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ÄGYPTEN Sieben Sünden

Er sollte die Not am Nil lindern, reichlich Wasser für die Felder und Strom für die Fabriken liefern - doch der Assuan-Damm, lange Zeit Ägyptens Stolz, bringt Probleme, die das Land nicht meistern kann. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Vor der ägyptischen Mittelmeerküste verschwanden die Krabben. Als dann auch noch die Sardinenschwärme ausblieben, verloren die Fischer am Nordrand des Nil-Deltas ihre letzte Einnahmequelle und gingen im übervölkerten Kairo auf Arbeitssuche.

In Unterägypten versalzte kostbares Ackerland. Das Wasser in zahlreichen Kanälen ist schädlich für Mensch und Tier. In der Provinz Assuan in Oberägypten gingen die Ernteerträge zurück.

Bei Kairo bedrohte plötzliches Ansteigen des Grundwassers das Weltwunder Sphinx: Nase und Hals des 4500 Jahre alten Heiligtums begannen bedrohlich abzubröckeln, die Archäologen gerieten in Panik.

»Jetzt reicht's uns langsam«, protestierte ein Agrarwissenschaftler in einem Leserbrief an die größte Kairoer Tageszeitung, »El-Achbar«, »warum rücken wir dem Grund des Übels, den wir doch alle kennen, nicht endlich zu Leibe?«

Das ist leichter gesagt als getan. Denn die Ursache für Fischschwund, Bodenversalzung und Anstieg des Grundwassers sind die späten Auswirkungen eines nationalen Superprojekts: des 1971 eingeweihten neuen Assuan-Staudamms.

Das Mammutwerk schien alle Nöte der Ägypter zu beheben. Die Bevölkerung des Nil-Landes hatte sich seit der Jahrhundertwende vervierfacht, die Kulturlandfläche - ohnehin nur knapp 3,3 Prozent des Staatsgebietes - war dagegen nur um ein Fünftel gestiegen.

1952, als die »freien Offiziere« unter Nasser die korrupte Monarchie hinwegfegten, erhoben sie den Dammbau zu ihrem ersten und wichtigsten Projekt. Die Revolution identifizierte sich mit dem Staudamm und startete eine Medienkampagne von bisher unbekanntem Ausmaß.

Das »Ministerium für nationale Orientierung« ließ bereits 1955 Ansichtskarten vom Damm drucken - fünf Jahre vor Baubeginn. Volkssänger Abd el-Halim Hafis schrieb seinen Erfolgs-Schlagertext »Wir sagten, wir werden ihn bauen, nun, wir haben ihn gebaut« - dabei wurde der erste Spatenstich erst 1960 getan.

Über alle Schwierigkeiten hinweg - die USA zogen ihre Finanzierungszusage zurück, 1956 griffen England, Frankreich und Israel nach dem Suezkanal, Moskau trat als Damm-Finanzierer an die Stelle der USA - verfolgte Nasser sein Ziel.

Er schuf sich sein Denkmal, nahm Maß an den größten Herrschern des alten Ägypten. »Das Volumen des Damms entspricht dem Inhalt von 17 Cheops-Pyramiden«, prahlte er im Gespräch mit Kairo-Besucher Josip Broz Tito aus Jugoslawien.

Vor dem Besucherpavillon am Staudamm, der ein Modell und eine Galerie mit Photos aus allen Bauphasen beherbergt, ließ er sein Standbild in Granit hauen, bezeichnenderweise als Pharao mit stilisiertem Kinnbart und königlicher Haartracht.

Die Vollendung seines Damms erlebte Nasser nicht mehr. Er starb 1970, wenige Monate vor der offiziellen Einweihung der gewaltigen Staumauer.

Das Werk konnte sich sehen lassen: 111 Meter hoch, 3800 Meter breit ist der Damm, 164 Milliarden Kubikmeter vermag der 550 Kilometer lange See zu fassen - damit gehört er zu den ganz großen seinesgleichen. Er ist nach dem

Bratsker Stausee in Sibirien das zweitgrößte Reservoir der Welt.

Entsprechend große Erwartungen hatten die Ägypter in das Bauwerk gesetzt. »Jetzt beginnt der Run auf die Wüste«, schwärmte der ehemalige Wirtschaftsminister Keissuni, »wir haben jetzt mehr Wasser, als wir je brauchen werden.«

Das stimmt auch heute noch. Die Nil-Anrainerstaaten bewilligten Ägypten das Recht, dem Strom jährlich bis zu 55,5 Milliarden Kubikmeter zu entnehmen, fast doppelt soviel wie vorher.

So viel Wasser hatten Ägyptens Äcker noch nie erhalten. »Die Ära des Wohlstands hat begonnen«, behauptete der damalige Vizepremier Asis Sidki.

