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»Sie werden gewinnen, aber nicht siegen«

Vor fünfzig Jahren begann der Spanische Bürgerkrieg (III) / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
Von Siegfried Kogelfranz
aus DER SPIEGEL 31/1986

So etwas wie die Internationalen Brigaden, Freiwillige aus 60 Ländern, die ihr Leben für die Freiheit eines fremden Landes einsetzten, hatte es in der Kriegsgeschichte noch nie gegeben.

Ihre ersten Truppen entstanden spontan. Statt zu laufen, springen oder schwimmen, griffen Sportler, die im Juli 1936 zur Arbeiter-Olympiade nach Barcelona gekommen waren, zum Gewehr. Aktive, Funktionäre, Berichterstatter Photographen aus ganz Europa stellten sich der Republik zur Verfügung und formierten sich später zu nationalen Kampfverbänden.

Die deutsche »Centuria Thälmann«, die britische »Tom Mann«, die italienische »Giustizia e Liberta«, aber auch eine jüdische Einheit kämpften vom Anfang des Bürgerkriegs an mit.

Schon am 19. Juli fielen in Barcelona die ersten beiden Ausländer im Kampf für die Republik, ein Österreicher und ein Italiener. Der erste Kommandeur des »Thälmann«-Trupps, der bayrische Kommunist Hans Beimler, starb im Dezember bei der Verteidigung von Madrid.

Diesen ersten Kämpfern, die eher zufällig in den Krieg geraten waren, folgten organisierte Einheiten. Am 26. Juli beschloß eine Kominternkonferenz in Prag die Aufstellung eines Freiwilligen-Korps für die Verteidigung der Spanischen Republik.

Die Regierung in Madrid konnte sich zunächst für das Angebot nicht begeistern. Besonders Sozialistenführer Largo Caballero mißtraute einem ausländischen Hilfskorps. Erst als der deutsche, italienische und portugiesische Beistand für die rechten Putschisten immer offenkundiger und wirksamer wurde, als es ihr selbst an den Kragen ging, nahm die Republik die rote Hilfe an.

Die Regierung räumte eine ehemalige Gendarmerie-Kaserne in Albacete, halbwegs zwischen Madrid und Cartagena, für die fremden Freiwilligen. Sie strömten bald von überall her nach Spanien.

»Bei Nacht und Nebel, in Wind und Kälte, tagelang hungernd und frierend, so kamen die ersten Freiwilligen der Republik zu

Hilfe«, berichtet der Schweizer Max Wullschleger. »Deutsche und italienische Emigranten, die, vertrieben aus ihrer Heimat, seit Jahren von einem Land zum anderen irrten, sahen plötzlich eine Aufgabe, eine Gelegenheit, ihr Leben für die Sache der Freiheit und der Menschlichkeit in die Waagschale zu werfen.«

Unverhältnismäßig viele, mehr als 1700, kamen aus Österreich: Sozialdemokraten, die zu Hause schon in einem Bürgerkrieg gegen eine klerikalfaschistische Stände-Regierung gekämpft und verloren hatten, flüchten mußten und nun ihr Exil gegen den Krieg eintauschten. Julius Deutsch, der als Schutzbundführer im Februar 1934 die Wiener Arbeiter auf den Barrikaden befehligt hatte, wurde in Spanien General und Kommandeur des Küstenschutzes.

Ein jugoslawischer Kommunist namens Josip Broz, später Tito, leitete das zentrale Rekrutierungsbüro der Internationalen Brigaden in Paris.

Dort meldeten sich viele französische Arbeitslose, aber auch junge Leute aus »Abenteuerlust«, die etwa der Belgier Gillain nebst »Faulheit und dem verregneten Herbst '36« als Motiv angab. Es kamen kampfeslustige Iren, britische Adelige, schwarze Amerikaner. Zwei Rumänen reisten auf dem Gestänge eines Güterzuges 30 Stunden lang bis Paris, ein Albaner kam zu Fuß, um in Spanien gegen den Faschismus zu kämpfen. Griechen, Finnen, sogar Inder fanden sich ein, per Autostopp, oft an den Grenzen zurückgewiesen oder gar verhaftet.

