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UNTERNEHMER Sicheres Gespür

Millionen-Spenden kann Deutschlands reichster Umsiedler leicht aufbringen: Helmut Hortens Vermögen wächst von Jahr zu Jahr. *
aus DER SPIEGEL 48/1984

Die Pfarrgemeinde des österreichischen Wallfahrtsorts Maria Wörth dankte dem »großen Wohltäter« mit einer Gedenktafel aus Bronze. Mitbürger und Schloßherr Helmut Horten, 75, hatte die Kirchenglocken gestiftet.

Im Tessiner Gebirgsort Madonna del Piano bei Lugano schwärmen die Dörfler von ihrem »Gran Tedesco«, der weiter oben auf einem Hügel in einem burgähnlichen Anwesen wohnt. Der hat die Gemeinde schon so manches Mal gut bedacht: mit Asphaltdecken für die Straßen, mit Stiegen im Gemeindehaus und Kinderklosetts für die Zwergschule.

Wo immer sich Deutschlands reichster Umsiedler nach dem Verkauf seiner Warenhäuser niederließ, machte sich Horten mit Aufmerksamkeiten für die Einheimischen beliebt. Er pflegt das Bild des wohltätigen Deutschen, der an seine Mitbürger denkt, an die Armen und selbst an die Tiere in den Zoos. So möchte er wohl auch die Sechs-Millionen-Spende für die Freien Demokraten verstanden wissen.

Doch Horten ist auch der Mann, der sein Milliarden-Vermögen noch immer zu mehren versteht. Er lebt in eigenen Besitzungen mal im Tessin, mal am Wörther See, manchmal auf dem Cap d'Antibes oder auf den Bahamas. Und fast zwangsläufig wird er stetig reicher, seit er sich vor 15 Jahren mit 1,2 Milliarden Mark in die Schweiz absetzte.

Horten hat nie verwunden, wie seine Landsleute, die Presse und die Politiker, damals über ihn hergefallen sind. Einen Steuerflüchtling nannten sie ihn, dabei war doch alles ganz legal zugegangen.

Horten hatte zwischen 1969 und 1971 in Etappen seinen Warenhaus-Konzern verkauft und den Erlös von über einer Milliarde Mark unversteuert ins Tessin gebracht. Die »Lex Horten«, die solche Coups verhindern soll, wurde erst danach verabschiedet.

Mit Leserbriefen und Prozessen wehrte sich Horten damals gegen den Vorwurf der Steuerflucht. Doch nicht einmal

ein höchstrichterliches Urteil des Bundesfinanzhofes, das den Transfer für legal erklärte, konnte Hortens Image verschönen. Als auch noch eine Klage des einstigen Kaufhaus-Herrschers gegen den Schriftsteller Friedrich-Christian Delius abgeschmettert wurde, brach Horten endgültig mit seiner Heimat.

Delius hatte eine satirische »Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende« verfaßt. In Anspielung auf Hortens »Rolle als Parteienfinanzierer« (Delius) hieß es da: »Schwitzen die von ihm bezahlten Politiker über Gesetzen, die ihm genehm sind und seine Gegner zerfetzen.« Horten hatte geklagt, um diese Zeilen, die er als Bestechungsvorwurf empfand, tilgen zu lassen. Der Bundesgerichtshof wies die Klage ab.

Nun läßt Horten, der sich kaum in der Öffentlichkeit zeigt und Photographen aus dem Weg geht, seine ehemaligen Landsleute spüren, daß er nicht vergessen hat. Er will sein Vermögen bei seinem Tode allein seiner 31 Jahre jüngeren Frau Heidi vermachen. Seine Düsseldorfer Stiftung wird leer ausgehen.

Frau Heidi, eine ehemalige Sekretärin, wird schon jetzt verwöhnt. Rolls-Royces stehen ihr ebenso zur Verfügung wie die 70-Meter-Yacht »Carinthia VI« oder ein Düsenjet der Marke »Gulfstream«. Nach Heidi Hortens Tod wird dann alles an zwei Horten-Stiftungen in Österreich und der Schweiz fallen. Sein Vermögen ist schon jetzt 3,5 Milliarden Mark wert.

Obwohl Horten, so sein Generalbevollmächtigter Hans-Dietrich Schwahn, »unternehmerisch nichts tut«, wächst das Vermögen jährlich um 300 Millionen Mark. Um nur eine vergleichsweise bescheidene Pauschalsteuer zahlen zu müssen, hat sich der Umsiedler verpflichtet, im Tessin keinem Erwerb nachzugehen. Die Erträge aus Vermögensverwaltung brauchen dann nicht als Einkommen versteuert zu werden.

Horten zahlt eine Steuer auf den jährlichen Aufwand für seine Lebenshaltung in der Schweiz, der auf zwölf Millionen Mark geschätzt wird. Dafür muß er an die Gemeinde, den Kanton und den Bund eine Pauschale von rund acht Millionen Mark abführen.

