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»Sie können mir ja einen Kranz schicken«

Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) über Senatspläne zur staatlichen Drogen-Vergabe
aus DER SPIEGEL 29/1989

SPIEGEL: Herr Voscherau, es gibt in Hamburg etwa 5000 Heroinsüchtige. Können die sich ihren täglichen Schuß demnächst beim Senat abholen?

VOSCHERAU: Das ist eine Möglichkeit, die der Senat ins Auge gefaßt hat. Aber die Prüfungen sind nicht wirklich seriös abgeschlossen.

SPIEGEL: Doch das jetzt zur Diskussion gestellte Drogenprogramm des Senats, wonach Drogenabhängigen nicht nur großzügiger als bisher die Ersatzdroge Methadon, sondern auch Heroin oder Kokain verabfolgt werden soll, hat schon jetzt bundesweit Entsetzen ausgelöst. Die Bundesregierung befürchtet, eine amtliche Freigabe von Drogen könnte eine »explosionsartige Ausweitung des Drogenkonsums« zur Folge haben.

VOSCHERAU: Das ist natürlich Unsinn. Es geht nicht um Freigabe. Die Idee ist, dem Drogenverteilungsmonopol der internationalen schwerkriminellen Syndikate das Genick zu brechen. Und das geht nur, indem der Staat selber in die Lage versetzt wird, unter strenger Kontrolle die unentgeltliche Verteilung, natürlich unter medizinischer Aufsicht, in die Hand zu nehmen. Die Strafbarkeit des schwerkriminellen Drogenhandels bleibt natürlich davon unberührt.

SPIEGEL: Ihr Plan stößt nicht nur an die Grenzen des Strafrechts, sondern berührt auch ein Tabu: Wenn der Staat sich an der Verteilung von Drogen beteiligt, verharmlost er sie.

VOSCHERAU: Gesetze kann man ja ändern . . .

SPIEGEL: . . . und das Drogentabu?

VOSCHERAU: Wozu hat das geführt? Wir haben allein im ersten Halbjahr 1989 in Hamburg 34 Drogentote. Die sind nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Tabu muß endlich geknackt werden. Es ist schuld, daß wir keine greifenden Strategien gegen die Ausbreitung harter Drogen haben. Ich sage: Das gesamte Bündel von Therapie, Hilfe und Beratung ist gescheitert, weil wir uns den Marktstrategien der Drogenkartelle ausgeliefert haben.

SPIEGEL: Und jetzt wollen Sie selber an den Markt, der Mafia Konkurrenz machen?

VOSCHERAU: Das liegt doch auf der Hand. Da sind die 500 Milliarden US-Dollar weltweiter Drogenumsätze, ein professionell betriebener Wirtschaftszweig mit Marketing, mit Ausbreitungsstrategien im Kundenkreis, also bei den Jugendlichen. Dieser Entwicklung einer gewerbsmäßig professionellen Marketingstrategie kann man nur die Spitze nehmen, wenn man selber die Marktmechanismen prägt. Das hat bisher keiner auszusprechen gewagt . . .

SPIEGEL: . . . weil viele fürchten, der Staat könnte auf die schiefe Bahn geraten, wenn er auf kriminellen, zumindest sozialschädlichen Märkten mitmischt.

VOSCHERAU: Die Abschaffung der Prohibition in den USA hat jedenfalls auf dem Sektor Alkohol Herren wie Al Capone aus dem Verkehr gezogen.

SPIEGEL: Aber die Mafia wurde dennoch mächtiger denn je.

VOSCHERAU: Das stimmt, sie hat sich nämlich den Drogensektor ausgeguckt.

SPIEGEL: Eben. So geht es immer. Und wenn Sie die Drogen freigeben, dann wendet sich die organisierte Kriminalität dem Mädchenhandel oder dem Giftgashandel zu. Werden Sie dann auch wieder nachgeben?

VOSCHERAU: Wir geben ja nicht nach. Das Drogenhandelsverbot bleibt uneingeschränkt bestehen - für Private.

SPIEGEL: Züge von Kapitulation hat es dennoch. Die herkömmlichen Mittel des Staates gegen Kriminelle sind Polizei und Strafjustiz. Mit diesen Instanzen, so räumt der Senat als erste westdeutsche Landesregierung in seinem Drogenbeschluß ein, sei eine Bekämpfung der Drogenkriminalität nicht mehr möglich . . .

VOSCHERAU: . . . wenn es doch die Wahrheit ist!

SPIEGEL: Darf der Staat das zugeben?

