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»Sie wollen uns nicht mehr«

aus DER SPIEGEL 31/1991

Antworten von Ostdeutschen auf die Frage des Emnid-Instituts nach ihrem »negativsten Eindruck« von Westdeutschen:

Jetzt gehen alle auf Distanz - Können uns nicht nachfühlen, wie wir gelebt haben - Bis zur Wende waren wir Schwestern und Brüder, nach der Wende sind das Fremdworte.

Sehen selten, daß sie auch von uns auf einigen Gebieten etwas lernen können - Sie wenden sich wegen ihres Wohlstandes von uns ab - Der Gemeinschaftsgeist ist unterentwickelt - Rücksichtslose Kraftfahrer, parken überall, wo man es nicht soll.

Ihre Kenntnisse über die ehemalige DDR sind sehr gering und zum Teil verzerrt, dadurch entsteht viel Überheblichkeit.

Sie denken, ihnen gehört die Welt, die ehemaligen DDR-Bürger werden fast wie Ausländer behandelt. Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich in der DDR geboren wurde.

Sie können nicht verstehen, daß wir einfachen Arbeiter auch unter primitivsten Bedingungen fleißig gearbeitet haben und daß bei uns trotzdem alles liederlich ist.

Große Sorgen machen uns auch die, welche damals freiwillig weg sind, die alles im Stich ließen, heute den großen Maxen spielen und auch noch Entschädigung verlangen. Nur Flüchtlinge, die wegmußten, sollten entschädigt werden.

Die Bürokratie ist noch schlimmer als bei uns - Schwatzen einem alles auf - Pauschale Urteile - Viele kennen keine Verwandtschaft mehr.

Großkotziges Auftreten im Rudel - Reden viel und können nicht zuhören - Leichtlebig - Die Bezeichnung Ossi und Wessi - Die Straßenhändler - Das Geld wird uns ganz schön aus der Tasche gezogen.

Zu raffig - Sie wollen uns nicht mehr - Hohes Selbstbewußtsein täuscht mehr Bildung vor, als bei den meisten vorhanden ist - Ziehen unsere Geschichte total ins Negative, obwohl sie viel zuwenig über unser Alltagsleben wissen.

Der Neid, daß wir mit zur BRD gehören sollen - Versicherungen versuchen, uns über den Tisch zu ziehen - Überheblich, kochen aber auch nur mit Wasser - Arroganz im Arbeitsbereich - Manche geben ganz schön an.

Schnelles Fahren auf den Straßen - Fühlen sich wertvoller - Legen wenig Wert auf schöne menschliche Beziehungen - Hektisch im Beruf, bürokratisch, egoistisch.

Sind voreingenommen und wissen nichts von der SED und den Konflikten der einfachen Genossen, kennen unsere Arbeitsbedingungen nicht und machen uns alle für die Mißwirtschaft verantwortlich. Das ist verletzend.

Das Auseinanderklaffen von Sein und Schein, manchmal eklatant - Sie versuchen, aus der Unwissenheit vieler Bürger Kapital für sich herauszuschinden - Daß ein Mann gesagt hat, die Mauer müßte noch viel höher gebaut werden - Pfennigfuchserei - Skrupellos - Ich habe sehr viele Jugendliche auf Bahnhöfen und Straßen rumgammeln gesehen - Händler sind zu aufdringlich und verkaufen zu Überpreisen - Müßten sensibler sein - Zu sehr beschäftigt.

Die ewige Besserwisserei - Vorwiegend Materialisten - Jeder lebt zuerst für sich - Wenn's ums Geld geht, hört die Mitmenschlichkeit auf - Zu sehr mit der Karriere beschäftigt - Ein Teil hat unwahrscheinliche Arroganz - Geldorientierte Denk- und Handlungsweisen - Geschäftemacher sind skrupellos.

Reißen alles an sich, machen alles kaputt - Sehr viele sind ständig bemüht, sich darzustellen - Besonders Jugendliche treten oft anmaßend auf - Haben nichts übrig für uns.

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