KENIA Sieben Schluck Blut
Blaß und abgespannt, vor Kälte und Müdigkeit fröstelnd, stand Groß-Britanniens Kolonial-Minister Oliver Lyttelton inmitten einer Gruppe von Journalisten. Er war eben aus dem Flugzeug gestiegen, das ihn im Nachtflug von Nairobi, Britisch-Ostafrika, wieder nach London zurückgeflogen hatte.
So als ob ein Tonband abrollt, wiederholte Lyttelton monoton, was er bei seinem Abflug in Kenia bereits gesagt hatte und einen Tag später in seinem Bericht vor dem Unterhaus erneut verkündete: »Die Mau-Mau ist eine revolutionäre Bewegung. Sie ist keineswegs das Ergebnis wirtschaftlicher Verhältnisse, wie dies meistens behauptet wird. Sie ist anti-europäisch, anti-asiatisch und anti-christlich, eine unheilige Gemeinschaft des Hexenkults und des modernen Gangstertums.« Dann, sich
einen Ruck gebend: »Aber wir werden die Mau-Mau-Terroristen stoppen! Und wir werden in Kenia bleiben!«
Die Reise des Kolonialministers war notwendig geworden, weil die Abgeordneten des britischen Unterhauses Aufklärung über die Hintergründe des blutigen Terrors haben wollten, den die nationalistische Geheim-Organisation der Kikuju-Neger in Kenia, genannt »Mau-Mau«, entfesselt hatte.
Im Sommer dieses Jahres war es plötzlich losgegangen: da dröhnte aus den Tiefen nächtlicher Urwälder dumpfer Trommelschlag, unrhythmisch, bedrohlich und geheimnisvoll. Nicht mehr wie früher, um Europäern einen angenehm gruseligen Ohrenschmaus zu servieren. Diesmal wurde der Trommelschlag zum Fanal, öffnete sich ein Vulkan.
Wenn der Morgen graute, fanden die europäischen Farmer ihr Vieh abgestochen auf den fetten Weidegründen. Heiligenbilder der Missions-Stationen waren geschändet.
Vor den Krals fand man die zerstückelten Leichen treuer Neger-Diener. Es waren Schwarze, die sich geweigert hatten, den Mau-Mau-Eid zu leisten. Mit dem Panga (einem afrikanischen Messer mit breiter Klinge zum Abschlagen von Bananenstauden) waren sie getötet worden. Die Hütten schwarzer Eidesverweigerer und Häuser weißer Farmer gingen in Flammen auf.
Britanniens Gouverneur Sir Evelyn Baring hatte zunächst versucht, der Lage Herr zu werden, indem er einzelne Ortschaften mit Kollektiv-Strafen belegte, wenn sie sich weigerten, Mau-Mau-Vereidigte anzuzeigen.
Aber das machte die Sache nur schlimmer. Die meisten zu 12 Schilling je Kopf kollektiv verurteilten Eingeborenen wollten oder konnten nicht zahlen. Sie gingen daher in den Busch, legten den Mau-Mau-Eid ab und wirkten bei der nächsten Mau-Mau-Aktion mit. Das Gesetz des Partisanenkrieges »Härte erzeugt Haß«, erfüllte sich folgerichtig.
Die mitternächtliche Vereidigung der Mau-Mau-Anwärter vollzieht sich auf verschiedene, wenn auch stets gleich scheußliche Weise. Ein Bananenblatt wird in das Blut eines frisch geschlachteten Schafes getaucht und dem Novizen auf das Haupt gelegt. Sieben Schluck Blut muß er trinken, siebenmal muß er in das rohe, blutige Herz des Schafes beißen. Dann schwört er den siebenfachen Stammes-Eid: »Ich werde nicht ruhen, bis die Europäer aus Kenia herausgejagt sind. Wenn ich aufgefordert werde, den Kopf eines Europäers zu bringen, und ich weigere mich, so soll dieser Eid mich töten.«
Mau-Mau heißt in der Kikuju-Sprache: etwas sofort tun, in modernen Terroristen-Jargon übersetzt also ganz einfach: »Sofort-Aktion«.
Im Laufe des Oktobers mußte Gouverneur Sir Evelyn erkennen, daß die vorhandenen Polizei- und Militärkräfte nicht ausreichten, um die weißen Farmer auf den weiten Hochebenen Kenias zu schützen.
