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Seydlitz: Verräter oder Widerstandskämpfer?

Zu seinen Lebzeiten wollte er seine Memoiren nicht veröffentlichen, erst jetzt, anderthalb Jahre nach seinem Tod, erscheinen sie: Stalingrad-General Walther von Seydlitz-Kurzbach beschreibt darin, wie er mit Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten das deutsche Ostheer zum Abfall von Adolf Hitler bewegen wollte.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Hitler und Stalin umwarben ihn, dann ließen sie ihn zum Tode verurteilen. Dem deutschen Volk galt er erst als Held, dann als Verräter. Geblieben ist er der umstrittenste deutsche General des Zweiten Weltkriegs: Walther von Seydlitz-Kurzbach.

Der Verwandte des berühmten Reitergenerals Friedrichs des Großen, des Zorndorf -Siegers Friedrich Wilhelm von Seydlitz, erbte einen Namen, der einem Symbol für preußische Soldatentugenden gleichkam. Aber als er bei Stalingrad 1943 in sowjetische Gefangenschaft geriet, brach er seinen Eid. Er schloß sich dem von Sowjets und deutschen Emigranten gegründeten »Nationalkomitee Freies Deutschland« (NK) an und wurde dessen Vizepräsident.

Mit seinem Namen verband sich der Versuch, die Wehrmacht zum Kampf gegen Hitler aufzustacheln und deutsche Soldaten an der Ostfront zum Überlaufen zu bewegen. An der Front scheiterte der Versuch zwar, aber in den sowjetischen Lagern bewogen der Name Seydlitz und die Aussicht auf bessere Verpflegung viele hungernde Kriegsgefangene, sich dem NK anzuschließen.

Die Hilfswilligen wurden von den Sowjets nicht selten dazu benutzt, die Masse der deutschen Kriegsgefangenen, die sich dem NK verweigerte, zu denunzieren und zu drangsalieren -- Grund genug für viele Soldaten, den General mit dem Terror und Elend mancher Lager zu belasten. Er war bald so verhaßt, daß sein ehemaliger Adjutant, den er in der Gefangenschaft zu sich holen ließ, Seydlitz« ausgestreckte Hand übersah und sich mit den Worten: »Ich kannte einmal einen General von Seydlitz« von ihm abwandte.

Noch heute hält ihm der ehemalige Stalingrad-Generalleutnant Arthur Schmidt vor, Seydlitz habe wissen müssen, »daß er mit seinem »Widerstand« aus dem Lager heraus das Hitlerregime nicht treffen konnte, wohl aber brave deutsche Landser«, und Generalleutnant a. D. Roden-

* Walther von Seydlitz: »Stalingrad -- Konflikt und Konsequenz. Erinnerungen. Stalling-Verlag. Oldenburg: 368 Seiten: 38 Mark.

burg spricht von »unverzeihbarer Schuld": »Es war Verrat am Lande und an Kameraden.«

Als Seydlitz 1955 aus einem sowjetischen Gefängnis heimkehrte, wurde er im Aufnahme-Lager Friedland von anderen Rußland-Heimkehrern gemieden. Nur seine Frau holte ihn ab, aber auch sie hatte unter seinem Entschluß schwer leiden müssen. Sie war von den Nazis gezwungen worden, die Scheidung einzureichen; später war sie zusammen mit ihren vier Töchtern in die »Sippenhaft« der SS gekommen.

Auch nach der Rückkehr währte die Verfemung fort. Zwar hob 1956 das Landgericht Verden das 1944 ergangene Todesurteil des Reichskriegsgerichts auf, doch Seydlitz und die Seinen blieben noch lange isoliert. Der Druck einer im Schwarzweiß-Denken befangenen Umwelt zwang die Familie schließlich, die Heimatstadt Verden zu verlassen und nach Bremen zu ziehen.

Seydlitz aber war zu stolz, um sich öffentlich für seine Tat zu rechtfertigen. Selbst als die Historiker dazu übergingen, ein etwas differenzierteres Bild des Generals zu entwerfen und ihn sogar als Widerstandskämpfer anerkannten, blieb Seydlitz stumm. Dabei hatte er längst niedergeschrieben, was ihn einst zu seiner Tat getrieben hatte.

