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VIETNAM / FORRESTAL-UNGLÜCK Sieben Krater

aus DER SPIEGEL 33/1967

Es begann wie ein Routineeinsatz. Auf dem Flugdeck des US-Trägers »Forrestal« ließen 35 Piloten ihre Maschinen warmlaufen zum Feindflug gegen Nordvietnam.

Doch da, sieben Minuten ·vor dem Start einer Douglas-»Skyhawk«, schwappte aufgrund eines Fehlers in der Treibstoffzufuhr überschüssiges Kerosin in die Turbine. Eine grelle Stichflamme schoß aus dem Triebwerk, traf eine Rakete unter dem Bauch einer »Phantom F-4«; quer über das Deck jagte das Geschoß in den Zusatztank einer dritten Maschine.

Der Tank explodierte -- und innerhalb von Sekunden sprang das Feuer von Flugzeug zu Flugzeug. Raketen detonierten, Maschinen verglühten, Soldaten erstickten. »Im Handumdrehen war ich in meiner Maschine von schwarzem Qualm umgeben«, berichtete Korvettenkapitän Herb Hope. »Als ich ausstieg, wurde ich von einer Explosion zu Boden geschleudert.«

Die Druckwellen detonierender Bomben rissen Soldaten ins Meer, brennende Piloten wälzten sich auf dem Flugdeck.

Die Explosionen schlugen sieben riesige Krater in das Flugdeck« das mit 16 000 Quadratmetern so groß ist wie drei Fußballplätze. In den unteren Decks verbrannten Soldaten, die sich vom Nachtdienst ausruhten. Sieben der zehn Träger-Decks wurden beschädigt.

In hitzeabweisenden Asbest-Anzügen kämpfte die Bordfeuerwehr gegen die Flammen, riesige Kranwagen hoben und schoben brennende Maschinen über Bord, Besatzungsmitglieder schraubten unter lodernden Flugzeugen die Zünder aus den Bomben.

Mit einem Handlöschgerät stürzte ein Unteroffizier in den öligen Qualm, um die Flammen in der Nähe einer Tausend-Pfund-Bombe zu löschen. Die Bombe explodierte.

Im Kittel eilte der Schiffsfriseur zum Löschen -- und kam nicht zurück.

Der 117 Pfund schwere Leutnant Otis Kight stemmte eine 200 Pfund schwere Bombe und warf sie über Bord.

Zwei Mechaniker, durch die Flammen an den Deckrand getrieben, sprangen 27 Meter tief ins Wasser, wurden von einem Helikopter gerettet und beteiligten sich in nassen Uniformen an den Rettungsarbeiten.

»In der ersten Stunde der Katastrophe«, so lobte Konteradmiral Harvey Lanham später, »sah ich mehr Heldentaten, als ich zählen konnte.«

Langsam drehte der Träger gegen den Wind, so daß das Feuer nicht weiter entfacht werden konnte. Die Flugzeugträger »Bon Homme Richard« und »Oriskany«, die mit der »Forrestal« vor der Küste Nordvietnams operierten, eilten zum Unglücksschiff. 47 »Forrestal«-Soldaten, die während des Feuers ins Wasser gesprungen waren, wurden aus dem Meer gefischt.

Die Feuersbrunst auf der 75 900-Tonnen-»Forrestal«, Amerikas drittgrößtem Flugzeugträger, war die schwerste Katastrophe der US-Navy seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Allein seit 1960 brachen auf fünf der 24 US-Träger Brände aus, denn gerade dieser Schiffstyp ist durch leicht entzündbaren Jet-Treibstoff, durch Waffen und Munition, startende und landende Flugzeuge besonders stark vom Feuer bedroht:

> Im Dezember 1960 starben bei einem Brand auf der »Constellation« in einer New Yorker Werft 45 Menschen. 1961 verbrannten auf demselben Schiff vier GIs.

> Im Januar 1961 kamen auf der »Saratoga« im Mittelmeer sieben Soldaten ums Leben.

> Im Dezember 1965 wurden 15 Besatzungsmitglieder der »Independence« schwer verletzt, als eine »Phantom«-Maschine auf dem Deck einen Zusatztank verlor.

Im Oktober 1966 starben 44 Gis, als vor Vietnam auf der »Oriskany« ein Feuer ausbrach -- auf demselben Schiff, das jetzt der »Forrestal« zu Hilfe kam.

> Im November 1966 verbrannten vor der Küste Vietnams acht Soldaten auf der »Franklin D. Roosevelt«.

»Die Schiffe«, so erklärte ein Sicherheitsoffizier die häufigen Feuersbrünste, »sind schwimmende Treibstofflager.«

Auch die »Forrestal« -- benannt nach dem ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister James V. Forrestal, der 1949 durch einen Sprung aus dem 16. Stock des Bethesda-Krankenhauses bei Washington Selbstmord beging -- hatte bereits Feuer-Erfahrung.

Zwei Tage nach ihrer Ankunft vor der nordvietnamesischen Küste -- am Donnerstag vorletzter Woche -- brachen an Bord zwei kleine Brände aus, die jedoch von der Bordfeuerwehr schnell gelöscht werden konnten.

Der Brandkatastrophe des vorletzten Sonnabends hingegen wurden die Feuerwehrleute nicht Herr. Eine Stunde lang fürchtete »Forrestal«-Kommandant Kapitän zur See John Beling sogar, »daß wir das Schiff verlieren würden«. Um 10.53 Uhr war das Feuer ausgebrochen, um 12.15 Uhr war der Brand auf dem Flugdeck gelöscht, aber erst nach Mitternacht waren alle Flammen erstickt.

Die Bilanz des Unglücks: 129 der 4300 »Forrestal«-Soldaten starben, 78 wurden verletzt.

26 Maschinen -- mehr, als Nordvietnams Flak im Monatsdurchschnitt abschießt -- wurden vernichtet, 31 schwer beschädigt. Den Maschinen-Schaden bezifferte die Navy auf 300 Millionen Mark; die Reparatur des Trägers, der wahrscheinlich für sechs Monate ausfällt, wird etwa 500 Millionen Mark kosten. Das sind nur 350 Millionen Mark weniger als die Baukosten des Schiffes, das 1954 als erster Träger für Düsenflugzeuge vom Stapel gelaufen war.

Am letzten Montag fuhr die »Forrestal« -- an Bord 53 tote, in amerikanische Flaggen gehüllte GIs -- mit eigener Kraft zum US-Stützpunkt Subic Bay auf den Philippinen. Unmittelbar vor der Ankunft brach auf dem demolierten Schiff erneut Feuer aus. Es wurde gelöscht.

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