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BIER Sieg der Flasche

aus DER SPIEGEL 43/1964

Es wird bei uns Deutschen mit wenig so viel Zeit totgeschlagen wie mit Biertrinken.

Bismarck

Im olympischen Jahr brach die Bundesrepublik den Weltrekord im Maß-Halten: Mehr als 120 Liter Bier vertilgt der Statistikdeutsche 1964, Säuglinge und Abstinente mitgezählt. Der Durst steigt schneller als Löhne und Gehälter, seit 1950 übertraf die Zunahme des Bierkonsums den Anstieg der Realeinkommen um ein Drittel.

Die Bayern erreichen heuer sogar den Traum-Pegel von 200 Liter pro Kopf. Ihre Kapazität bezeugte noch unlängst das Münchner Oktoberfest, die größte Bierschwemme auf Erden. Trotz kühlen Wetters, aus Angst vor Durst, wurden drei Millionen (Liter-) Maß geleert - dreimal soviel wie 1938. Alte Volksweisheit: »Ein Bayer ohne Bier ist ein gefährlich Tier.«

In typischen Weinländern wie Rheinland-Pfalz und Baden wird pro Kopf und Jahr mehr Bier (etwa

100 Liter) konsumiert als in Nordrhein -Westfalen und Hamburg.

Schleswig-Holstein hingegen straft die Tacitus nachempfundene Sentenz »Frisia non cantat, sed bibit« (Friesland verschmäht den Gesang, nicht aber den Trunk) statistisch Lügen: Mit einem Pro-Kopf-Jahresverbrauch von nur 25 Liter Bier erweist sich die meerumschlungene Nordmark als Deutschlands ärmster Bierzipfel.

Trotz des im Norden geringeren Bierdursts wurden die auf

Dünnbier geeichten Belgier, die mit 115 Liter pro Kopf bislang den Bundesbürgern Paroli geboten hatten (siehe Graphik Seite 56), ebenso überholt wie die Holländer, die noch vor Jahresfrist in der Ausfuhr den ersten Platz innehatten. Die Bundesrepublik produziert 77,6 Prozent und Bayern allein 54,6 Prozent des gesamten Bierausstoßes der EWG.

»Unsere Klagen sind deswegen sehr, sehr leise«, bekennt Hans Sixtus, Vorstandsvorsitzer der Berliner Schultheiss-Brauerei AG und Präsident des Deutschen Brauer-Bundes.

»Wenn Bier ein Auto wäre?« befragte der Deutsche Brauer-Bund das Volk In der Bierstudie 60« und erfuhr: »Bier ist weder ein Mercedes noch ein Lloyd, sondern ein VW.« Bier ist die Mittelklasse für jedermann, die selbst Generaldirektoren (als Zweitwagen) nicht verachten.

84 Prozent der Männer und 62 Prozent der Frauen goutieren laut »Bierstudie 60« den Gerstensaft. Von den Enthaltsamen sind 22 Prozent krank und nur sechs Prozent Alkoholfeinde. Bier »trocken«, ohne Schnaps, gilt den Deutschen nicht als Rauschgetränk*.

»Bier ist ein Neutrum«, ohne Snob -Appeal, ermittelten die Bierstudiker. Mercedes-Prestigewert messen ihm lediglich Halbwüchsige zu. Es ist nicht an besondere Anlässe oder bestimmte Darbietungsbereiche gebunden, wie etwa Sekt: »Bier schmeckt immer.«

Der eigens bemühte austroamerikanische Seelen-Gründling Dr. Ernest Dichter resümierte: »Bier ist legitim. Auf Bier kann man stolz sein, für Bier braucht man sich nicht zu entschuldigen.« Die in diesem Sinne mit jährlich über 65 Millionen Mark gepflegte Gemeinschaftswerbung machte den Durst erst schön.

Dem seit 1950 von 18 auf inzwischen 72 Millionen Hektoliter gestiegenen Jahresausstoß entspricht die Bewertung der 67 an den Börsen notierten Brauerei -Aktien. Ihre Kurse kletterten bis auf 1290 (Hackerbräu München) - mehr als doppelt so hoch wie VW oder AEG.

