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TERRORISMUS Sicheres Wien

Eine Londoner Firma warnt Abonnenten vor Terroranschlägen.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Das Attentatsrisiko in der internationalen Luftfahrt, so meldete der Londoner »Control Risks«-Informationsdienst am 14. Dezember 1988, sei vor Weihnachten extrem hoch. »Ganz besonders gefährdet durch Terroristen palästinensischer oder iranischer Herkunft sind die Maschinen der großen amerikanischen Fluggesellschaften.«

Am 21. Dezember um 20.17 Uhr wurde der Pan-Am-Jumbo »Maid of the Seas« auf dem Weg von London nach New York über Schottland von einer Bombe zerrissen. Peter Janke, Sicherheitsdirektor von »Control Risks«, sagt dazu nur: »Es wäre vielleicht lehrreich gewesen, bei der Bewertung der vorliegenden Drohungen unsere Analyse zu berücksichtigen.«

Die Control Risks Group ist Branchenführerin im Versandhandel für gute Ratschläge zur Vermeidung von terroristischen Anschlägen. Für bis zu 7000 Pfund (23 000 Mark) Jahrespauschale liefert Control Risks stets aktuelle Sicherheits- und Risikoanalysen aus 71 Ländern mit praktischen Verhaltensregeln. Die Lageberichte kommen als gedruckte Periodika oder aber täglich frisch aus dem On-line-Computer.

Firmenchef Roger Meares macht keinen Hehl daraus: Ja, es sei ein Geschäft mit der Angst - so wie jede Versicherung oder jede Wach- und Schließgesellschaft auch, nur mit erfreulicheren Wachstumsraten. Control Risks hat im vergangenen Geschäftsjahr sechs Millionen Pfund umgesetzt, die Hälfte mehr als 1986 - und der Trend ist steigend.

Roger Meares' Denkfabrik benutzt für ihre Rasteranalysen überwiegend Quellen, die jedermann zugänglich sind. Wer gründlich die »Times« und »Jane's Defence Weekly« liest und die Auslandsnachrichten von BBC hört, ist schon halb so gut informiert wie Control Risks.

Zu den Kunden des Terror-Warndienstes gehören 380 Botschaften und Regierungen, auch mehrere EG-Länder, und Firmen mit umfangreichen Auslandsbeziehungen. Die meisten Abonnenten kommen aus Großbritannien und aus den Vereinigten Staaten.

Amerikaner sind besonders gefährdet, »einfach weil die amerikanische Außenpolitik so offensiv ist«, sagt Janke. Weil Amerikaner die größte Zielgruppe sind, hat Control Risks das Risiko-Benotungssystem für Reiseziele dem amerikanischen Tabellierbedürfnis angepaßt: Stufe eins für ganz friedliche, Stufe vier für besonders kritische Zielorte.

Die Daten aus den einzelnen Tabellen fließen im »Travel Security Guide« (TSG) zusammen, einer Art Michelin assassin. Der aktuelle TSG empfiehlt, im Januar möglichst keine amerikanischen Carrier und unter gar keinen Umständen Air Lanka, Iraqi Airways oder Iran Air zu fliegen. Auch Swissair, JAL und SAS sind danach im Augenblick nicht angeraten. Air India gilt seit der Hinrichtung der zwei Gandhi-Attentäter vorvergangene Woche als hochbrisant. Unter den großen westeuropäischen Liniengesellschaften stehen nur Lufthansa und KLM zur Zeit nicht auf dem Index.

Peter Janke würde seine Familie mit El Al in die Ferien fliegen lassen. Die israelische Staatslinie steht bei vielen Terror-Organisationen auf der Abschußliste, aber sie durchleuchtet jeden Passagier wie einen potentiellen Terroristen.

Absolute Tabus für Dienstreisende sollten Sri Lanka, Peru und der Libanon sein. Und Vorsicht vor Revolutionsfeiertagen und Märtyrergeburtstagen. Denn Patriotismus kehrt sich überall gern gegen Fremde.

Die mediterranen Großflughäfen sind trotz des Einsatzes moderner elektronischer Abwehrmethoden bei Terroristen weiterhin sehr beliebt. »Die Sonne, der Wein, das leichte Gemüt, das alles beflügelt die Unsicherheit«, sagt Janke. In Athen-Hellenikon konnte ein Tester neulich ungehindert die Kontrolle passieren, der einen Paß mit dem Photo seines Dackels vorzeigte.

Die von Rassenunruhen geschüttelte Burenrepublik dagegen rangiert bei den »Westminster terror watchers« (so der Londoner »Daily Telegraph") in Sekuritätsstufe zwei - ebenso wie Großbritannien (ohne Nordirland) und die Bundesrepublik.

Doch auch Westdeutschland ist nicht ohne Fährnisse. Im ersten Schirmbild warnt der Computer: »Vermeiden Sie Hamburgs Hafenstraße, Düsseldorfs Kiefernstraße und Kreuzberg in Berlin.« Jedoch, die Polizei sei überaus kompetent, »jedenfalls wenn man sie mit der Polizei in Burundi und Zentralafrika vergleicht«.

Ganz über jeden Vergleich erhaben sind für Control Risks die Verhältnisse in Österreich. Die Hauptstadt Wien hat Stufe eins, ohne alle Abstriche. Sie sei die wohl sicherste Hauptstadt Europas - vor allem wegen der politischen Enthaltsamkeit der Österreicher. Merke: »Dort gibt es normalerweise keinen politischen Protest.« #

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