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SIE MÜSSEN DAUERND RÜCKSICHT NEHMEN

aus DER SPIEGEL 8/1966

Sechs Wochen, nachdem die Intendanz des Norddeutschen Rundfunks kurz vor Sendebeginn die Ausstrahlung einer Folge des TV-Kabaretts »Hallo Nachbarn!« untersagt hatte und deswegen öffentlich der Zensur beschuldigt worden war, wurde vorletzten Sonnabend im Dritten Programm des NDR-Fernsehens unter dem Titel »Schwierigkeiten beim Zeigen der Wahrheit?« der erste Beitrag einer »Sendereihe über politische Fernsehmagazine« vorgeführt. Thema: »Panorama«. In der Sendung berichtete auch der ehemalige »Panorama«-Chef (Januar bis Dezember 1964) Professor Eugen Kogon über seine TV-Arbeit:

Die Sendung hat den Sinn ... mit Salz die Demokratie schmackhaft zu machen. Sie hat nicht die Aufgabe ... Pfeffer in der Gegend herumzustreuen ... nur damit Klamauk in diesem Lande sei ... Aber, das versteht sich von selbst, daß bei der Erfüllung einer solchen Aufgabe ununterbrochen Schwierigkeiten auftauchen - Schwierigkeiten in der Öffentlichkeit, Schwierigkeiten mit bestimmten Gruppen, mit bestimmten Personen, Schwierigkeiten in den Häusern selbst, in den Rundfunkstationen, hier beim NDR. Von dieser letzten Komplikation will ich ganz besonders sprechen, denn sie hat praktisch zu meinem Rücktritt geführt ... Am 9. November und zum 9. November 1964, es

wird mir unvergeßlich bleiben, haben wir zum sogenannten Volkstrauertag eine Sendung vorbereitet über diesen Volkstrauertag, und zwar von (dem Schriftsteller) Christian Geissler. Eine sehr scharfe, kritische Sendung, denn auch ich war der Meinung, mit dem Autor zusammen, daß dies keine Heroisierungsgelegenheit sein sollte, sondern ein Tag der Besinnung gegen den Krieg, gegen alles, was zu diesen Kriegsmöglichkeiten führt. Eineinhalb Stunden vor der Sendung erfolgte der sogenannte Durchlauf, das heißt also, es wurde die Sendung dem Intendanten vorgespielt, der aber nicht da war, es wurde also dem stellvertretenden Intendanten gezeigt, und kaum war die Sendung vorüber, erfolgte der volle Einspruch. Der stellvertretende Intendant - ein sehr liberaler Mann beim NDR - sagte, das ist ausgeschlossen, daß der Beitrag über den Volkstrauertag erscheinen könne. Das sei also destruktivste Politik und richte sich praktisch auch gegen die Bundeswehr. Ich stellte das gänzlich in Abrede, fuhr sofort hin, debattierte mit ihm etwa 20 Minuten freundschaftlich, aber in der härtesten Weise gegeneinander. Wir konnten einander nicht überzeugen, worauf ich sagte, gut, dann kann die Sendung heute abend nicht von mir präsentiert werden, ich lasse diesen Beitrag nicht aus, oder die Sendung findet ohne mich statt ... Am Schluß meinte der stellvertretende Intendant, nun gut, er sei bereit, nachzugeben, wenn ich auf ... ein Stück dieser Sendung ... verzichtete, nämlich auf die Darstellung einer Aktion der (gegen Atomwaffen und Luftschutz protestierenden) Ostermarschierer. Das berühmte Tabu in der Bundesrepublik. Die Ostermarschierer dürfen nicht erwähnt werden, ihr Name darf nicht einmal fallen. An ihnen heften sich so alle Ressentiments dieser Republik an. Ich habe gesagt, ich würde schweren Herzens diesen kleinen Teil opfern, um das Ganze bringen zu können, aber es sei eine Sache des Autors. Ich fuhr sofort (zum Sendestudio) nach Lokstedt und habe den Autor meinerseits vor die Alternative gestellt, die Sendung findet also statt, wenn das herausgeschnitten wird ... Ich habe es ihm empfohlen zu tun. Er hat's dann auch getan, und so wurde der Schnitt also vollzogen. Die Sendung kam ... Der Intendant und sein Stellvertreter stehen in einem ganz bestimmten Kräftefeld, auf das sie dauernd Rücksicht nehmen müssen, wenn sie in der Leitung einer so riesigen Anstalt bleiben wollen ... Sie nehmen also Rücksicht, je näher die Wahltermine kommen - um so mehr. Unsereins kennt solche Rücksichten nicht, hat nur die öffentliche, gesellschaftliche, politische Entwicklung vor Augen, und nach bestem Wissen und Gewissen und mit den besten Mitteln werden diese Dinge, wie ich es gezeigt habe, dargestellt. Dies führt notwendigerweise zu Konflikten zwischen den beiden Instanzen. Am besten wäre es, wenn Außenseiter, wie zum Beispiel ich, solche Sachen unabhängig wirklich machen könnten. Das geht aber nicht. Sie sind auf die Hierarchie, auf die riesige Apparatur in jeder Hinsicht ... angewiesen ... um solche Sendungen zu machen. Ich weiß nicht, wie man den Konflikt lösen könnte. Das geht ein-, zweimal, wie zum Beispiel in diesem Fall, durch einen Kompromiß.

Kogon

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