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KAMBODSCHA Sieg abwarten

Der Krieg geht weiter. Guerillas kämpfen gegen die vietnamesischen Invasionstruppen.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Je tiefer sie eindringen«, prophezeite Kambodschas vertriebener Regierungschef Pol-Pot den vietnamesischen Aggressoren, »desto schwächer werden sie, und wir können sie immer einfacher schlagen.«

In der Tat: Nach dem vietnamesischen »Blitzkrieg« ("Newsweek« auf deutsch) gegen das Pol-Pot-Regime, nach Panzervorstößen bis an die thailändische Grenze und vietnamesischer Luftherrschaft über ganz Kambodscha muß Hanoi jetzt seine ersten Niederlagen einstecken trotz eigener militärischer Überlegenheit und Unterstützung durch die Sowjet-Union.

Zwar gelang es der vietnamesischen Militärführung, eine Hanoi genehme Regierung unter Ileng Samrin in Pnom Penh zu installieren, aber geflohene Khmer-Soldaten berichten über zunehmende Kämpfe zwischen den Okkupanten und Resten der Pol-Pot-Armee, sogar Städte sollen von Khmer-Truppen zurückerobert worden sein.

Der Blitzfeldzug der Vietnamesen war ein Pyrrhus-Sieg. Dem schnellen Panzervormarsch Hanois folgt jetzt die kräftezehrende Auseinandersetzung mit einem Gegner, der auf den Dschungelkrieg bestens vorbereitet ist.

So hat Pol-Pot schon vor Monaten in der Westprovinz Battambang und in den Elefanten-Bergen südlich von PnomPenh Guerilla-Stützpunkte eingerichtet, von denen aus er jetzt die Nachschublinien der Vietnamesen angreifen läßt, getreu Maos Lehre vom revolutionären Volkskrieg:

Wenn eine schwächere Streitmacht sich einer stärkeren gegenüber sieht, deren Offensive sie nicht schnell zerschlagen kann, plant sie einen strategischen Rückzug, um ihre Kräfte zu erhalten und den Zeitpunkt zum Sieg über den Feind abzuwarten.

Das ist exakt dieselbe Theorie, nach der die Truppen des vietnamesischen Verteidigungsministers Nguyen Giap einst ihren erfolgreichen Dschungelkrieg gegen die Amerikaner führten. Diesmal allerdings kopierte Giap eher die Taktik der früheren Kriegsgegner als die Lehren Maos.

Wie nach der amerikanischen Felddienst-Vorschrift geplant, rollte die vietnamesische Offensive ab: »Sie besaßen unser Material«, so ein US-Militärbeobachter in Bangkok, »und sie kämpfen unsere Art des Krieges.«

Zuerst beschossen die Vietnamesen die kambodschanischen Stellungen mit schwerer Artillerie, dann bombardierten Hanois Piloten mit erbeuteten US-Erdkampf-Flugzeugen vom Typ A-37 die Stellungen der Khmer-Streitkräfte an den Straßen in Richtung PnomPenh und zerschlugen ihre Nachschublinien.

Waren die Straßen freigeschossen, rückten die vietnamesischen Panzerspitzen mit ihren sowjetischen Panzern vom Typ T-54 und T-59 weiter vor, gefolgt von Infanterie auf amerikanischen Schützenpanzerwagen M-113.

Ähnlich wie bei der amerikanischen Luftkavallerie setzte die vietnamesische Militärführung auch die von den USA in Südvietnam zurückgelassenen Transporthubschrauber ein: Im Rücken der Kambodschaner abgesetzte Truppen eroberten die wichtigsten Brücken, so daß die Roten Khmer nicht einmal Zeit fanden, sie rechtzeitig zu sprengen. Selbst US-Gasgranaten und Streubomben, die den Vietnamesen als Kriegsbeute 1975 in die Hände gefallen waren, setzte Hanois Militärführung ein.

Bei ihrer Offensive -- so die Auffassung ausländischer Militärbeobachter im benachbarten Thailand -- haben die Vietnamesen auch dieselben Fehler begangen wie Amerikas Generäle im Vietnamkrieg: Sie gingen nur entlang der Vormarschstraßen vor, der Überlegenheit ihrer Waffen vertrauend.

Die aber findet in den undurchdringlichen Dschungeln Kambodschas schnell ihre Grenzen. »Sie kontrollieren überall nur so viel Platz, daß ein Panzer durchfahren kann«, spottete ein Guerilla-Spezialist in Bangkok.

Obendrein wird die Situation für die vietnamesischen Truppen mit jedem Tag schwieriger: Mißernten und der Wiederaufbau Südvietnams haben die Wirtschaftskraft des Landes derart geschwächt, daß sich Hanoi einen langandauernden Dschungelkrieg in Kambodscha kaum leisten kann.

Die bisher dort stationierten 100 000 Soldaten Hanois reichen für eine derartige Kriegführung auch nicht aus. »Dieser Krieg«, so ein westlicher Diplomat in Bangkok, »muß deshalb schnell zu Ende gebracht werden.«

Das wird er wohl nicht: Letzte Woche kündigte die »Stimme des Demokratischen Kamputschea«, ein in China stationierter Radiosender, die ersten Waffenlieferungen der Chinesen für ihre Schützlinge an.

»Der Volkskrieg unserer revolutionären Truppen«, so konnten die vietnamesischen Besatzer vernehmen, »wird in jeder Ecke Kamputscheas weitergeführt.«

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