Mit Standard-Dividenden von 16 und 18 Prozent halten die großen Brauhäuser mit den Wertmarken der deutschen Großchemie, der Banken, von Conti -Gummi, Karstadt und Kaufhof Schritt. Aber auch kleinere Brauereien, wie etwa die Feldschlößchen AG in Braunschweig mit 25 Prozent Dividende, dokumentieren, daß Hopfen und Malz nicht verloren sind.

Ganz vorn am Zapfhahn der Nation steht der vielseitige Rudolf August Oetker ("Dir und mir Binding-Bier"). Der Konzernherr, der über seine Frankfurter Bank für Brau-Industrie an zwölf deutschen Bierfabriken, darunter Binding AG in Frankfurt, Berliner Kindl AG und Herkules AG in Kassel, wesentlich beteiligt ist, thront gleichrangig neben dem alles überragenden Dortmunder Union-Konzern.

Indes verhehlt Schultheiss- und Brauerbundchef Sixtus nicht, daß sich unter der Bierblume mancher Kummer verbirgt: »Längst bewegen sich viele Brauereien im Bereich der roten Zahlen.«

Mit 2125 gewerblichen Braustätten, davon 1494 in Bayern, und 24 000 sogenannten Hausbrauern, die sämtlich Bayern sind, ist die Branche erheblich übersetzt. Die »Gaststätten-Inflation« (Sixtus), das Fernsehen und der damit zusammenhängende Trend vom Faß zum Flaschenbier haben die Zunft mit einem Novum konfrontiert: dem Wettbewerb. Neuerdings lehren belgische Niedrigpreis-Importe die deutschen Brauer das Fürchten vor der EWG -Zukunft.

Bei der anhaltenden Mengenkonjunktur der letzten Jahre fiel selbst für zahllose Kleinstbrauer eine Art Gnadenbier ab. Nur 166 Braustätten schieden seit 1956 aus dem Markt aus. Es bedurfte schon »massiver Fehlleistungen«, bis es zur »Notschlachtung« kam, gab der Bundesverband Deutscher Mittelstandsbrauereien selbstkritisch zu.

Auch Kümmerbetriebe fanden ihr Auskommen. Das althergebrachte Vertriebssystem hielt ihnen die Konkurrenz weitgehend vom Hals. Den Absatz garantierten die »Bierlieferungsverträge« mit Gastwirten, die moderne Form des früheren »Bierzwangs« innerhalb der »Biermeile« um jede Sudpfanne.

Gegen Hergabe von Darlehen, die mit etwa 3,5 Prozent oder drei Mark je Hektoliter bequem zu tilgen waren, verpflichteten die Brauer die Kneipiers, etwa 20 Jahre lang kein anderes als das Bier des Geldgebers zu verzapfen. Auch das abzunehmende Mindestquantum wurde in solchen Verträgen vereinbart.

Durch Eintragung der »Grunddienstbarkeit« ins Grundbuch sicherten die Brauer den Kredit und das Privileg, auf dem Anwesen des Wirts ausschließlich ihr Gebräu zu vertreiben. So überdauerten die Lieferverträge auch die Totalzerstörung der Lokale und lebten beim Aufbau nach dem Krieg weiter.

Verkaufte oder verpachtete der Gastronom den Ausschank, hatte er dafür zu sorgen, daß der Nachfolger den Vertrag erfüllte. Bei Geschäftsaufgabe mußte er der Brauerei den entgangenen Gewinn erstatten.

Der Abnahmezwang, so befand das Landgericht Köln, bleibe »auch bei vorzeitiger Rückzahlung der Darlehnsbeträge für den weiteren Zeitraum fortbestehen ... Der Abnehmer muß ... Nachteile in Kauf nehmen«.

Das Landgericht Wuppertal sprach 1963 einer Brauerei, die gegen einen Wirt klagte, einen Schadensersatzanspruch von 15 Mark je Hektoliter zu. Dieser Betrag sei »als Mindestsatz dessen anzusehen, was (von den Brauereien) an einem Hektoliter Bier verdient wird«. Die Wirte gehörten zum lebenden Inventar der Brauereien.