Die Brandstiftungen, Viehabschlachtungen und jene Fälle, in denen der weiße Farmer oder schwarze Farm-Arbeiter des Morgens eine Katze oder einen Hund mit abgehacktem Kopf an seine Tür genagelt vorfand (was geplanten Überfall oder Mord bedeutete), steigerten sich von Tag zu Tag. Sir Evelyn mußte einen SOS-Ruf um militärische Hilfe aussenden.
Einige Tage, bevor Kolonial-Minister Lyttelton in Nairobi eintraf, setzte bereits ein Dutzend schwerer Transportmaschinen der britischen Luftwaffe 800 Mann Lancashire-Füsiliere ab. Sie waren eiligst aus der Suez-Kanal-Zone herbeigeholt worden. London mußte wohl oder übel am Suez ein Loch aufreißen, um ein anderes in Kenia zu stopfen.
Gleichzeitig rumpelten schwere Lastwagen durch die breiten Straßen von Nairobi. Herab winkten schwarzgelockte »King''s African Rifles«. Das ist eine Eingeborenen-Polizei-Truppe, die aus den benachbarten britischen Kolonien Tanganjika und Uganda abgezogen werden mußte.
In Mombasa, dem von den Briten modern ausgebauten Hafen, war eine Abteilung Marine-Truppen, aus Ceylon herbeigerufen, über die Laufplanken des 8000-Tonnen-Kreuzers »Kenya« geklettert. An dem Tage, da der britische Kolonial-Minister Kenia wieder verließ, lag ein Marine-Soldat des Kreuzers blutüberströmt in einer Straßenrinne der Hafenstadt, einen Panga im Rücken.
Einige Tage, nachdem die verstärkte Polizei- und Truppenmacht in Kenia zu Groß-Aktionen unter dem Stichwort »Operation Scott« gegen die Mau-Mau-Terroristen angetreten war, traf Kolonial-Minister Lyttelton (am 29. Oktober) auf dem Flughafen bei Nairobi ein. Er wurde vom Gouverneur, einer Reihe von Kolonial-Beamten, einigen Führern der »Kenya Africa-Union"*) und einer großen Anzahl weißer Siedler begrüßt.
Ein paar Stunden später waren die offiziellen Persönlichkeiten zwar nicht mehr auf dem Flugplatz, dafür aber eine um so größere Menge weißer Siedler, meistens Frauen. Sie warteten auf die Ankunft der nächsten Maschine aus London. Als die schließlich auf dem Rollfeld aufsetzte, begann ohrenbetäubender Lärm. Das war der Protest-Empfang für die beiden britischen Labour-Abgeordneten Fenner Brockway und Leslie Hale. Sie waren auf Einladung der »Kenya African Union« gekommen, um »die Lage der verfolgten Afrikaner zu studieren«.
Brockway hatte vor seinem Abflug nach London geäußert, er wolle »die Schwarzen
*) Einzige politische Körperschaft der Kikuju-Eingeborenen. Vertritt die Interessen der Schwarzen in Kenia. Ihre Mitgliederzahl wird auf 100 000 geschätzt. vor Ungerechtigkeit schützen«. Dagegen Lyttelton bei seiner Ankunft: »Ich bin gekommen, um mich von der Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen gegen die Terroristen zu überzeugen.« Der Unterschied des Reisezwecks drückte sich im Unterschied des Empfangs-Zeremoniells aus.
Oliver Lyttelton, der Kolonial-Minister, und Brockway und Hale, die Labour-Abgeordneten, waren gerade zur rechten Zeit gekommen, um mit ansehen zu können, wie motorisierte Käfige durch die Straßen von Nairobi klapperten. Durch das engmaschige Drahtgeflecht folgten ihnen aus schweißglänzenden schwarzen Gesichtern Blicke dumpfen Hasses. Tausende von Eingeborenen, die von den verstärkten Polizeistreifen mit Bluthunden oder Truppen-Abteilungen auf den Verdacht hin, der Geheim-Organisation »Mau-Mau« nahezustehen, aufgegriffen worden waren, wurden so zur Vernehmung hinter Stacheldraht transportiert, dort mit Ketten aneinandergefesselt und mit Peitschenhieben bestraft.
