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Siebenbürgen: »Holt die Russen«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über den schleichenden Untergang der deutschen Volksgruppe *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 37/1988

Erzählen Sie unsere Leit im Reich, wir saind in Michelsberg alleweil traurig, denn wir wissen nicht, wann es kommt«, sagt die alte Frau und schiebt den Holzscheit ein kleines Stück tiefer in den Ofen, auf dem die Kanne mit dem Blümchenkaffee schmurgelt. Doch da fällt ihr etwas ein: »Nein, erzählen Sie lieber, wir sind total in ordine. Sie möchten sich sonst sorgen im Reich.«

Michelsberg ist eine heile Welt, eine Idylle wie aus Opas Lesebuch - zumindest äußerlich: rostbraun, gelb und blau gestrichene Bauernhäuser mit Krüppelwalm und Weinlaub an den Giebeln, umgeben von Obstbäumen und wogenden Sonnenblumenwäldern, dazwischen Kopfsteinpflaster, auf denen aufgeregte Gänsebataillone paradieren.

Am Dorfbrunnen hocken drei Frauen mit Trachtenröcken und Spitzenhäubchen auf einem Leiterwagen und erzählen sich was. Auf dem Hof um die Ecke schrubbt der Pfarrer seine Bienenkörbe. Am Himmel steht eine Lerche. Es riecht nach Milch, Schweiß und Pferdeäpfeln. Eine Reise nach Michelsberg ist eine Reise gegen die Zeit.

Oben am Berg thront die Michaeliskirche, die älteste Kirchenburg von Siebenbürgen, von deren Zinnen die frühen Michelsberger in Krisenzeiten heißes Pech auf Türken und Tataren schütteten. Hinter der Dorfkirche ein Denkmal mit den Namen der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg - ausschließlich deutsche Namen: 90 Prozent der Michelsberger sind Siebenbürger Sachsen, Nachkommen der Wehrsiedler aus dem Rhein-Mosel-Gebiet, die sich vor rund 800 Jahren hier niederließen.

Michelsberg ist ein sterbendes Dorf. Neun Zehntel der deutschstämmigen Einwohner haben einen Paß beantragt, um nach Westdeutschland auszuwandern. Sie wollen fort, ehe die Bulldozer kommen. »Wir ziehen von Deutschland nach Deutschland«, sagt die Rentnerin Anna Fleps.

Ende August hat eine Sonderkommission bei der Regierung in Bukarest eine Liste mit den Namen von 700 Dörfern unter 1000 Einwohnern erstellt, die in den nächsten Jahren abgerissen werden sollen, den ersten 700 von insgesamt 8000. Die aus den Dörfern vertriebene Landbevölkerung soll in »agroindustrielle Zentren« umgesiedelt werden, das heißt in landwirtschaftliche Großkombinate mit angeflanschten Wohnkasernen.

Mit seinen 1200 Einwohnern hätte Michelsberg, rumänisch: Cisnadioara, gute Aussichten, noch einmal davonzukommen. Doch die Einwohnerschaft schrumpft schnell dem kritischen Grenzwert entgegen. »Nicht alle, die einen Paß beantragt haben, wollen wirklich weg«, sagt Pastor Dietrich Binder, der Herr Vater, wie die Gemeinde ihn nennt. »Aber je mehr fortgehen, um so weniger lohnt es sich für den Rest, zu bleiben.« 1988 wird wohl das letzte Jahr sein, in dem er mehr Michelsberger tauft als beerdigt.

Auf einen Paß wartet man in Rumänien gewöhnlich drei bis fünf Jahre. Aber seit die deutsche Bundesregierung mit der Regierung in Bukarest eine kürzere Bearbeitungsdauer vereinbart hat,

geht es auch schon in wenigen Monaten. Im »Buletinul Oficial« kann man nachlesen, was jeder mitnehmen darf: Waschzeug, Verpflegung, Kleidung, ein Besteck, Tasse und Teller, eine kleine Kiste mit persönlichen Effekten ohne Handelswert. Was zurückbleibt, verfällt der Vergesellschaftung. Wohneigentum vergilt der Staat mit 10 bis 20 Prozent des Erstellungswertes. Verkaufen, verschenken oder vererben ist nicht vorgesehen.