Trotz dieser Bierübung wächst die Kneipenzahl unablässig an, seit das Bundesverwaltungsgericht 1953 die gesetzliche Bedürfnisprüfung für die Errichtung neuer Lokale aufhob. Auch ein Befähigungsnachweis ist nicht erforderlich (Volksmund: Wer nichts wird, wird Wirt"). Heute fließt der Gerstensaft in 190 000 Schankstätten, und mit jedem Jahr steigt die Zahl der Bierlokale um 4000*.

»Das ist eine Zuwachsrate, wie sie kein anderes vergleichbares Gewerbe aufzuweisen hat«, schimpfte Dr. Kurt Mauritz, Aufsichtsratsvorsitzender der Dortmunder Actien-Brauerei (DAB): Es ist unglaublich, was jeden Tag bei uns auf den Tisch flattert von Leuten, die ihre Läden oder sonst etwas in Bierwirtschaften umbauen wollen.«

Freilich hatten es die vielen Schankaspiranten zumeist gar nicht nötig, als Schnorrer aufzutreten. Die Brauer selbst sparten nicht mit ihrer »finanziellen Anteilnahme«, wie der frühere Brauer-Präsident Hans Pfülf (Pschorr Bräu AG München) den Vorgang nobel umschrieb.

Die Brauherren hetzten hinter den Neugastronomen her und rasteten nicht, bis sie wieder gut 80 Prozent der Wirte

mit dem goldenen Vertragsnetz eingefangen hatten. Sie drängten ihnen Darlehen von 50 000 und mehr Mark auf und hofierten sie mit Rabatten, Rückvergütungen, Gratis-Eis, Küchenzuschuß und Edelholz-Inventar.

Schließlich mußte der Brauer-Bund mahnen, ein Minimum an Würde zu wahren: »Angebote in der Öffentlichkeit zur Anpachtung von Gaststätten als Spezialausschänke und zu Darlehnsgewährungen sind unangebracht.«

Wer mit Wirtskrediten knauserte, riskierte Verluste. Das merkte sogar die Dortmunder Union-Brauerei (DUB). Die Branchenführerin wünschte »dem

maßlosen Kapitalwettbewerb irgendwie Einhalt« zu gebieten.

Ihr Aufsichtsratsvorsitzer, Dr. Felix Eckhardt, mußte »die Erfahrung machen, daß der Kunde (dessen Forderung die DUB zurückwies) von anderen Brauereien das Geld bekommen hat. Uns sind dadurch Absatzstätten verlorengegangen ... Das Biergeschäft ist nun einmal heute nicht mehr von dem Darlehensgeschäft zu trennen«.

Im Durchschnitt wandten die mittleren Aktienbrauereien 17,3 Prozent ihrer Bilanzsumme für Wirte-Darlehen auf, eruierte der Brauer-Bund und nörgelte, die »Gaststätten-Inflation« und die »allzu vielen Wirtschaften« seien ein »öffentlicher Mißstand«. Man finde bei Neubauten »kaum ein größeres Objekt ohne Gasträume im Erdgeschoß, auch Umbauten scheinen ohne ein solches 'Fundament' nicht auszukommen«.

Während dieser Kampfzeit formierte sich die Hierarchie der bundesdeutschen Bierfürsten. Von den einheimischen Biermarken hielten 1963 die Spitze (in Millionen Hektoliter):

- Dortmunder Union 2,23

- Dortmunder Actien 1,38

- Schultheiss Berlin 1,28

- Binding Frankfurt 1,25

- Henninger Frankfurt 1,10

- Dortmunder Ritter 1,01

- Holsten Hamburg 1,00.

Die Hamburger Bavaria- und St. Pauli -Brauerei, der Münchner Löwenbräu und

Kronenburg (Dortmund) erreichten die Schwelle des Millionenklubs.

Obwohl Oetkers Binding unter den Hektoliter-Millionären nur den vierten Platz einnimmt, erkaufte sich der Gemischtwaren-Konzern des Bielefelders dank seiner vielen Beteiligungen einen Jahresausstoß von insgesamt 2,8 Millionen Hektoliter (4,7 Prozent Marktanteil) und rangiert damit noch vor dem Dortmunder Union-Konzern der Familie Brügmann (4,5 Prozent Marktanteil). Es folgen die Hamburger Holsten-Familie Eisenbeiss, die auch an Bavaria - und St. Pauli beteiligt ist, die Schultheiss AG Berlin und der Frankfurter Bruno H. Schubert ("Prost Henninger").

