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Niederlande »Shakespeare in Srebrenica«

aus DER SPIEGEL 22/1996

Mit dem satirischen Drama »Srebrenica«, das seit letzter Woche im Amsterdamer »Transformatorhuis« läuft, wird »Salz in eine nationale Wunde gerieben« (so das Wochenblatt HP/Tijd). Das Stück reflektiert jene Ereignisse, die als »Schande von Srebrenica« niederländische Geschichte gemacht haben. Hauptthese: Im blamablen Versagen der »Dutchbats«, des niederländischen Blauhelmbataillons in Bosnien, spiegelten sich »Habsucht, Grausamkeit und Stumpfsinn« von 15 Millionen niederländischen Biedermännern, so die Tageszeitung Het Parool.

Den Autoren Guus Vleugel und Ton Vorstenbosch geht die Lust an nationaler Selbstkritik offensichtlich über künstlerische Qualität. Das vom Groene Amsterdammer verliehene Prädikat »Shakespeare in Srebrenica« ist jedenfalls eine Nummer zu groß.

Verteidigungsminister Joris Voorhoeve hatte letztes Jahr versucht, das bosnische Debakel zu »fouten en foutjes« (Fehlern und Fehlerchen) herunterzuminimieren. Er konnte aber nicht glaubhaft widerlegen, daß die Blauhelme sich ohne Gegenwehr von serbischen Soldaten Waffen und Autos wegnehmen ließen. Einigen wurden sogar die Hosen ausgezogen. Widerspruchslos sahen die niederländischen Friedenshüter zu, wie die Serben Moslems zum Erschießen selektierten. Truppenchef Ton Karremans stieß nach dem Massaker mit Moslemschlächter Ratko Mladic auch noch auf dessen Sieg an.

Antiheld des Stückes ist der heimgekehrte »Blauhelmpje« Roberto, ein netter, aber dummer Junge, der in Kanapee-Gesprächen sein Versagen als Friedenssoldat aufzuarbeiten versucht.

Vleugel und Vorstenbosch behaupten, das Verteidigungsministerium habe alles darangesetzt, die Aufführung ihrer Provokation zu verhindern. Aber das wird von Kritikern und Publikum als Werbegag bewertet. Holland, schrieb das NRC Handelsblad, sei natürlich kein Land, in dem »Obristen Panzerwagen vor Theatern auffahren lassen«.

Der Verteidigungsminister hat andere Möglichkeiten, die verlorene Ehre seiner Bosnien-Truppe wiederherzustellen. Er läßt nun für fünf Millionen Mark eine 13teilige Fernsehserie über die »Charlie Kompanie« produzieren. Sie soll »viele schöne Dinge aus dem Soldatenleben« zeigen. Produktionsberater mit Vetorecht ist Hans Couzy, der ehemalige Oberkommandierende der Dutchbat-Truppen in Bosnien.

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