Besonders viele kamen aus Osteuropa: Polen, Ungarn,Tschechen, Jugoslawen. Über die Hälfte der Freiwilligen waren Arbeiter, viele Seeleute darunter, aber auch Lehrer, Beamte, Studenten, Künstler, Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten. Chronist Andreu Castells hielt die Brigaden für »die intellektuellste militärische Einheit aller Zeiten«.

Sie trafen sich im Fernzug vom Pariser Gare d-Austerlitz nach Perpignan, der auf der Strecke bald »Freiwilligen-Expreß« hieß. Andere schlichen sich über die Pyrenäen. »Ein Franzose brachte sie im Finstern über die Berge. Im Morgengrauen streiften die spanischen Zöllner lachend die Geschenke der Arbeiter ein, Zigaretten, für die sich später Würdigere gefunden hätten«, erinnerte sich der Österreicher Otto Dorfer.

In Albacete erwartete den bunten Haufen strikte Disziplin. Als erstes mußten die Neuankömmlinge ihre Pässe abgeben, damit sie nicht mehr türmen konnten. Italienische Kommunisten, an der Spitze Luigi Longo ("EI Gallo") hatten die politische Oberaufsicht über die Brigaden. Ein eifriger Funktionär namens Walter Ulbricht prüfte deutschsprachige Brigadisten auf die rechte linke Gesinnung. Als Politischer Kommissar diente Klement Gottwald, später Präsident der CSSR.

Oberstverantwortlicher für die Internationalen Brigaden war der düstere Franzose Andre Marty. Sein Vater hatte für die Pariser Kommune gekämpft. Der junge Andre meuterte 1919 als Maschinist der französischen Schwarzmeerflotte, die damals weißrussische Truppen gegen die bolschewistischen Revolutionäre unterstützte, und stieg dann als Funktionär in der KPF auf. Marty mißtraute jedem und führte die Brigaden mit Terror und Spitzeln.

Bei ihrem ersten Einsatz in Madrid kommandierte General Emilio Kleber die Freiwilligen. Sein wahrer Name war Lazar Stern, und er kam aus der Bukowina. Im Ersten Weltkrieg war er als Hauptmann der österreichisch-ungarischen Armee zu den Russen übergelaufen und hatte sich der Revolution angeschlossen. Er soll bei der Erschießung der Zarenfamilie dabeigewesen sein. Nach seiner Lehrzeit an der Moskauer Frunse-Militärakademie schickte Stalin Kleber in geheimer Mission bis nach China.

Nun warf der General nach knapp dreiwöchiger Ausbildung die ersten Bataillone der Brigade gegen Francos Elitetruppen in die Schlacht um Spaniens Hauptstadt. Was ihnen an militärischem Training fehlte, ersetzten die Freiwilligen durch glühende Überzeugung für die Gerechtigkeit ihrer Sache und durch Todesmut.

Sie sangen ihr vom Deutschen Erich Weinert getextetes »Lied der Internationalen Brigaden": _____« ... unsere Heimat ist heute vor Madrid. Spaniens » _____« Brüder stehen auf der Barrikade. Unsere Brüder sind Bauer » _____« und Prolet. Vorwärts, Internationale Brigade! Hoch die » _____« Fahne der Solidarität Spaniens Freiheit heißt jetzt » _____« unsere Ehre. Unser Herz ist international. Jagt zum » _____« Teufel die Fremdenlegionäre. Jagt ins Meer den » _____« Banditengeneral. »

Dann warfen sie sich auf den Feind, der solchen Männern noch nicht begegnet war. Der deutsche Schriftsteller Bodo Uhse, ein preußischer Offizierssohn und früherer Nazi, der Kommunist geworden war, schildert den verzweifelten Abwehrkampf der Brigadisten vor der Hauptstadt: _____« Wo ist die Zweite Kompanie? Sie hat, den bedrängten » _____« ungarischen Kameraden zu helfen, zwei Züge abgegeben. » _____« Kaum mehr als 70 Mann sind am Eingang des West parks » _____« geblieben, nur 70 unerfahrene, schlecht bewaffnete » _____« Freiwillige - dahinter liegt die Stadt Madrid. Aber diese » _____« 70 weichen nicht. Sie stehen gegen den Tod und die Moros. » _____« Sie sind erschrocken vor der Übermacht, vor der Gewalt, » _____« mit der die Gegner anstürmen. Sie versperren mit feurigen » _____« Riegeln dem Feind den Weg in die Stadt. »

