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»Sie versprachen den Mond für seine Träume«

Gerhard Mauz zum Freispruch von John DeLorean in Los Angeles *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 34/1984

In einer Welt, in der das Verrückte alltäglich ist, kann man eine Sensation nur noch nennen, was sich der Vernunft wenigstens nähert. Und so ist der Freispruch für John Zachary DeLorean, 59, nicht nur eine Überraschung, sondern eine Sensation.

Gerichtsurteile verändern die Welt nicht, doch sie machen sie sichtbar. Sie lassen, wenn sie so hereinbrechen wie dieser Freispruch, für einen Augenblick innehalten. Der Augenblick geht nur zu schnell vorüber. Die Technik der Beseitigung tatsächlich sensationeller Ereignisse ist hochentwickelt (die Technik der Verdrängung von Vorgängen, die zum Handeln zwängen, wenn man sich gründlich mit ihnen befassen würde).

Eine Jury in Los Angeles hat den Anspruch der Regierung der Vereinigten Staaten, nicht nur ihre Gesetze zu verteidigen, sondern auch Fallen stellen und den Bürger arglistig in Versuchung führen zu dürfen, nicht akzeptiert.

Das wird in diesem Augenblick der Überraschung, des Innehaltens sichtbar - in einem Augenblick, der schnell, noch schneller vorübergehen muß, denn auf welche Gedanken käme man hinsichtlich des Staates, der sich ein solches Tollhausstück leistet, würde dieses Ereignis nicht eilends zugeschüttet.

»Undercover operations« nennt das US-Bundeskriminalamt FBI (Federal Bureau of Investigation) seine Aktivitäten, mit denen es die Charakterfestigkeit bislang unbescholtener Bürger prüft. Es setzt sie über Mittelsmänner Angeboten aus, die sorgfältig auf die seelische Verfassung und die gegenwärtige Situation des Opfers berechnet sind - und schlägt zu, wenn sie sich verführen lassen. Es sind (in der Abscam-Affäre, SPIEGEL 8/1980) schon Kongreßabgeordnete erfolgreich in Versuchung geführt und abgeurteilt worden.

Ein Staat, der sich nicht darauf beschränkt, seine Gesetze zu verteidigen, sondern sie aggressiv zu schützen versucht, indem er ausforscht, Fallen stellt und zum Verstoß gegen die Gesetze verleitet, handelt unmenschlich. Er dient den Menschen nicht mehr, er bemächtigt sich ihrer, er unterwirft sie sich total.

Es hatte gerade »high noon«, 12 Uhr Ortszeit, geschlagen, als am Donnerstag vergangener Woche die Sprecherin der Jury, Tamara Saunders, das einstimmige »nicht schuldig« mitteilte. Richter Robert Mitsuhiro Takasugi, 53, fragte noch einmal jeden einzelnen der acht Anklagepunkte ab, und achtmal antwortete die Sprecherin von fünf Frauen und sechs Männern »not guilty«. Christina Ferrare, 34, John DeLoreans Ehefrau, ein bekanntes »Superstar-Model«, warf sich in die Arme ihrer Mutter, und die beiden Frauen weinten.

Es brach nach diesem Freispruch, unweit der Studios von Hollywood, etwas aus, was Hollywood (die Filmrechte sind ja schon verkauft) nicht besser wird inszenieren können. Es ist kaum zu erwarten, daß John DeLorean (zunächst: »Ich lobe Gott") aus seinem Prozeß still, in sich gekehrt und besonnen hervorgeht. Er wird sich nicht nur freigesprochen, sondern als Sieger fühlen. Barbara Walters, die für ABC das Rennen um das erste TV-Interview jubilierend gewann, konnte am Abend schon einen Helden vorstellen.

Der französische Dichter Paul Claudel stellte seinem Schauspiel »Der seidene Schuh« ein portugiesisches Sprichwort voran: »Gott schreibt gerade auch auf krummen Zeilen.« Es wäre zuviel, wenn die Vernunft und der Mut der Jury einem Angeklagten zugute gekommen wären, dessen Freispruch nicht nur den Verstand, sondern auch das Gemüt bewegt.

»Sie wissen nicht, was Armut ist, wenn Sie nicht wissen, wie arm wir waren«, hat John DeLorean einmal auf die Frage nach seiner Kindheit und Jugend geantwortet. Er hat sich zum Vizepräsidenten bei General Motors in 17 Jahren hochgearbeitet, und als er, ein Kandidat für die Präsidentschaft bei dem Detroiter Giganten, seinen Posten im Zorn verließ, da war noch etwas von dem hungrigen Jungen in ihm, der sich so hochgearbeitet hatte wie kaum ein anderer.