Ganz von allein vermehren sich auch große Vermögen nicht. So hat Horten auf seinem 116 000 Quadratmeter großen Hügelgelände bei Lugano eine bankähnliche Kommandozentrale mit allen technischen Raffinessen errichten lassen.

Zehn Manager stehen mit den Finanzplätzen der Welt in direkter Verbindung. Sie kaufen und verkaufen Dollars oder japanische Yen, Anleihen und kleinere Aktienpakete. Ein Büro in Basel wickelt die Geschäfte mit den beiden Hausbanken ab, der Schweizerischen Bankgesellschaft und dem Schweizerischen Bankverein.

Auch der alte Herr kommt noch täglich einige Stunden hinüber in sein Büro.

Auf »sein sicheres Gespür für Geldanlagen« sei nach wie vor Verlaß, sagen seine Manager. Das hat Horten unter anderem vor Jahren bewiesen, als der Dollar noch weit unter zwei Mark lag. Mit mehreren hundert Millionen Mark stieg er in die US-Währung ein. Die Festgelder brachten ihm nicht nur den Kursgewinn, sondern jahrelang hohe Erträge durch zweistellige Zinsen.

Von seiner alten Firma hat sich der Vermögensverwalter völlig gelöst. Doch er kommt offenbar nur schwer darüber hinweg, daß der Konzern, der noch immer seinen Namen trägt, total umgekrempelt wurde.

Helmut Horten hatte in den goldenen Konsumjahren der sechziger das von ihm gegründete Unternehmen ohne Rücksicht auf die Kosten in die Expansion getrieben und sich dann rechtzeitig vor der beginnenden Kaufkrise abgesetzt. Weil Vorstandssprecher Bernd Hebbering in vergangenen Jahren den Konzern wieder stutzen, Filialen dichtmachen und Personal abbauen mußte, hat er auch heute noch Anfeindungen aus der Schweiz einzustecken.

Immer wieder kam unter den 20 000 Horten-Mitarbeitern Unruhe auf, wenn der Milliardär zu seinen runden Geburtstagen (etwa zum 60. und 70.) am 8. Januar etwa 7000 alte Weggefährten mit Schecks bis zu 1000 Mark bedachte. Hebbering wollte das ändern.

Er hatte Horten schon zu dessen 70. Geburtstag am Wörther See besucht und darum gebeten, doch alle Horten-Mitarbeiter zu bedenken. Der ehemalige Eigner der Firma lehnte brüsk ab: Er mache mit seinem Geld, was er wolle. Nach 15 Minuten drängte der Hausherr den Gast zum Gehen.

Für seine ehemaligen Konkurrenten ist er dagegen stets da. Seinem Tessiner Nachbarn und Golfpartner Otto Beisheim, der 15 Straßenkilometer weiter wohnt, half er beim Einstieg der Metro in den Kölner Kaufhof. Beisheim habe sich, so Horten-Gehilfe Schwahn, »nur der guten Dienste eines erfahrenen Mannes aus der Warenhaus-Branche bedient«.

Horten hilft eben gern, unauffällig und direkt. Auch mit der Spende für die FDP habe er ja nur, so Schwahn, »zum Erhalt der liberalen Kraft im deutschen Parteisystem« beitragen wollen.

Von Hortens Nummernkonto des Schweizerischen Bankvereins sei genau am Nikolaustag 1983 das Geld auf das FDP-Sonderkonto 255 034 bei der Luxemburger Dresdner-Bank-Tochter eingegangen - »ohne eine politische Bedingung und, wie immer, rechtmäßig versteuert«. Dabei habe auch die gute Beziehung zu Alt-Bundespräsident Walter Scheel den Ausschlag gegeben. Die beiden kennen sich schon seit den alten Düsseldorfer Zeiten. Damals war Scheel häufiger Gast in Hortens Villa im Ortsteil Lohausen.

Er hängt an den alten Zeiten und gerade an dieser Villa. Noch vor zwei Jahren wollte Horten sie originalgetreu am Genfer See nachbauen lassen. Auf das Grundstück von Gunter Sachs hatte er ein Vorkaufsrecht. Gartengestalter planten bereits; wie schon in Düsseldorf war ein Gehege für Flamingos vorgesehen, der Innenarchitekt auf der Suche nach den inzwischen verkauften Möbeln und Teppichen, da stoppten Genfer Behörden alle Pläne. Anlieger hatten Einspruch angemeldet.

Ansonsten hat Horten in jeder Hinsicht gut vorgesorgt, auch für das Ende: Er möchte in Österreich begraben werden. Für drei Millionen Mark ließ er am Wörther See seine letzte Stätte herrichten - eine Kapelle mit einer unterirdischen Grabstätte.

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