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»Sie leiden nicht und haben kein Mitleid«

Über den asozialen Fatalismus unserer Konsumkinder / Von Joachim Kutschke
Von Joachim Kutschke
aus DER SPIEGEL 13/1989

Vor sieben Jahren verfaßte der Marburger Oberstudienrat Joachim Kutschke, 43, eine vielbeachtete Polemik gegen die Generation der »Ohne-mich-Schüler« (Spiegel 29/1982). In einem neuen Beitrag analysiert Kutschke die Mentalität der Konsumkinder '89.

Nachmittags sieht man sie in Rudeln durch die Stadt ziehen, in den Passagen Schaufenster betrachten oder im Bistro sitzen, lässig-locker. Die Jungen in eleganten Blousons und Turnschuhen, gelegentlich die Ohren mit dem Kopfhörer ihres Walkman zugestopft, die Mädchen im aktuellen Fashion-look, das unvermeidliche Knautschtäschchen oder den Riesen-bag immer dabei.

Am Wochenende toben sie sich in der Disko aus, in schicken und teuren Benetton- und Saint-Laurent-Klamotten, die Haare mit Spray und Gel in Fasson getrimmt, im Gesicht die Farben von Astor und Betrix, umweht von Jil-Sander- und Boss-Düften - voll durchgestylt, perfektes Outfit. Junge Kids wie aus dem Modejournal, so zwischen 17 und 20, Kinder unserer Zeit.

Morgens hocken sie dann wieder in der Schule, leidenschaftslos und brav. Vor ihnen auf den Bänken stapeln sich diverse Schoko-Riegel und Müsli-Schnitten, Cola- und Fanta-Dosen. Sie sind lebensfroh, konsumfreudig, genußsüchtig und anspruchsvoll. Echt muß es sein, das Original, alles möglichst vom Besten. Mit exhibitionistischer Freude pflegen sie ihr Image, jeder ein Selbstdarsteller. Individualismus ist »in«.

Aber dann: Im politischen Unterricht in der Schule, in der Diskussion im Jugendklub, im Gespräch mit den Eltern beim Essen, wann immer die Rede aufs Politische kommt, dann traut man seinen Ohren nicht. Da ziehen sie plötzlich vom Leder, sagen, was Sache ist, was sie so beschissen finden an der Politik, an unserer Gesellschaft, dem Leben, der Zukunft, was sie von uns halten, den Eltern, den Lehrern, den Politikern. Da kommt keiner ungeschoren davon.

Fast alles kotzt sie an, die Zerstörung unserer Umwelt, die Vergiftung von Wasser, Erde und Luft, der ganze Rüstungswahnsinn, die ewigen Kriege, der Hunger und das Elend der Welt, daß wir im Müll ersticken, uns selber zugrunde richten, überhaupt »der ganze Irrsinn, den die da oben machen«. Und sie sind informiert, wissen Bescheid, haben Problembewußtsein. Ihre Kritik ist radikal, und sie trifft ins Schwarze. Man kann ihnen kaum widersprechen.

Doch wie sie das alles loswerden! Wie das so rüberkommt! Sie reden vom Weltuntergang wie vom schlechten Wetter, emotionslos, cool: »Ist doch alles beschissen«, »geht alles den Bach runter«, »irgendwann gibt's den großen Knall«, »noch 30, höchstens 50 Jahre, dann wird's sowieso zappenduster«. Sie geben uns allen und sich selbst keine Zukunftschancen. Ihre Gewißheit: Bald ist es aus.

Doch von innerer Erregung, von Wut keine Spur, nicht mal Zorn auf die, die sie für schuldig halten. Beiläufig, unbeteiligt, fast zynisch fallen die Worte aus ihren Mündern. Ihre Untergangsprophezeiungen scheinen sie nicht zu berühren, man spürt keine Betroffenheit. Sie kennen keine Angst. Die Horrorvisionen tun ihrer Genußsucht und Genußfähigkeit keinen Abbruch. Sie lassen sich den Appetit nicht verderben.