»Eine verheerende Chronik von Mißwirtschaft auf höchster Stufe, von Dummheit, Gefühllosigkeit und beinahe krimineller Gleichgültigkeit gegenüber dem Publikum«, hieß es in einer Besprechung des Bestsellers, in dem er mit der Automobil-Branche abrechnete. Doch längst hatte er sich der Welt, die er verändern wollte, überantwortet. Als er in Nordirland ein eigenes Unternehmen gründete, um einen Sportwagen, ein »ethisches Auto«, zu bauen, hat er nicht anders agiert als die Männer der von ihm angegriffenen kapitalistischen Welt.

John DeLorean ist heute, nach dem Konkurs seiner Fabrik und nach seinem Strafverfahren, kein Millionär mehr, sondern ein ruinierter Mann. So jedenfalls stellt er sich dar. Er hat seine Verteidiger in Los Angeles mitten im Prozeß nicht mehr bezahlen können. Er hat abtreten, übereignen und sich verpflichten müssen. Doch ob ihm nicht in Wahrheit auf einem wohlerwogen angelegten Konto noch Millionen zur Verfügung stehen, Beträge, die er abgezweigt hat, die er verschwinden ließ - seine zahlreichen Gläubiger behaupten es, sie verfolgen ihn unerbittlich.

Als er im Frühjahr und Sommer 1982 gegen den drohenden Untergang seines Unternehmens ankämpfte, hat er lautstark vom drohenden Verlust von Arbeitsplätzen in einer bitterarmen Region gesprochen, doch da ging es schon lange nur noch um seinen eigenen Glanz, seinen Platz auf dem Gipfel. Er befand sich in einer verzweifelten Situation - und als er im Juni 1982 in dieser Situation von einem Nachbarn, von James Timothy Hoffman, angerufen wurde, da war man rasch über den Anlaß des Anrufs, den Sohn des einen und den Sohn des anderen, hinaus und bei dieser Situation.

Hoffman ist in Los Angeles achtzehn Tage lang von der Anklage als ihr Kronzeuge gehört und von der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen worden. _(Mit Ehefrau Christina. )

Hoffman, als Rauschgifthändler überführt, war einer hohen Freiheitsstrafe dadurch entgangen, daß er sich zur Zusammenarbeit mit den Drogenfahndern bereit erklärte. Er ist dafür von der Regierung bezahlt worden. Hoffman behauptete in Los Angeles im Zeugenstand, John DeLorean habe ihn auf die Möglichkeit eines Höchstgewinne bringenden Kokaingeschäfts angesprochen, und so sei alles in Gang gekommen. Doch soviel vom FBI in Sachen DeLorean auch aufgezeichnet worden ist, per Tonband und Video - über die ersten, entscheidenden Gespräche gibt es keine Aufzeichnungen.

Hartnäckig setzte die Anklage immer wieder auf die Video-Aufzeichnung der Szene, in der John DeLorean am 19. Oktober 1982 in einem Hotel am Flughafen von Los Angeles vor einem Koffer voll Kokain sitzt und »good as gold« sagt, um anschließend von seinen Geschäftspartnern, die sich als FBI-Agenten offenbaren, festgenommen und in Handschellen abgeführt zu werden. James Walsh, der Hauptankläger, und sein Assistent Robert Perry versuchten mit dieser Szene, die inzwischen ganz Nordamerika auf dem Bildschirm gesehen hatte (wie die Video-Aufzeichnung in falsche Hände geriet, ist bis heute unbekannt), abzudecken, daß der Beginn des Wegs in diese Szene durch nichts als den Zeugen Hoffman belegt war.

Verteidiger Howard Weitzman, bis zum Freispruch John DeLoreans ein angesehener Verteidiger, doch noch kein Mann allerersten Ranges, ist nach diesem Freispruch ein Starverteidiger, was in den Vereinigten Staaten, in einem ganz anderen Rechtssystem, nicht den Beigeschmack wie bei uns hat. Er bewies im Kreuzverhör eine erstaunliche Zähigkeit, er nutzte jede Blöße, und er schreckte vor Umstrittenem nicht zurück. So gab er täglich nach der Sitzung Pressekonferenzen.

Und dann stellte er als vorletzten Zeugen Gerald V. Scotti, einen ehemaligen Drogenagenten des FBI, und dessen von der Anklage auch im Kreuzverhör nicht zu demolierende Aussage dürfte für die offensichtlich wie gebannt lauschende Jury von großem Gewicht gewesen sein. »Wie auf einer Dampfwalze« habe die Truppe der Männer gesessen, die John DeLorean in wüstem Jagdeifer zu erlegen versuchte. Und drei Wochen vor der Festnahme John DeLoreans habe James Walsh einen Toast ausgebracht und gesagt, er sähe diese Sache schon als Titelbild auf dem Nachrichtenmagazin »Time«.

