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»Sie schrien nach ihren Männern«

aus DER SPIEGEL 8/1994

Mehr als 10 000 Johannisbrotbäume zeugen in Jad Waschem, der nationalen jüdischen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Jerusalem, von den »Gerechten unter den Völkern«, von jenen mutigen Menschen also, die den Verfolgten in den zwölf Jahren der NS-Herrschaft beistanden. Nur 250 Bäume tragen Schilder mit deutschen Namen.

Aus Mitläufern wurden rettende Mitmenschen zuweilen dann, wenn Juden auf der Flucht um Unterstützung baten. Manche konnten sich nur für eine Nacht in einer fremden Wohnung verstecken, andere fanden auf Dauer Unterschlupf, wie etwa bei der Berliner Lehrerin Elisabeth Abegg, einer Quäkerin, die jahrelang Juden mit sicheren Quartieren, Nahrungsmitteln und falschen Papieren versorgte.

Angewiesen waren die in den Untergrund abgetauchten Opfer vor allem auf Hilfe von unbekannter Seite. Sie reichte von der Warnung vor Razzien bis hin zu den geplanten Aktionen eines Oskar Schindler.

Ähnlich wie Schindler ging der Industrielle Berthold Beitz vor, nach dem Krieg führender Mann im Essener Krupp-Konzern. Beitz leitete seit Juli 1941 die Petroleumanlagen in der ostgalizischen Stadt Borislaw. Schon bald erkannte er, daß die vollgepferchten Züge mit Juden in Todeslager rollten. Als im Sommer 1942 wieder ein Transport vorbereitet wurde, griff Beitz ein und unterstellte 250 Männer und Frauen, die schon auf der Verladerampe standen, seinem Unternehmen.

Hunderten von Juden rettete er fortan das Leben, warnte und versteckte die Verfolgten und unterlief immer wieder die Anordnungen der SS. Wegschauen, wie viele, konnte Beitz nicht. »Wenn Sie sehen, wie eine Frau mit einem Kind auf dem Arm erschossen wird, und Sie haben selbst ein Kind, dann haben Sie eine ganz andere Reaktion«, erklärte der Manager Jahre später.

Ebenfalls 1942 gelang es der Widerstandsgruppe um den Chef der militärischen Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, 15 Mitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde, denen die Deportation drohte, in die Schweiz zu schleusen. Um die Gestapo zu täuschen, wurden die Betroffenen, darunter 4 Kinder, als deutsche Agenten ausgegeben.

Mit List und Bestechung operierte auch Otto Weidt, in dessen Berliner Besen- und Bürstenbinderwerkstatt vorwiegend blinde und taubstumme Juden arbeiteten. Immer wieder lief Weidt zur Gestapo, um von der Verhaftung bedrohte Juden als unabkömmlich für seinen angeblich kriegswichtigen Betrieb zu reklamieren. Schnaps, Zigaretten und Lebensmittel machten die Beamten gefügig.

Als Gestapo-Häscher im Januar 1943 die Juden aus Weidts Unternehmen zur Deportation zusammentrieben, ließ sich der clevere Beschützer nicht einschüchtern und demonstrierte Solidarität: Er ging zur Gestapo und bedrängte die Beamten, seine Leute freizustellen.

Stunden später hatte er - wieder einmal - Erfolg: Er kam, so die überlebende Jüdin Inge Deutschkron, »die Straße herauf - und hinter ihm eine Gruppe von etwa 50 Juden, Blinde und Taubstumme mit Judenstern und Blindenbinden, andere mit Stöcken, Männer, die sich gegenseitig stützten. Es war ein furchtbares und zugleich herzbewegendes Bild, ein Bild wie aus einer antiken Tragödie«.

So entschlossen wie Weidt reagierten nur wenige. Aus Furcht, selbst Opfer einer Denunziation werden zu können, bekamen etliche Angst vor der eigenen Courage. Celina Manielewitz beispielsweise, eine polnische Jüdin, die einen der berüchtigten Todesmärsche von KZ-Häftlingen Anfang 1945 in Ostpreußen überlebt hatte, wurde von einem Bauern zunächst versteckt, dann aber an die SS verraten.

Rettungsversuche in größerem Umfang spielten sich in den von den Nazis okkupierten europäischen Staaten ab. So reiste der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg im Juli 1944 in offizieller Mission nach Budapest, um die dort von weiteren Deportationen bedrohten Juden zu unterstützen. Mit schwedischen Schutzpässen bewahrte er Zehntausende vor den Gaskammern.

Ebenfalls in Budapest, aber auf eigene Faust, handelte der italienische Viehhändler Giorgio Perlasca. Der Abenteurer ergatterte im Herbst 1944 einen spanischen Paß, gab sich als Konsul der Madrider Botschaft aus und schützte fortan Tausende von Juden mit gefälschten Dokumenten. Perlascas naßforsches Auftreten ("Sie sprechen mit dem Beauftragten Spaniens!") verblüffte die SS-Führer. Sogar Holocaust-Organisator Adolf Eichmann zeigte sich beeindruckt und gab nach, als Perlasca aus einer Warteschlange zwei Kinder herauszog, die verschleppt werden sollten.

In Dänemark wurde Georg Ferdinand Duckwitz, Schiffahrtsattache an der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, aktiv. Er informierte im September 1943 dänische Untergrundkreise über die bevorstehende Verhaftung der Juden im Land.

Fast alle konnten rechtzeitig gewarnt werden und untertauchen; den deutschen Suchtrupps fielen nur einige Hundert in die Hände. Die übrigen fast 8000 Verfolgten wurden in Fischerbooten heimlich nach Schweden evakuiert. Die Festgenommenen landeten nicht im Vernichtungslager Auschwitz, sondern wurden im Ghetto Theresienstadt interniert, wo sie eine Delegation des schwedischen Roten Kreuzes unter Leitung von Graf Folke Bernadotte auf internationalen Druck im Frühjahr 1945 herausholte.

Daß auch öffentlicher Protest in Deutschland möglich war und die Machthaber zum Einlenken zwingen konnte, bezeugen die Ereignisse vom Winter 1943 in der Berliner Rosenstraße (SPIEGEL 8/1993). Bei einer Großrazzia am 27. Februar 1943 verhafteten SS-Trupps in der Reichshauptstadt rund 9500 Juden, um sie nach Auschwitz zu schicken. 1500 Häftlinge, die mit nichtjüdischen Partnern in sogenannten Mischehen lebten, wurden in ein Haus der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße gebracht.

Wenig später belagerten die Angehörigen zu Hunderten das Gebäude und demonstrierten lautstark gegen den Willkürakt, ohne sich von den aufgestellten Maschinengewehren abschrecken zu lassen. Die »Frauen riefen nach ihren Männern. Schrien nach ihren Männern. Heulten nach ihren Männern«, notierte die Berlinerin Ruth Andreas-Friedrich in ihrem Tagebuch. Und das Regime wich zurück. Nach über einer Woche waren alle Gefangenen wieder frei.

»Dieser spektakuläre Protest stellte im Dritten Reich die schärfste Form einer öffentlichen Auflehnung dar«, urteilt der in Australien lehrende Historiker Konrad Kwiet. Es war allerdings auch das einzige Mal, daß die Bürger der Diktatur so offen die Stirn boten.

14 000 Juden, so lauten Schätzungen, konnten in Deutschland gerettet werden; etwa sechs Millionen wurden von den Nazis umgebracht, davon mindestens 800 000 allein in Auschwitz.

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