In den vergangenen zehn Jahren hat Parteichef Nicolae Ceausescu schubweise 120 000 Rumäniendeutsche aus Siebenbürgen und aus dem Banater Land ausreisen lassen - gegen ein Kopfgeld von durchschnittlich 8000 Mark. Es war der profitabelste Menschenhandel, den Ceausescu seit dem Freikauf von 400 000 rumänischen Juden durch die Regierung von Israel unter Dach gebracht hat.

Bonns Botschafter in Bukarest, Helmut Matthias, muß dafür auch noch den Spott der Cocktail-Kollegen ertragen. Ceausescu, so albern sie, habe seinen Landwirtschaftsminister angewiesen, die Züchtung von Deutschen zu forcieren - weil Deutsche sich besser exportieren ließen als Schweine oder Rindviecher.

Ob Bonn oder Bukarest, rein kaufmännisch gesehen, das bessere Geschäft gemacht hat, ist freilich noch nicht raus. Die Diaspora-Deutschen aus Transsylvanien verstehen sich als die »germanissimi Germanorum«, als die deutschesten der Deutschen. Sie sind fleißige Leute und insgesamt eine zeugungsfreudige Rasse. Kaum eine Familie hat weniger als fünf Kinder.

Das kann den Westdeutschen - wegen Renten- und Soldatenlochs - nicht gleichgültig sein. Er sei weit davon entfernt, eine nationale Herzensangelegenheit zu merkantilisieren, hat Kanzler Helmut Kohl sinngemäß erklärt. Doch unter den demographischen Umständen, in denen sich die Nation befinde, sei der Kinderreichtum der Rumäniendeutschen natürlich kein unbedeutender Faktor.

Die ungarische Bruderpartei hat Ceausescus Herostratenpolitik hart angegriffen. Imre Pozsgay, Politbüromitglied der KP, nannte die Kaputtsanierung der rumänischen Dörfer, die auch über eine Million Auslandsungarn trifft, »unfaßbar und idiotisch«. Bonn dagegen übt sich in Verbindlichkeit und zahlt.

Es wäre vielleicht auch billiger gegangen. Nur, Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat etwas zu deutlich erkennen lassen, daß er fast jeden Preis zahlen will, um das deutsche Volkstum auf dem Balkan vor der Exekution durch Ceausescus Bulldozer zu bewahren. Das hat den »Conducator« (Führer) ermutigt, seine Lösegeldforderungen zu verdoppeln.

Die humanitäre Absicht der Bundesregierung steht nicht in Zweifel - aber auch nicht die destruktive Sogwirkung der Aktion: Je mehr Siebenbürger abwandern, um so schneller stirbt die Siebenbürger Kultur.

Um so eher wird auch Michelsberg abgerissen. Die alte Frau sagt: »Vielleicht werden wir haben ein Jahr oder zwei oder drei, aber dann ... Wer bis dahin keinen Paß hat, wird müssen in die großen Häuser aus Beton, die die Regierung anrichten will.« Sie sagt: anrichten.

Die alte Frau zerknetet eine Begonie aus dem Blumenkasten vorm Fenster zwischen den Fingern und blickt auf den großen Birnbaum im Garten, an dem die dicken, gelben Butterbirnen in der Abendsonne leuchten. Sie sagt, auf der Bank unter diesem Baum habe ihr der Hermann vor fast 60 Jahren den Heiratsantrag gemacht. Dort habe sie mit ihren Kindern und ihren Enkeln gespielt. Auf der Bank hat sie auch gesessen und den Brief gelesen, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß Hermann in einem sibirischen Gefangenenlager begraben worden sei.

Nein, sagt die alte Frau, sie wolle nicht nach Westdeutschland umziehen und auch nicht nach Hermannstadt - heute Sibiu - in die Wohnblocks für die Bewohner aus den zerstörten Dörfern. »Wenn die Zeit kommt, werde ich fortgehen von hier und Herberge bekommen bei unserem Herrn Jesus.«

In den letzten zwei Wintern sind eine ganze Reihe Siebenbürger diesen Weg gegangen. Einige starben zum Teil in ihren Wohnungen an Unterkühlung.

Das war verboten. Weil nach dem amtlichen Bedarfsplan bei der erlaubten Zimmertemperatur von höchstens zwölf Grad Celsius das klimatische Existenzminimum statistisch gesichert ist, kann plantheoretisch niemand erfrieren. Wer es trotzdem tut, macht sich strafbar. In Hermannstadt ermittelte die Miliz Anfang des Jahres in mindestens einem Fall wegen »Selbstmord durch Erfrieren«.

