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»Sich selbst in die Luft gesprengt«

Atomwirtschaft und Atompolitik ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine Hunderte Millionen Entschädigung, Hunderte noch unerledigte Schadenersatzklagen, das sind direkte Folgen des Gau von Tschernobyl für die Bundesrepublik. Bonn verordnete sich einen Umweltminister, protestierende Bürger endeten im »Hamburger Kessel«, Bayern baut Wackersdorf zur Festung aus, die Grünen legen überall zu, eine Mehrheit ist für Ausstieg - Tschernobyl ist eine Zäsur, auch für den Staat, dem es passierte. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Ein Münchner Bürger hat den Staat auf 2610 Mark verklagt: Flugkosten für sich und seine damals wenige Monate alten Zwillinge, mit denen er sich Hals über Kopf zu Verwandten nach New York abgesetzt hatte.

Er war in jenen strahlenden letzten Apriltagen des Jahres 1986 vor einer unsichtbaren, aber nicht nur seiner Meinung nach tödlichen Gefahr geflohen, die aus dem Osten her halb Europa überzog: der radioaktiven Wolke aus dem Gau des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine, bei dem damals etwa 40mal soviel Radioaktivität die Atmosphäre vergiftete wie nach den Atombombenabwürfen auf Hiroschima und Nagasaki.

Seine Ansprüche sind vor dem Kölner Vervaltungsgericht noch strittig - wie die von über hundert anderen Klägern auch, darunter einem, der für chronische Kopfschmerzen seit dem Gau eine halbe Million haben möchte.

Nicht nur solch exotische Fälle beschäftigen die bundesdeutsche Justiz im Gefolge der katastrophalen Kernschmelze in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 bei den 1500 Kilometer entfernten Pripjat-Sümpfen.

Vor dem Landgericht München machen die Eltern einer siebenjährigen Franziska die Bundesrepublik Deutschland für etwaige Spätschäden haftbar, die ihr aus dem Unglück drohen könnten: Die Regierung habe ihre Informationspflicht gegenüber den Bürgern verletzt, sie nicht rechtzeitig und hinreichend über die Strahlengefahren aus Witterung und Nahrung aufgeklärt.

Inzwischen lieferte das Bonner Innenministerium eine 400 Seiten lange Darstellung seiner Maßnahmen ab, die Kläger-Anwalt Alexander Frey »maßlos dilettantisch« findet.

Andere, die direkt und sofort meßbaren Schaden erlitten haben, konnten bereits kassieren: Gemüsebauern, die ihren Salat unterpflügten, und Milchviehhalter, die ihre Kühe nicht auf die Weide treiben konnten, Imker und Pilzezüchter, die ihre Produkte nicht mehr an den Mann brachten, Reiseveranstalter, die Ostlandfahrten absagten, Händler, die Verstrahltes aller Art aus den Regalen räumen mußten. Allein über das Münchner Landwirtschaftsministerium wurden bisher Entschädigungszahlungen über 153 Millionen abgewickelt.

Schmerzensgeld erhalten aber auch jene Hunderte hanseatischen Bürger, die im Gefolge des Gau-beflügelten Anti-Atom-Protests einen Vorgeschmack des von ihnen bekämpften künftigen Atomstaats im berüchtigten »Hamburger Kessel« erlebten - jener viele Stunden dauernden Einkreisung und Festsetzung durch einen Polizeikordon auf dem Heiligengeistfeld, die, so die Gerichte, von Anfang an rechtswidrig war.

Von Brokdorf im Norden bis zur geplanten bayrischen Entsorgungsfestung Wackersdorf im Süden der Republik nahm die Auseinandersetzung um die atomare Energie fast bürgerkriegsartige Formen an, und kein Ende ist in Sicht. »Sägende Zellen« unter gewalttätigen Atomgegnern legen Hochspannungsmasten um, in Wackersdorf haben Wachmannschaften mit der Schießausbildung begonnen.

Ein Jahr danach ist Tschernobyl noch immer allgegenwärtig, gingen Begriffe aus dem Wissenschaft-Chinesischen wie Becquerel und Millirem, Curie oder die Halbwertzeiten von radioaktivem Jod und Caesium in die Umgangssprache ein, verdarben regelmäßig publizierte Strahlenmeßwerte den Appetit auf Wild und Pilze, Beeren und Schafskäse.

Das Reaktorunglück bei den ja bekannt schlamperten Russen bescherte der Regierung in Bonn das Amt eines Umweltministers - dessen Kurzzeit-Inhaber Walter Wallmann nicht nur ein nach ihm benanntes Überdruckventil ersann, das deutsche KKW »noch sicherer« machen sollte, sondern auch einen durch die Republik geisternden Zug voll verstrahltem Molkepulver mit starker Hand zur »Entsorgung« auf einen Truppenübungsplatz dirigierte.