Doch inzwischen zeigte sich, daß mehr Wasser nicht automatisch auch mehr Wohlstand bedeutet. Die große Euphorie verflog.

Bald schockierte das prominente linke Wirtschaftsmagazin »El-Ahram el-iktissadi« mit der Aufzählung der »sieben Sünden des Hochstaudamms": *___Die Fruchtbarkeit leidet, weil der Damm den Schlamm ____zurückhält. *___Das schlammarme und mit chemischen Düngemitteln ____angereicherte Nilwasser greift Steinbauten an, ____unterspült Böschungen, Staumauern und Brücken. *___An der Delta-Küste zeigt sich fortschreitende Erosion, ____weil die Schlammsedimente fehlen. *___Das Trinkwasser wird durch Düngemittelrückstände ____verschmutzt. *___Das Grundwasser steigt - dadurch entstehen ____Statik-Probleme beim Hausbau. *___Große Wassermengen verdunsten. *___Fruchtbarer Boden geht in großem Umfang verloren, weil ____die Landbevölkerung ihn zur Herstellung der ____traditionellen Lehmziegel verwendet. Denn im jetzt ____schlammfreien Nil gibt es keinen Ziegel-Rohstoff mehr.

Zu den nachteiligen Folgen des Dammbaus gehört auch, daß die Sardinenschwärme vor der Delta-Küste ausbleiben, weil sie im schlammlosen Nilwasser keine Nahrung mehr finden. Die Sardinenfischer wurden arbeitslos, ebenso wie die Beschäftigten der neuerrichteten Konservenfabrik von Dumjat, die ihren Betrieb einstellen mußte.

Aber erst 1981 wagten Ägyptens Experten offene Kritik an dem bis dahin hochgelobten Wasserwerk. Bewässerungsexperte Ali Fathi erklärte: »Wir haben es mit dem größten Problem Ägyptens zu tun.« In einem Brief an Präsident Mubarak verlangte er, unverzüglich den Stausee bis auf einen Rest von zehn Milliarden Kubikmetern auslaufen zu lassen, »ehe uns der Staudamm ins Unglück stürzt«.

Nun plötzlich sahen die verunsicherten Ägypter Gefahren überall. Die Wochenzeitung »Achbar el-Jom« schockte die Bevölkerung mit der Schreckensvision eines möglichen Dammbruchs und einer todbringenden Flutwelle, die das ganze Niltal samt der Hauptstadt Kairo zu ertränken drohe.

Nassers alte Garde der Dammbauer schlug zurück. Abu el-Ata, ein ehemaliger Bewässerungsminister, erklärte, alle Argumente der Damm-Kritiker seien »aus der Luft gegriffen«. Zu lange hatte jeder Zweifel am Damm geradezu als Vaterlandsverrat gegolten. Ali Fathi klagte: »Einige Beamte zögern immer noch, Dinge auszusprechen, die als Anklage gegen den Assuan-Damm ausgelegt werden können. Doch es ist ein Verbrechen an der Nation, solche Berichte zu verfälschen oder geheimzuhalten.«

Unterdrücken ließ sich die Kritik schließlich doch nicht mehr. Es erwies sich, daß die Planer des Dammprojekts unklare Vorstellungen von den ökologischen Folgen hatten, falls sie überhaupt darüber nachdachten.

Viel lieber propagierten Ägyptens Regierungen die positiven Aspekte des gigantischen Bauwerks. Die erweisen sich auch durchaus als vorzeigbar: Fest steht, daß die durch den Damm ermöglichte Bewässerung 420 000 Hektar Brachland in Ackerland verwandeln half. In Oberägypten konnten die Fellachen mehrere Ernten pro Jahr einfahren.

Ägyptens Plagen wie Hochwasserkatastrophen und Hungersnöte schienen der Vergangenheit anzugehören. An Wassermangel jedenfalls mußte die Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion nicht mehr scheitern - angesichts der rapide wachsenden Bevölkerung geradezu eine Überlebensfrage für Ägypten: Das Land, das heute bereits 45 Millionen Bewohner zählt, wird bis zum Jahre 2000 wahrscheinlich 65 Millionen Menschen zu versorgen haben. Ohne ausreichende Wasserreserven wäre dies unmöglich.

Immer mehr Experten neigen dazu, nicht den Dammbau als solchen zu verurteilen, sondern Ägyptens Unfähigkeit, die nachteiligen Folgen in den Griff zu bekommen. »Wir sollten nicht fragen, ob der Dammbau notwendig war«, gab Damm-Experte Salah Schalasch zu bedenken, »sondern vielmehr: War das Entwicklungsland Ägypten auf solch einen Staudamm vorbereitet?«

Die Frage ist zu verneinen. Die Ägypter haben bis heute kein allgemein verbindliches Konzept erstellt, aus dem hervorginge, wieviel Ackerland überhaupt zu bewässern und wie das Nilwasser anderweitig zu nutzen wäre.