Die Untersuchungen wurden jedoch ergebnislos eingestellt. Bei Rentnern darf aus Kostengründen nach dem Opportunitätsprinzip verfahren werden. Rentner sind nicht rentabel. Deshalb haben sie im Ceausescu-Reich auch keinen Anspruch auf einen Krankenhausplatz, wenn sie mal ernstlich krank sind.

Die alte Frau sagt, sie habe die erlaubte Höchsttemperatur ständig um zwei, drei Grad überzogen, weil ihr Sohn, der in München lebt, ihr im »Comturist«-Laden für Deutschmark ein Klafter Holz gekauft habe.

Trotzdem kam sie vor Kälte ein Vierteljahr lang nicht aus den Kleidern. Sie hat davon aber nichts nach München geschrieben. Die westdeutsche Schwiegertochter, so sagt sie, fühle sich ständig

unter Druck gesetzt. Sie sei »ein bissele kalt ums Herz, so kalt, daß man sich dran die Seele fast verkühlen möcht«. Menschliche Wärme kann man im Gegensatz zu Zimmerwärme bei Comturist nicht kaufen.

Beim letzten Besuch aus München vor zwei Jahren mußte sich die Großmutter von der Schwiegertochter ermahnen lassen, den Dialog mit den Enkeln möglichst aufs Wesentliche zu beschränken. Die junge Mutter fürchtete, das Hochdeutsch ihrer Kinder könnte Schaden nehmen am Siebenbürger Dialekt der Oma.

Die alte Frau hat 800 Lei (etwa 160 Mark) Rente, abzüglich 10 Lei freiwilligen Kirchenbeitrag und 6 Lei Sterbekasse. Durch Schlangestehen für einen rumänischen Schwarzhändler aus dem Nachbarort Cisnadioara verdient sie noch einmal 100 bis 150 Lei dazu. Das langt im Sommer zum Leben.

Im Winter ist Schlangestehen besonders beschwerlich. Um sicher zu sein, daß man was abkriegt, muß man - bei Temperaturen bis zu 20 Grad unter Null - schon vor Morgengrauen auf dem Posten sein.

In der schönen neuen Welt Nicolae Ceausescus, des »ersten Denkers dieser Erde«, wie die Parteipresse ihn nennt, soll niemand mehr frieren - jedenfalls nicht aus Mangel an Brennstoff. Das Konzept allerdings bietet reichlich Anlaß zum Frösteln. Die schreckliche Rochade mit den Dörfern hat auch gläubige Kommunisten in blanke Häresie getrieben.

Auf den frei werdenden Flächen will der Conducator Korn, Rüben und Kartoffeln anbauen lassen. Doch selbst wenn er sein Abbruchplansoll erfüllt, wird sich die gesamte Anbaufläche nur um drei Prozent vergrößern. Dabei ist Rumänien gar nicht knapp an Ackerland. Bis zum Zweiten Weltkrieg galten die Ebenen an Donau und Moldau als Kornkammer des Balkans.

Selbst unter sozialistischen Bedingungen könnten die Rumänen sich mühelos selbst ernähren. Doch weil Ceausescu sich vorgenommen hat, Rumänien als erstes Land im Ostblock schuldenfrei zu machen, geht über die Hälfte der Nahrungsmittelproduktion in den Export - die bessere Hälfte, versteht sich.

Die Läden sehen aus wie die Läden in Westdeutschland vor dem Währungsschnitt. Es gibt Supermärkte, deren Sortiment aus nichts anderem besteht als aus Salzgurken, Tomatensaft und Pflaumenmus. Sie heißen ironischerweise auch noch »Universal«. Kohl, Rüben, Äpfel und Kartoffeln werden reichlich vor den Läden angeboten - in Schweinefutter-Qualität und auch nur im Sommer.

Die Fleischabteilung im »Magazinul Central« in Hermannstadt verkauft »Bestecke« (Hühnerbeine), »Saxophone« (Trutenhälse) und »Adidas« (Schweinsfüße) - wenn sie überhaupt was zu verkaufen hat. Steaks und Poularden sind mitunter nur vor Feiertagen, sonst in den Devisenläden der Großstädte zu haben. In Michelsberg wurde das letzte Kotelett vor fünf Jahren verkauft. Einige Rumänen haben aus gegebenem Anlaß schon die Erfahrung gemacht, daß auch Ratten genießbar sind.