In Hessen, wo Wallmann trotz Tschernobyl in einer »Plutonium-Wahl« mit dem knappsten möglichen Ergebnis zum neuen Landeschef gewählt wurde, will er unverdrossen an der atomaren Zukunft weiterbasteln und die umstrittenen Hanauer

Nuklearwerke Nukem und Alkem weitermachen lassen.

Und doch hat seit Tschernobyl der bis dahin kaum angekränkelte Glaube einer Mehrheit der Deutschen an die Sicherheit der friedlichen Atomnutzung dauerhaften Schaden genommen; sicher scheint vielen nach einer alten Volkesmeinung nur noch der Tod.

Zu tief sitzt der jähe Schock jener Tage im April, als plötzlich alles auf den Kopf gestellt wurde, als die Nahrung fürs Baby nicht mehr aus frischer, sondern möglichst alter H-Milch zubereitet werden sollte, als angejahrte Konserven knackiges Obst und Gemüse aus den Supermärkten verdrängten, Treibhausware zum Qualitätsbegriff wurde.

Bei Meinungsumfragen votiert seither ungebrochen eine Mehrheit für den Ausstieg aus der Nukleartechnik.

Die Grünen, die den Sofortausstieg verlangen, legen bei den Wahlen zu, bis zu zweistelligen Ergebnissen. Sozialdemokraten und selbst gestandene Gewerkschafter, sonst stets um jeden Arbeitsplatz kämpfend, wollen Strom aus Atommeilern allenfalls noch zehn Jahre fließen lassen. Wackersdorf und der Schnelle Brüter in Kalkar sollen nach ihrem Willen nicht mehr fertig gebaut oder in Betrieb genommen werden.

Selbst CDU-Politiker sinnieren über den Ausstieg, wenn sie sich auch zeitlich nicht festlegen mögen, auf jeden Fall aufs nächste Jahrtausend verweisen. Bis dahin wollen sie die Angst vorm Atom mit einer Doppelstrategie dämpfen: Beschwichtigung mit den angeblich »sichersten Anlagen der Welt« in deutschen Landen und mit kleinen Korrekturen.

Doch fortdauernder Expertenstreit, etwa um den Grad der Sprödigkeit im Alt-KKW Stade, die TÜV-amtlich festgestellte Unmöglichkeit einer Evakuierung des Großraums Harnburg im Falle eines Gau schüren die Ängste stets von neuem. Im Stader Landkreis sind längst die billigsten Immobilien Norddeutschlands zu haben.

Drunten in Bayern, dessen Landesfürst Strauß von der Grünen Jutta Ditfurth »Atomdiktator« tituliert wurde, bezichtigen dieser Tage atomhörige Beamte und Experten einander der Fälschung und Roßtäuscherei bei Statistiken mißgebildeter Kälber. So wie Bayerns Umweltminister Dick vor Wochen öffentlich die verstrahlte Molke löffelte, um ihre Unschädlichkeit zu beweisen, hat sich der neue CSU-Umwelt-Staatssekretär Wolfgang Gröbl ein siech geborenes Kalb auf den Hof seines Schwiegervaters geholt, das er zu gegebener Zeit »mit Genuß verzehren« will.

Übers Atomare verzankten sich die Bayern nachhaltig auch mit ihren blutsverwandten österreichischen Nachbarn, die nach Tschernobyl ihr nie in Betrieb genommenes Zwentendorf-KKW endgültig abschrieben (Verlust: über zwei Milliarden Mark) und ihre Atom-Ängste seither grenzüberschreitend gegen Wackersdorf artikulieren.

Ein Jahr danach steht fest, daß Tschernobyl kein als eben unvermeidlich hingenommenes Mißgeschick im Rahmen des »Restrisikos« nuklearer Energiegewinnung ist. Der Gau markiert eine Zäsur, technisch, wirtschaftlich wie politisch.

»Der Atomgott - und das Phantasma, ohne ihn könnten wir nicht leben ('dann gehen die Lichter aus') ist schwer beschädigt aus dem Tschernobyldesaster hervorgegangen«, schrieb »Greenpeace« - »... er hat sich selbst in die Luft gesprengt.«

Die nachhaltigsten Wirkungen hatte die zuerst in gewohnter Manier vertuschte

Katastrophe in der Sowjet-Union selbst (siehe Report Seite 167). Der in Köln lebende, von Moskau 1981 ausgebürgerte russische Schriftsteller und Menschenrechtler Lew Kopelew vertritt die These, erst nach Tschernobyl hätten die Reformideen des Generalsekretärs Michail Gorbatschow gegriffen, erst seither seien sie wirklich ernst zu nehmen.