VOSCHERAU: Da fällt niemandem ein Zacken aus der Krone. Niemand kann behaupten, daß es international bei der Kriminalitätsbekämpfung auf dem Sektor Drogen wirklich qualitativ überzeugende Erfolge gegeben hätte. In Wahrheit gibt es nicht mal international ausreichende Anstrengungen.

SPIEGEL: Dennoch ist eine Kriminalitätspolitik fragwürdig, die das, was sie nicht bekämpfen kann, nun legalisiert.

VOSCHERAU: Ich will es nicht legalisieren, sondern ich will das illegale Drogenvermarktungsmonopol von Verbrecherbanden aus dem Wege räumen. Genauer gesagt, der Senat will prüfen, ob das möglich ist. Wenn es wirklich gelingen könnte, Prävention, Beratung und Aufklärung mit einem System streng staatlich und medizinisch kontrollierter Abgabe von Drogenmengen an Süchtige zu verbinden, dann glaube ich sicher, daß die Gewinnmaximierungsmöglichkeiten verschwinden und die Sache ihre Schubkraft verliert.

SPIEGEL: Das Geschäft verliert seine Schubkraft, nicht aber die Sucht.

VOSCHERAU: Aber das Geschäft ist der eigentliche harte Kern des Problems. Die Kinder und Jugendlichen von 12 bis 16 Jahren, die gezielt von gewerbsmäßigen Verbrechern in die Sucht gezogen werden, damit der Kundenstamm größer wird und der Nachwuchs da ist, die bringe ich außer Gefahr. Wenn man den Gewinnmaximierungsprozeß brechen kann, dann ist diese Form gezielter gewerbsmäßiger Süchtigmachung tot.

SPIEGEL: Manchem, der auf der Schwelle zur Sucht steht, muß allerdings die Aussicht, daß ihm notfalls der Staat mit einer kostenlosen Heroinspritze unter die Arme greift, geradezu als Versuchung erscheinen.

VOSCHERAU: Nein, das ist falsch. Das ist kein logisches Argument. Niemand wird dadurch vor Sucht bewahrt, weil sie zu teuer ist. Das sehen Sie an dem Volumen der Beschaffungskriminalität von jungen Leuten aus allen Bevölkerungsschichten, vom Professorensohn bis zu Arbeitnehmerkindern. Allein in Hamburg werden auf diese Weise jährlich 100 Millionen Mark aufgebracht, um die Heroinbeschaffung finanzieren zu können.

SPIEGEL: Mit Ihren Überlegungen sind Sie verblüffend nahe bei den Forderungen rechter US-amerikanischer Ökonomen wie Milton Friedman, die sich ausgerechnet haben, daß es für den Staat viel billiger sei, die Drogen freizugeben, als die Drogensucht medizinisch, sozial und kriminalistisch zu bekämpfen.

VOSCHERAU: Das sind nicht unsere Ideen. Bei uns geht es doch nicht darum, Haushaltsmittel einzusparen. Wir werden viel Geld ausgeben, um zu therapieren. In dem Konzept, das der Senat beschlossen hat, ist ja nicht von der Abschaffung der Therapie durch Freigabe die Rede. Wir wollen Therapieangebote und medizinische Kontrolle.

SPIEGEL: Jedenfalls ist Ihr Ansatz recht konservativ. Von Sozialdemokraten würde man Programme zur Verhinderung der Entstehung von Drogensucht erwarten. Statt dessen wollen Sie mit Drogengaben die sozial auffälligen Suchtfolgen wie die Beschaffungskriminalität wegsubventionieren. Den Süchtigen nützt das wenig.

VOSCHERAU: Nein, nein, nein, das ist nicht der Punkt. Das ist ein erwünschtes Nebenergebnis. Der Kern des Vorschlags ist es, die international durch Verbrechersyndikate kaltblütig betriebene Süchtigmachung junger Leute zu brechen. Das ist ein außerordentlich humaner Ansatz. Ich würde sogar behaupten, daß der grundgesetzliche Schutz des Lebens dem Staat hier ein Handlungsgebot auferlegt.

SPIEGEL: Man muß da wohl unterscheiden zwischen dem Schutz der Volksgesundheit, dem Ihr Konzept möglicherweise dient, und dem einzelnen Klienten, dem Sie überhaupt nicht helfen, indem Sie ihm seine Sucht weiter ermöglichen.

VOSCHERAU: Das ist wahr.

SPIEGEL: Dessen Leben schützen Sie nicht.