In der Universitätsstadt kämpften Brigadisten und Anarchisten, deren legendärer Führer Durruti dabei fiel, mit den Moros um jedes Gebäude, jedes Stockwerk, jeden Raum. Uhse berichtet: _____« Das Bataillon Commune de Paris dringt in den Pavillon » _____« der Philosophie und Literatur ein. Die Männer » _____« verbarrikadieren sich dort mit allem, was sie finden » _____« können: Tische, Bänke, Pulte und Bücher. Die Werke Kants » _____« und Goethes. Voltaires und Platos werden aufgeboten, um » _____« den faschisti schen Horden den Weg zu versperren. »

Einem britischen Chronisten schienen die Brigadisten in ihrer selbstlosen Aufopferung »unzerstörbare Menschen«. In den Mauern Madrids kämpften damals Schulter an Schulter »General Lukacs«, in Wahrheit der ungarische Schriftsteller Mata Zalka, die deutschen Kommunisten Gustav Regler, »hünenhaft wie Siegfried«, (so der Historiker Thomas), und Wilhelm Zaisser ("Gomez"), Ludwig Renn, Autor des pazifistischen Buches »Krieg«, der eigentlich Arnold Friedrich Vieth von Golßenau hieß, der Churchill-Neffe Esmond Romilly und der italienische Sozialist (und einstige Mussolini-Gefährte) Pietro Nenni.

Eine polnische Kompanie des Dabrowski-Bataillons hielt im Französischen Institut der Universität die Stellung, bis der letzte Mann gefallen war.

Sie wurde später durch eine Einheit ersetzt, deren Existenz Chronisten der Brigaden oft gar nicht bekannt ist: die Kompanie »Naphtali Botwin«, in der fast nur Juden dienten und in der Jiddisch Befehlssprache war. Nach 1937 gehörten ihr auch drei Deutsche von der anderen Seite der Front an: Deserteure aus Hitlers Legion Condor, die gerade diese Einheit wählten, um zu zeigen, daß nicht alle Deutschen Faschisten und Antisemiten seien.

Franco mußte Ende November den Angriff auf die Hauptstadt abbrechen, weil seine Truppen bis auf Reste verheizt waren. Er hatte über die Hälfte seiner Armee von Afrika verloren.

Oberst Yagüe, der die Offensive so schwungvoll bis Madrid vorgetragen hatte, sagte damals dem US-Journalisten Twitaker: »Wir sind erledigt. Wir können uns an keinem Punkt halten, wenn die Roten zum Gegenangriff übergehen.«

Die Madrilenos wandelten bereits übermütig das Schlagwort »No pasaran« - sie werden nicht durchkommen - in »Pasaremos« - wir werden durchkommen - um.

Doch da zeigte sich, daß Francos faschistischen Freunde ihren Schützling trotz aller Mißerfolge nicht im Stich ließen.

Deutsche und italienische Flugzeuge begannen ein erbarmungsloses Bombardement der Hauptstadt. Die österreichische Sozialistin Ilse Barea berichtete: _____« Die letzten 48 Stun den sind das Fürch terlichste, » _____« das diese unglückliche Stadt er lebt hat. Madrid brennt. » _____« Auf den Stra ßen ist es hell, auf den Straßen ist es » _____« warm, doch es ist nicht Tag, es ist nicht Sommer, es ist » _____« eine Nacht im November Madrid brennt, deut sche Flieger » _____« haben es angezündet. » _____« Heute, am Tag, bom bardierten 20 Junkers in » _____« Begleitung von 30 Jagdfliegern die Hauptstadt. Die Bom » _____« benangriffe wiederho len sich alle drei, vier Stunden. » _____« Und nach jedem Angriff noch mehr lodernde Trüm mer, noch » _____« mehr blut überströmte Men schen. Auf den Straßen - Weinen » _____« Schluchzen, Wimmern halbirrer Men schen. » _____« An der Wende des Jahres 1937 zerstörte der » _____« faschistische Militarismus vor den Au gen der gesamten » _____« Welt eine große euro päische Hauptstadt. »

