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»Sie schossen von hinten auf den Kopf«

Am 29. November 1968 verurteilte das Schwurgericht Darmstadt sieben Angehörige des Sonderkommandos 4 a der Einsatzgruppe C, die während des Krieges in Kiew und in der Südukraine eingesetzt war, zu Zuchthausstrafen zwischen vier und fünfzehn Jahren. Ihnen wurde insbesondere zur Last gelegt, im Anschluß an russische Sprengstoffanschläge in Kiew im September 1941, die »größte Vernichtungsaktion sämtlicher sogenannter mobiler Einheiten der Sicherheitspolizei und des SD in der Sowjet-Union« durchgeführt zu haben. In der Babi-Jar-Schlucht wurden 33 771 Juden erschossen. Auszuge aus der Urteilsbegründung des Schwurgerichts:
aus DER SPIEGEL 5/1979

Die Schwierigkeit der Erfassung der Juden sollte dadurch überwunden werden, daß durch Maueranschläge und zusätzliche mündliche Bekanntgaben eine Umsiedlung der Juden vorgetäuscht wurde. Dementsprechend lieferte die der 6. Armee zugeteilte Propagandakompanie 637 am 27. September 1941 2000 Maueranschläge, die in der gesamten Stadt angeschlagen wurden. In diesen Anschlägen wurden sämtliche Juden der Stadt Kiew und ihrer Umgebung in russischer, ukrainischer und deutscher Sprache aufgefordert, sich am Montag, dem 29. 9. 1941, bis 8.00 Uhr Ecke Mjelnik- und Djechtjares-Weskaja-Straße (an den Friedhöfen) einzufinden und Dokumente, Geld und Wertsachen sowie warme Bekleidung, Wäsche usw. mitzubringen. Gleichzeitig wurde mündlich bekanntgemacht, daß die Juden umgesiedelt würden.

Die Juden glaubten fast ausnahmslos an ihre Umsiedlung, zumal sich in unmittelbarer Nähe des Sammelplatzes ein Güterbahnhof befand. Bei dem Sammelplatz am nordwestlichen Rand Kiews befand sich hinter einem mehrere Friedhöfe umfassenden Gelände aber auch »Babi Jar«, ein hauptsächlich aus welligen Wiesen bestehendes Gelände, durchzogen von tiefen und mehrere hundert Meter langen Schluchten, sog. Balkas.

Die jüdischen Familien kamen dem Aufruf ahnungslos und nahezu ausnahmslos nach, da sie an eine Umsiedlung glaubten. Schon am frühen Morgen des 29. 9. 1941 zogen die jüdischen Familien in nicht abreißenden und unübersehbaren Kolonnen durch die Straßen Kiews zum Sammelplatz im Stadtteil Lukjanowka. Seit dem frühen Morgen waren der Sammelplatz und die Straßen von Posten der Polizeibataillone 303 und 45, die auf Rufweite standen, bewacht. Da die Juden an ihre Umsiedlung glaubten, trugen sie größeres Handgepäck und führten in Hand- und Pferdewagen alles, was ihnen wertvoll erschien, mit sich.

Am Sammelplatz waren Absperrungen, an denen sich neben Angehörigen des SK 4 a ukrainische Miliz und SS- und Polizeiangehörige beteiligten. Hier wurden die nicht-jüdischen Begleiter zurückgeschickt. Die Juden mußten die Sperren passieren, durch die niemand mehr zurückgelassen wurde.

Hinter den Sperren war nunmehr eine dichte Absperrkette mit schwerbewaffneten Posten, die die Juden weitertrieben. Zunächst mußten die Juden auf der Straße zwischen zwei Friedhöfen hindurch zu einer Allee in Richtung zum Babi-Jar-Gelände weiterziehen.

Dann wurden sie von der in dichter Kette den Weg säumenden Absperrung mit Schlägen dem am Ende der Allee befindlichen freien Gelände zugetrieben. Hierbei spätestens erkannten die Juden das ihnen bevorstehende Schicksal an den nunmehr aus der Nähe hörbaren Schüssen der Maschinenpistolen und aus dem zu hörenden Wehklagen der weiter vor ihnen befindlichen Leidensgenossen. Sie hörten das Schreien und Stöhnen nicht tödlich getroffener Opfer und mußten zusehen, wie ihre Leidensgenossen vor ihnen, zum Teil Familienangehörige, zum Ablegen ihrer Kleidung geprügelt wurden. Auf dem freien Platz angekommen, wurden sie dann selbst aufgefordert, sich auszuziehen. Der Aufforderung wurde mit Schlägen Nachdruck verliehen. Wenn es nicht schnell genug ging, wurden die Kleider heruntergei-issen. Dann wurden die Opfer nackt, zum Teil in Unterwäsche und wiederum, um die Erschießung zu beschleunigen, mit Schlägen der Schlucht zugetriehen.

Der Strom der Opfer wurde dabei geteilt, entsprechend dem Standort und der »Belastung« der einzelnen Schießkommandos, die an verschiedener Stelle der Schlucht tätig waren. In einer dieser langgestreckten mehrere hundert Meter langen Schluchten, die zahlreiche Windungen aufwies, waren mehrere Schießkommandos des SK 4 a, der zugeteilten Teile der 3. Kompanie des Waffen-SS-Bataillons z. b. V. und des zugeteilten 3. Zuges der 3. Kompanie des Polizeireservebataillons 9 tätig, die in regelmäßigen Abständen abgelöst wurden. Die Schießtrupps bestanden aus einem Schützen mit Maschinenpistole, zwei Mann, die Magazine nachluden und mehreren Leuten, die die Opfer in der Schlucht herbeitrieben.

Die Opfer wurden vom Rand der Schlucht zur Sohle hinab und zum Exekutionskommando getrieben. Sie mußten sich dann mit dem Gesicht zur Erde auf die blutigen Leichen der bereits Erschossenen legen. Wenn sie es nicht freiwillig taten, wurden sie geschlagen und niedergerissen. Die Schützen traten dann, auf den schwankenden Haufen der Leichen hin- und hergehend, hinter die Opfer und schossen von hinten auf den Kopf. So wurde die Schlucht mit mehreren Schichten der Opfer von hinten nach vorne und von Rand zu Rand gefüllt.

Die jüdischen Familien. die zu spät eintrafen oder am ersten Tag wegen Hereinbrechens der Dunkelheit nicht mehr exekutiert werden konnten, wurden in großen Hallen, möglicherweise Garagen-Hallen eines nahen Kasernengeländes, unweit der Schlucht eingepfercht und bewacht. Sie wurden am 30. September 1941 auf die gleiche Art und Weise behandelt und erschossen.

Viele der Opfer waren nicht sogleich tödlich getroffen worden und lagen, zumeist schwer verletzt, mitten unter den Leichen. Soweit sie noch dazu fähig waren, versuchten sie sich nachts aus ihrer Lage zu befreien und sich fortzuschleppen. Einige wurden von Posten gestellt und erschossen, einigen gelang es, zu entfliehen. Die anderen wurden, sofern sie bis dahin nicht qualvoll gestorben waren, nach Abschluß der Exekution lebendig begraben, weil die Schluchtränder fast vollständig abgesprengt wurden und das herabfallende Erdreich alles zuschüttete.

So starben an zwei Tagen 33 771 jüdische Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, vom jüngsten Säugling bis zum ältesten Greis.

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