Natürlich hat der Gröplatz, der größte Plattmacher aller Zeiten, wie er unter deutschsprachigen Diplomaten heißt, bei der Planierung Tausender von Ortschaften nicht nur die Ökonomie im Sinn. Was die Kollektivierung der Landwirtschaft in den fünfziger Jahren an sozialen Unebenheiten übriggelassen hat, soll jetzt die große vaterländische Systematisierung ein für allemal einebnen.

Mit den Dörfern will Ceausescu die kulturellen und ethnischen Unterschiede beseitigen, die der Genesis der nationalen kommunistischen Musterfamilie im Wege stehen. Ceausescus Sozialismus der dritten Art soll endlich den vollkommen neuen Menschen gebären, den sozialen Einzeller ohne persönliche Bindungen, ohne Individualität und ohne privaten Hühnerstall.

Weil Rumänien knapp ist an Kupferrohren, werden in den meisten Wohnblocks nur die Bewohner der unteren Etagen mit Wasserleitungen verwöhnt. Das hat den Vorteil, daß es im Winter nicht so viele Rohrbrüche geben kann.

Auch Zement ist knapp in Rumänien. Mehr als die Hälfte der Betonproduktion geht für den Bau der neostalinistischen Paranopolis zum höheren Ruhme jenes »genialsten aller Genies« drauf, »in dem sich der Geist von Julius Cäsar, Alexander dem Großen, von Perikles, Cromwell, Napoleon und Abraham Lincoln vereinigt« (so die Parteizeitung »Scinteia").

Doch man behilft sich. Die Genossen Bauingenieure machen die Betonfertigteile für die agroindustriellen Zentren eben ein bißchen dünner. Die Volksgenossen sind gehalten, die Lücken an den Nahtstellen mit Lappen zu verstopfen.

Ceausescu hat dem Volk »lumina si libertate« versprochen - (elektrisches) Licht und Freiheit. Davon ist bisher

nichts übergekommen. Die Stromzuteilung beträgt pro Person 15 Kilowattstunden im Monat, ungefähr soviel, wie man brauchen würde, um den Fernseher immer dann am Laufen zu halten, wenn der Conducator spricht. Und die Freiheit, die Ceausescu meint, ist von der Art, daß private Schreibmaschinen nur gegen den Nachweis der politischen Unbedenklichkeit abgegeben werden, wie anderswo Pistolen.

Seit drüben Glasnost und Perestroika walten, flüchten immer mehr Rumänen vor dem real existierenden Surrealismus über den Grenzfluß Prut in die Sowjet-Union. Neuerdings wird an den Grenzen sogar auf illegale Grenzgänger geschossen. Menschen, die sich freiwillig und zum Teil unter Lebensgefahr ausgerechnet in die Sowjet-Union begeben, weil sie meinen, dort satter und freier leben zu können als in ihrer Heimat - deutlicher kann die Verzweiflung sich nicht artikulieren.

Im ganzen Ostblock reißt der Eiserne Vorhang auf. Nur Rumänien macht die Wende rückwärts. Warum lassen sich die Rumänen das gefallen?

»Die Rumänen haben keine Zeit zum Rebellieren, weil sie immer anstehen müssen«, sagt Lehrer Adolf Wendt _(Name von der Redaktion geändert. )

aus Hermannstadt. Sie hätten zu leiden gelernt über die Jahrhunderte, unter den Tataren, unter Dracula, dem Pfähler, unter den Türken, den Sowjets, unter Ceaucescu, dem roten Fürsten der Finsternis. »Dies Volk ist wie Maisbrei, man kann soviel Feuer drunter machen, wie man will, es brodelt und brodelt, aber es kocht nie über.«

Im November vergangenen Jahres wäre in Brasov - früher Kronstadt - der Unmut beinahe übergekocht. Arbeiter demonstrierten und schrieben auf die Einfriedungsmauer der staatlichen Lastwagenfabrik »Rote Fahne": »Holt die Russen!« Doch die Geheimpolizei »Securitate« hatte den Deckel auf dem Aufruhr, noch ehe sich andere Landesteile daran infizieren konnten.

Die Partei weist den Vorwurf zurück, die Aktion richte sich gegen die deutsche und die ungarische Minderheit. Tatsache ist: In den Dörfern der Walachei längs der Grenze nach Bulgarien, die als erste niedergewalzt wurden, lebten fast ausschließlich Rumänen oder Walachen, wie die Siebenbürger sie nennen.