Im Gegenteil, sie haben noch viel vor, wollen die Schule schaffen, endlich ihr Leben selbst gestalten. Sie wollen anders leben als ihre Eltern, nicht so rackern und schuften, vor allem nicht so spießig - was immer das heißen mag. Sie sind lustbetont, und sie wollen Kohle, davon reichlich. Sie haben so ihre Ansprüche. Sie wollen frei sein. Sie haben Reisepläne, wollen die Welt sehen. Don't worry, be happy! Der Globus ein großer Vergnügungspark - Disney-Land auf der Fahrt in den Abgrund.

Es gibt keine Brücke zwischen ihrer Lebenslust und Vergnügungssucht und dem Schreckensbild der Zukunft, das sie uns um die Ohren hauen. Sie leben im Jetzt, wollen etwas hier und heute. Bedürfnisbefriedigung ohne Aufschub, ohne Verzicht. Und sie fühlen sich nicht verantwortlich. Sich engagieren? Den Zug aufhalten? Widerstand leisten? Da bleiben sie ganz cool, grinsen geringschätzig: »Kannste vergessen«, »alles zwecklos«, »was willste denn tun?«, »bringt ja doch nichts«.

Es ist nicht ihre Welt, nicht ihre Zukunft. Sie naschen nur, nehmen mit, was mitzunehmen ist, ohne Panik auf der Titanic. Sie lehnen die Verantwortung einfach ab - für alles, was um sie herum geschieht. So sind sie, die Konsumkinder, lieb und nett, verwöhnt und egozentrisch, ohne Schuldbewußtsein und nur auf eines aus: Genuß ohne Reue. Nach dem Preis wird nicht gefragt.

Nichts ist da zu spüren von Auflehnung gegen das Establishment, kein Wille zur Veränderung, keine politischen Alternativen, die etwas fordern oder gar Verzicht verlangen. Und für die anderen, die es zum Glück ja auch noch gibt, die was verändern, was aufhalten wollen, die ihre Kinder auf die Demos und Sitzblockaden mitschleppen um einer besseren Zukunft willen, für die haben sie nur Spott übrig. Das sind die ewig Gestrigen, die Spinner und Körnerfresser, die Utopisten, die noch nicht begriffen haben, »wie das hier wirklich läuft«.

Nein, sie sind verantwortungslos, geradezu asozial in ihrem Hang zur individuellen Selbstverwirklichung - dem Untergang nicht mal zum Trotz. Und sie sind zu keinen Einschränkungen, zu keinen Opfern bereit - wider besseres Wissen.

»Tempo-Limit? Ich glaub', ich spinne. Jetzt, wo ich den Führerschein mache?«

Gewiß, so sind nicht alle. Vielleicht sind sie noch in der Minderzahl. Aber sie kommen in Mode. Und die Medien mischen dabei kräftig mit. Dieser asoziale, fatalistische Zeitgeist wird via Mattscheibe und als Gesellschaftskritik getarnt in die hintersten Winkel der Provinz geschickt. Immer öfter werden Jugendmagazine und sogenannte Dokumentar-Features zu Foren der narzißtischen Selbstdarstellung und der Polit-Bekenntnisse solcher Kids.

Da sitzen sie vor der Kamera - noch immer modisch gestylt und im aktuellen Outfit - im Design der Pop-Kultur-Studios oder zu Hause in der eigenen Bude, umgeben von den Segnungen der Konsumkultur - Quadral-Boxen in den Zimmerecken, Studio-Strahler an der Decke, Tape-Decks, Plattensammlungen und Video. Ein Jungmoderator - ebenso locker und modisch-schick - hält ihnen das Mikrophon hin, und dann dürfen sie loslegen, öffentlich, wie sie das alles finden, nämlich »echt beschissen«.

Das flimmert so direkt in die Wohn- und Kinderzimmer, O-Ton, unkommentiert, unaufgearbeitet, ohne Gegenfragen, ohne Analyse, nur gelegentlich von solidarischem Kopfnicken des Moderators begleitet. Ein pseudo-dokumentarischer, pseudo-aufklärerischer Journalismus prostituiert sich dem modischen Zeitgeist.