Der Gau, sein Verlauf und die Folgen machten auch Betonköpfen der Partei klar, daß es so wie bisher im Sowjetreich nicht weitergehen kann, wenn nicht eines Tages die Ziegen auf dem Roten Platz in Moskau grasen sollten, wie es der Dissident Amalrik prophezeit hatte.

Sichtbar setzte sich nach Tschernobyl Gorbatschows »glasnost« (Öffentlichkeit) durch: Als vier Monate nach der Katastrophe in der Ukraine im Schwarzen Meer das Passagierschiff »Admiral Nachimow« kenterte, berichteten die Medien sofort und ausführlich. Und über Tschernobyl gibt es unterdessen sensationelle Filme - samt der Nachricht, daß der Regisseur eines dieser Streifen vermutlich an den Strahlenfolgen starb.

Von der friedlichen Nutzung der Atomenergie freilich will auch Gorbatschow - der nach Tschernobyl eine vollkommene Vernichtung der Atomwaffen bekräftigte - keinesfalls lassen.

Die Sowjet-Union hält nach wie vor an ihren Plänen fest, ihre derzeitige KKW-Kapazität noch mal um 500 Prozent zu steigern. Zwei vom Gau nicht betroffene Tschernobyl-Reaktoren wurden wieder in Betrieb genommen, der dritte soll möglicherweise wieder ans Netz, die Vergrößerung des Kraftwerkes um Block fünf und sechs scheint nach wie vor geplant. Bauarbeiter sollen in der bis dahin völlig »gesäuberten« Stadt Pripjat in Sichtweite des Werkes wohnen. Für die Belegschaft wird derzeit eine neue Stadt - Slawutitsch - 50 Kilometer westlich des Unglücksreaktors in den Wald gebaut.

Für ihre atomare Energiezukunft will die Sowjet-Union auf deutsche Wertarbeit bauen. Bestehende KKW sollen mit deutscher Technik nachgerüstet, neue nach deutschem System errichtet werden: Moskau unterzeichnete mit einem deutschen Entwicklungskonsortium eine Vereinbarung über Bau und Nutzung sogenannter Hochtemperatur-Reaktoren mit einer Leistung von je 100 Megawatt (ein Zehntel des Tschernobylreaktors).

Entwickelt wurde dieser angeblich mit eingebauter Sicherheit versehene Reaktor vom Kernforschungszentrum Jülich. Ein erstes Demonstrationskraftwerk ging nach großen Zeitproblemen, allerlei Pannen und vielfacher Kostenüberschreitung vor wenigen Monaten in Hamm-Uentrop ans Netz.

Andere Exportchancen sieht die einst hoffnungsvolle deutsche Reaktor-Industrie kaum noch, da vor allem die Drittweltländer abbestellten, teils schon vor Tschernobyl aus Kostengründen. Nachher hagelte es weitere als »Vertagung« kaschierte Absagen, weil viele den Atom-Visionen nicht mehr trauen mochten - etwa Brasilien, Argentinien, Taiwan.

So wird der größte bundesdeutsche Hersteller von Atomkraftwerken, die KWU, eine Siemens-Tochter, demnächst ihre selbständige Existenz aufgeben und als Abteilung in den Konzern eingegliedert. Diese Zukunft gehört wohl schon der Vergangenheit an.

Auch bei den Amerikanern, die bereits 1942 in Chicago ihren ersten Kernreaktor in Betrieb nahmen, sieht die zivile Nutzung der Atomenergie alt aus. Seit 1978 wurde - vor wenigen Wochen - nur ein einziges neues KKW in Angriff genommen.

Die Gründe: zu hohe Baukosten - heißt, kein billiger Atomstrom, falsche Schätzungen des Energiebedarfs und Pannen: Die Beinahe-Katastrophe von Three Mile Island trennten nur 20 Minuten von einem Gau. Und erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, daß drei direkt dem Energieministerium unterstehende Reaktoren am Savannah-River ständig mit einer Leistung gefahren wurden, die um ein Viertel höher lag, als ihre Notkühlsysteme hätten bewältigen können. Ein anderes Kernkraftwerk legte die Atomüberwachungsbehörde still, weil die Bedienungsmannschaften der Kontrollzentrale, wie ihre Überwacher, nachts wiederholt schlafend angetroffen worden waren.

Scheinbar unbeirrt auf Atomkurs steuern Franzosen und Briten. Die Franzosen, die relativ wenig von der Wolke aus der Ukraine abbekamen, halten es mit Tschernobyl wie mit Hochwasserkatastrophen in Indien: schrecklich für die armen Betroffenen, aber Gott sei Dank ist das alles ja weit weg. Aber sie lassen sich ja auch etwa von Aids weniger verunsichern und halten »le Waldsterben« für teutonische Hysterie.