Was den Unterschied ausmacht: In der Walachei sterben Dörfer, in Siebenbürgen stirbt eine 800jährige Kultur. So oder so.

Bischof Albert Klein, der 77jährige Oberhirte der Lutherischen Kirche von Siebenbürgen, hat in den letzten zwei Jahren von seinen rund 150 Pastoren fast 20 Prozent verloren. Weitere 30 Pfarrer haben die Ausreise beantragt. Er findet, daß die Zahlungsbeflissenheit der Bundesregierung den Untergang des Siebenbürger Deutschtums beschleunige.

Die Angehörigen der Elite haben sich als erste davongemacht auf die gebutterte Seite Europas. »Die Hilfsbedürftigen bleiben zurück«, sagt Klein. Weil sie in Westdeutschland als Vertriebene anerkannt werden, haben die Rumäniendeutschen Anspruch auf Entschädigung nach dem Lastenausgleichsgesetz. Das beflügelt die Auswanderungsbereitschaft.

Die Bundesregierung, so meint der Bischof, solle ihre Kopfgeld-Milliarden lieber in die Unterstützung der Siebenbürger Gemeinden investieren. Er sagt: »Wir haben die Verantwortung für ein einzigartiges kulturelles Erbe.« Nirgendwo sonst in Europa sind so viele Kirchen aus dem Mittelalter und aus der Reformationszeit erhalten.

Es gibt in Siebenbürgen inzwischen mehr Kirchen als Pfarrer. Die meisten Geistlichen betreuen in fliegendem Einsatz mehrere Gemeinden.

Gottesdienst in Stolzenburg alias Slimnic, eine knappe Autostunde nördlich von Hermannstadt: auf der reich verzierten Kanzel ein junger Pastor im Talar mit weißem Beffchen, auf den Bänken knapp hundert Gläubige in alten Trachten, oben auf der Empore ein Herr in Anthrazit: der obligate Spitzel der Securitate.

Der Pastor erzählt von den Kindern Israel, die aus Ägypten vertrieben wurden und trotzdem beisammen blieben im Herrn. Frauen seufzen. Die Kirchenältesten drehen ihre schwarzen Filzhüte in den Händen. Der Mann von Securitate schreibt alles auf. Dann singt die Gemeinde »Ein feste Burg ist unser Gott«. Die Orgelbässe dröhnen bis zum KP-Büro hinüber, vor dem sich die rote Fahne neben einem Bild des Conducators im Wind wölbt.

Nach dem Gottesdienst erörtern die Ältesten auf dem Kirchenvorplatz die Lage. Die Regierung hat wieder einen Deutschlehrer aus der Schule versetzt. Die Kinder lernen Deutsch jetzt nur noch als Fremdsprache. »Sie höhlen unsere Kultur aus, indem sie unsere Kinder zwangsromanisieren«, sagt Bauer Georg Pintas. Als wenn es da noch viel auszuhöhlen gäbe.

Die rumäniendeutsche Volksgruppe erlebt jetzt - wenngleich in weniger rabiater Form -, was die Rußland- und Polendeutschen in den vierziger Jahren erlebten: die Liquidierung ihrer ethnischen Identität.

Bis in die fünfziger und sechziger Jahre genossen die Siebenbürger sogar einen begrenzten Minderheitenschutz. Sie durften ihre Schulen behalten, sie hatten sogar ihre eigene Zeitung und ein deutschsprachiges Theater.

Seit Mitte der siebziger Jahre ist es vorbei mit dem Minderheitenschutz. »Wenn es so weitergeht, werden auch diejenigen wegziehen müssen, die sich entschlossen hatten, bis zum Schluß zu bleiben«, sagt Georg Pintas aus Stolzenburg. Und mit bitterer Ironie fügt er hinzu: »Der Letzte muß dann das Licht ausmachen.« _(Auf einer Baustelle in Bragadiru. )

[Grafiktext]

RUMÄNIEN MOLDAUGEBIET SIEBENBÜRGEN Cluj (Klausenburg) Arad Sibiu (Hermannstadt) Brasov (Kronstadt) BANAT BUKAREST SOWJET-UNION CSSR UNGARN Debrecen JUGO-SLAWIEN BULGARIEN Donau Schwarzes Meer Siedlungsgebiete der Ungarn und Deutschen Ungarisch-rumänische Grenze bis 1918 derzeitige Grenzen

[GrafiktextEnde]

Name von der Redaktion geändert.Auf einer Baustelle in Bragadiru.

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