Harald von Schenks Firma Beck & Co KG in Bremen, Deutschlands größte Exportbrauerei, nebst Töchtern Haake -Beck AG und Union Bremen, hält 2,1 Prozent, ebensoviel wie die Dortmunder Actien-Gruppe der Familien Mauritz und Stade. Zum deutschen Bieradel zählen schließlich noch die Familiengruppe Funke in Essen und die mit dem Adenauerelan verschwägerte Sippe Werhahn mit der Wicküler -Küpper-Brauerei. Wuppertal und ihrer Beteiligung an Löwenbräu München.

Im hehren Klub der Biermillionäre spielen die Bayern, obwohl sie insgesamt mehr Bier produzieren als jedes andere Bundesland, nur eine Vetternrolle. Der Ausstoß der Paulaner-Salvator-Thomasbräu AG liegt unter einer Million Hektoliter. Auch bei den Konzernen vermochte kein bayrischer Braulöwe ins Spitzenfeld einzubrechen.

Bayern ist wegen seiner vielen Zwerg - und Hausbrauer ein Sonderfall. 25 582 Biersteuerpflichtige sind registriert. In ihrer Masse erzeugen sie jährlich rund 20 Millionen Hektoliter Bier, nicht einmal ein Drittel der deutschen Produktion.

Die unrationelle Betriebsgröße ist ein Erbe der Vergangenheit. Das deutsche Brauwesen entwickelte sich in Jahrhunderten von der Haus- und Klosterbrauerei zum Hof- und Bürgerbräu. Erst im 19. Jahrhundert fielen die letzten zünftlerischen Fesseln.

Die Brauer arbeiteten mit billigen Lehrjungen. Eine Unmenge arbeitsloser Gesellen bevölkerte die Landstraßen. Sie konnten nur durch Einheirat in bestehende Betriebe selbst Meister werden. Viele der Tippelbrüder kamen aus der Straubinger Gegend. Den Erb- und Heiratsschleichern galt das Spottlied: »Gott grüß Dir, Bruder Straubinger.«

»Bayrisch Bier« war bis ins hohe Mittelalter ein abenteuerliches Gebräu. Mit Recht siedelt der Volksglaube die »Bierpantscher-Walhalla« in der Ruine Stockenfels bei Regensburg an. Die armen Seelen aller betrügerischen Brauer, Wirte und Kellner heulen und jammern dort nächtens, weil sie das miserable Zeug, das sie zu Lebzeiten brauten und verzapften, nun in Ewigkeit selbst trinken müssen.

Eine altbayrische Grabinschrift gemahnt:

Da liegt er nun, der Bierverhunzer,

Bet, oh Christ, fünf Vaterunser.

Bereits Tacitus hatte in seiner »Germania« von einer sehr »zweifelhaften Ähnlichkeit« des Gerstensaftes mit dem Wein berichtet und der dichtende Kaiser Julian schrieb, der »Gerstenwein stinkt nach dem Ziegenbocke«.

Das Bier in Bayern war ein »elendes Zeug«, wie noch Zeitgenossen aus dem

17. Jahrhundert bezeugen. Der »liederliche Trank, der in dem menschlichen Leibe nicht besser hauset als ein Regiment Husaren«, wie der berühmte Kanzelprediger Abraham a Santa Clara in Augsburg schalt, war unter anderem aus Hafer, Hirse, Erbsen, Bohnen oder Linsen gebraut.

Über den damaligen Stand des Gewerbes im Süden vermeidet ein Protokoll der bayrischen Landstände von 1542: »Alle sind reich und Herren, weil sie kein gutes und gerechtes Bier sieden.«

Bierzutaten waren nach dem »Betrugslexikon« des Coburger Dr. jur. Georg Paul Hönn (1760): »Kienruß, Katzenhirn, Baldrian, Wermuth, Ochsengall«, ferner Buchenasche, Eiweiß, Honig, Muskat, Zimt, Kardamom, Lorbeer, Hausenblasen und Wein.