Kolonial-Minister Lyttelton stellte mit Befriedigung fest, daß »Operation Scott« planmäßig abrollte. Aber trotz aller Sorgfalt in der Vorbereitung, stießen viele Aktionen ins Leere: Als nämlich die Militär-Lastwagen und gepanzerten Fahrzeuge durch die Eingeborenen-Reservate knatterten, flohen Tausende von Kikujus in die undurchdringlichen Wälder oder in die unwegsamen Einöden des Aberdare-Gebirges mit seinen Höhen bis zu 4000 Meter. Diese Gebiete könnten kaum militärisch durchgekämmt werden.
Trotzdem zeigte sich Groß-Britanniens Kolonial-Minister befriedigt über den bisherigen Erfolg der militärischen Maßnahmen. Aus Nairobi wurde ihm jetzt nach London gemeldet, daß (die Zahlen für die Hauptstadt selbst nicht eingeschlossen) von den Gerichten 2100 Eingeborene verurteilt wurden; 501 sind in Gefängnisse abtransportiert worden, 869 befinden sich in Polizei-Gewahrsam.
Aber auf einer Konferenz weißer Farmer in Ruiro, etwa 23 km von Nairobi
entfernt, sagte Gouverneur Sir Evelyn am 9. November etwas kleinlaut: »Niemand kann voraussehen, wie lange der Ausnahme-Zustand über Kenia noch aufrechterhalten werden muß.«
Als der Kolonial-Minister am 6. November auf dem Londoner Flughafen gelandet war, hatte er eine Aktentasche bei sich. Er trug darin eine Liste, die die Forderungen der »Kenya African Union« enthielt, der einzigen politischen Körperschaft Kenias, deren Führer Jomo Kenjatta ("Der brennende Speer") bei Beginn des Ausnahme-Zustandes verhaftet und an einen unbekannten Ort gebracht worden war*).
Die Forderungen lauten:
* mehr Land für die Eingeborenen,
* höhere Löhne und bessere Ausbildungsmöglichkeiten,
* allgemeines Stimmrecht für alle Neger, die nachweisen, daß sie lesen und schreiben können, und die über einen gewissen Besitz verfügen.
Diese Punkte beinhalten kurz und bündig die Problematik des Mau-Mau-Terrorismus. Sie waren dem britischen Kolonial-Minister nicht unbekannt. Noch vor seinem Abflug nach Nairobi hatte er gesagt: »Neben dem Rassenhaß müssen vor allem der Landhunger und die sozialen Probleme als Ursachen für die Unruhen in Kenia angesehen werden.«
In seinem Reise-Bericht vor dem Unterhaus am 7. November war dann wenig von diesen Dingen zu hören. Als er sie einmal etwas verschwommen andeutete, tat er es nur, um zu sagen, daß diese Probleme von der zu ernennenden »Royal Commission« in einer objektiven Überprüfung an Ort und Stelle, die ein Jahr und mehr dauern könne, geklärt werden müßten.
Die »königliche Kommission« für Kenia wird jedoch nicht viel mehr feststellen können, als dem Kolonial-Ministerium bereits bekannt ist. In Kenia herrschen 30 000 Europäer im Stil des Kolonial-Imperialismus des 19. Jahrhunderts über 5,4 Millionen Schwarze, 90 000 Inder und 25 000 Araber. Aber bereits vor mehr als 35 Jahren erlebten die Neger, daß sich die weißen Herren mit Hilfe schwarzer Askaris gegenseitig totschlugen. Mit einer Phasenverschiebung von zwei Generationen beginnt jetzt Afrika die Emanzipation Asiens nachzuholen.
Britische Offiziere aus vornehmen Regimentern kauften nach dem ersten Weltkrieg Land in Kenia und begannen dort ein neues Leben als schollenverbundene Edelmänner.
Wer sonst England oder Europa satt hatte, konnte nach Kenia gehen. Dort regierte keine Labour-Party, gab es keine staatlichen Planer, herrschte nicht der beengende Geist der Großstadt. Wenn die Londoner Regierung mal hineinredete, dann zeigten die Siedler die Zähne. So herrschten in Kenia noch lange die alten Zeiten, die im britischen Mutterland und in den übrigen Kolonien längst vorüber waren.