»Christus hat gesagt, »vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun"', schrieb der Korrespondent des »Paris-Soir«. »Nach der Niedermetzelung der Schuldlosen von Madrid müssen wir, glaube ich, sagen ,vergebt ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun."'

Francos fünfte Kolonne in der Stadt, Faschisten und ihre Helfer, suchten das Chaos noch zu vergrößern, indem sie Überfälle während der Bombenangriffe verübten.

»Durch das zerstörte Madrid, in dessen breiten Straßen riesige Bombenkrater gähnten, irrten 300000 Menschen, die Obdach suchten«, schrieben die französischen Historiker Broue und Temine. Versprengte der fünften Kolonne fanden Unterschlupf in verlassenen Botschaftsgebäuden - einige hundert etwa in der finnischen Vertretung. Ein Gebäude im Zentrum war plötzlich eine Gesandtschaft von Siam, die es nie gegeben hatte. Hinter dem Schild verbargen sich Feinde der Republik.

Doch zeigte sich in Madrid, was später auch die Bombenteppiche auf Rotterdam, Coventry und schließlich auf die deutschen Städte bewiesen: Terror-Angriffe erzeugten mehr Haß als Furcht. Der Durchhaltewille der Bevölkerung, die für die Verteidigung der Stadt auch 600 Mitglieder eines Madrider Frauenbataillons geopfert hatte, wurde gestärkt. Sie lernte, mit den Bomben zu leben.

Schwerwiegender für das Schicksal Spaniens als der Bombenterror gegen Madrid waren währenddessen Geschehnisse weitab von der Hauptstadt: In den südlichen Häfen Cadiz und Algeciras gingen tagtäglich lange Kolonnen fremder Soldaten mit modernsten Waffen an Land.

Berlin und Rom hatten am 18. November den Caudillo Francisco Franco und seine Junta offiziell als Regierung Spaniens anerkannt. Hitler schickte den General und früheren Freikorps-Kommandeur Wilhelm Faupel, der lange in Lateinamerika gelebt hatte und fließend Spanisch sprach, als Sonderbotschafter und militärischen Ratgeber zum Generalisimo. Er rüstete die Legion Condor zur schlagkräftigsten Luftwaffe auf, die es in der Kriegsgeschichte bis dahin gegeben hatte. Mussolini sandte die ersten 17000 von später insgesamt über 60000 regulären italienischen Soldaten.

Die beiden faschistischen Mächte hatten nicht nur ihr Prestige investiert. Sie hatten Kriegsmaterial für Hunderte Millionen Mark auf Pump geliefert und wollten Franco siegen sehen.

Josef Stalin verließ sich nicht erst auf einen möglichen fernen Sieg. Der sowjetische Diktator sicherte sich für seine bis dahin nicht gerade überwältigende Hilfe an die Republik sofort ein Pfand.

In einer streng geheimen Operation hatte er bereits Ende Oktober 1936 den spanischen Goldschatz nach Moskau bringen lassen. Wie, schilderte im Detail der Hauptakteur selbst, der sowjetische NKWD-General Alexander Orlow, 20 Jahre später in einem Buch »Kremlgeheimnis.«

Orlow war unter dem Decknamen »Schwed« sowjetischer Chefberater der republikanischen Regierung in Geheimdienst- und Spionagefragen. Mitte Oktober erhielt er einen verschlüsselten Funkspruch aus Moskau, der mit »Iwan Wassiljewitsch« unterschrieben war - Deckname für den Diktator selbst:

»Mit Ministerpräsident Largo Caballero Verschiffung der spanischen Goldreserven nach der Sowjet-Union besprechen. Sowjetfrachter dafür nehmen. Strengste Geheimhaltung wahren. Falls Spanier Quittung verlangen, verweigern. Sagen Sie, gültige Quittung werde die Staatsbank in Moskau ausstellen.«

Auf die Idee. Spaniens Goldschatz im Wert von 600 Millionen Dollar, den viertgrößten der Welt, in die Sowjet-Union in Sicherheit zu bringen, war Spaniens Regierung ganz allein gekommen. Schon im September, als Francos Legionäre schier unaufhaltsam in Richtung Madrid vorwärtsstürmten, hatte Finanzminister Juan Negrin das Gold aus der Bank von Spanien nach Cartagena bringen lassen. Dann hatte Negrin, der mit einer Russin verheiratet war, den sowjetischen Handelsattache Staschewski, einen gebürtigen Polen, angesprochen, ob es möglich sei, den Schatz in die UdSSR zu verlagern. Der hatte Moskau informiert - und Stalin griff sofort zu.

Im Oktober, als die Stalin-Order an Orlow eintraf, lagerte das Gold in der Algameca-Grotte nahe dem Hafen Cartagena, die der Marine als Munitionsdepot diente - gut für die Russen deren Schiffe ihre Hilfsgüter regelmäßig in Cartagena anlandeten. General Orlow veranlaßte den sowjetischen Marineattache in Cartagena, den späteren Flottenminister Nikolai Kusnezow, einlaufende Sowjetfrachter für die Geheimaktion festzuhalten. Oberst Kriwoschein (Deckname Mele), der eine eben angekommene sowjetische Panzereinheit kommandierte, stellte 20 Lastwagen mit seinen besten Fahrern ab. 60 spanische Matrosen halfen beim Verladen.

In drei Nächten, vom 22. abends bis 25. Oktober frühmorgens, brachte das Sonderkommando Orlow 7800 Kisten mit je 65 Kilo Gold aus den Höhlen auf vier sowjetische Frachter. Der Vertreter des Madrider Finanzministeriums war, behauptet Orlow, der später nach Kanada entkam, »wie vom Donner gerührt«, als der Russe ihm eine Quittung verweigerte. Der Spanier bestand jedoch darauf, daß auf jedem der vier Schiffe ein Beamter des Schatzamtes mitfuhr. Diese Unglücksraben durften erst nach dem Ende des Bürgerkriegs wieder heimkehren - ohne ein Gramm Gold. Das hatte

Moskau für seine Lieferungen an die Republik einbehalten oder Devisen dafür im Namen Spaniens mit anderen ausländischen Partnern Madrids verrechnet.

Freilich hatte sich schon an dem Abend, als das Gold in Moskau eintraf, ein aufgekratzter Stalin vor seinem versammelten Politbüro gefreut: »Die werden ihr Gold genausowenig wiedersehen, wie sie ihre eigenen Ohren sehen können.«

Von dem Schatz- laut Quittung genau 510079592 Gramm Gold - war erst wieder die Rede, als die Madrider Regierung 1956 nach dem Tod Negrins bekanntgab, in dessen Privatpapieren habe man eine Quittung über das in der Sowjet-Union deponierte Gold gefunden. Monate später bestätigte die Moskauer »Prawda«, daß 1936 über 500 Tonnen Gold aus Spanien eingegangen seien. Es sei als Garantiefonds für die Bezahlung von russischen Flugzeugen, Waffen und anderen der Republik gelieferten Gütern gedacht und dafür zur Gänze aufgebraucht worden, aber nicht nur das. Spanien schulde der Sowjetregierung sogar noch 50 Millionen Dollar aus jener Zeit.

Der Berner Historiker Dr. Peter Gosztony hat einmal genauest aufgelistet, was die Russen der Republik für das Gold geliefert haben: 806 Flugzeuge, 362 Tanks, 120 Spähwaffen, 1555 Kanonen. 340 Granatwerfer, 500000 Handfeuerwaffen, 15113 Maschinengewehre, 110000 Bomben, 3,4 Millionen Granaten, 862 Millionen Patronen.