Einzig die Mönche brauten sich ein anständiges Bier, aus gutem Grund: »Was flüssig ist, bricht keine Fasten.«

Im übrigen tranken die Bayern ihren Wein. Biersieder wurden in allerhöchsten Ordern noch verächtlich als »brauende Individuen« bezeichnet, als die Hamburger schon Bier nach Holland und Rußland exportierten, als die »Mumme«, damals »König der Biere«, aus Braunschweig nach England ging, die Goslarer »Gose«, die Zerbster Würze, die Zittauer Tunke und das Schweidnitzer Bier berühmt waren. Die Verfertiger des Danziger Jopen-Bieres, das bis nach Skandinavien und ins Baltikum ausgeführt wurde, saßen gleichwertig neben den Handelspatriziern und Reedern im Rat. 1572 erfand Cordian Broyhan aus Hannover, der in Hamburg gelernt hatte, das Weißbier, aus dem die »Berliner Weiße« entstand.

Erst als der Dreißigjährige Krieg die Weinberge verwüstete, blühte die bayrische Bierkultur auf. Noch der Bayern -Herzog Albrecht V. bezog sein Hofbier aus dem hannöverschen Einbeck, und von dort kam auch der Hofbräumeister Heimeran Pongraz. Er braute 1616 in München das erste »ainpöckische« Bier, sein »Einpock« wurde zum Stammvater der »Böcke«.

Der Anspruch Münchens, »Hauptstadt des Bieres« zu sein, ist indes kulturgeschichtlich begründet; sogar in doppelter Hinsicht: 1420 wurde hier das »untergärige Winterbier«, die »kalte Gärung«, erfunden. Bis dahin gab es nur das nach dem damaligen Stand der Technik wenig haltbare obergärige »Sommerbier«.

Der Unterschied besteht in der Art der verwendeten Heferassen. Obergärung findet bei einer Temperatur zwischen 15 und 20 Grad Celsius statt, die Hefe steigt während des Gärvorgangs an die Oberfläche. Hingegen verwandelt die sogenannte untergärige Hefe, die sich am Boden absetzt, den Zucker bereits bei Temperaturen zwischen sechs und neun Grad Celsius in Alkohol und Kohlensäure.

Zu den untergärigen Bieren zählen

- die Vollbiere Pils, Export, Hell, Dunkel, Lager, Märzen sowie

- die Starkbiere Bock, auf -ator

endende und sogenannte Heiligenbiere sowie Doppelbock;

zu den obergärigen Sorten

- Süß- und Nährbier (Einfachbier),

- Braunbier, Berliner Weiße (Schankbier),

- Weiß-, Weizenbier, Alt, Düssel, Kölsch (Vollbier) und

- Porter (Starkbier).

Aber nicht allein das untergärige Bier ist den Bayern zu danken. Schon 1487 dekretierte Herzog Albrecht IV., 1493 Georg der Reiche, sodann 1509 der Rat von Augsburg und schließlich 1516 Herzog Wilhelm IV., daß außer Hefe »zu keinem Bier etwas anderes als Gerste, Hopfen und Wasser genommen und gebraucht werden soll«.

Dieses »Reinheitsgebot« ist heute im Paragraph 9 des Biersteuergesetzes verankert. Ausnahme: Nördlich des Mains darf für obergäriges Bier auch Zucker verwendet werden.

Auswandernde Brauer trugen die Wissenschaft von Hopfen und Malz in alle Welt.

Die aus Hessen stammende Familie Anheuser-Busch hat heute in den USA mit elf Millionen Hektoliter zehn Prozent Marktanteil, von dem in der Bundesrepublik nicht einmal Oetker und Union zu träumen wagen. Der zweitgrößte Amerikaner, Joseph Schlitz ("If you like beer, you'll love Schlitz") in Milwaukee, der »Welthauptstadt des

Bieres«, produziert acht Millionen Hektoliter, fast viermal soviel wie die größte deutsche Brauerei.

Unter den top-twenties in den USA, von denen jeder größer ist als die führenden deutschen Brauer, finden sich Namen wie Theo Hamm, Pabst, Schäfer, Liebmann, Miller, Schmitt und Stroh. Den argentinischen Markt teilen sich Bemberg, ein Sproß der deutschen Seidenspinnerfamilie, und der Bieckert -Konzern, in den inzwischen der Frankfurter Bruno H. Schubert (Henninger) einstieg. Bei Brahma und Paulista in Brasilien heißen die Braumeister Hirschmann und Winterberg.