Doch er bestimmte, daß die Memoiren erst nach seinem Tode erscheinen durften. Jetzt ist es soweit: Der Oldenburger Stalling-Verlag bringt Seydlitz« Memoiren auf den Markt, aus denen der SPIEGEL einen Auszug veröffentlicht*.

In den Memoiren erweist sich der Autor als unpolitischer Nur-Soldat, dem erst nach der Schlacht von Stalingrad dämmerte, daß er die verpflichtenden preußisch-soldatischen Tugenden wie Treue und Gehorsam an einen Verbrecher vergeudet hatte.

Persönlichen Mut und taktisches Geschick bewies er als Kommandeur der 12. Infanterie-Division beim Frankreich-Feldzug ebenso wie beim Vormarsch in Rußland. Als 54. Soldat erhielt er aus Hitlers Hand das Eichenlaub zum Ritterkreuz.

Hitler behielt den Haudegen fortan wohlwollend im Auge, und als im Februar 1942 rund 100 000 deutsche Soldaten von der Roten Armee bei Demjansk eingekesselt wurden, befahl der Diktator, Seydlitz solle die Kameraden heraushauen. Er tat es: Mit vier Divisionen und einer Gebirgs-Brigade gelang Seydlitz im April 1942 der Entsatzangriff.

Weil Pessimisten im Generalstab schon die totale Vernichtung der Eingekesselten vorausgesagt hatten, fühlte sich Hitler einmal mehr bestätigt. So glaubte er auch ein halbes Jahr später, den Kessel von Stalingrad mit Demjansker Methoden öffnen zu können. Nur seines bewährten Kesselknackers Seydlitz konnte er sich nicht bedienen, denn der saß mitten im Stalingrader Kessel -- als Kommandierender General des LI. Armeekorps.

Seydlitz kam zu der Überzeugung, daß mit Entsatz von draußen nicht zu rechnen sei. Es blieb also nur der Ausbruch, wenn nicht die ganze 6. Armee zugrunde gehen sollte. Vergeblich aber drängte er seinen Oberbefehlshaber, den Generalobersten Paulus, den Ausbruch trotz Hitlers Haltebefehl zu wagen. Der impulsive Seydlitz wußte ebensogut wie der zaudernde Paulus, daß Hitler einen solchen Ungehorsam mit dem Tod bestrafen könne. Trotzdem meinte er, Paulus müsse dieses Opfer auf sich nehmen.

Um den Ausbruch ins Rollen zu bringen, handelte Seydlitz eigenmächtig. Er ließ gut ausgebaute Stellungen an der von ihm gehaltenen Nordfront des Kessels räumen -- trotz verzweifelter Proteste der beteiligten Divisionskommandeure. Prompt trat dann auch ein, was sie vorhergesagt hatten. Die unerwartet schnell nachsetzenden Russen holten die Deutschen ein. Wer überlebte, mußte sich auf freiem Feld im Schnee eingraben. In den Unterständen saßen nun die Russen.

Hitler tobte, als er von der eigenmächtigen Front-Zurücknahme erfuhr. Paulus. selber von Seydlitz« Aktion überrascht, nahm gleichwohl die Verantwortung für die Absetzbewegung auf sich. Hitler befahl daraufhin, daß die Nordfront »einem einzigen militärischen Führer unterstellt« werde; Seydlitz, den er für den härtesten General im Kessel hielt und »der mir für das Halten dieser Front unmittelbar verantwortlich ist«.

Paulus selber brachte Seydlitz den Funkspruch aus dem Führerhauptquartier und spöttelte, nun könne Seydlitz ja »auf eigene Faust ausbrechen«, da er nicht mehr dem unmittelbaren Befehl der Armee unterstehe. Doch Seydlitz vergaß auf einmal alle Argumente, mit denen er Paulus beschworen hatte, den Ausbruch zu wagen. Er entgegnete, das sei »jetzt doch etwas anderes«, gegen »einen direkten Befehl des Führers« könne er unmöglich handeln.

Walther von Seydlitz-Kurzbach mußte noch durch das ganze Inferno der Stalingrad-Schlacht hindurch, ehe er erkannte, daß es Verpflichtenderes gab als einen Befehl Hitlers. Erst in sowjetischer Gefangenschaft gewann er vollends Distanz zu dem Diktator, dem er allzulange gedient hatte.

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