Eine Menge Zeug für einen Bürgerkrieg - und doch nur ein Bruchteil dessen, was Deutsche und Italiener Franco schickten. Den 2000 Russen, die für die Republik kämpften, standen mehr als dreimal soviel Deutsche und dreißigmal soviel Italiener entgegen.

Mussolini gewann so richtig Freude am spanischen Abenteuer, als seine Soldaten im Frühjahr 1937 einen großen Sieg feiern konnten. Zusammen mit Truppen des Herrschers von Sevilla, Queipo de Llano, griffen neun motorisierte Bataillone italienischer Schwarzhemden unter dem Kommando General Mario Roattas Malaga an. Von der 100000 Einwohner zählenden Stadt aus beherrschten die Republikaner die Costa del Sol.

Der nationalistische Angriff begann mit Bombardements aus der Luft und von der See her am 17. Januar. Am 7. Februar erreichten die Italiener Roattas mit ihren schnellen Zwei-Mann-Tanks die Vororte von Malaga. Eine wilde

Massenflucht aus der Stadt endete in unvorstellbarem Chaos. Bei der Besetzung Malagas kam es zu den schlimmsten Massakern seit Badajoz.

Als Rache für den Tod von 2500 Rechten, die unter republikanischer Herrschaft erschossen worden waren, brachten die Eroberer 4000 Männer und Frauen um, die verdächtig waren, mit der Republik sympathisiert zu haben. Die geringste Denunziation reichte für das Standgericht. Den Frauen wurden vor Massenvergewaltigungen die Köpfe kahlgeschoren.

Arthur Koestler, der von den Nationalisten in Malaga gefangengenommen wurde und dann als »Spion« monatelang in der Todeszelle des Gefängnisses von Sevilla saß, berichtete in seinem »Spanischen Testament« über die letzten Stunden von Malaga: »Am Nachmittag beginnt der allgemeine Exodus. Der Strom saugt alles mit sich fort, Zivilisten, desertierende Milizsoldaten, den Zivilgouverneur. Er saugt Malaga die Widerstandskraft aus den Adern, seinen Glauben, seine Moral.«

»Ich habe später erfahren, daß der Strom der Flüchtlinge unterwegs dezimiert worden ist. Die Flugzeuge der Sieger kamen auf 80 Meter herab und nahmen sie unter MG-Feuer. Eine Anzahl von Frauen wurde während des tagelangen Fußmarsches unter der ständigen Bedrohung durch die über ihren Köpfen kreisenden Flugzeuge wahnsinnig. Etwa zehn von ihnen stürzten sich, einige mit ihren Kindern in den Armen, ins Meer.«

Der englische Rotkreuz-Fahrer Worsley schildert im dtv-Taschenbuch »Der Spanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten« grauenvolle Szenen aus dem Fluchtkonvoi. _____« Die Mutter mit ihrem bewußtlosen Baby konnte » _____« einsteigen, und einer Frau mit einem gebrochenen Bein gab » _____« man den sterbenden Jungen. Das war der letzte Zentimeter » _____« Platz. Während ich um den Wagen herumging, um hinten die » _____« Klappe zu sichern, knieten die Frauen auf der Straße » _____« nieder und streckten mir ihre Kin der hin. »

Über die Frauen in seiner Gruppe, von deren Ehemännern nur noch zwei lebten, schrieb Worsley: _____« Alle anderen haben ihre Männer verloren, tot, » _____« erschossen in Malaga. Die Tränen kamen ihnen wieder, sie » _____« faßten mich an und küßten meine Hände. »Was sollen wir » _____« jetzt machen, Companero, was soll aus uns und unseren » _____« Kindern werden?« Unfä hig, sie länger zu ermuntern, ging » _____« ich von ihnen fort, aber man entkam der Verzweif lung » _____« nicht. Das Elend war auch auf der Straße, es kroch » _____« vorbei, und zwanzigtau send kamen noch. »

In Tagesbefehlen an die italienischen Söldner, vor denen diese Unglücklichen flohen, heißt es: »Höher die Herzen, die Bajonette und die schwarze Flamme!« Und: »In Malaga habt ihr euch mit Ruhm bedeckt, ihr habt Malaga den Frieden, die Freiheit und das Leben wiedergegeben!«.