Bayern verbreitete die Braukunst über alle Kontinente, bayrische Biere genießen Weltruf, aber Bayerns Brauwesen blieb unterentwickelt. Die 156 Münchner Brauer produzierten im letzten Jahr 4,1 Millionen Hektoliter Bier, die elf Dortmunder hingegen 7,1 Millionen Hektoliter.

Indes ging es den Kleinbrauern nicht schlecht. Sie waren bodenständig, das sogenannte »Rund-um-den-Schornstein -Geschäft« bot ihnen ausreichende Existenz. Sie schreckten erst aus ihrer Bierruhe, als Ende der fünfziger Jahre das Faßbier immer spärlicher aus den Zapfhähnen rann.

Obwohl es mehr als genug Wirtshäuser gab, verlagerte sich der Bierkonsum vom Stammtisch ins Eigenheim und in die Etage. Das Fernsehen und die rigorosen Promille-Urteile der Verkehrsrichter dämmten den Kneipendurst.

Der Siegeszug des Flaschenbiers, dessen Marktanteil heute bei 75 Prozent liegt, stürzte die Branche in eine »schwere und harte Strukturkrisis« und in einen Konkurrenzwirbel, der »nicht nur höchst verworren, sondern mitunter geradezu katastrophal« war, referiert Pschorr-Direktor Hans Pfülf.

500 Millionen Flaschen, die alljährlich 20mal gefüllt werden, krempelten die traditionellen Wege und Methoden des Vertriebs gründlich um. Sie klirren über die Theken der Lebensmittelhändler, und Heimdienstler wie Wolfgang Lehnig oder Kurt Vorlop schleppen sie den Hausfrauen vor die Wohnungstür. Discounter, Kioske und Feierabendkrämer in ihren Stubenläden melden wachsenden Bedarf.

Die Wirte waren am Umsatz des Flaschenbiers bereits 1959 nur noch mit 26,7 Prozent beteiligt. Sie zapften lieber Tröpfelbier, das sie zu Preisen zwischen 72 und 80 Mark je Hektoliter von der Brauerei im Faß bekamen und für etwa 180 Mark glasweise ausschenken konnten - den Liter zu 1,80 Mark. Im Laden hingegen kostet die Halbliter -Flasche nur zwischen 50 und 70 Pfennig.

Der »Kampf um den Flaschenbiermarkt« nahm eine »revolutionäre Entwicklung« und begann »das Schicksal einer ganzen Branche zu bestimmen«, doziert der Dortmunder Union-Aufsichtsratsvorsitzer Dr. Felix Eckhardt.

Ein neuer Typ des Grossisten verschaffte der Flasche rasch die »beherrschende Stellung« an der Bierfront, analysiert der Union-Dirigent die Lage. Diese Händler »verlegen« nicht mehr allein das Bier einer einzigen Brauerei, der sie verpflichtet sind, sondern offerieren ein breites Sortiment vieler Marken.

Ihre Umsätze sind so attraktiv, daß sich die Brauer die Gunst dieser Großabnehmer nicht verscherzen können. Der Bierverleger-Boß Matthias Harzheim in Köln beispielsweise bringt jährlich an die 200 000 Hektoliter unters Volk, ebensoviel die Nürnberger Ledererbräu des Versandhändlers Schickedanz ("Quelle").

Dr. Eckhardt: »Der Verleger mit mehreren Bieren wird das Entgegenkommen einer Lieferbrauerei immer ausnutzen, um auch die Preise der anderen Lieferbrauereien zu drücken.« Nach dem gleichen Schema verfahren die hartgesottenen Manager der Einzelhandels-Organisationen, die verlockende Mengen ordern.

Die Brauer wehklagen über die »Nachfrägemacht« der unabhängigen Händler, die anders als die an der Kreditkette liegenden Kneipenwirte selbstbewußt mit den Biermagnaten feilschen. Das Maß der Demütigung machte die Edeka voll: Die in einer Vielzahl von Brauereien zusammengekauften Biere brachte sie, als sei sie selbst Hersteller, als »Schloß-Export, das beliebte Spezialbier« heraus.

