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DIPLOMATEN Sibirische Reise

aus DER SPIEGEL 43/1964

Vier Ausländer kamen fünfzehn Minuten vor Abfahrt des Transsibirien-Expreß zum Jaroslawl-Bahnhof in Moskau. Sie belegten das Abteil Nummer sechs im Wagen Nummer fünf der Polsterklasse. Alle vier trugen Zivilkleidung, sprachen russisch und gaben sich ihren Mitreisenden gegenüber als amerikanische Sportler aus, die zur Teilnahme an den Olympischen Spielen nach Tokio reisten.

Bald drang der Geruch von angebranntem Porridge aus dem Zugabteil der Ausländer. Vor einem Spirituskocher kniete einer der angeblichen Sportsleute: der kraushaarige Korvettenkapitän Nigel Laville, 30, stellvertretender Marineattaché der Britischen Botschaft in Moskau. Seine Reisegefährten - die US-Militärattachés Oberst George Aubrey, Oberstleutnant Karl Liewer und Major James Smith - packten die mitgebrachte Futterkiste aus: Schinken in Dosen, Bier- und Whisky-Flaschen.

Reiseziel der vier Militär-Diplomaten war das über 8000 Kilometer entfernte Chabarowsk am sowjetisch-chinesischen Grenzfluß Amur. Der Weg dorthin führt durch eines der nach dem Ausbruch des Konflikts zwischen Moskau und Peking strategisch interessantesten Gebiete der Sowjet-Union.

Jahrelang hatten die Moskauer Behörden sich geweigert, das entlang der russisch-chinesischen Grenze verlaufende 2500 Kilometer lange Teilstück der Transsibirischen Bahn von Irkutsk nach Chabarowsk für Ausländer freizugeben. Westliche Reisende mußten in Irkutsk den Zug verlassen und in ein Flugzeug nach Chabarowsk umsteigen.

Anfang September erhielten die westlichen Militärattachés die Erlaubnis, auf dem Schienenweg nach Chabarowsk zu fahren.

Am 21. September stiegen sie auf dem Moskauer Jaroslawl-Bahnhof in den Transibirien-Expreß. Sieben Tage lang photographierten sie vom Fenster ihres Zugabteils alles, was ihnen vor die Teleobjektive ihrer acht Kameras kam: Eisenbahnbrücken und Straßenunterführungen, Kasernen, Radaranlagen, Flugplätze, Raketenabschußrampen und Elektrizitätswerke. Um scharfe Bilder zu bekommen, hatten sie die Fensterscheiben ihres Zugabteils von innen und außen mit einer Spezialmasse präpariert.

Noch vor Sonnenaufgang bezogen sie ihren Beobachtungsposten im Zugkorridor. Mit Einbruch der Dunkelheit schlossen sie sich in ihrem Abteil ein: Dann drangen ausländische Wortfetzen und Jazzmusik aus einem Kofferradio durch die Wagenwände.

An jeder Haltestelle stürzten die vier

- wie das Zugpersonal später der Moskauer »Iswestija« berichtete - auf den

Bahnsteig, um die Waffengattungen vorübergehender Militärpersonen zu notieren.

Der Zugschaffner Jurij Fionow will beobachtet haben, wie drei der Ausländer bei einem Halt im Morgengrauen aus dem Zug sprangen, um einen auf dem Nebengleis haltenden Militärzug aus der Nähe zu photographieren. Fionow: »Doch plötzlich setzte sich unser Zug in Bewegung. Die Herren Ausländer mußten wie die Hasen hinterherrennen. Sie erreichten gerade noch den letzten Wagen.«

Alle drei bis fünf Minuten machten die vier angeblich Eintragungen in ihre Notizbücher. Die Zugschaffnerin Nina Stokolewa hielt die Schreibwut der Ausländer zuerst für Heimweh. Nina zu einem der Attachés: »Müßt ihr eure Frauen aber lieben, daß ihr ihnen so viel schreibt.«

Doch der KGB (sowjetischer Staatssicherheitsdienst) war anderer Meinung. Am Ende der Reise, in Chabarowsk, wo die vier Reisenden im zweiten Stock des Intourist-Hotels »Dalnij Wostok« (Ferner Osten) abgestiegen waren, drangen 15 KGB-Agenten in der Nacht vom 28. auf

den 29. September in das Hotelzimmer von Liewer und Laville ein. Sie warfen sich über die im Bett liegenden Offiziere, hielten sie fest und durchwühlten deren Gepäck. Dann, nach 45 Minuten, rissen sie die Telephonschnur heraus und schlossen die Tür hinter sich ab.

Wenig später waren Aubrey und Smith an der Reihe. Diesmal dauerte die Durchsuchung drei Stunden und vierzig Minuten. Die KGB-Beamten beschlagnahmten 26 Notizbücher, eine Aufstellung des Pentagon über die entlang der Transsibirischen Bahn auszuforschenden Objekte, 26 belichtete Filme mit 900 numerierten Aufnahmen, zwei Teleobjektive, Karten, Tonbänder, ein Kofferradio und eine Armbanduhr.

Inzwischen war es dem Marineattaché Laville gelungen, telephonisch die Britische Botschaft in Moskau zu verständigen. Bereits am folgenden Morgen protestierten London und Washington beim Kreml gegen die, »flagrante Verletzung der diplomatischen Immunität« von vier Mitgliedern ihrer Moskauer Botschaft durch die Sowjetbehörden.

Moskau antwortete eine Woche später mit einem Gegenprotest, in dem das Wort »Spionage« sorgfältig ausgespart war. Die Kundschaftertätigkeit der vier Militärattachés, hieß es in der Sowjetnote, sei mit ihrem diplomatischen Status unvereinbar.

Ungerührt kehrten Oberst Aubrey, Korvettenkapitän Laville, Oberstleutnant Liewer und Major Smith am vorletzten Wochenende aus Tokio und Neu -Delhi, wohin sie nach dem Zwischenfall in Chabarowsk ausgeflogen worden waren, wieder auf ihre Moskauer Posten zurück. Eine nochmalige Durchsuchung ihres Gepäcks - diesmal durch die Sowjetzöllner am Moskauer Ausländerflughafen Scheremetjewo - blieb ihnen erspart.

Beschlagnahmtes US-Photo (Sowjet-Radar)

»Die Herren Ausländer ...

Beschlagnahmte US-Notiz*

... mußten rennen wie die Hosen«

Westliche Militärattachés Smith, Laville, Aubrey, Liewer: Im Bett überrascht

Beschlagnahmte US-Spionage-Ausrüstung: Im Schnellzug geknipst

* Deutsch: »Interkontinentalraketen-Basen bestätigt.«

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