An die 700 weiße Farmer haben sich erst nach Weltkrieg II mit Hilfe der Regierung festgesetzt. Die Eingeborenen sahen zu, wie die Weißen mit Staatsgeld und Staatsland ausgestattet wurden. Sie selbst erhielten nur Ermahnungen von den Landwirtschafts-Beratern, wie man durch Sorgfalt dazu beitragen könne, die Fruchtbarkeit ihrer engen Böden zu erhöhen. Die
*) Kenjatta hat an der »London School of Economists« studiert. Diese Wirtschafts-Hochschule ist als eine rosarote »Hochburg des fortschrittlichen Denkens« bekannt. Er hat eine Engländerin geheiratet und sie dann 1946 mit einem Kind sitzen lassen. Sie ist jetzt Lehrerin in London. Jomo Kenjatta behauptet, in den 30er Jahren in Moskau gewesen zu sein. guten Böden sind im Besitz der weißen Pflanzer. Mit Weizen, Tee, Kaffee, Ölsaaten, Sisal- und Molkerei-Produkten suchen sie um jeden Preis Export-Überschüsse herauszuwirtschaften.
Mitten im Hochland aber, vor den Toren Nairobis, und auch in der Stadt selbst (hier als ein dem Stammestum entfremdetes, in elenden Hütten hausendes, arbeitsloses Negerproletariat) wohnen die Kikuju-Negerbauern. Ihre wirtschaftliche Leistung trägt zur Versorgung der nichtbäuerlichen Gruppen und sogar zum Export mit bei. Nicht die »Schwarzen« schlechthin, sondern diese »Kikuju« leisten heute in Kenia erbitterten Widerstand.
Der Grund für diesen Widerstand - das weiß man in Londons Kolonial-Ministerium auch - liegt in ihrer bäuerlichen Sorge um ihr Land. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz von ihnen besitzt überhaupt Land. Und dann auch nur gerade genug, um die eigene Familie zu erhalten.
Die Unruhe der Kikuju begann, als sie begriffen, daß man mit dem Anbau von Stapel-Produkten für den Export reich werden kann. Um sich aus dem Druck der Mißernten auf ihren verarmten Böden zu lösen, verlangten sie zusätzliches Land. Denn den Eingeborenen Kenias gehören nach dem Recht der fernen Königin nur 135 000 Quadrat-Kilometer Land. Die guten Hochlandböden, insgesamt 42 000 Quadrat-Kilometer, sind für die Europäer reserviert. 448 000 Quadrat-Kilometer sind britisches Kron-Land.
Auf dem weißen Vorrechtland aber und auf dem Boden des Staats-Eigentums leben etwa 200 000 Eingeborene illegal. Sie werden »Squatters« genannt, weil sie sich dort ohne Erlaubnis einfach »hingehockt« (to squat) haben.
Die Arroganz der britischen Siedler übertrug sich auch auf die Verwaltung. Die Engländer haben ihre Regierung in Kenia nicht - wie in manchen Teilen Ugandas, auf Sansibar und in Nigerien - auf die alten Stammesordnungen gestützt. In Kenia wurden neue Verwaltungsbezirke gebildet und Älteste, ohne Rücksicht auf Stammeszusammenhänge, bestellt. Die Folge ist, daß heute die untere Verwaltung »in der Luft hängt«.
Die von der Kolonial-Macht England ausgewählten Dorfältesten müssen vor dem Terrorismus nicht nur machtlos kapitulieren, sondern wurden auch seine ersten Opfer.
Die unzeitgemäße Arroganz britischer Kolonial-Methoden erlebten jetzt die Labour-Abgeordneten Brockway und Hale auch am eigenen Leibe. Aus Kenia nach London zurückgekehrt, gaben sie eine Erklärung ab:
* Eingeborene wurden verhaftet und eingesperrt, nur weil sie den Labour-Leuten Auskünfte erteilt hatten.
* Es wurde ihnen verboten, über Rundfunk einen Loyalitätsappell an die Kikujus zu richten.
* Nur unter Eskorte schwerbewaffneter Soldaten wurde ihnen gestattet, Gefangenenlager zu besuchen.
Damit hätten die beiden Abgeordneten allerdings von vornherein rechnen müssen. Als sie nach Nairobi abreisten, war die Mehrheit des britischen Oberhauses der Ansicht, daß der Besuch der Labour-Männer »nichts als Schaden anrichten« werde.