Sie mußten Klavier spielen können
Der Kirchen-Gemeinderat von Widnes stimmte der Stiftung der deutschen Kriegsgefangenen für die St. Ambrose -Kirche mit zwei Stimmenthaltungen zu. Die POWs schenkten der Kirche ein buntes Glasfenster zur Erinnerung an die Gottesdienste, an denen sie in dieser Kirche teilgenommen hatten. Der Konsistorialrat von Liverpool nahm die Stiftung an.
Das Kriegsministerium widerrief kürzlich die Gerüchte, daß eine große Anzahl von geflohenen Kriegsgefangenen illegal in England leben würden. Von den 370 000 deutschen Kriegsgefangenen sind nur 47 Gefangene spurlos verschwunden. Es wird vermutet, daß 20 von den vermißten 47 Gefangenen in der Londoner Unterwelt leben: Die anderen dürften auf dem Lande verborgen werden.
Die längste Zeit war ein deutscher Feldwebel verschwunden. Er lebte 84 Tage lang in einem selbstgebauten Bunker in der Grafschaft Essex.
Der erste deutsche Kriegsgefangenen-Klub in Großbritannien wurde jetzt in der Grafschaft Essex eröffnet. 50 Gefangene aus dem berühmten Umerziehungslager für eingefleischte und zum Teil unverbesserliche Nazis, Radwinter, wurden vom Kirchenrat der kleinen Stadt Saffron Walden eingeladen. Man bewirtete die Soldaten im Gemeindesaal mit Kakao und Kaffee, und junge Mädchen sangen mit ihnen gemeinsame Lieder.
In Hull steht ein altes Denkmal; es stellt William Wilberforce (1759-1833) dar, einen der Hauptvorkämpfer der Negerbefreiung. Deutsche PoW's, die täglich an diesem Denkmal vorbei zur Arbeit fahren mußten, legten dort kürzlich einen mächtigen Kranz aus Stacheldraht und Disteln nieder, auf dessen Spruchschleife geschrieben stand: »Old man, come down and liberate us white slaves too!« (Alter, komm herunter und befreie auch uns weiße Sklaven!).
Der Kranz blieb tagelang liegen. Kein Polizist schritt wegen »groben Unfugs« ein; im Gegenteil, englische Passanten bemühten sich noch mit rührendem Eifer um eine möglichst wirksame Drapierung dieses originellen Hilferufs.
Weiße Sklaven? Verglichen mit dem Los russischer, französischer, jugoslawischer und polnischer Kriegsgefangener genießen die etwa 380 000 deutschen PoW's in England recht weitgehende Freiheiten; abgesehen davon, daß bei Innehaltung des augenblicklichen »Repatriierungs«-Tempos die letzten spätestens in drei Jahren zu Hause sein werden.
Seit einiger Zeit ist es ihnen gestattet, nach Arbeitsschluß - also um 17 Uhr, sonnabends um 12 Uhr - das Lager bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen und sich bis zu 8,5 km vom Ausgangspunkt zu entfernen. Einzeln oder in kleinen Gruppen spazierengehende PoW's sind seither ein durchaus alltäglicher Bestandteil des englischen Straßenbildes geworden.
Auch im Herzen Londons, das an sich keine Camps beherbergt, begegnet man hin und wieder einigen von ihnen, denen vielleicht auf der Durchreise ein gutmütiger Wachposten erlaubte, sich die zweitgrößte Stadt der Erde einmal schnell im Vorübergehen anzusehen. Ihre deutschen Uniformstücke haben sie längst gegen solche aus amerikanischen oder britischen Heeresbeständen eingetauscht; auf dem Rücken aber tragen sie noch in dicker Oelfarbe die beiden Buchstaben, die ihr Schicksal bedeuten.
Was nicht hindert, daß der Londoner Bobby ihnen mit der gleichen sprichwörtlichen Höflichkeit entgegenkommt wie jedem Gentleman in Zivil. Kürzlich bog zum Beispiel ein einsamer PoW, sich dabei nach allen Seiten umsehend, in die berühmte Downingstreet *) ein. Ein Policeman fragte ihn: »Oh - have you lost your way?« (Haben Sie sich etwa verlaufen?).
Zu Weihnachten durfte sich im letzten Jahre die Bevölkerung erstmalig deutsche Kriegsgefangene ins Haus einladen. Ungefähr jeder Zehnte lernte auf diese Weise die Eigenarten einer englischen Weihnachtsfeier mit Mistelzweigen und Plumpudding kennen. Die Einladungen, welche die Camps dazu erhielten, waren allerdings oft mit den seltsamsten Bedingungen verknüpft. So wünschte ein Vater für seine beiden 18jährigen Töchter zwei mindestens 6 Fuß hohe blonde große und blauäugige PoW's nicht über 26 Jahre, die nicht katholisch sind und Klavier spielen können«. - Für die »Zurückgebliebenen« veranstalteten die örtlichen Kirchenbehörden gemeinsame Weihnachtsfeiern mit Märchenaufführungen (in einem Fall auch mit Matrosentänzen des Kirchenchores).
Freundschaften zwischen Engländerinnen und deutschen Kriegsgefangenen sind nicht selten und wurden auch bereits vor Lockerung der Fraternisierungsverbote häufig genug hinter Gartenzäunen und Parkgebüschen geschlossen. Heute darf der PoW öffentlich mit jeder Miß spazierengehen; allerdings ist es ihm verboten sie dabei unterzuhaken, und Beziehungen »of an amorous or sexual nature« werden kriegsgerichtlich verfolgt.
Die Insassen eines Lagers in Südostengland, in dem ganze Berge ehemaligen deutschen Wehrmachtmaterials lagern, fanden einen Ausweg: Sie schnappen sich ein handliches Fernrohr mit 20facher Vergrößerung und peilen die englischen Liebespärchen im benachbarten Wiesengrunde an, denen durch militärische Verbote keinerlei Schranken gesetzt sind.
Fluchtversuche kommen recht selten vor. Und meist handelt es sich dann nur um lediglich zu Vergnügungszwecken unternommene »unerlaubte Entfernungen«. Die englische Presse berichtete allerdings kürzlich auch von einem Fall, wo ein deutscher PoW mit Hilfe seiner englischen Freundin, die er schon von seinem früher in England absolvierten Hochschulstudium her kannte, einen erfolgreichen Versuch zum Verlassen der britischen Insel unternommen hatte. Die beiden setzten sich in Dover in ein herrenloses Segelboot, wurden aber, da sie beide des Segelns unkundig waren, statt in Emden oder Cuxhaven schon in der Nähe von Calais an Land getrieben.
Dort nahmen die Franzosen sie als »englisches Ehepaar« zunächst in allen Ehren auf, bis ein Steckbrief der britischen Polizei dem kurzen Idyll ein Ende bereitete. Das Mädchen kam mit einer Geldstrafe davon, während der PoW für die üblichen 28 Tage in den »calabush«, den angelsächsischen »Vater Philipp«, wanderte.
*) Sackgasse, Sitz des englischen Ministerpräsidenten, für Durchgangsverkehr verboten.
Nun singen sie wieder - diesmal als PW's in einer englischen Kirche