Die vielen Gutachten, Studien und Expertisen der einzelnen Ministerien sind nicht Teil eines Generalplans, sondern unkoordinierte Elaborate einzelner bürokratischer Instanzen.

Auch aus Gedankenlosigkeit und fehlender Erfahrung kommt es zu Schäden,

die leicht zu vermeiden wären. So setzten Ägyptens Fellachen ihre Felder allzu reichlich unter Wasser. Folge: Der Boden wurde ausgelaugt und versalzt. Die per Kapillaren nach oben transportierten Salze zerstören auch etliche pharaonische Kunstwerke für immer, so Teile der berühmten Wandmalereien im Grab der Pharaonengattin Nefertari.

Was an zusätzlichem Kulturland durch Bewässerung gewonnen werden konnte, wird auf die Dauer kaum ausreichen, die Ertragseinbußen wettzumachen. Denn Ägyptens zwölf Millionen Fellachen, meist Analphabeten, die von moderner Landwirtschaft nichts wissen, fahren fort, ihre Felder zu ersäufen, die eigene Lebensgrundlage und die ihres Volkes zu zerstören.

Die wenigen staatlichen Beraterstationen reichen nicht aus, Ägyptens Bauern davon zu überzeugen, daß die jahrtausende alte Erfahrung am Nil, viel Wasser bedeute auch viele gute Ernten, heute nur noch bedingt gilt. Selbst Billig-Kredite und erstklassiges Saatgut helfen wenig, wenn die Fellachen weder die Notwendigkeit moderner Anbaumethoden einsehen, noch die Vorteile komplizierter Bewässerungssysteme und sinnvoller Schädlingsbekämpfung.

Auch eine andere, mit dem Staudamm-Projekt verknüpfte Hoffnung ging nicht auf: Der neue Staudamm sollte Ägyptens Bedarf an elektrischer Energie zu 70 Prozent decken. Doch bisher liefen die zwölf Assuan-Turbinen nur im Ausnahmefall störungsfrei. Statt der erwarteten zehn Milliarden Kilowatt im Jahr blieb es bei höchstens sechs bis acht Milliarden.

So konnte Ägyptens Eisenbahn, Hauptverkehrsträger des Landes, erst in Ansätzen elektrifiziert werden. Auch muß zur Energiegewinnung weiterhin eigenes Erdöl eingesetzt werden, mit dem Ägypten lieber die dringend benötigten Devisen hereinholen würde. Statt der von Nasser angekündigten Strompreissenkung auf zwei Pfennig pro Kilowatt zahlen Ägyptens Haushalte das Zwanzigfache.

Sicher, die in das aufwendige elektrische Verbundnetz eingespeiste Energie kommt einigen Industriebetrieben zugute, zum Beispiel den Aluminiumwerken von Nag Hammadi. Doch der Spannungsverlust zwischen Assuan und dem Industriezentrum von Kairo - eine Entfernung von mehr als 800 Kilometern - verhindert bis heute, daß sich die Gelder auch rentieren, die für das teure Kabelnetz ausgegeben wurden.

In den Ballungsräumen von Kairo, Alexandria und Port Said, wo man den Strom vor allem braucht, werden daher sogar Atomkraftwerke errichtet.

Noch bevor sie mit all den Damm-Problemen fertig geworden sind, schaffen sich die Ägypter bereits neue Sorgen mit ihrem Schicksalsstrom: Im südlichen Nachbarland Sudan graben ägyptische Ingenieure einen 350 Kilometer langen Kanal durch die Nilsümpfe im Dschonglei-Distrikt,

um letztendlich noch mehr Wasser ins Niltal zu leiten.

Und wieder freuen sich die Ägypter auf noch mehr Nilwasser - jährlich um fünf Milliarden Kubikmeter mehr. Einige Experten aber zweifeln am Sinn dieser Großtat und meinen, das Vorhandene besser zu nutzen sei vorteilhafter.

Denn mindestens 15 Milliarden Kubikmeter Nilwasser fließen wegen Rohrschäden und vernachlässigter Pumpanlagen jährlich ungenutzt ins Mittelmeer - dreimal soviel, wie das neue Projekt bringen soll.

Bewässerungs-Experte Ali Fathi warnt: »Wenn wir jetzt nicht handeln, findet sich Ägypten eines Tages in einer Lage, aus der uns nur Allah selbst herausführen kann.«

[Grafiktext]

MITTELMEER Alexandria El-Minja ÄGYPTEN Asjut Assuan-Staudamm Nassersee 200 Kilometer NIL ISRAEL Port Said Kairo Suez NIL Assuan Wadi Halfa JOR-DA-NIEN SAUDI-ARA-BIEN ROTES MEER SUDAN

[GrafiktextEnde]

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