Mit 71 Prozent seines Stroms erzeugt Frankreich den höchsten Anteil aller Staaten in Kernkraftwerken. 49 Reaktoren sind in Betrieb, 15 flott im Bau, zwei weitere geplant. Atomstromgegner als politische Kraft gibt es nicht.

Ähnlich sieht es London. Zwar graute dem konservativen Abgeordneten Robert Harvey nach Tschernobyl ("Der Deckel zur Hölle wurde weggerissen"), schrieb Labour einen stufenweisen Ausstieg ins Programm.

Erst im März aber beschloß die Regierung den Bau eines großen KKW in Sizewell, 150 Kilometer von London entfernt. Im kommenden Jahrzehnt sollen über zehn Milliarden Mark in zivile Atomprojekte investiert werden, denn, so Margaret Thatcher, Englands Abstieg sei die Folge von zuwenig Atomenergie.

Wiederholte Störfälle wie in der Wiederaufarbeitungsanlage von Sellafield, die längst die Irische See verseucht, werden mit insularem Understatement bewältigt. In puncto Sicherheit, so Frau Thatcher, seien Britanniens Atomanlagen »second to none«.

Ganz anders denken die Skandinavier, von Tschernobyl nach der Sowjet-Union und Polen am stärksten betroffen. Schweden, wo Atomgegner schon vor

einem Jahrzehnt eine Wahl entschieden und das schon vor Tschernobyl den Ausstieg für 2010 beschloß, will nun seine KKW noch früher abschalten. Die Langzeitverseuchung von Wäldern, Seen und Wiesen durch den ersten Windstoß aus der Ukraine und die dadurch erzwungene Notschlachtung von 40000 Rentieren, Lebensgrundlage der Lappen, hat den Schweden jedwede atomare Zukunft grundlich vergällt.

Finnland, das seine sowjetischen Reaktoren schon vor dem Gau am Pripjat mit West-Technologie nachbesserte, stellte nach Tschernobyl die Pläne für einen weiteren Reaktor auf unbestimmte Zeit zurück - obwohl finnische Ärzte bei der Untersuchung des Phänomens, daß Finnlands Tierwelt unter den Strahlen aus dem Nachbarland weit mehr litt als der Mensch, auf ein bewährtes Abwehrmittel gestoßen sein wollen: die Sauna. Dort hätten die Leute die Radioaktivität größtenteils wieder ausgeschwitzt.

Im Osten reagierten - wie hüben - Regierungen und Bürger unterschiedlich auf den Gau. Polen, wo, von den Behörden vertuscht, mindestens ein Arbeiter, der am Bau in Tschernobyl werkte, den Strahlentod starb, mehrere andere in Spitälern liegen und wo in Masuren die Verseuchung stärker war als irgendwo sonst außerhalb der Sowjet-Union, unterbrach erst mal die Arbeit an seinem ersten KKW Zarnowiec.

In der Tschechoslowakei, wo bereits fünf Reaktoren laufen, entfachte eine »Anti-Atom«-Bewegung eine Protestkampagne gegen das KKW Temelin. Das durch Kohlekraftwerkabgase schwer beschädigte Land glaubt aber auf die KKW auf keinen Fall verzichten zu können. Die Prager Atomenergiekommission hält daran fest, daß die Atomkraft »die segensreichste Energiequelle ist, welche die Menschheit je hatte«.

In Ungarn ist eine erbitterte Diskussion entbrannt - um Atom- wie Wasserkraftwerke an der Donau. Das Direktorium des Atomforschungszentrums rückte jedenfalls von seiner Vor-Tschernobyl-Ansicht ab, die Atomenergie sei »so sicher, daß exzessive Sicherheitsvorkehrungen sinnlos sind«.

Ein Jahr nach dem Gau hat sich die Angst der Menschen vor der offenkundig nicht beherrschbaren Technik nicht verflüchtigt, ist der Widerstand nicht erlahmt. Einen zweiten Gau, so sah es damals selbst die Atomlobby, würde diese Energie wohl nicht überleben.

Der aber kommt bestimmt. Statistisch sei pro Reaktor allenfalls alle 10000 Jahre ein großer Unfall zu erwarten, hatten Atom-Apologeten die Menschheit stets zu beschwichtigen versucht. Statistiker haben weitergerechnet: Beim derzeitigen Stand von arbeitenden KKW in der Welt, noch mehr fest geplanten und der Zeit, die bereits abgelaufen ist, sei künftig etwa alle 20 Jahre mal mit einem Gau zu rechnen.

Strahlende Zukunft?

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