VOSCHERAU: Wir schützen natürlich das Leben, indem wir verhindern, daß immer weitere Generationen junger Leute in die Sucht getrieben werden.

SPIEGEL: Fragt sich nur, mit welchen Mitteln. Nehmen Sie die 14jährigen Kinder, die in Hamburg auch schon als heroinsüchtig aufgefallen sind. Sollen die, aus Gründen der staatlichen Drogenpolitik, künftig auch schon ihre Heroinspritze vom Staat bekommen?

VOSCHERAU: Das ist eine sehr provozierende Formulierung. Wir haben jedenfalls festzustellen, daß es heute so ist, daß auch in der Hamburger Drogenszene mehrfach benutzte Spritzen nicht von seiten des Staates, sondern von Schwerverbrechern an 14jährige ausgehändigt werden, die in die Sucht getrieben worden sind, die dadurch teilweise mit dem Aids-Virus infiziert werden und die, wenn sie 19 Jahre alt sind, zu den Drogentoten zählen.

SPIEGEL: Was werden Sie den Eltern beispielsweise der 14jährigen sagen, denen der Staat Drogen verabreichen will? Werden Sie die überhaupt fragen?

VOSCHERAU: Das ist wirklich ein heikles Thema. Das berührt das Elternrecht, Grundrechte, Menschenrechte. Wir führen ja im Augenblick die Auseinandersetzung um die Richtung dieses Vorschlags und behaupten nicht, eine durchgearbeitete Patentrezept-Lösung zu haben.

SPIEGEL: Aber Kinder und Jugendliche sind das zentrale Problem bei der Bekämpfung der Drogensucht. Mit ihrer Behandlung steht und fällt jedes Konzept.

VOSCHERAU: Meine Erfahrungen sind, daß Eltern, die drogenabhängige Kinder haben, von blassen Tabus blitzschnell geheilt werden. Eltern aber, deren Kinder nicht süchtig sind, haben eine abstrakte Furcht, eine konkrete Liebe und keine präzise Kenntnis.

SPIEGEL: Einige Suchtexperten befürchten, staatliche Drogengaben könnten bei Abhängigen die Bereitschaft senken, sich in eine Therapie zu begeben.

VOSCHERAU: Ich behaupte, daß das Gegenteil der Fall ist. Die Leute gehen ohnehin nicht in Therapien, sondern sie hängen an ihrer Sucht, und am Ende sind sie eben tot. Insofern glaube ich, daß sich die Zahl derer deutlich vergrößern wird, die man in Therapien bringen kann, weil es eine neue Brücke zwischen den Vertrauenspersonen in einer solchen Einrichtung und den Abhängigen geben wird.

SPIEGEL: Mediziner sind sich weitgehend einig, daß man mit einer sauberen und gut dosierten Heroingabe lange leben und alt werden kann. Warum da noch Therapie? Manch einer wird sich sagen, da gehe ich lieber mein Leben lang zum Senat und lasse mich mit Heroin ernähren.

VOSCHERAU: Das kann man umdrehen. Gegenwärtig haben wir es ja mit einer nicht sauberen und nicht sauber dosierten Heroingabe zu tun. Das ist die heutige Realität. Damit kann man allerdings nicht alt werden, sondern da landet man auf dem Friedhof.

SPIEGEL: Wie gute Vorstellungen scheitern können, läßt sich gerade in Hamburg bei dem Versuch beobachten, ein eng begrenztes Methadon-Programm einzuführen. Ärzte, Sozialbehörde und Sozialarbeiter haben sich über Finanzierung und Organisation so zerstritten, daß das Projekt vorerst gescheitert ist - nicht sehr ermutigend.

VOSCHERAU: Das lag an dem Umstand, daß die Methadon-Verteilung über das System der niedergelassenen Ärzte, die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassenfinanzierung erfolgte. Da gibt es sowohl Interessen als auch sehr viele Köche, die bekanntlich den Brei verderben.

SPIEGEL: Wo ist der Unterschied zwischen der organisierten Abgabe von Methadon und Heroin?

VOSCHERAU: Ich würde doch einen Unterschied machen zwischen der sozialen, persönlichen und medizinischen Gefährlichkeit von Methadon und Heroin. Dieser Unterschied muß sich niederschlagen bei der Detailbestimmung, in der präzisen Regelung von Kontrolle, Verteilung, Finanzierung. Ich habe die Regelung der medizinisch kontrollierten Methadon-Abgabe durch niedergelassene Ärzte für vertretbar gehalten. Bei Heroin brauchen wir einen engeren Kreis und eine staatliche Kontrolle. Dann gibt es auch nicht soviel Differenzen.