Scotti erinnerte sich einer Äußerung Hoffmans, er könne den verzweifelten John DeLorean zu allem bringen, was man nur wolle. Und er ließ auch einen Namen aus dem Weißen Haus fallen, den des Präsidentenberaters Edwin Meese, der nach seinem, des Zeugen Eindruck Einfluß auf die Jagd und ihren Ablauf genommen habe. Edwin Meese hat inzwischen erklären lassen, er sei »nicht involviert«, doch damit hat sich die Frage, wer das FBI in Gang gebracht und gehalten hat aus dem Hintergrund, nicht erledigt.

In einem gewaltigen Rundschlag versuchte die Anklage in ihrem Schlußvortrag noch das Blatt zu wenden. Daß man verurteilte Kriminelle als Informanten verwende, sei unumgänglich. Durch James Hoffman habe man beispielsweise den Piloten einer Fluglinie fassen und überführen können. Wie sich die Geschworenen wohl fühlen würden, wenn sie mit dieser Linie flögen und der Pilot säße noch immer im Cockpit? Wo es um ein in der Hölle geschlossenes Komplott gehe, dürfe man nicht Engel als Fahnder erwarten.

Die Verteidigung konnte angesichts derart grober Töne geradezu klassisch plädieren. Howard Weitzman durfte von John DeLorean als einem »Opfer« sprechen, als einem Mann, dessen Schwäche in einer verzweifelten Situation brutal ausgenutzt worden ist.

Er hatte nun eine Fabrik, die DeLorean-Fabrik, sein Name prangte auf einem Auto, er hatte sich einen Traum erfüllt. Dieser Traum drohte zu scheitern - »und da trat man an ihn heran und versprach ihm den Mond, damit sein Traum am Leben bleibt«.

Richter Takasugi, ein Amerikaner japanischer Herkunft, gilt unter seinen Freunden nicht nur als ein hervorragender Poker-Spieler, sondern auch als ein Mann, der stets für den »underdog« eintritt. Richter Takasugi wurde 1942 nach Pearl Harbor, elf Jahre alt, als japanischer Amerikaner zusammen mit seiner Familie in Kalifornien interniert. Sein Vater ist in der Internierung gestorben. Diese Zeit hat ihn, wie er von sich selbst sagt, einiges über den rechten Weg des Gesetzes gelehrt.

Schon vor der Schlußbelehrung der Jury wurde Richter Takasugi einmal scharf. Zwar tadelte er - in Abwesenheit der Jury - Anklage und Verteidigung, doch nannte er vor allem den Zeugen James Hoffman eine »gedungene Waffe«.

In der Schlußbelehrung legte er dann zwar alle Aspekte objektiv dar - doch er gab auch den Hinweis, der, hätte die Jury ihren Spruch zu begründen, gewiß der Tenor ihres Freispruchs wäre. Wenn die Jury zu der Erkenntnis käme, daß John DeLorean sich strafbar gemacht habe, daß dies jedoch das Resultat einer Verführung sei, so müsse sie ihn für »nicht schuldig« erklären.

Die so überwältigend ausgespielte Show dieses Strafverfahrens mag die zwölf Geschworenen gestreift haben, doch sie hat ihre Entscheidung nicht bestimmt. Sie hat nicht einen gefallenen, aber noch immer zaubernden Star freigesprochen. Sie war mutig. In den Vereinigten Staaten dieser Tage wäre eine Verurteilung das genehme Urteil gewesen.

Verteidiger Howard Weitzman zitierte in seinem Plädoyer sogar George Orwells »1984«. Dieser Freispruch wird die Welt nicht verändern, doch sechs Frauen und sechs Männer haben dem totalen Anspruch des Staates widersprochen. Sie verurteilten die »law and order«-Politik Präsident Reagans - jene Politik, die das FBI zu Aktionen wie der gegen John DeLorean ermutigt und ermächtigt.

Es gehe nicht darum, ob die Regierung siege oder verliere, hatte Richter Takasugi die Jury belehrt. Wenn Gerechtigkeit walte, gewinne immer der Staat. Richter Takasugi ist ein vielschichtiger Mann. Das Urteil ist rechtskräftig. Die Anklage hat keine Möglichkeit, den Freispruch anzufechten.

Mit Ehefrau Christina.

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