Jammerte der Brauer-Bund: »Die Brauereien müssen aufpassen, daß sie nicht schließlich zum Lohnhersteller großer Vertriebs- und Preisorganisationen werden.«

Weil die Umstellung auf Flaschenbier enorme Kosten verursachte, die nicht über höhere Preise hereinzuholen waren, gab es genug Brauer, die den Ausgleich durch forcierten Umsatz zu erzwingen trachteten. Sie eröffneten die »Hektoliter-Jagd«, indem sie sich dem mächtigen Handel mit wohlfeilen Bieren empfahlen.

Kleinbrauer mit örtlich oder regional begrenztem Absatzbereich mauserten sich zu »Versandbrauern«. Sie fuhren über Land und dienten ihr Bier im »Hausiergeschäft« den Verbrauchern direkt an. Mit Rabattmarken oder Lieferung des elften Kastens als Freibier oder Verzicht auf Leergutpfand suchen sie sich bei den Biertrinkern lieb Kind zu machen.

Von weit her karrten Brauer ihr Bier sogar nach München und Dortmund und schlugen die Flaschen noch unter den Faßbierpreisen los, die sie von den Wirten in der Provinz forderten. Den Schankpreis in ihren Stammlokalen setzten diese Brauer so an, daß sie davon zur Not leben konnten. Was sie mehr erzeugten, füllten sie als zusätzliche »Spitzenhektoliter« in Flaschen und verhökerten sie zu Herstellungskosten.

Bei dieser eigentümlichen »Spitzenhektoliterkalkulation«, spottet Dr. Uwe Paulsen, einer der Geschäftsführer des Brauer-Bundes, sei »das Wort 'Kalkulation' freilich oftmals wegen des Fehlens jeglicher Kostenrechnung fehl am. Platze«.

Auch Handelsketten und Heimdienste erwarben gern solche Spitzenhektoliter. Sie durften damit allerdings der Lieferbrauerei in ihrem Bereich keine Konkurrenz machen. So verkauften sie beispielsweise im Karussellverkehr Frankfurter Bier in -Düsseldorf und Düsseldorfer Bier in Frankfurt.

Auf diese Weise führten die »vagabundierenden Flaschenbierpreise mit ihrer Tendenz zum billigsten Bier« zu einem völligen »Durcheinander« und »Chaos«, resümiert Dr. Felix Eckhardt: »Jede Hektoliter-Jagd mit schlechten Preisen bleibt ein schlechtes Geschäft, weil die so gewonnenen Hektoliter keinen Ertrag bringen.« Eine Preiserhöhung wäre »sicherlich längst fällig«.

An Rhein und Ruhr, im Saarland und in anderen Grenzbezirken müssen sich die Brauereien neuerdings auch noch mit exportlüsternen EWG-Nachbarn herumschlagen. Elsässische Brauer offerierten den Liter Flaschenbier an der Saar frei Haus für 56 Pfennig und beglückten Wirte mit Faßbier zum Hektoliterpreis von 46 Mark.

Holländer kamen mit Halbliterflaschen zu 40 Pfennig ins Ruhrrevier. Als besonders dynamisch erwiesen sich die Belgier, die ihr Bier unter deutschen

Bezeichnungen wie »Edelquelle«, »Perle«, »Urtyp«, »Adler-Original-Abfüllung«, »Spitzenbräu«, »Stern«, »Obertyp«, »Mai-Bock«, »Roß-Bräu« und »Rhein-Bräu« feilhalten. Das beliebte »Dort« (Dortmunder) fehlt nicht.

Die billigsten belgischen Halbliter -Flaschen kosten einschließlich Zoll und frei Haus nur 33,5 Pfennig. Als sogar in, Kaufhäusern drei Halbliterflaschen mit Straßburger und belgischem Importbier für eine Mark verramscht wurden, ließen die schockierten westdeutschen Brauer die Säfte analysieren. Die Befunde waren alarmierend.

Beispielsweise stand im Untersuchungsbericht über »Fischer-Bräu, Brasserie du Pêcheur, Strasbourg, Export-Qualität, Brauereiabfüllung": »Bodensatz (Eiweiß), Konservierungsmittel in hochwirksamer Menge.«

Eine weitere Analyse ergab: Bierfremder Geruch, bierfremde Geschmacksnuance, Hopfen überdeckt durch das bierfremde Aroma, sehr sauer, das heißt Infektion durch Milchsäurebakterien, starker Bodensatz (Hefe), starke Ausflockung (Eiweiß).