SPIEGEL: Trauen Sie den Ärzten nicht?

VOSCHERAU: Doch, selbstverständlich. Aber sie stehen nicht in staatlicher Verantwortung. Es ist dann ein unüberschaubarer Kreis mit sehr vielen Wegen, Praxen, Risiken, Einbrüchen. Das ist nur in staatlicher Kontrolle leistbar.

SPIEGEL: Die staatlichen Stellen, die so etwas organisieren, könnten ja ihre Arbeit nicht auf den Stadtstaat Hamburg beschränken, das müßte bundesweit geregelt sein. Die meisten anderen Bundesländer aber trauen sich ja nicht mal an die gesetzlich bereits erlaubte Methadon-Verteilung - auch nicht ermutigend.

VOSCHERAU: Daß auf der fachlich zuständigen höheren Beamtenebene alle erst einmal sagen, das haben wir noch nie so gemacht, also kann da nichts dran sein, das überrascht mich nicht. Die normale Reaktion ist: Blievt allens bi'n ollen, heet dat ja.

SPIEGEL: Das klingt nicht so, als ob Sie Ihre Politik für praktisch durchsetzbar halten.

VOSCHERAU: Ich glaube nicht, daß wir 1990 in Bundestag und Bundesrat eine realistische Chance haben, die nötigen Gesetze verabschiedet zu bekommen. Aber der Druck wird zunehmen. Denn die Zahl der Drogentoten wird zunehmen. Am Ende wird es gar keine Alternative geben.

SPIEGEL: Wirklich nicht? In den Vereinigten Staaten ist die Drogenszene eine Generation älter und härter. Aber da setzt die Regierung nicht auf Markt-Modelle, sondern auf militärische Lösungen und die harten Kerls von der Anti-Drogen-Behörde.

VOSCHERAU: Ich habe nicht den Eindruck, daß die Politik in den USA bei der Drogenbekämpfung sehr erfolgreich ist - um es höflich zu formulieren. Wenn es richtig ist, daß wir mit einem gewissen Time-lag allen sozialen Fehlentwicklungen in den USA folgen, würde ich diese Fehlentwicklung ungern nachholen.

SPIEGEL: Ihre Idee, der Drogenmafia das Genick zu brechen, könnte gerade daran scheitern, daß amerikanische Zustände die Bundesrepublik schon eingeholt haben. Längst, so glauben führende Kriminalisten, haben die Drogenbosse ihre Leute an den Schaltstellen der westdeutschen Wirtschaft und Staatsverwaltung.

VOSCHERAU: Ich gehöre nicht dazu . . .

SPIEGEL: . . . geschenkt . . .

VOSCHERAU: . . . und ich glaube, daß die große Homogenität unserer gesellschaftlichen, moralischen, religiösen Befindlichkeit, wenn Sie so wollen, eine Chance bietet, ein solches Konzept durchzusetzen.

SPIEGEL: Ausgerechnet in Hamburg hat immerhin der einstige Kokain-König Carlos Lehder aus Kolumbien eine seiner Firmen im Handelsregister eintragen lassen. Und Hamburg war die erste westdeutsche Stadt, in der Geschäfte der Cosa Nostra ruchbar wurden. Fühlen Sie sich nicht ein bißchen allein gegen die Mafia?

VOSCHERAU: Sie können mir ja dann einen Kranz schicken.

SPIEGEL: Herr Bürgermeister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Henning Voscherau *

steht seit 1988 dem sozialliberalen Senat der Hansestadt als Regierungschef vor. In der westdeutschen Hochburg der Drogenmafia arbeitet seit März ein Senatoren-Team im Auftrag des 47jährigen Bürgermeisters an einem Konzept, das bundesweites Umdenken bei der Drogenbekämpfung verlangt. Betäubungsmittel- und Strafrecht sollen so geändert werden, daß künftig in größerem Umfang Methadon und harte Drogen an Süchtige verteilt werden können. Voscheraus Senatoren denken außerdem daran, Kleindealer bei der Strafverfolgung zu verschonen, um so alle Kräfte auf die Jagd nach den Hintermännern konzentrieren zu können. Die illegalen Drogengewinne der Großdealer, die weltweit schätzungsweise 500 Milliarden US-Dollar umsetzen, will Voscherau beschlagnahmt sehen - und die Opfer in die Therapie statt in den Knast schicken. Die Kosten der Behandlung sollen zumindest zum Teil die Krankenkassen übernehmen.

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