Die neue Freiheit sah dann so aus - wieder der Brite Worsley: _____« Ich entschloß mich, noch ein Kind mitzu nehmen. Aber » _____« nicht ohne meine Mutter, schrie der Junge. Mit letzter » _____« Kraft riß er sich von mir los und rannte zu ihr hin. Sie » _____« überredete ihn, mit mir zu gehen. Dann brach sie auf der » _____« Straße, an der Stelle, an der sie stand, zusammen, sie » _____« zog gerade noch ihr Tuch über den Kopf. » _____« »Weide meine Schafe.« Diese Worte gin gen mir durch » _____« den Kopf. Und ich hörte mich fluchen und schreien, so » _____« laut ich konnte: »Warum, zum Teufel, weidest du deine » _____« Schafe nicht selbst? Warum, zum Teufel, tust du es » _____« nicht?« »

Als die Toten weggeräumt waren, wurde das sonnige Malaga zum bevorzugten Urlaubsort der Franco-Kriegerauch der deutschen Condor-Legionäre. Bomber Graf Hoyos genoß solche Ferien: »Am Tage fuhren wir zu sechsen oder sieben im kleinen Ford hinaus an die felsige, blumenübersäte Küste zum Baden, abends waren wir Gäste der spanischen Familien, deren Töchter zu unserem engeren Kreis zählten. So wie wir in Malaga lebten, konnten nur Millionäre leben.«

Die Republik hatte sich unterdessen eines ihrer ärgsten Feinde entledigt. Falange-Führer Jose Antonio Primo de Rivera, den deutsche Verschwörer vergeblich aus seinem Gefängnis in Alicante zu befreien suchten, wurde der Prozeß gemacht. Das Gericht verurteilte ihn zum Tode. Er wurde hingerichtet, noch bevor die Regierung über sein Gnadengesuch entscheiden konnte.

Franco, der durch die Exekution wieder einen Konkurrenten losgeworden war, rächte den Falangisten-Chef auf seine Weise: Er ließ, ohne Verfahren, den Sohn des sozialistischen Premiers Largo Caballero erschießen, der sich in faschistischem Gewahrsam befand.

Nach ihrem Sieg in Malaga führten die Italiener das große Wort bei den Faschisten. Sie gebärdeten sich in den Teilen Spaniens, die ihre Bataillone kontrollierten, wie Kolonialherren. Auf Mallorca hatte bereits im August 1936 ein italienischer Condottiere namens Arconovaldo Bonaccorsi, der sich General Graf Aldo Rossi nannte, eine Schreckensherrschaft errichte.

Der katholische französische Schriftsteller Georges Bernanos, der damals bei

einem Falangistenführer auf Mallorca zu Gast war, empörte sich in seinem Buch »Die großen Friedhöfe unter dem Mond« leidenschaftlich über die faschistische Barbarei: _____« Der Neuankömmling war natür lich weder ein General » _____« noch ein Graf noch hieß er Rossi. In einem roten » _____« Rennwagen mit schwarzem Hemd und einem riesigen weißen » _____« Kreuz auf der Brust fuhr er durch die Dörfer. Andere » _____« Wagen, in denen bis an die Zähne bewaffnete Männer saßen, » _____« folgten ihm in einer Staubwolke. »

Die Kavalkade brachte den Tod über die Insel. Vier Monate lang terrorisierte »Graf Rossi«, dieser »viehische Hüne«, der einer Palmeraner Dame erklärte, daß er mindestens 'einer Frau pro Tag- bedürfe' (Bernanos), das Ferienparadies. Er ließ mindestens 3000 Menschen umbringen, immer auf die gleiche Weise. Bernanos: _____« »Sie bringen mich doch ins Gefangnis, Senor?« » _____« »Genau«, sagt der Killer, der manchmal noch nicht zwanzig » _____« Jahre alt ist. Aber schon rumpelt der Wagen über einen » _____« ausgefahrenen Feldweg. »Aussteigen!« Sie springen » _____« herunter, stellen sich auf, küssen ein Amulett oder auch » _____« nur den Daumennagel. Peng! Peng! Peng! Die Leichen werden » _____« zu einem Abhang ge schleppt, wo der Totengräber sie am » _____« nächsten Tag finden wird, um den Hals geronnenes Blut. » _____« Und der Bürgermeister wird dann schreiben: »So und so » _____« starb an zerebralem Blutandrang...« Das Gott sich der » _____« Menschen erbarme! »