Da verkündet denn ein selbstbewußtes Mädchen mit kokett zur Seite geneigtem Kopf, die schwarzen Wimpern türkisfarben umrandet, daß sie in diese katastrophale Welt keine Kinder setzen will. Da könne man ja nicht mehr leben, wegen Tschernobyl und so. Zwei Minuten später - nach ihren Berufswünschen gefragt - erklärt sie, ihr Job müsse ihr richtig Spaß machen, da müsse sie sich voll einbringen können. Sie wolle irgendwas mit Mode machen, weil man da kreativ sein kann.

Ein aufgeweckter Blondschopf, lässig die Hände in den Hosen, im Hintergrund sein Commodore Amiga 2000, erläutert, daß wir in der Bundesrepublik, in ganz Europa, auf Pulver- und Giftfässern säßen, auf Zeitbomben, die jederzeit hochgehen können. Er will auf jeden Fall auswandern, in die Südsee, so weit weg wie möglich. Kurz danach führt er stolz seinen Computer vor, will sein Hobby zum Beruf machen, hofft auf eine Karriere in der High-Tech-Branche.

Was sind das für Kinder? Sie sehen die Probleme, aber sie bleiben unberührt. Sie leiden nicht, und sie haben kein Mitleid. Sie geben schockierende Statements ab und gehen dann zur Tagesordnung über. Eine erschreckende Gleichgültigkeit wird zur Schau gestellt, ein asozialer Fatalismus, der angst macht - den Lehrern, den Eltern, die sich ihre Kinder anders wünschen, mit ihnen endlos diskutieren und dann erschöpft aufgeben.

Spätpubertäre Attitüde? Flucht hinter den Schutzpanzer der Gleichgültigkeit? Überlebens-Trick, um dem Gefühl der Ohnmacht nicht zu erliegen? Musterbeispiele der Divergenz von Geist und Trieb a la Konrad Lorenz? Oder konsequente Nachahmer gesellschaftlicher Vorbilder, die ihnen genau das vorleben, vernebelt mit einer folgenlosen Moral und Ethik einer Generation, die nichts besser gemacht hat?

Der hessische Kultusminister Christean Wagner hat den Sündenbock schon ausgemacht: die kritischen Lehrer. Sie haben mit ihrer permanenten Gesellschaftsanalyse, ihrer ewigen Hinterfragerei, jede Orientierung junger Menschen zerstört. Auch wenn's manche gern glauben, es ist falsch und reine Ideologie.

Gerade die engagierten Lehrer sind nie bei der bloßen Kritik stehengeblieben, sondern haben immer nach den Konsequenzen im Handeln gefragt. Das kommt heute nicht mehr an. Aber die vermeintlichen Gegenrezepte eines von oben propagierten Zweckoptimismus schaffen die Fakten und objektiven Probleme unserer Gegenwart eben auch nicht aus der Welt.

Nein, je länger man ihnen zuhört, mit ihnen diskutiert, um so stärker wird der Verdacht, daß diese Kids sich bequem eingerichtet haben mit ihrem kritischen Bewußtsein und der Erkenntnis, daß das Engagement nicht lohnt. Sie verweisen auf das Scheitern ihrer »Alten«, die es ja auch nicht geschafft hätten: »Gegen den Apparat kommste eben nicht an.«

Diese fremde Erfahrung - sonst pfeifen sie gern darauf - dient ihnen als Alibi für ihre komfortable Passivität, und sie haben kein schlechtes Gewissen dabei.

So sitzen sie bequem in ihrer Loge wie die zwei Nörgler in der Muppet-Show, kritisieren von oben herab die Welt und amüsieren sich dabei.

Nein, dieser Teil der Jugend geht seinen eigenen fatalen Weg, unbeeinflußt von konservativem Wertedenken und linker Weltverbesserung. Aber auch sie werden eines Tages die Verantwortung in dieser Gesellschaft haben, ob sie wollen oder nicht. Und dann werden ihre Kinder sie eines Tages fragen, was sie getan haben gegen all das, was sie dann noch viel schwerer bedrohen wird.

Dann werden sie als Eltern sich nicht damit rausreden können, sie hätten von nichts gewußt. #

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