Damit war zwar die gegen Lebensmittel- und Biersteuergesetz verstoßende Beschaffenheit der Importe aufgeklärt, aber nicht der Verbraucher. Union-Aufsichtsrat Felix Eckhardt:

»Die (im Laden einkaufende) Hausfrau fragt weniger als der Stammtischgast früherer Jahrzehnte nach der Marke, sondern nach dem Preis. In der guten alten Zeit wurde schärfste Kritik geübt, wenn ein Bier nicht einwandfrei und gepflegt vom Gastwirt zum Ausschank kam. Aber im Dunkeln, vor dem

Fernsehschirm, sind eben alle Katzen

grau, und in der Erregung des Krimi- oder Fußball-Filmes laufen die guten Stammtischsitten Gefahr, verlorenzugehen.«

Den deutschen Brauern war rasch klar, wie die extrem niedrigen Preise zustande kamen: In den EWG-Ländern gilt nicht das deutsche Reinheitsgebot, das die ausschließliche Verwendung von Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser vorschreibt.

Bei den EWG-Partnern sind nicht allein Zuckerzusätze erlaubt. Statt der Gerste, die angekeimt und dann zu Malz geröstet wird, dürfen Belgier, Holländer und Franzosen auch Mais und Reis verwenden. Das ist billiger als Braugerste, die besonders eiweißarm und hoch keimfähig sein muß. Überdies können sie den Aufwand für das Mälzen verringern, indem sie ungeröstete Rohfrucht mit in die Sudpfanne schütten, Eiweißstabilisierungs- und Konservierungsmittel zusetzen und das Gebräu mit sogenannten Schaumbildnern krönen.

Hauptursache der Misere allerdings ist der westdeutsche Getreidepreis. Mit 422 bis 442 Mark je Tonne liegt der Erzeugerpreis für Braugerste in der Bundesrepublik seit Jahren um 100 bis 250 Mark über dem Weltmarktniveau und ist - da Bonn sich der Brüsseler Getreidemarktordnung« widersetzt, - mehr als doppelt so hoch wie der belgische.

Außerdem fördern die EWG-Partner den Bierexport mit Subventionen. Die belgischen Brauer gewinnen dadurch je Hektoliter einen Preisvorsprung von 6,50 Mark. Und schließlich liegen die deutschen Löhne bis zu einem Drittel über denen der Gemeinschaftsländer.

Brauer-Präses Hans Sixtus findet es »verständlich, daß die ausländischen Brauereien diesen Wettbewerbsvorsprung ausnutzen«. Er erwartet aber, daß die Bundesregierung »aus ihrer Agrarpolitik die Konsequenzen zieht« und nun auch die Brauer schützt. Seinen Antrag, die Importe mit einer Ausgleichsabgabe zu belasten, lehnte Bonn indes im Hinblick auf die gesunden Dividenden ab.

Das Gefälle der Rohstoffkosten wäre »wenigstens zum Teil ausgeglichen«, philosophiert der Deutsche Brauer -Bund, wenn die EWG-Kollegen ihr Bier nach dem Reinheitsgebot herstellten. Dafür bestehe aber »vorderhand keine Chance«. Bereits heute würden sogar »namhafte deutsche Brauereien auf das Reinheitsgebot gern verzichten«.

* Prozentzahlen bei Bier geben den Stammwürze-(Malzextrakt-)Gehalt der vier Biergattungen an: Einfachbier zwei bis 5,5 Prozent, Schankbier sieben bis acht Prozent, Vollbier elf bis 14 Prozent, Starkbier über 16 Prozent. Der Alkoholgehalt beträgt etwa ein Viertel bis ein Drittel der Stammwürze. Zwölfprozentiges Vollbier enthält mithin drei bis vier Prozent Alkohol.

* In einem Initiativentwurf beantragten kürzlich Christ- und Freidemokraten im Bundestag, die Eignungsprüfung für Wirte gesetzlich vorzuschreiben.

Münchner Oktoberfest: Zur Olympiade ein Bierrekord

Großbrauer Eckhardt, Oetker, Sixtus: Durst wird durch Dividenden schön

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