie die der Kindermörder Rolf Diesterweg, 38, oder Armin Schreiner, 32, welche die Bevölkerung entsetzten und zur Strafrechtsreform von 1998 führten, seien kaum mehr möglich. Diesterweg, der 1997 die zehnjährige Kim Kerkow missbrauchte und ermordete, hatte bereits mit 16 Jahren eine Zwölfjährige getötet. Schreiner vergewaltigte 1996 die siebenjährige Natalie Astner und brachte sie anschließend um - schon früher hatte er sich an Kindern vergangen.

Das geänderte Strafrecht ermöglicht höhere Haftstrafen und häufiger eine Sicherheitsverwahrung. Außerdem sieht es schärfere Therapieauflagen vor. Etwa 1000 Sex- und Gewaltdelinquenten werden derzeit sozialtherapeutisch betreut, von 2003 an soll es Therapieplätze für alle Verurteilten mit mehr als zwei Jahren Haftstrafe geben und die Behandlung obligatorisch werden.

Bei vielen Tätern, das zeigen die Erfahrungen der forensischen Psychiatrie in den Niederlanden, in Deutschland und den USA, führen die Bemühungen zum Erfolg. Etwa zehn Prozent aber gelten als »nicht entlassbar«. So erscheint Experten die Therapie von Pädophilen mit sadistischen Phantasien als nahezu aussichtslos. Je tiefer sie sich in ihren Perversionen verstrickten, so Leygraf, desto größer die Probleme.

Kaum einer der im Strafvollzug einsitzenden Vergewaltiger oder Pädophilen komme heute noch vorzeitig frei, stellen Marneros und Leygraf übereinstimmend klar. Die so genannten Prognosegutachten, zwingend für jeden zu mehr als zwei Haftjahren verurteilten Sexualtäter, der vorzeitig entlassen werden will, hält Marneros für einen »erheblichen Fortschritt« zum Schutz der Öffentlichkeit. Die Richter, die über die Freilassung zu entscheiden haben, verließen sich auch nur noch auf den Sachverstand ausgewiesener forensischer Psychiater, die sich ständig weiterbilden müssten.

Immer mehr Triebtäter landen zudem im so genannten Maßregelvollzug, bei dem psychisch kranke Delinquenten direkt nach der Verurteilung in die geschlossene Abteilung eines Landeskrankenhauses kommen. Auch hier, so Leygraf, seien Gerichte weniger zimperlich geworden und wiesen Straftäter schneller ein.

In Nordrhein-Westfalen seien entsprechende Anstalten deshalb inzwischen überfüllt, viele Täter müssten bereits in die gewöhnliche Psychiatrie abgeschoben werden.

Für etwa jeden Zehnten im Maßregelvollzug gilt auch heute schon das Schröder-Maß. Er verlässt die Anstalt erst im Sarg. ULRICH JAEGER, RÜDIGER SCHEIDGES

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