Die Italiener wollten es Franco zeigen, und nun auch Madrid erobern, was »in fünf Tagen erledigt werden« sollte. Am 8. März 1937 eröffnete General Roatta vor Guadalajara mit einem kompletten Armeekorps von 50000 Mann, 250 Panzern und 180 motorisierten Geschützen eine Offensive. Befehlshaber der nationalspanischen Einheiten an seiner Seite war Alcazar-Oberst Moscardo.

Unter den Internationalen Brigaden, die Guadalajara verteidigten, tat sich das Bataillon »Garibaldi« hervor. Italienische Linke und italienische Rechte setzten hier auf fremdem Boden den Kampf fort, der sie in der Heimat seit Jahren entzweite, aber »die Front verlief nicht mehr durch Polizeigefängnisse und Folterkammern«, so der deutsche Schriftsteller Gustav Regler, der bei den Brigaden kämpfte.

Im Schneetreiben blieben die italienischen Kampfwagen stecken. Die roten Garibaldianer warfen statt Handgranaten Flugblätter und forderten im ersten Lautsprecherkrieg der Geschichte ihre Landsleute auf der anderen Seite über Lautsprecher zum Überlaufen auf: »Italiener, Soldaten und Schwarzhemden, hört her! Ritornate alle vostre case, non dovete morire! - Geht heim, ihr müßt nicht sterben! Ihr seid als Schlachtvieh nach Spanien geschickt worden. Warum mordet ihr Arbeiter in einem fremden Land? Kommt zu uns, ihr werdet wie Brüder aufgenommen!«

Tatsächlich liefen immer mehr Italiener über. Die Brigaden stießen vor, die spanischen Kommandeure Lister und El

Campesino setzten an, Roattas Korps zu umzingeln.

Da stoben Mussolinis Legionäre in wilder Flucht davon, verfolgt von Spottgesängen der Spanier über die »schnellen Italiener«, die als »Guadalajara«-Lied auf beiden Seiten der Front populär wurden. Denn auch bei den Nationalspaniern waren die seit Malaga so hochnäsigen Bundesgenossen, die ihren eigenen Krieg führten, verhaßt. Italienische Panzer, hieß es seit Guadalajara, hätten drei Rückwärtsgänge und einen Vorwärtsgang. Den benützten sie nur, wenn der Feind von hinten kommt. Auch die Condor-Truppe hatte nur Hohn für die Kameraden: Die Internationalen Brigaden seien zwar Kommunisten und Juden, kämpften aber wie Deutsche und könnten daher Italiener leicht zu Klump schlagen.

Roattas geschlagener Haufen ließ auf dem Schlachtfeld 8000 Tote, Verwundete und Gefangene zurück. Die Republik führte in Madrid 1500 gefangene Italiener vor und konnte so - freilich ohne damit etwas zu erreichen - dem Völkerbund in Genf überzeugende Beweise für die ausländische Einmischung liefern. Die republikanischen Streitkräfte verbuchten nach Guadalajara Zuwachs: Übergelaufene Italiener bildeten ein neues Bataillon der Brigaden.

In Rom schäumte Mussolini vor Wut über die Schlappe seiner Helden: »Kein Italiener darf ohne Sieg lebend aus Spanien zurückkommen!«

Im nächsten Heft

Krieg der Kommunisten gegen die eigenen Kameraden - »Guernica dem Erdboden gleichgemacht« - Bomben auf das Panzerschiff »Deutschland« - Die letzte Schlacht der Republik - vergebliches Warten auf den Weltkrieg

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